von Leonie Ziem | Bild: © Justin Adam


Meine Welt steht Kopf. Also tatsächlich. Vor mir an der Wand hängt eine Weltkarte mit dem Südpol nach oben, denn eine Kugel kennt kein oben, unten, rechts, links. Wie wir die Welt wahrnehmen, wird davon beeinflusst, wie wir die Welt darstellen. Und weil es unmöglich ist, eine Kugel auf einem rechteckigen Blatt Papier abzubilden, muss man sich stets für eine bestimmte Ausrichtung entscheiden. Die Weltkarte in all meinen Schulbüchern war eine eurozentristische. Genauso kann man sich aber auch dafür entscheiden, die Kugel mit einem anderen Maßstab auf ein Blatt Papier zu bekommen, und schon ist Europa klitzeklein und Afrika sehr groß. Klar, dass das unseren kolonialen Großmüttern und -vätern gar nicht gepasst hat.

Ich befinde mich auf dem Vorbereitungsseminar von kulturweit. Das ist ein internationaler Freiwilligendienst und ich fühle mich zum ersten Mal irgendwie schuldig. Ich habe eines der mächtigsten Dokumente der Welt, ohne je etwas dafür getan zu haben: meinen roten, funkelnden Deutschen Reisepass. Was das konkret heißt, werde ich einige Monate später erfahren. Die Ablehnung eines Visaantrags einer vietnamesischen Freundin wird schwer in meinen Händen wiegen: die amerikanische Visastelle sei nicht davon überzeigt, dass meine Freundin genug Gründe hätte, wieder nach Vietnam zurückzukehren. Ich werde Ungerechtigkeit begegnen, sie wird mir an jeder Straßenecke Saigons ins Gesicht blicken und Obst oder Zigaretten verkaufen wollen. Gleichzeitig werde ich so viel Freundlichkeit und Offenheit erfahren wie selten. Die Lebenslust nickt eifrig. Am Goethe-Institut werde ich die Begegnungszone von Deutschlernenden am Institut und einer deutschen Musikband gestalten, bei den anschließenden Workshops und Konzerten mithelfen können, eine Wanderausstellung an drei PASCH-Schulen betreuen dürfen und vieles Weitere.

„Im Zweifelsfall heißt es einfach „Ja“. Vielleicht liegt auch darin der Zauber des Auslandsjahres: es wird versucht, so viel wie möglich zu machen. Ein Jahr, aus dem alle mit einem Haufen schöner Erinnerungen im Gepäck zurückkommen – und haben sich darunter auch ein paar schlechte geschummelt, werden diese eben kurzerhand „wertvolle Erfahrungen“ genannt und zack, sind auch diese Gold wert.“  
Gedankenfetzen aus Vietnam: Der 1. Monat nach Ausreise

Saigon, Vietnam – Bild: © Leonie Ziem

Da ist Schmutz auf deiner weißen Weste

Der Freiwilligentourismus boomt. Du willst nur noch raus, nicht aus der Welt, aber doch aus der Komfortzone. Du hast nichts dafür getan. Wenn du weiß bist (damit ist übrigens nicht explizit eine Hautfarbe gemeint, sondern die politische und soziale Konstruktion bzw. die Gesamtheit deiner Privilegien, mehr zur critical whiteness findest du hier) und dann ins Ausland fährst, um vermeintlich zu „helfen“, bestärkt dies koloniale Strukturen, anstatt die Welt zu verbessern. Ja, die Kritik ist laut, wenn man nur einmal nach ihr sucht. Blogs, auf denen Freiwillige berichten? Damit werden nur die kolonialen Strukturen bedient. Es heißt, es würde mal wieder für den globalen Süden gesprochen, nicht mit ihm.

Auf deiner Reise ins Abenteuer stößt du und deine ganze Generation an Freiwilligen soviel Emissionen aus, dass der Begriff nachhaltig im Zusammenhang mit dem Auslandsaufenthalt absurd klingt. Und geht es bei all dem letzen Endes nicht nur um Selbstoptimierung? Wenn man sich durch Texte schmökert, in denen ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland kritisiert wird, liest man Schlagwörter wie „Egotrips ins Elend“.
Wenn man die Summen so durchrechnet, die jährlich für die Freiwilligen ausgegeben werden, muss man einmal innehalten und sich fragen, ob nicht vom gleichen Geld auch ebenso eine Ortskraft ausgebildet werden könnte, die nicht nur 12 Monate, sondern fünf Jahre dort arbeitet.

Warum ich trotzdem ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland gemacht habe

Mein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland beginnt mit dem Wunsch nach Freiheit. Nach Abenteuer. Beide hatten es sich in meinem Kopf bequem gemacht und mir wild Anweisungen zugeschrien. Bewirb dich! Weltwärts, kulturweit, irgendwas!
Ich bewerbe mich bei beidem, schlage die weltwärts-Zusage dann jedoch aus und hoffe auf kulturweit

Im Wiedervereinigungsexpress – Bild: © Marvin Kölert

„Mein Gefühlswirrwarr und ich sitzen auf dem Boden meines Zimmers und starren ungläubig die seitenlange To-do-Liste an, die nun größtenteils abgearbeitet scheint. Für manches fehlte dann doch erst die Zeit, dann die Motivation. Ungläubig ist auch die richtige Beschreibung für das, was ich fühle, wenn ich an Vietnam denke. In Saigon lebte für mich immer dieses Zukunfts-Ich, das zwar einiges mit mir gemeinsam hat, in meiner Vorstellung jedoch viel vorbereiteter – zum Beispiel mit ein paar Vokabeln Vietnamesisch im Kopf – dort ankommt, als ich. Nach all der Abschiedstrauer, will ich auch endlich sehen, dass es sich lohnt, will ins Flugzeug steigen und raus aus Berlin, weil die Welt zu groß und schön ist, als dass ich etwas von ihr verpassen will.“
1 Tag vor meiner Ausreise.

Hoi An – Vietnam

Der Unterschied zwischen weltwärts und kulturweit äußert  sich grob folgendermaßen:

  • weltwärts wird zu ca. 75% (und mehr) vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert, die restlichen 25% (oder sehr viel weniger, von Träger*innenorganisation abhängig) muss die*der Freiwillige durch den Aufbau eines Spendenkreises aufbringen. Im Jahr entsendet weltwärts ca. 3000 Freiwillige mittels mehr als 200 Organisationen.
  • kulturweit entsendet hingegen nur etwa 300 Freiwillige. kulturweit wird von der Deutschen UNESCO-Kommission und dem Auswärtigem Amt finanziert, die*der Freiwillige muss hier keinen Spendenkreis aufbringen. kulturweit hat verschiedene Partner*innen, wie dem DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst), der ZfA (Zentralstelle für Auslandschulwesen), der Deutschen Welle oder dem Goethe-Institut.
Hoi An, Vietnam – Bild: © Friederike Teller

kulturweit ist letztendlich immer eher ein kulturelles Jahr, als ein soziales. Infos zum Bewerbungsprozess hier . Wie sich das Jahr gestaltet, ist von Einsatzland zu Einsatzstelle anders. Jede Erzählung dessen ist durch den Filter der Subjektivität unscharf, es ist nicht möglich ein Land in all seinen Facetten abzubilden. Alles Erzählte ist in Worte verzerrt. Doch was bleibt, ist der kultureller Austausch. Deshalb muss erzählt werden.

Der Berliner Verein glokal e.V ist im Bereich der machtkritischen Bildungsarbeit und Beratung tätig und betreibt seit 2006 politische Jugend- und Erwachsenenbildung. In seinem Heft Mit kolonialen Grüßen…. Berichte und Erzählungen von Auslandsaufenthalten rassismuskritisch berichten gibt der Verein hilfreiche Tipps im Umgang mit Freiwilligenblogs. Angefangen mit der Erläuterung was überhaupt mit globaler Süden („eine im globalen System benachteiligte gesellschaftliche, politische und ökonomische Position“) und globaler Norden (das Gegenteil) gemeint ist. Bis hin zur Sensibilisierung für das richtige Narrativ, also zum Beispiel die Vermeidung von Exotisierung fremder Kulturen oder der Romantisierung von Armut à la „Sie haben so wenig, sehen aber dennoch so glücklich aus.“

Saigon, Vietnam – Bild: © Leonie Ziem

Mein Jahr in Saigon, Vietnam, war ein Karussell der Gefühle. Ich müsste lügen, würde ich behaupten, dass ich immer glücklich war. Viele Strukturen haben mich unglücklich gemacht. Dauernd mit Armut konfrontiert zu sein lässt einen irgendwann auch abstumpfen. Ich hatte das Gefühl, dass jede NGO nur ein Symptom eines globalen Ungleichgewichts bekämpft. Dort wo die Probleme anfangen, beginnt die Wirtschaft. Und was kann ich schon dagegen unternehmen? Gleichzeitig beschäftigte ich mich viel mit der Kritik gegenüber dem FSJ im Ausland. Irgendwann fühlte ich mich leer, aber das ist nicht schlimm, es machte nur Platz für Neues. Und das kam, dauernd wurde ich wieder gefüllt mit Erlebnissen, die mich strahlend auf dem Moped durch den täglichen Verkehrswahnsinn haben fahren lassen.

Freiwilligendienste sind nicht außerhalb des kolonialen Kontextes zu betrachten – dennoch gibt es genügend Ausrufezeichen hinter dem Vorhaben der Völkerverständigung, die so ein Auslandsjahr legitimieren. Klar sein muss: man geht nicht in die Ferne um Entwicklungshilfe zu leisten. Es geht darum, jungen Menschen die Chance zu geben, über den Tellerrand zu schauen und es sich neben den Essstäbchen bequem zu machen. Es dient dazu, Freund*innen in fremden Ländern und Kulturen zu finden und für globale Machtgefüge sensibilisiert zu werden. Es hilft dabei, Ungerechechtigkeiten zwischen dem globalen Süden und Norden nicht nur als theoretisches Konstrukt kennezulernen, sondern zu fühlen, schmecken und mit dem Imperativ, etwas dagegen unternehmen zu wollen, zurückkommen.

Collage: © Leonie Ziem


„Plötzlich habe ich Freunde, die mit Freunden aus Kolumbien, Paraguay, Ghana, Namibia und Südafrika zurückkommen. Passiert etwas in Russland, passiert es in einem Land, in dem ein Kulturweitfreiwilliger gerade lebt. Andere Länder, das bedeutet, andere Heimaten.
Heimaten, die. Das Wort gibt es nicht, genauso, wie es keinen Plural für „zu Hause“ gibt. Willkommen in einer Sprache, die ihrer Zeit hinterherhinkt. Ins Ausland zu gehen, bedeutet darüber nachzudenken, wie sich Ausländer in meinem Land fühlen. Gemeinsamkeiten, Unterschiede herauszufinden. Hier sind wir die reichen, weißen Westler. Frieda stellt fest: Erst seit wir in Saigon sind, merken wir, dass wir weiß sind.“ 

Gedankenfetzen aus Vietnam: 2. Monat nach Ausreise

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