vom Jugendrat der Generationenstiftung

Den Klimawandel zu bekämpfen, reicht nicht. Wenn wir eine lebenswerte Zukunft wollen, müssen die Veränderungen viel weiter gehen. 

Seit über einem Jahr protestiert die Jugend. Denn sie hat verstanden: Es geht um alles. An mittlerweile 48 Freitagen haben junge Menschen Proteste organisiert, Millionen haben daran teilgenommen. In puncto Reife und Verantwortung scheinen sie vielen Erwachsenen weit voraus.  

Denn wir behaupten: Die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger*innen sind planlos, wenn es um die Rettung unserer Zukunft geht. Dabei ist das doch gerade ihre Jobbeschreibung Entwicklungen abzuschätzen, Krisen zu verhindern und Pläne zu entwickeln, wie man die Zukunft lebenswert gestaltet. Aber weil sie genau darin versagen, muss die gesamte junge Generation jetzt um ihre Zukunft kämpfen. Die Devise in den letzten 30 Politikjahren war, lieber stillzuhalten und Mehrheiten zu sichern, statt Probleme anzugehen. Ihr Nichtstun war eine bewusste Entscheidung – aus unserer Sicht die Gefährlichste von allen. Denn mit dieser blinden Strategie haben sie die größte Krise ausgelöst, mit der sich die Menschheit je konfrontiert sah. 

Die Lage ist ernst 

Die Erde hat sich bereits heute um ein Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erwärmt. Wenn jetzt nicht die Klimanotbremse gezogen wird, werden wir auch die 2-Grad-Grenze krachend verfehlen. Dabei haben sich im Pariser Abkommen alle Staaten der Welt darauf geeinigt, dass mehr als 2 Grad Erderhitzung unbedingt verhindert werden muss. Denn mit jedem zehntel Grad Erwärmung steigt auch die Wahrscheinlichkeit einer kaum vorstellbaren Katastrophe. Szenarien einer Erwärmung um vier bis acht Grad lassen jeden apokalyptischen Hollywoodfilm wie eine entspannte Sonntagabend-Romanze dastehen: Hitzetod, Hungersnöte, Hunderte Millionen Klimaflüchtlinge, Krieg und die Rückkehr längst verschwunden geglaubter Krankheiten. Wir sind auf dem besten Weg dahin, dass all das Realität wird. 

Konsequente Reaktionen aus der Politik? Fehlanzeige. Seit dem Beschluss des Kyoto-Protokolls 1992 sind die Treibhausgasemissionen um zusätzliche 57% gestiegen. Verträge wie das Pariser Klimaschutzabkommen werden unterschrieben, um dann gebrochen zu werden. Und gleichzeitig wird uns jungen Menschen immer erzählt, wir sollten uns an unsere Zusagen halten. Fehlen wir freitags in der Schule, um zu demonstrieren, dann werden wir als unverantwortlich beschimpft und an die Schulpflicht erinnert. Dabei haben Politiker*innen jahrelang ihre Arbeit verweigert und uns so an den Rand eines Massenaussterbens gebracht.  

Die Aussicht, dass wir als Menschheit im Begriff sind unsere Zukunft gegen die Wand zu fahren, erzeugt Angst. Sie lähmt, sie raubt Kraft. Gerade jetzt aber können wir es uns nicht leisten in eine Schockstarre zu verfallen oder uns an den Untergang zu gewöhnen. Ja, wir müssen in Panik verfallen, wie Greta Thunberg fordert. Aber vor allem müssen wir dann die Ärmel hochkrempeln und anfangen zu handeln. Mit rasanter Geschwindigkeit, aber wohlüberlegt, logisch und ausdauernd. Um das schaffen zu können, brauchen wir eine Vision, wo wir hinwollen. Und einen konkreten Fahrplan, wie wir den Weg dahin gestalten. 

Unser Plan zur Rettung der Zukunft 

Wir, acht Aktivist*innen des Jugendrates der Generationen Stiftung, haben in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen einen solchen Plan erarbeitet. In unserem Buch „Ihr habt keinen Plan- darum machen wir einen“, das am 18. November im Blessing Verlag erscheint, stellen wir 100 Maßnahmen auf, mit denen wir unsere Zukunft retten können. 

Wenn wir das Leben auf diesem Planeten bewahren wollen, ist es unverhandelbar, dass zuerst die Klimakatastrophe und der Ökozid aufgehalten werden müssen. Bislang kontrovers diskutierte, mutige Maßnahmen sollten dabei selbstverständlich sein. Neben anderen Schritten muss Deutschland natürlich schnellstmöglich aus der Kohle aussteigen und ohne Frage müssen umweltschädliche Subventionen in unfassbaren Dimensionen – allein im Jahr 2012 57 Milliarden Euro – gestrichen werden. Denn es ist logisch, dass man keinen Klimaschutz betreiben kann, wenn die dreckigsten Industrien künstlich am Leben gehalten werden.  

Wenn wir jetzt entschlossen handeln, können wir ein noch größeres Massensterben verhindern. Durch die Bewältigung der Klima- und Umweltkrise kaufen wir uns Zeit. Zeit, weitere Handlungsfelder endlich anzupacken. Diese müssen wir nutzen, um die grundlegenden Paradigmen unseres Wirtschaftssystems zu ändern, sonst steht die nächste Krise schon bevor. Denn die Klimakatastrophe ist nicht zufällig entstanden. Sie ist das Produkt unserer Denk- und Handelsweise, eines kaputten Systems. Ermöglicht wurde sie durch eine Wirtschaft, die in Quartalsberichten Rechenschaft ablegen muss für Gewinnausschüttung und Aktienkurse, aber nicht für die ökologischen und sozialen Kosten ihres Handelns. Sie wurde angefeuert durch eine marktkonforme Politik, die ihren Erfolg anhand willkürlicher Größen wie dem BIP misst, auf den sich Umweltzerstörung positiv auswirkt. Die gleiche Politik genehmigt Waffenexporte in Bürgerskriegsgebiete und will „Handelswege notfalls militärisch durchsetzen“. Im Zweifelsfall stehen Profit und Wachstum vor menschlichem Leben. Auch an die Versprechung vom „Wohlstand für alle“ hält sich unser Wirtschaftssystem schon lange nicht mehr. Stattdessen schafft es Ungerechtigkeiten und verstärkt diese durch ständige Reproduktion. Durch paradoxe Besteuerung wird das Vermögen immer weiter von unten nach oben verteilt. Wenn wir jetzt Bilanz ziehen, ist das Ergebnis katastrophal. Ein System, das solche Kollateralschäden verursacht, ist niemals alternativlos. 

Eine empathische Gesellschaft schaffen 

Es ist deshalb höchste Zeit, die Alternativen endlich in den Blick zu nehmen: Wir können eine Gemeinwohlökonomie einführen, in der Unternehmen verpflichtet sind, das Wohlergehen aller Bürger*innen zu maximieren statt ihren eigenen Profit. Es muss Schluss damit sein, dass Unternehmen Gewinne erzielen, indem sie die Folgekosten ihres Handelns der Allgemeinheit aufbürden. Müssten die Verursacher*innen alle Schäden, die sie durch Umweltzerstörung oder -verschmutzung auslösen, selber bezahlen, wären viele der bisher so erfolgreichen Geschäftsmodelle schlicht unrentabel. 

Eine Abkehr von der kannibalistischen Wirtschaftsweise wird nur gelingen, wenn wir dabei auf ein starkes gesellschaftliches Fundament bauen. Aber auch da: Fehlanzeige. Zumindest bislang. Soziale Ungleichheit und Armut spalten unsere Gesellschaft und gefährden den sozialen Frieden. Das zermürbt unsere Demokratie. Diesen Entwicklungen können wir nur Einhalt gebieten, indem wir die Schere zwischen Arm und Reich nicht noch weiter aufgehen lassen. Das wird nicht durch weitere Lippenbekenntnisse passieren, sondern nur durch konsequentes Handeln. Vermögen und Spitzengehälter müssen stärker besteuert, die Sozialsysteme ausgebaut werden. Wenn niemand mehr das Gefühl haben muss, zurückgelassen zu werden, werden weniger Menschen menschenfeindliche, undemokratische Parteien wählen. Unsere Demokratie könnte wieder aufatmen.  

All das kann nur funktionieren, wenn wir endlich die längst überflüssige Revolutionierung unseres Bildungssystems angehen. Eine empathischere Gesellschaft von morgen, die einander auffängt und trägt, muss schon heute geformt werden – in Kindergärten und in Schulen. Die Transformation dorthin beginnt mit einer Haltungsänderung in jeder*jedem von uns. Zentrales Ziel von Lehrplänen muss die Vermittlung von Teamwork, Kreativität und Selbstständigkeit und die Schaffung von Chancengerechtigkeit sein. In Zeiten der fortschreitenden Automatisierung darf sich Schule nicht mehr nur um die Aneignung und Reproduktion von Wissen drehen, sondern muss sich auf die Stärkung derjenigen menschlichen Eigenschaften konzentrieren, die eben nicht durch Computer ersetzt werden können.  

Wir müssen uns beeilen 

Für all diese Veränderung bleibt uns nicht viel Zeit. Denn wir stecken bereits mittendrin in der Digitalisierung, die vieles massiv verändern wird. Auch, wenn momentan niemand einschätzen kann, wie genau sie auf unser Leben auswirken wird: Dass sie es tun wird und schon heute tut, ist unumstritten. Ein paar I-Pads für Schulen zu kaufen, kann doch nicht ernsthaft die politische Antwort sein auf die großen Fragen, die diese aufwirft: Wie sorgen wir dafür, dass wir als Personen, die Politik und unsere Gesellschaft nicht durch Tech-Konzerne erpressbar und manipulierbar werden? Wie gehen wir mit dem Verlust von Arbeitsplätzen um? Wie verhindern wir Überwachung und Datenmissbrauch?  

Unsere Gesellschaft kann an der Digitalisierung zerbrechen- oder massiv von ihr profitieren. Letzteres ist aber nur möglich, wenn rechtzeitig die Idee etabliert wird, dass die Wirtschaft allen Menschen dienen soll und nicht einigen mächtigen Konzernen. Hieran wird sich also der Erfolg unserer vorherigen Maßnahmen messen. Das zeigt: Die Transformation hin zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft lässt sich nicht auf einige wenige Bereiche unseres Handelns beschränken.  

Die dringendsten Krisen unserer Zeit hängen miteinander zusammen und können nicht isoliert betrachtet werden. Um unsere Zukunft zu retten, muss an vielen Fronten gleichzeitig gekämpft werden. Die Rettung unserer Zukunft, die Transformation unserer Gesellschaft, muss von Anfang an systemisch und ganzheitlich gedacht werden. Dass wir, die Jugend, aus Verzweiflung und Angst dieses Buch schreiben und Lösungen aufzeigen müssen für Probleme, die wir selbst nicht verursacht haben und für deren Bewältigung eigentlich andere zuständig sind, zeigt nur einmal mehr: Die Lage ist ernst. 

Die Rettung der Zukunft ist unverhandelbar 

Kritiker*innen werden sagen, wir seien naiv, wenn wir die Maßnahmen, die wir einfordern, für umsetzbar halten. Alles brauche eben seine Zeit. Veränderung dürfe nicht zu radikal sein. Wir, die junge Generation, hören das seit wir denken können. Und wir sind es so, so leid. Naiv ist doch nicht, eine Zukunft zu fordern, die mehr bietet als das bloße Überleben. Naiv und ignorant ist dagegen, angesichts einer existentiellen Bedrohung so weiter zu machen wie bisher. Radikal ist nicht, Frieden und Sicherheit für alle zu wollen, sondern auf ein System zu schwören, dass unsere Lebensgrundlage zerstört. Veränderungen werden unausweichlich kommen. Die ökologische Uhr lässt sich nicht zurückdrehen und deshalb gibt es weder ein „zurück“ noch ein „weiter so“. Wir stehen jetzt vor der Entscheidung zwischen Utopie und Dystopie. Wollen wir untätig bleiben und weiter mit unglaublicher Geschwindigkeit in eine Zukunft rasen, in der uns die Luft zum Atmen und die Nahrung zum Leben fehlt? Oder aktivieren wir alle unsere Kräfte, verhindern den Kollaps unserer Lebensgrundlage und schaffen eine sozial-ökologische Transformation, die jeder*m zugutekommt?  

Noch haben wir die Chance, uns für die zukunftsfähige Variante zu entscheiden. Wir haben einen Weg vorgelegt, den wir für gangbar halten. Wer damit nicht einverstanden ist, darf gerne Alternativen vorschlagen. Debattiert mit, denkt nach, kritisiert! Es gibt nur eine Sache, die unverhandelbar ist: Die Rettung unserer Zukunft. Auf geht’s: Packen wir sie jetzt an! 

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