von Friederike Teller  | Illustrationen: Anne Meerpohl

Wie eine geschlechterfreie Grammatik nicht nur unsere Sprachen, sondern auch unser Leben revolutionieren kann 

Dauernd muss ich entscheiden, wer du bist. Meistens noch bevor wir uns überhaupt kennengelernt haben. Wenn ich über dich reden will, dann muss ich wählen, welches Pronomen ich benutze. Er oder Sie? Ich muss dein Geschlecht definieren, ganz oberflächlich und eindeutig. Dazu zwingt mich die binäre Beschränktheit der deutschen Sprachgrammatik. Denn in der deutschen Sprache gibt es noch keine Möglichkeit Geschlechterunterschiede, die wir ja eigentlich hinter uns lassen wollten – so im 20. Jahrhundert – nicht mit meiner Sprache zu reproduzieren. Alles muss ein klares Geschlecht haben. Bis jetzt.

Willkommen in der Wirklichkeit

Nur ist die Wirklichkeit viel komplexer. Schon im Jahr 1967 formulierten die Gynäkologen Jürgen Hammerstein und Josef Nevinny-Stickel :„daß es in Anbetracht der Vielschichtigkeit der menschlichen Geschlechtlichkeit kein sicheres Kriterium für das ‚wahre’ Geschlecht gibt“. Sie meinen damit, dass “weder die Geschlechts-Chromosomen-Konstellation, noch der Keimdrüsenbefund, noch die Zeugungs- bzw. Konzeptionsfähigkeit, noch die hormonale Situation, noch der Zustand der äußeren und inneren Genitalien können in dieser Hinsicht allein verbindliche Aufschlüsse vermitteln.“

Dank des generischen Maskulin ist über die Hälfte der Bevölkerung sowieso daran gewöhnt nur irgendwie mitgemeint zu sein. Doch dass die männliche Form, allerdings nicht alle Geschlechter anspricht, sondern nur ungenügend, besonders weibliche und nicht-binäre Personen repräsentiert, beweisen inzwischen zahlreiche Studien. Auch ist es schlichtweg unpräzise und falsch, über einen Menschen im falschen Geschlecht zu schreiben. Ungefähr, als würde dich jemand konsequent mit einem falschen Namen ansprechen, es ist respektlos und tut weh. 

Die sprachlosen Schreie der Vielfalt 

Dabei sind nach Schätzungen des deutschen Ethikrates mehr als 80.000 Menschen in Deutschland intersexuell und nicht eindeutig einem binären biologischen Geschlecht zuzuordnen. Seit Dezember 2018 gibt es deshalb neben männlich und weiblich, auf deutschen Ausweisen auch die Möglichkeit divers zu sein. So ist der Vorschlag einer geschlechterfreien Grammatik von Kim Delesys mehr als zeitgemäß. Wenn es kein Kriterium für das „wahre“ Geschlecht gibt, warum muss ich dann in jedem Satz der Person ein Geschlecht zuordnen? Dieser Vorschlag ist auch so wichtig, weil ich sonst gar nicht weiter über Kim Delesys sprechen kann. Denn Kim Delesys (das ist nicht der richtige Name, dieses Menschen), identifiziert sich nicht als Mann oder Frau identifiziert, damit wird Kim Delesys in der deutschen Sprache unsichtbar.

Und es ist gefährlich, denn wie wir reden spiegelt Wirklichkeiten wider oder es versteckt ganze Lebensrealitäten. Auch deswegen experimentieren wir jeden Tag mit Sprache, passen sie unseren Bedürfnissen an, sagen Worte wie nice, chillen, flexen oder sheesh. Diese Worte schmecken im ersten Moment irgendwie künstlich auf der Zunge, doch nisten sich dann ganz geschwind in unserem Alltagssprachgebrauch ein. Denn sie beschreiben, was wir meinen – drücken aus, was wir fühlen oder fühlen wollen. Das beweist: Sprache ist nicht tot und in Stein gemeißelt, sie ist offen für unsere Erfindungen und sie gehört uns. Die weite Spielwiese aus Buchstaben liegt vor uns – Zeit sich auszutoben:

Zeit für de Revolutione

So ließ Kim Delesys sich von den skandinavischen Sprachen, wie dem Schwedischen, inspirieren. Hier gibt es bereits das geschlechtsneutrale Genus des Utrums und das Pronomen hen, welches seit 2015 offiziell anerkannt ist. Eine aktuelle Studie hat kürzlich bewiesen, dass dieses geschlechtsneutrale Pronomen, tatsächlich dazu beiträgt mentale, sexistische Vorurteile zu reduzieren, das Bewusstsein für andere Gechlechtsidentitäten zu stärken und zudem die Akzeptanz von Frauen und LGBTIQ-Personen zu stärken. Auch das Vorurteil, dass geschlechtsneutrales Sprechen mehr Zeit benötigt, konnte in der Studie widerlegt werden.

Genug Gründe, also auch in der deutschen Sprache eine geschlechterfreiere Grammatik anzustreben. Kim Delesys veröffentlichte dafür Anfang dieses Jahres den Vorschlag des De-Le-Systems, welches leicht aussprechbare, geschlechtsneutrale Worte auch in das Deutsche integrieren will. Dafür erschuf Kim Delesys nicht nur ein neues Genus, das Utrum, sondern auch geschlechtsneutrale Begriffe, wie Tonke (statt Tante oder Onkel). Außerdem wird in ihrer Idee, der bestimmte Artikel der, die, das, durch de ersetzt und die Endung jeweils geschlechtsneutral angepasst (meist auf -e). Auch führt sie das Pronomen le, statt er, sie oder es ein. Eine ausführliche Grammatik, mit allen vier Fällen, findet sich auf der Website. Hier gibt es auch eine geschlechtsneutrale Version des Märchens Rotkäppchen. Denn so kompliziert, wie es auf den ersten Blick, vielleicht scheint, ist es gar nicht. 

ES ist nicht genug

Wie absurd ist es, dass wir Englisch, Französisch, ja sogar Latein lernen, aber zugleich nach der Grundschule aufhören der deutschen Sprache unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Warum sind wir bereit, dass Wissenschaft und Jugendsprache unseren Wortschatz diktieren, aber kümmern uns so wenig um die sehr persönlichen Zuschreibungen, die unsere Sprachkategorien machen? 

Ich bin es leid, dass meine Gedanken immer wieder an Sackgassen stoßen in diesem wirren Lebenslabyrinth. Ich bin es leid, oft sprachlos einer Wirklichkeit gegenüber zu treten, in der Geschlecht nicht binär, nicht statisch und auch nicht die erste und einzige wichtige Information zu einer Person ist. Eigentlich sind wir doch schon weiter und diverser. Deshalb will ich Deklinationstabellen lernen und experimentieren. Wie wäre es also mit einem revolutionären Versuch: einen Tag lang nur im De-Le System zu sprechen und alle Personen nur mit ihren Namen und/oder den Pronomen ihrer Wahl anzureden? 

Es ist an der Zeit, dass diese unerträgliche Selbstverständlichkeit des Geschlechterzwangs der Sprache aufhört. Das Erste, was eine Person über mich wissen muss, soll nicht mein Geschlecht sein, denn vor allem bin ich Mensch. 

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