Ein Bericht der LCOY (Jugendklimakonferenz)

von Flora S. Jansen | Fotos: Flora S. Jansen, Friederike Teller, Christoph Zehendner

„Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen.“ Das sei vielmehr „eine Sache für Profis“. Das sagte Christian Lindner (FDP) Anfang März gegenüber der Bild am Sonntag als Reaktion auf die wöchentlichen Klimademonstrationen. Weit gefehlt, sage ich!

© Flora S. Jansen

Die Jugendklimakonferenz LCOY sprach Bände. Vom 4.- 6.Oktober trafen sich junge Menschen aus ganz Deutschland in Heidelberg, um über die Komplexität der Klimakrise zu debattieren. Denn ja, den jungen Menschen ist bewusst, mit welch‘ komplexen Zusammenhängen sie sich befassen. Deshalb waren die Neugier und das Interesse am Austausch und der Weiterbildung im Rahmen der Konferenz umso größer. Die Bandbreite der Workshops war riesig und das Abwägen zwischen ihnen schier unmöglich.

Dass Digitalisierung und Nachhaltigkeit sich nicht zwingend ausschließen, zeigte ein Workshop zum Thema Smart Cities. Darin befassten wir uns kritisch mit dem Nachhaltigkeitskonzept der drei Säulen. Dieses stellt Ökonomie, Ökologie und Soziales, als einzelne Säulen dar, auf denen die Gesellschaft ruht. Aussage: Es braucht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den drei Bereichen, um unsere Gesellschaft zu tragen. Wir tendierten schlussendlich aber zum Donutmodell, das Ökologie, Soziales und Ökonomie zusammendenkt. Dabei müssen sozio-ökonomische Grundlagen gesichert werden, der innere Kreis, dürfen ökologische Grenzen, äußerer Kreis, allerdings nicht überschreiten. Nur innerhalb dieses Donutrings ist das menschliche Handeln als nachhaltig zu verstehen.

Bezieht man das Donutmodell auf die Digitalisierung, kommt man zu dem Schluss, dass Digitalisierung durchaus der Nachhaltigkeit dienen kann, wenn sie soziale Randbedingungen beachtet und der Gesellschaft hilft, ökologischen Grenzen nicht zu überschreiten.

© Friederike Teller

Ein weiterer Workshop befasste sich mit dem Schienenverkehrssystem von Hong Kong und der Frage, ob dies als Vorbild für unsere hiesigen Schwierigkeiten mit der Bahn dienen könnte. Noch mehr Workshops gab es zu den Zusammenhängen von Flucht und Klimawandel, zur Umweltpsychologie, zur Frage nach einem persönlichen Bewusstsein für die Klimakrise, zu Konsum, erneuerbaren Energien und vielem mehr.

Doch die Konferenz bestand nicht nur aus dem Konsumieren des Inputs, das die Workshopleiter*innen anboten. Insbesondere in den Politiker*innengesprächen am virtuellen Kaminfeuer und den Podiumsdiskussionen zeigten die Teilnehmenden, dass sie durchaus schon Expert*innen auf ihren Gebieten sind. Die Staatssekretärin im Ministerium für Ländlichen Raum, Ernährung und Verbraucherschutz Friedlinde Gurr-Hirsch erlebte dies am eigenen Leib. Nach der Podiumsdiskussion „Ernährung der Zukunft“  musste sie unangenehm konkrete Fragen beantworten. Auch Staatssekretär des baden-württembergischen Umweltministerium Andre Baumann musste auf komplexe bürokratische Abläufe und verschiedene Interessenskonflikte in und zwischen den Ministerien verweisen, als die Frage aufkam, warum seit Beginn des Jahres im doch so vorbildlichen Baden-Württemberg bisher nur ein einziges neues Windrad ans Netz gegangen sei. Dass ein Deutschland mit 100% erneuerbaren Energien möglich ist, wurde uns auf der Konferenz von Fachleuten dargelegt– im bisherigen Tempo wird das 2050, 2040 oder gar 2035 aber sicherlich nicht der Fall sein!

Man könnte meinen, dass der Frust und die Klimadepression in solchen Tagen noch stärker werden. Doch es zeigte sich schnell, dass so viele engagierte Menschen auf einem Haufen, die alle für eine klimafreundliche und gerechtere Zukunft kämpfen, sich gegenseitig nur noch mehr motivieren. Hilfsbereitschaft, Offenheit und Neugier waren allgegenwärtig. Das ist es, was die Bewegung um Fridays for Future und Extinction Rebellion wohl so unvergleichbar macht. Diese positive Energie gepaart mit unglaublichem Fachwissen hat eine Dynamik entwickelt, die auf Großes hoffen lässt. Oder wie Rebecca, die UN-Jugenddelegierte für nachhaltige Entwicklung sagte: „Think big!“ Denn nur so kam es soweit, wie bisher: 1,4 Millionen Menschen demonstrierten am 20. September allein in Deutschland. Die Kampagne All4climateaction, die Rebecca ins Leben gerufen hat, schaffte es sogar, dass sich Aktivist*innen aus 90 Ländern zusammenschlossen. Die Beteiligten organisierten lokale Streiks und Projekte, um in der Öffentlichkeit deutlich zu zeigen, dass sie alle „all in for climate action“ sind.

Das alles lässt hoffen, dass die Forderungen der Konferenz, die während des Wochenendes gesammelt und ausformuliert wurden, tatsächlich Druck auf die Politik ausüben können. Doch momentan steht der Wind für die über 400 Teilnehmenden der Konferenz schlecht. Das Kabinett stimmt über ein Klimaschutzpaket ab, das hinter den Erwartungen der Teilnehmenden weit zurück bleibt. Wir kämpfen also weiter. Für eine bessere Welt – und für unsere Zukunft.

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