Text und Bilder von Julie Matthées

Es ist ein sonniger Donnerstag Abend, als ich die Treppen hochlaufe um der stickigen U-Bahn zu entfliehen. Kaum bin ich aus dem Bahnhof raus, scheint mir die Abendsonne ins Gesicht.  Kreuzberg erstrahlt in warmen Farben, während ich die Straßen lang schlendere.  Ich biege um die nächste Ecke und bleibe verwundert stehen:

 „Warum sitzen Menschen an Kaffeetischchen in einer Apotheke?“ Ich gehe näher an das Gebäude heran und stelle fest, dass an diesem Ort nun eine Kaffeerösterei beheimatet ist. 

Hoch über ihr an der Hauswand prangt immer noch ein überdimensionales Bayer-Schild als letzter Überrest der Apotheke. Hier hatte mich einst die Apothekerin angemotzt, weil ich mir die Pille danach besorgen wollte. Danach bin ich nie wieder dahin. Aber jetzt ist sie fort und irgendwie werde ich sentimental. Tief in mir kommt zudem der vertraute Gentrifizierungshass hoch: „Schon wieder so’n scheiß Yuppie Café. Davon haben wir doch echt langsam genug hier!“ 

So gern ich einfach drüber hinwegsehen und die Kaffeerösterei ihren Kaffee rösten lassen würde, ist dies von da an nicht mehr möglich. Denn kaum stehe ich an einer Straßenecke mehrere Querstraßen weiter, bin ich schon wieder sehr verwirrt. Diesmal steht eine Schaufensterpuppe mit rosa geblümtem Kleid in einer Apotheke. Wie der Zufall es so wollte erging es der guten Undinen Apotheke am Paul-Linke-Ufer ähnlich: sie musste Platz für eine neue fancy Boutique machen. 

Spätestens da packt mich der Wissensdurst. Ich klappere weitere Apotheken in der Umgebung ab. Dabei realisiere ich, dass eine der schönsten Apotheken am Kottbusser Damm nun nicht mal mehr ausfindig zu machen ist. Die Apotheke zum Goldenen Löwen war ein wunderbarer Kontrast zu dem regen Treiben aus Teehäusern, türkischen Supermärkten und Billo-Geschäften. Sie gab mir das Gefühl, dass auf dem Kottbusser Damm auch einmal ganz anders gelebt wurde. 

Friseur und Spätkauf statt Traditionsapotheke am Kottbusser Damm
Durchsetzungsfähiger sind dagegen Apothekenketten

Auch an weiteren Orten in Berlin begegnen mir immer mehr geschlossene und verriegelte Apotheken. Ihre einzelnen Schicksale sind leider nicht mehr ausfindig zu machen. Doch bei der Recherche stelle ich fest: das Problem existiert in ganz Deutschland. In Großstädten wie Berlin mag es vielleicht nervig sein, wenn die nächste Apotheke zumacht und ich 500 Meter weiter zu der nächsten laufen muss. Doch in ländlichen Gebieten ist das was ganz anderes. Wenn dort die Apotheke im Nachbardorf zumacht, bist du ganz schön aufgeschmissen. Dann sind es vielleicht 40 Autominuten bis zur nächsten, wenn du Glück hast. 

Was führt nun also dazu, dass so viele Apotheken schließen müssen? Die überteuerten Mieten durch Gentrifizierung in hippen Großstadtvierteln lassen wir dabei mal außen vor, das ist sowieso ein ganz anderes Thema. Ein anderer Grund, der schon seit einigen Jahren besteht, ist der Fachkräftemangel in Apotheken. Genauer gesagt gibt es immer weniger Pharmazeutisch Technische Assistent*innen (PTA), besonders in ländlichen Gebieten, zum Beispiel in Sachsen und Brandenburg . Zudem entscheiden sich viele ausgebildete PTAs einen anderen Weg fernab der Apotheke einzuschlagen. Sie wechseln zum Beispiel in Pharmaunternehmen oder hängen noch ein Studium an die Ausbildung. 

Eine weitere Todesursache, die sich erst in den letzten Jahren manifestierte, ist der Arzneimittelversand. Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom kauften im im Jahr 2018 ca. 42% der Deutschen ihre Medikamente Online.

In Deutschland gibt es ca. 3.000 Versandapotheken, wobei nur 150 davon als seriös eingeschätzt werden. Ein viel größeres Problem sind Online-Apotheken aus dem Ausland. Denn während es beispielsweise Apotheken aus den Niederlanden erlaubt ist Rabatte auf rezeptpflichtige Medikamente zu gewähren, sind die Preise in deutschen Apotheken weiterhin sehr strikt und hoch. Das führt dazu, dass neben den Bequemlichkeiten von Onlinebestellungen auch die attraktiven Preise dafür sorgen, dass immer mehr Menschen auf den Arzneimittelversand aus dem Internet zurückgreifen. 

Momentan wird diskutiert, ob in Deutschland der Arzneimittelversand von rezeptpflichtigen Medikamenten verboten werden sollte. Falls dies nicht passiert, könnte das besonders den Apotheken im ländlichen Raum sehr schaden, da gerade dort die Versorgung jetzt schon sehr lückenhaft ist. 

Abgesehen davon, dass es schade wäre wenn es in Zukunft immer weniger Apotheken gäbe, ist besonders die wegfallende Beratung durch PTAs und Apotheker*innen ein Problem. Denn diese Beratung ist in den meisten Fällen eben doch sehr ratsam, besonders bei rezeptpflichtigen Medikamenten. 

Also Freunde der Sonne, immer schön bei der Apotheke des Vertrauens einkaufen und nicht einfach faul die Medikamente im Online-Versand bestellen. Denn noch mehr Kaffeeröstereien und Boutiquen brauchen wir hier in Berlin echt nicht. 


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