von Leonie Ziem | Illustration: Nora Boiko

Wer von „Kunde“ redet, meint mich nicht. Ich fühle mich absolut nicht angesprochen. Marlies Krämer sieht das genauso: Sie kämpf vor Gericht für das Recht „Kundin“ zu sein – zuletzt sammelte sie Spenden, um es bis vor das Bundesverfassungsgericht zu bringen. Natürlich wissen Marlies Krämer und ich, dass das generische Maskulinum – also „die Kunden“ – uns mitmeinen soll. Blöd nur, dass es dies nachweislich nicht tut. Studien der Kognitionswissenschaftlerin Evelyn Ferstl zeigen, dass das generische Maskulinum Menschen, die nicht männlich sind, aus der Sprache ausschließt. Auch bei Frauen, die versichern, dass sie sich auch mit dem generischen Maskulinum angesprochen fühlen, lasse sich im MRT Gehirnaktivitäten nachweisen, die das Gegenteil zeigen: Die Testpersonen waren irritiert von Testpassagen, die geschlechterspezifische Stereotypen durchbrechen. Ihr Gehirn brauchte länger zur Verarbeitung, wenn die Rede von „weiblichen Chirurgen“ war. Dies lässt sich nur dadurch erklären, dass sich unter „Chirurgen“ jede*r automatisch eine männliche Gruppe vorstellt. So zeigen auch andere Studien, dass wenn es um die Abfrage der Lieblingsmaler, der Lieblingsmusiker oder -sportler geht, die Proband*innen weniger an Frauen* denken. Doch sobald nicht mehr im generischen Maskulinum gefragt wurde, stieg der Anteil der Frauen signifikant an. Also ja – Sprache formt unsere Vorstellung.

Wollen wir Wirklichkeit*innen formen?

Doch formt unsere Vorstellung auch die Wirklichkeit? Im Jahr 2015 wurde eine Studie durchgeführt, die sich mit der linguistischen Intervention einer gendergerechten Sprache befasste. Sie kam zu dem Ergebnis, dass Mädchen im Schulalter sich viel eher zutrauten, einen Beruf auszuüben, wenn neben der Berufsbezeichnung – zum Beispiel „Ingenieure“ – auch noch „Ingenieurinnen“ stand. Es ist also besonders wichtig bei Berufsbezeichnungen zu gendern, die ein ganzes System an Stereotypen aufrechterhalten. Denn das generische Maskulinum versperrt Frauen* ganz praktisch Türen. So zeigt eine weitere Studie, dass sobald eine Jobbeschreibung das generische Maskulinum verwendet oder die männliche Form mit (m/w) benutzt, bei gleicher Kompetenz der Bewerber*innen Männer bevorzugt wurden.
Übrigens: Bei Bedarf können die aufgezählten Studien runtergeladen und als Bildungsmaßnahme an die Sparkasse geschickt werden.

Verdammtes, universitäres Klugscheißertum?

Sprache ist ein Werkzeug, sie ist ein Kommunikationsmittel. Wen meine ich? Politiker, Politikerinnen oder Politiker*innen? Gendern erlaubt es, präzise mit Sprache umzugehen. Doch dieses Argument interessiert eigentlich kaum jemanden. Die Diskussion um gendergerechte Sprache ist emotional aufgeladen. Oftmals wird als Argument gegen gegenderte Sprache angebracht, dass sie in einer elitären Blase zum guten Ton gehöre. Außerhalb dieser Blase nehme sie andere Menschen nicht mit oder schrecke diese gar ab. Es soll also nicht gegendert werden, um Menschen nicht auszugrenzen. „Das Interessante ist, dass das ein Exklusionsargument ist. Es wird gesagt: Wir dürfen Menschen nicht exkludieren. Und das ist natürlich eine moralische Aussage. Also, warum dürfen wir das nicht? Da gibt es keinen objektiven Grund für – sondern dieser Grund beruht auf einem Wert, nämlich: Wir möchten nicht exkludiert werden, also dürfen wir auch andere nicht exkludieren“, sagt Linguist Anatol Stefanowitsch in seinem Vortrag an der Universität Köln. Solch ein Argument gegen gendergerechte Sprache zu verwenden, ist absurd. Schließlich versucht gendergerechte Sprache genau das: möglichst inklusiv und gerecht zu sein.
Also mal ehrlich: Stört das *innen deinen Lesefluss? – Toll!
Wenn es dich pikst – wie aufregend! Du bist massiv davon gestört? Es könnte nicht besser sein!

Hab ruhig Schmerzen!


Lass mich das erklären. Früher habe ich immer erst den gesellschaftlichen Kontext abgecheckt, bevor ich gegendert habe. Ich wollte nicht das Alien sein, das sich plötzlich irgendeinen sprachlichen Tick angewöhnt hat und damit auch noch den Verdacht erregen, eine intellektuelle Überlegenheit demonstrieren zu wollen. Mittlerweile denke ich: Es soll irritieren – denn es ist eine Einladung, darüber nachzudenken, warum mir das wichtig ist.

Denn Worte haben Macht. Wie spannend ist es also, mit meiner Sprache ganz nebenbei Stereotypen aufzubrechen, Menschen jedes Geschlechts zu repräsentieren und zugleich auf das Potential aller Geschlechter hinzuweisen. Ja, es gibt Bänker*innen und Mörder*innen (und auch du hast das Potential dazu).

Wenn dann jemand die Augen verdreht und dieses nervige „politisch Korrekte“ in eine Schublade stopfen will, dann ist das vielleicht bereits der erste Schritt. Ich will Raum lassen, damit jede*r selbst entscheidet, was er*sie wie sagt und ich will den Raum gelassen bekommen. Doch das Rümpfen über politische Korrektheit hat eine rechte Tradition und wird aktuell gefährlich oft instrumentalisiert, um zu definieren, wer hier (nicht) dazu gehört. Denn Genderegerechte Sprache ist in Wirklichkeit diskriminierungsfreie Sprache, denn Ausgrenzung ist Diskriminierung.

Mensch = Mann?

Die bisherigen gerichtlichen Instanzen, vor denen sich Marlies Krämer das Recht „Kundin“ zu sein, erkämpfte, haben ihre Klage abgewiesen. Aber warum muss sich Marlies Krämer von der Sparkasse „Kunde“ nennen lassen?
Unsere Tradition verrät’s: Es wird Mann mit Mensch gleichgesetzt. So ist in vielen Sprachen, z.B. in Italienisch und Französisch, das Wort für „Mann“ und „Mensch“ gleich – die Frau ist irgendwie andersartig, der Mann die Norm – das nennt sich Androzentrismus. Ironischerweise bedient das Urteil aus Saarbrücken genau diesen Androzentrismus. Der Grund für die Abweisung der Klage war, dass das generische Maskulinum schon seit 2 000 Jahren „geschlechtsneutral“ genutzt werde. In der Philosophie würde man dies einen klassischen Sein-Sollen-Fehlschluss nennen. Nur weil das generische Maskulinum seit 2.000 Jahren Mann mit Mensch gleichsetzt, ist das kein Grund dafür, diese diskriminierende Praktik auch die nächsten 2.000 Jahre fortzuführen.
Und, liebes Saarbrückener Gericht, Frauen* dürfen erst seit 1962 ohne Zustimmung des Mannes ein eigenes Bankkonto eröffnen – es wundert also nicht, dass die Sparkassen-Formulare noch beim „Kunde“ hängengeblieben sind. Das hat nichts mit „mitmeinen“ zutun.

„Darf man denn jetzt nichts mehr sagen?“

Doch! Aber erstaunlich viele Menschen verwechseln Meinungsfreiheit damit, dass sie erwarten, für alles Gesagte keine Kritik zu bekommen. Der Streit beginnt dort, wo Verfechter*innen gendergerechter Sprache die Deutungshoheit für sich beanspruchen, anderen „ein guter Mensch sein“ abzusprechen. Doch diskriminierungsfreies Sprechen ist ein Lernprozess. Und: Sprache formt Wirklichkeit und Wirklichkeit formt Sprache. Es lohnt sich also Sprache zu korrigieren, zu präzisieren und mit ihr zu spielen. Doch nur weil man die Sprache korrigiert, ist nicht alles getan. Andersherum darf auch die Sprache nicht vernachlässigt werden – sie reproduziert ständig Machtverhältnisse. Ganz simpel: Bis März 1999 hatten Wettertiefs ausschließlich Frauennamen, Wetterhochs nur Männernamen. Diese Änderung ist auch Marlies Krämer zu verdanken. Vielleicht werden sie und ich irgendwann zur„ Kundin“ und wenn du uns dieses Recht absprichst, spreche ich dir ab, diskriminierungsfrei zu sein. Solange bleibe ich dann mal unsichtbar.


Dieser Artikel ist Teil der pro/contra-Reihe über gendergerechte Sprache. Hier, auf sai-magazin.de, ist im Gegensatz zur Welt da draußen gendergerechte Sprache die Norm. Doch diese Norm diktiert nichts. Es lassen sich auf dieser Seite auch Texte finden, die nur das generische Maskulinum verwenden. Unser Autor Justin erklärt in seinem Artikel, der gegen gendergerechte Sprache argumentiert, warum.

2 thoughts on “Hilfe*, ich bin unsichtbar”

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