von Paul Stegemann
Header: ©Anne Meerpohl | Beitragsbild: ©Nora Boiko

Der 100. sai-Artikel wagt einen Rüblick und erinnert sich an das vergangene Jahr.

Während sich der Himmel draußen dunkelblau bis grau färbt, das Büro sich wieder füllt und Neujahresvorsätze bereits für albern befunden werden, breitet sich in meinem ausgenüchterten Inneren eine Gewissheit aus: Dieser Beitrag kommt zu spät. Ein Jahresrückblick, der humoristisch und informativ zurückblicken soll – auf sais Wachstum, bedeutsame politische Ereignisse und die wenigen guten Rapkassetten 2019. Die Deadline war der 31. Dezember.

Ich lehne mich zurück auf meinem schwarzen Schreibtischstuhl. Vor mir auf meiner hölzernen Schreibtischplatte erkenne ich einen Stapel handschriftlicher Notizen mit geschmacklosen Witzen zu Alice Weidel, blauen Haaren und Nikki Lauda. Daneben wartet mein alter Kassettenspieler, der meine kaputte Bluetooth-Box ersetzt.

Die Kunst in Jahresrückblicken liegt ja darin die richtige Balance zu finden, besinne ich mich zurück auf das Thema. Ohne Ironie funktioniert ein solcher Blick daher in gar keinem Fall. Allerdings ist sich ausschließlich über Jahresrückblicke lustig zu machen, für andere Medien als sai reserviert, meinte jemand beim wöchentlichen Skype-Call. Zunächst einmal brauche ich also einen catchigen-bento Titel: 10 total-verrückte Dinge, die 2019 passiert sind!

1. sai ist, was es will

Bevor das neue Jahr startete, wurde sai im November 2018 nach nur 6 Monaten Schwangerschaft geboren und fing direkt an zu krabbeln. Passend zur guten Organisation der ersten Lebenswochen publizierten wir pünktlich am 30.12. den ersten sai-Jahresrückblick als einen Festschmaus getarnt.

Ein paar Tage später wurde der erste Artikel im Jahr 2019 mit der Frage „Darf ich dich ficken ?“ veröffentlicht. Was ein solcher Titel auslösen würde, war sai noch nicht bewusst und so musste es sich Gedanken machen, ob „sex sells“ zur neuen Markenidentität werden sollte. Ein aufgeregtes Telefonat später entschieden sich die drei Haupt-Erziehungsberechtigten sais gegen eine solche Click-bait-Strategie, sondern griffen altmodisch zurück auf die Methode einer Sticker Kampagne. Inhaltlich legten sie den Fokus weiterhin auf die Sachthemen, ihre ästhetische Gestaltung und darauf, Stellung zu beziehen.

Am 25.01. releaste Dendemann sein Album „Da nicht für“. Ich lege die erste Kassette ein und setze Teewasser auf:

2. sai bewahrt Haltung

Wir blieben also unserem Weg der Uneinheitlichkeit mit Haltung treu, nur um dieses Grundprinzip kurzerhand mit unserem ersten temporären Themenschwerpunkt teilweise über den Haufen zu werfen. Als Pioniermagazin für verzweifelt orientierungslose Abiturient*innen entwickelten wir die Kategorie „Sinnentwürfe “. In dieser zeigten wir, dass es ziemlich unterschiedliche Wege gibt, um den eigenen Bildungsweg zu gehen. Mehr noch: Es gibt Mittel, finanzielle Mittel, um die eigenen verrückten Ideen umzusetzen. Wir schrieben gemäß unserer Zeugungsgeschichte über kulturweit , aber auch über weltwärts , Musiker ohne Grenzen , über das project peace, Reisestipendien der zis und der Schwarzkopfstiftung, sowie über den zweiten Bildungsweg .

Nach diesem kurzen und ereignisreichen Februar hieß es für uns drei Geburtshelfer*innen von sai, Kräfte bündeln in Leipzig. Auf dem Bundeskongress der Bundeszentrale für politische Bildung unter dem Titel „Emotionen und Politik“ tobten Frieda, Leonie und Paul vor Wut und fanden, dass sie damit das Veranstaltungsthema ganz gut trafen.

©Nora Boiko

Wir erkannten auch, dass es verschiedene Bereiche bei sai gibt und dass es gar nicht sinnvoll ist, wenn sich jede*r um alle Bereiche wie Social Media, Website-Wartung, Öffentlichkeitsarbeit und um rechtlichen Fragen kümmern muss. War das dieser erste Schritt Richtung Professionalisierung des anarchischen sai-magazins? Wir wussten es noch nicht. Und in dieser Zeit waren wir dankbar, dass wir von Mareike unserer Coach von Project Together unterstützt wurden. In 8 Skype Sitzungen begleitete sie uns durch das Jahr und war unsere treue fragenstellende Zuhörerin. Sie fragte uns immer wieder: Was ist sai eigentlich? Kunst, Aktivismus oder Journalismus? In jedem Fall wollen wir einen Spagat aus allen dreien versuchen, zum Glück sind wir recht gelenkig.

3. sai hat verwirrte Emotionen

Passend zur Europawahl überlegte sich sai den neuen Themenschwerpunkt „Europa“. Zeitgleich schlich sich – natürlich – noch ein anderer, ungeplanter Schwerpunkt ein: Jale , Lea und Marie schrieben über Selbstliebe und wie schwer der Weg dahin ist. Damit trafen sie einen Nerv und gaben sai einen Teil jenes Profils, das es heute auszeichnet. Sai entwickelt sich stets durch die Beiträge, die Ideen, Themen und Anliegen, derjenigen, die sich einbringen wollen. Wer das ist oder sein wird, lässt sich weder planen noch prophezeien.

„Wie kann man jemand so krass vermissen, wie ich dich in diesem scheiß Augenblick“, schallt es aus meinem Kassettenrekorder. Die Single „Vermissen“ von Juju und Henning May erreichte bis zum Jahresende 100.000.000 Streams auf Spotify und gehört damit definitiv zu den erfolgreichsten Tracks des Jahres. Wie er es auf mein Rap-Mixtape geschafft hat, kann ich nur mit meiner ambivalenten Annenmaykantereit-Hassliebe erklären.

Vermisst haben sich auch die sailinge und trafen sich im Mai in Heidelberg. Dort erlebte sai ein Aha-Erlebnis: Sai lernte seine geheimen Eltern kennen. Denn es wird nicht nur von den drei Personen erzogen und geformt, die sai zur Welt gebracht haben, sondern wird schon von Geburt an von viel mehr Menschen gestaltet. Gemeinsam wollen wir deshalb nun mehr miteinander reden, sai will partizipativer und transparenter werden. Seitdem gibt es einen regen Austausch in einer großen WhattsApp-Gruppe mit allen Menschen, die sai bisher begleitet haben oder weiter begleiten wollen, es gibt große Skype-Konferenzen und Pläne für ein noch größeres Kennenlerntreffen.

4. sai spürt Neid

„Alles zieht vorbei, alles zieht vorbei“, trällert der Rapper Fatoni Popmusik-tauglich nach diesem viel zu kurzen Frühling. Sai versuchte trotz Hitzesommer und Klimakrise einen kühlen Kopf zu bewahren, weshalb wir weiterhin fleißig in die Tasten hauten und über die Stressfalle Studium, über Frida Kahlo, sowie über einen neuen Zugang zur Natur schrieben. Außerdem führten wir intern und öffentlich die Gendersternchen Debatte und riefen nach der Verkehrswende. Die Klimakrise stellt dabei keinen temporären Schwerpunkt bei sai dar. Denn es bildet immer ein dominantes Thema bei sai und will nicht limitiert behandelt werden

„Kein großes Ziel im Leben, nur nicht so wie zu ihr sein“, schreie ich den weiterlaufenden Track von Anton Schneider mit. Pause. Kassettenwechsel.

5. sai auf großen Reisen

In den Sommerferien machte sich bei sai die Erkenntnis breit, dass wir mitnichten mehr Zeit zum Beiträge verfassen haben, wenn wir nicht mit dem alltäglichen Alltags-Wahnsinn beschäftigt sind. Fast schon neidisch blickten wir aus unserem Urlaub auf andere, unentgeltliche Online-Magazine, die sich eine Pause vom Publizieren gönnten. Dennoch schafften wir es wöchentlich Artikel zu veröffentlichen, unter anderem den kommentarreichsten Artikel des Jahres über das Containern. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Frau Ley und die Schüler*innen der Klasse 9.

Den Soundtrack zu dieser Ferienzeit lieferte Hayiti mit tiefsinnigen Rap:

6. sai ist nicht allein

Gegen Ende September wurden wir alle unruhiger, wir wussten, dass etwas passieren würde: Nur was? Das erste Kollektivtreffen fand in Berlin statt und 11 Sailinge trafen aufeinander. Menschen, die sich schon lange kannten, aber teilweise noch nie zuvor miteinander Zeit verbracht hatten. Bei diesem Treffen wurde klar: Es muss und wird sich viel verändern. Unser Kollektivgefühl entstand und wir verabschiedeten 10 Grundsätze, auf dessen Grundlage wir seitjeher schaffen:

Jede*r ist im sai-Kollektiv willkommen.

1. Grundsatz des sai-Kollektivs

Sai wuchs in dieser Zeit aus dem bloßen Magazin-Dasein hinaus, das Kollektiv bot Workshops zu kreativen Schreiben an und ließ neue Freundschaften zwischen Kreativen in ganz Deutschland entstehen. Aktivismus fand mehr Platz auf sai: Wir veröffentlichten eine Reportage zu Extinction Rebellion, einen Kommentar eines pro-kurdischen Aktivisten zu dem militärischen Einmarsch der Türkei, erklärten warum die Jugend durchaus politisch sai und boten dem Jugendrat der Generationenstiftung eine Plattform.

Die Begleitmusik zum Untergang in diesen Herbst lieferte Felix Brummer als Kummer mit seinem Album Kiox. Ich drehe den Kassettenspieler laut auf und tanze wild während ich ernst mitrappe:

7. sai träumt

Im Dezember fand das zweite Kollektivtreffen in Bielefeld statt mit der simplen Erkenntnis, dass wir uns für 2020 viel vornehmen. Wir träumen groß und erkennen vieles, was wir mit der Kraft des Kollektivs erreichen können. Welche Ideen von heute im nächsten Jahr umgesetzt werden, können wir heute nur ahnen. Vielleicht trifft sich das Kollektiv das nächste Mal bei einer sai-Ausstellung wieder, hört auf dem Weg dorthin die neue Folge des sai-Podcasts oder hält ein Printmagazin in den Händen. Sicher ist nur, dass es uns der nächste – vielleicht sogar pünktliche – Jahresrückblick erzählen wird.

Was nicht in diesem Rückblick steht

Wir sind nicht bento und das sind nicht 10 total-verrückte Dinge, die 2019 passiert sind. Denn ja 2019 war verrückt. Nicht nur für sai, sai lebt nicht in einem luftleeren Raum, die politischen Ereignisse haben uns erschüttert. Sai musste bittere Wahrheiten ertragen: Ein Rechtsterrorist ließ sich im Netz dafür feiern, dass er am höchsten jüdischen Feiertag eine Synagoge in Halle zu stürmen versuchte und aus Frust über das eigene Scheitern zwei Passanten umbrachte. Walter Lübcke musste sterben, weil Stephan E. mit seiner Flüchtlingspolitik nicht einverstanden war. Zeitgleich erreichen immer noch täglich Menschen Morddrohungen, die sich ehrenamtlich für zugewanderte Menschen engagieren. Der Rassist Donald Trump ist immer noch Präsident der militärischen Supermacht USA und wird nicht müde, politische Gegner sowie kritische Medien zu beleidigen. Im Februar kündigte er den INF-Vertrag auf und startete einen Handelskrieg mit China. Boris Johnson hat den Traum des Rechtsextremisten Nigel Farage wahr werden lassen und den Brexit nun endgültig beschlossen.

Wir sind davon überzeugt, dass in unserer demokratischen Gesellschaft real u.a. nicht-weiße Menschen, Menschen mit Behinderung, oder Menschen aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit, ihrer Klassenzugehörigkeit, ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität diskriminiert werden. Wir als Kollektiv lehnen jegliche Formen der Diskriminierung ab und verpflichten uns, für diese gesamtgesellschaftliche Problematik zu sensibilisieren. Wir bieten eine Plattform zur Thematisierung von Diskriminierungserfahrungen.

2. Grundsatz des sai-Kollektivs

Zeitgleich ist die Welt in Aufruhr. In vielen Ländern startet die Gegenreaktion auf die rechten, totalitären Männer, die die Welt nach ihrer Nase tanzen lassen wollen. In Hongkong gehen die Menschen auf die Straßen. Mit dabei ist der 23-Jährige Joshua Wong, die Demonstrant*inne fordern, dass die Sonderverwaltungszone unabhängig bleibt und keine Region der Volksrepublik China wird. Zeitgleich geht die – ach so politikverdrossene – Jugend das ganze Jahr auf der ganzen Welt, vor allem auch in Deutschland nach dem Vorbild Greta Thunbergs auf die Straße und fordert eine Klimapolitik, die den Namen verdient. Dabei erreicht sie immer wieder, dass die regierende Groko einsehen muss, dass ihre bisherige Klimapolitik nicht weit genug ging, aber auch, dass FFF zum absoluten Feindbild der Liberalen, Konservativen und Rechten wird. Dieser Protest der Jugendbewegung wird auch 2020 weitergehen, um Verbesserungen und einen fundamentalen Systemwechsel einfordern. Wir werden 2020 weiterhin ein Ort sain für Visionen, für einen ermutigenden Austausch. Einen Ort, an dem sich alle Menschen wohlfühlen ihre Geschichten zu teilen, nach neuen Perspektiven zu suchen und immer weiter zu fragen.

09: Was dich sonst noch so interessieren könnte:

Paul ist immer noch unter den Top 3 der beliebtesten Baby-Namen.

3 thoughts on “Tschüss 2019”

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