von Marie Kühn | Headerfoto: © Julie Mathées

Mein Herz rast, ich reibe meine Augen, wälze mich unruhig umher, kann das nicht einfach so auf mir sitzen lassen. Bei der letzten Folge Germany’s Next Topmodel mussten sich die Mädchen eine Lobeshymne auf sich selbst dichten.

Es ist ein Modelwettbewerb, die Mädchen werden sowieso auf ihr Aussehen degradiert, doch diese Staffel hat sich selbst auf die Fahnen geschrieben feministisch zu sein. Vielfalt soll hier angeblich gefeiert werden; Es gibt ein Mädchen, die kurviger ist, eine junge Frau, die eine Geschlechtsumwandlung hinter sich hat und eine andere trägt stolz das Tattoo „precious“ auf dem Bauch. Nun ändert das nichts an der Tatsache, dass es in der Show trotzdem nur um den weiblichen Körper und Selbstvermarktung geht. Heidi Klum hat ihre “Mädels“ in der fünften Folge vor eine besondere Challenge gestellt. Nach dem Abschlusswalk in Hochzeitskleidern sollen sie ihrem Spiegelbild sagen, was sie an sich selbst lieben. Die Kandidatinnen sind besonders aufgeregt, vor dem Spiegel stottern sie, oder haben ihren Text auswendig gelernt.

„Wow du siehst echt toll aus. Durch meinen neuen Look kommen meine Augen zur Geltung, das gefällt mir echt so toll. Ich bin so zufrieden mit meinem Aussehen, ich bin sehr glücklich.“

Das Traurigste an dieser ganzen Angelegenheit ist, dass man den jungen Mädchen ihre Selbstliebe nicht glaubt. Sie sind unsicher, aber anstatt dazu zu stehen, beten sie hohle Verallgemeinerungen herunter.

Perfide, wie hier eine Bewegung, in der es um Akzeptanz von Individualität geht, fast grotesk umgedreht wird. Die einzige, ehrlich Mutige, die zugibt, dass sie nicht immer zufrieden mit sich selbst war und ist, bekommt von Stephanie Giesinger (GNTM-Gewinnerin 2014) zu hören: Dann fake es!

Nun stehe ich auf, stelle mich vor den Spiegel und sehe mich an. Ich merke, dass auch ich zögere, ich schneide Grimassen, winde mich.
Was habe ich mir zu sagen?

Das ist dein Gesicht, dein Körper. Deine Hülle für dein jetziges Leben: Feminin, weiß, jung, Brillenträgerin. Augenringe, einen Herpes auf der Lippe, verstrubbelte Haare.

Ich gehe näher ran. Streichle mein Gesicht. Fahre über die Linien meines Körpers, der Spiegel beschlägt von meinem Atem.

Du weißt nicht, was da in dieser Hülle steckt. Du bist auf jeden Fall nicht leicht zu lieben. Du bist störrisch, lässt dich nicht gerne zuordnen, mal Anarchistin, dann Kapitalistin, mal Klassikliebhaberin oder Techno-raverin, dann schüchternes Mauerblümchen und wieder pessimistische Rechthaberin. Du kennst Caravaggio, Rembrandt, Hieronymus Bosch und Cranach; du weißt wie sich die Angst vor dem Schwangerschaftstest anfühlt, wie Kritik von einem geliebten Menschen auf einen einpeitschen kann. Du weißt, wie Liebe einen in die Lüfte heben kann. Du bist ein Angsthase, setzt gerne alles auf eine Karte, schließt deine Augen und springst. Manchmal trauen sich deine Lippen bestimmte Worte nicht zu formen, manchmal springen sie einfach nur so heraus. Du enttäuschst dich, du forderst dich, du rennst manche Mauern ein, während du andere Stein auf Stein neu aufbaust.

Mal liebst du Yoga, mal einen Shot zum Aufstehen. Du betest die Ungewissheit der Morgenröte an, wünschst dir mitunter nur das Ende der letzten Stunde des Tages. Heute kannst du in Hausschuhen, ungewaschenen Haaren, Fluppe im Maul, fluchend, schlurfend durch die Straßen stolpern. Morgen aber stöckelst du in engem Kleid, Lippenstift und Pelzmantel gerade auf dein Ziel zu und nichts wird dich aufhalten können. Gestern musstest du deine Hose hochkrempeln, die Mütze und Handschuhe auspacken, deine Augen zukneifen und dich auf dem Fahrrad durch den Regen kämpfen.

Du weißt nicht, was morgen kommen wird. Dieser Körper begleitet dich durch diesen Nebel, dieser Körper berührt, zittert, bebt, schüttelt sich und lebt weiter. Jeden Tag stehst du wieder auf, und deine Füße, deine Beine tragen dich, wohin du willst. Dein Körper ist gezeichnet. Narben, un- und sichtbare. Von manchen erzählst du stolz, andere willst du nicht einmal dir selbst eingestehen. Deine unzähligen Tränen- und Schweißströme zeichnen ein Spinnennetz auf deinen Körper. Da sind Stoppeln, weiße Streifen, Leberflecke. Deine Haare stellen sich auf, ich erzittere.

Das bist du. Und doch bist du auch so viel mehr. Du bist nicht schön. Du bist einzigartig. Jetzt hier in dem Moment, nie wieder wirst du diese Person im Spiegel sein. Denn du wirst dich verändern, in jedem Moment. Du bist ein Prozess. Manchmal wird es sich anfühlen, als ob du auseinanderfallen würdest, manchmal wirst du alles am rechten Platz finden. Viel zu oft wirst du deine Augen nicht von dir lassen können, ab und zu gönnst du dir nicht mal einen Seitenblick.

Doch du liebst. Akzeptierst die Ungewissheit, die Kämpfe. Es ist nicht einfach, und es wird auch nie einfacher. Du schaust dich an, und dein Lächeln wächst über dich hinaus. Du bist widersprüchlich, du bist nicht einfach, du machst Fehler.
Dieser Körper ist ein Käfig aber es ist dein Käfig.

Und du weißt, jeder fühlt das von Grund auf verschiedene Gleiche.

Liebe Germanys Next Topmodel Kandidatinnen, bitte wiederholt diese Aufgabe allein vor eurem Spiegel und seid diesmal wahrhaftig ehrlich. Steht zu dem was ihr jetzt gerade seid und umarmt eure Prozessualität. Das ist wahre Stärke!

Ich muss auflachen, nicke mir zu. Jetzt kann ich beruhigt einschlafen.


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