Texte: Kollektiv | Kunst: © Aissata Drieling & Mathis Gilsbach

Intro-Memo:

Weltschmerz

Text: Katharina Hilbich

Mein Weltschmerz ist wie ein Sitzsack. So einer, der schon ganz alt ist und der schon viele kleine Löcher hat, aus denen er seine Füllung verliert. Deshalb sinkt man auch immer viel tiefer in den Weltschmerz hinein, als man erwartet. Manchmal hat man das Gefühl, man könnte den kalten Boden unter sich spüren.

Weltschmerz ist schon lange da. Er hat seinen festen Platz im Raum. Oft geht man tagelang an ihm vorbei und beachtet ihn gar nicht – an anderen Tagen sinkt man so tief in ihn hinein, dass es schwerfällt, allein wieder aufzustehen. Dann fühlt es sich so an, als würde man mit dem Weltschmerz verschmelzen. Alles um einen herum knistert und rauscht, es wird schwer, klare Gedanken zu fassen.

Weltschmerz ist wirklich unbequem. Eigentlich – denkt man sich – eigentlich würde man Weltschmerz am liebsten irgendwo verstecken, wo man ihn dann vergessen kann. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber selbst in der hintersten Ecke verstaut, ist er immer noch da und wartet still darauf, von jemandem gesehen zu werden und diese Person vollkommen einzunehmen, ja, fast zu verschlucken.

© Mathis Gilsbach

Reichlich unausreichend

Text: Flora Jansen

Die Fahne an meinem Fenster hängt nass geregnet nur noch an einem Zipfel im Rahmen. Evakuiert die Lager wurde noch Wochen zuvor in krakeliger Eddingschrift voll pulsierender Energien darauf geschrieben. Die Bücher stapeln sich auf meinem Tisch. Eines handelt von Klimawandel, ein anderes von Nationalismus, wieder ein anderes von Flucht. Wo soll ich anfangen? Ich liege auf dem Rücken. Ich starre von meinem Bett auf die Rillen der Holzvertäfelung über meinem Bett. Meine Finger krallen sich in die Bettdecke. Kalt auf kalt. Es dröhnt in meinem Kopf. Trump hat Florida, Florida, Florida. Hallt es nach. Sie sagen, der Danni ist Geschichte. Ich denke an all die Berichte einer kleinen anarchischen, besseren Welt selbstgebauter Baumhäuser und weine. Fast. Los. Wir müssen los, sagt er. Los? Wohin? Zur Demo, für Rojava. Lass uns Solidarität zeigen. Noch keine Zeit, ich komm nach. Ich muss eben noch all das weggeworfene Essen bei Rewe, Aldi, Kaufland, Lidl, Denn’s, Ebl, Konzum, Coop, Budni, Edeka retten. Dann noch einen feministischen Post vorbereiten, damit ein für alle Mal Gendergerechtigkeit einkehrt. Ah – vergessen, Eta rastet aus! Noch schnell Spendenformular ausfüllen, im Vorbeigehen eine Hotline für sich radikalisierende Jugendliche einführen und die US-Wahl mit der taz zum Krieg um die Demokratie küren. Mein Hirn rennt weiter, nächste Tabs ploppen auf. Gesundheitsämter, Schlachter, arbeitslos, Drogen, Sucht, Orban, Entwicklungspolitik, zerstörte Schutzzone, Lüge, Atommüll, Corona, Tragödie, Pressefreiheit, tot. Nachrichtenflut, doch niemals Gute. Little Hope heißt das Videospiel, von dem sie schreiben. „Der Horror liegt im Druck, die Geschichte zu einem möglichst guten Ende zu führen.“ Die Last des Möglichst ist unerträglich.

Manchmal ist da was

Text: Leon Lobenberg

Kennst du das? Dieses ziehen in der Brust, dieses Stehenbleiben der Gedanken, dieses Fallen in die Zeitlosigkeit? Dann bleib liegen, denn du fällst, wenn du alles spürst. Klammer dich an nichts und schau nach draußen in die Dämmerung oder die vorbeiziehenden Wolken. In deinem Kopf bleibt die Zeit stehen, die Kompassnadel dreht sich. Wo ist der Boden? Da muss es einen geben, denn du fällst ja. Oder sinkt die Welt um dich herum? Versinkt in dir, wird absorbiert von der Peripherie deiner Wahrnehmung, zieht sachte an deinem Bewusstsein, will, dass du mitkommst in die Tiefe. Du liegst nur da und siehst den Schatten da draußen zu, fühlst dich selbst wie einer. Einer, der verschwindet, weil da kein Licht mehr ist, sich verliert, mit friedlichen Augen Fixierungen sucht, bis du merkst, dass du schon verschwunden bist, in dir selbst. Und du kannst nicht sagen, ob du oder die Welt noch da sind. Im Nichts, das Nichts auffangen kann, weil der Boden fehlt. Da kann alles Sonne sein und alles Schatten, ohne Zeit. Fallen, fliegen, schweben. Schmerz, Hoffnung, Ruhe. Hier reichen sich Glück und Unglück die Hand. Alles gleich, wenn du liegen bleibst und aus dem Fenster siehst. Du bleibst zurück; chaotisch ruhend.

Kennst du das?

Dann bist du da, verloren. Merkst, dass dich vorbeiziehende Wolken festgehalten haben. Als du noch Teil davon warst, von deinem Leben. Es kostet Kraft, den Wolken vor deinem Fenster wieder Sinn zu geben, wieder einzutauchen in die Unverständlichkeit des Lebens – sich auf das Tosen der Emotionen einzulassen. Aber du schwimmst dort mit Anderen – und deiner Leidenschaft.

© Aissata Drieling

Spuren

Text: Laura Gerloff

In meiner Wohnung habe ich Bilder aufgehängt, um mich an das Leben vor der Einsamkeit zu erinnern. Ich denke, dass die Menschen auf den Bildern Spuren in mir hinterlassen haben, also warum nicht Spuren in meinem Zuhause von ihnen platzieren? Aber irgendwie wirkt das falsch. Jedes einzelne Foto habe ich sorgfältig ausgewählt und dort postiert, wo es sowohl farblich, als auch thematisch am Besten passt. Alles andere würde die Optik stören und Fotos sind schließlich dazu da, uns an die schönen Momente zu erinnern, also müssen sie schön sein. Sie müssen spontan sein und was früher Schnappschüsse waren, sind heute Experimente mit Licht, bei denen wir zwei Minuten brauchen, bevor wir alle Rädchen richtig eingestellt haben, nur um dann aus Versehen die Hand vor die Linse zu halten. Anstatt uns einzugestehen, dass wir die Momente, die wir fotografieren, nicht direkt auf dem Bildschirm sehen wollen, weil sie sonst schon vorbei wären. Anstatt uns den Wunsch einzugestehen, Fehler machen zu dürfen, enttäuscht zu sein von den unscharfen Sonnenuntergängen und unterbelichteten Partyfotos. Aber dann doch irgendwie erleichtert, weil wir wissen, dass es ein echtes Leben gibt und die Bilder dort noch immer schärfer sind.

Ich habe vor einigen Jahren mal Nordlichter gesehen, draußen auf einem zugefrorenen See.

Die Fotos, die du von ihnen kennst, sind objektiv betrachtet schöner als in echt. Du wärst von der Realität vermutlich enttäuscht, denn das, was du auf Bildern siehst, ist die Vereinigung mehrerer Minuten an Lichtspielen. Eigentlich siehst du, in dem Moment, nur vereinzelte Streifen und wären deine Augen zur Langzeitbelichtung imstande, dann könntest du einen Bruchteil dessen sehen, was die Kamera aufnimmt. Aber so ist es nicht: Du siehst die Gegenwart an dir vorbeiziehen, musst zu oft blinzeln, das Licht flieht so schnell aus deinen Augen, wie es in sie gekommen ist.

Wenn ich dich jetzt ablichte, dann klickt es einmal und eigentlich können wir nach Hause gehen. Also will ich dich nicht fotografieren. Ich will keine Bilder von dir, weil meine Fotos hässlich und nichtssagend sind, und du nicht, du bist schön und sagst vermutlich sogar zu viel. Ein Foto ist so zweidimensional, so still und so leise, so bist du doch in echt gar nicht. Ich will keine Spuren von dir aufhängen, weil es nie genug wären. Würde ich mein Zimmer mit deinem Gesicht tapezieren, so wäre das nicht ausreichend und außerdem sehr beunruhigend. Welche Spuren meine ich also? Ich spüre die Zeit. Überall. Noch nie so sehr wie jetzt, wo ich kurz blinzle und sich alles um Kilometer verschoben hat: Weil ein jeder von uns allein auf dem Herzen der Erde ist, durchbohrt von Licht, und sogleich kommt der Abend.[1]

Ich will nicht, dass unser Moment vorbei ist, will den Film nicht weiterdrehen, ich will es nicht einsehen, also drücke ich nicht auf den Knopf. Das ist die wahre Verewigung eines Moments – nicht zu akzeptieren, dass er vorbei ist.

Und jetzt? Jetzt bist du weit weg und ich hab keine Bilder, die mich an dein Gesicht erinnern. Keine Worte fallen mir ein für das, was ich erlebe, ich kann nicht schreiben, oder vielleicht will ich auch nicht. Und doch ist mein Vokabular für unsere Vergangenheit, für die Zeit, in der wir uns noch kannten, unerschöpflich, ihre Spuren unauslöschlich.

© Aissata Drieling

Weltschmerz: Eine Ode an und für dich

Texte: Elisa Hafner

Man müsse ein Universum sein. Auch wenn nur ein kleines.

Das Pure erscheint. Das Pure ist nichts. Das Absurde ist nichts. Nichts ist alles. Und das bist du. Eine gute-Nacht-Geschichte. Feierabendgeschichte. Ausdemclubschmeißgeschichte. Denn niemand hat sich heute in diesem Club gefunden. Alle nur ein Stück mehr verloren. Lass uns hoffen, sie werden sich wieder aufsammeln können. Sich zusammenkleben können. Und morgen im Schein des Lichts Whatsappnachrichten wieder stetig und gefasst beantworten können.

Breakdown

Und dann möge man meinen, es wäre nicht der schlechteste Einfall, wenn es sich einmal die Wurzel der vielbemühten Entfremdung freilegen würde. Gegensätze, wo keine Gegensätze – sondern Gradverschiedenheiten existieren. Dieses Verlangen, sich nicht für andere, sondern für sich allein aufzuopfern. Welch Schmaus.

Ich erkläre: Es ist nicht so, als würde ich nichts spüren – als würde die Welt undurchdringbar an mir vorbeiwabbern. Ich weiß nur, dass es so passiert, dass ich in einem bestimmten Moment… Und ich halte es gut aus. Alleine zwischen diesen Menschenmassen ohne Sinn verweile ich erwartungslos. Niedriger Puls, wacher Blick – denn genau dann ist es mir egal, denn es ist nichts Persönliches.

© Aissata Drieling

;zurückhaltend, schweigsam; Ich finde dich immer in Liedern.

Schulter an Schulter sitzend erst vor und zurück; gewichtverlagernd, dann gemeinsam seitlich auf eine und dann auf die andere Seite und dann dreht sich einer weg und der andere fällt nach hinten und auf den Rücken des Anderen, während dieser schräg auf dem Bauch liegt und auch nicht weiter Weiss. Verzichte, wenn morgen die kontinuierliche Option einer nicht vorhandenen Konversation ist und bleibt.

Amar meinte einmal zu Louise wer wir denn seien, alsbald wir vom hohen Ross steigen. Louise sinnierte höchst amüsiert über den dreckig-matschigen Boden der Tatsachen und beteuerte ihm Ihre Abhängigkeit von „existenzlastigen“ Beweisen. Der dogmatische Beweis werde noch vorgelegt, meanwhile ein wenig prätenziöses Bullshitting.

Amar fragte, woher gewusst werden sollte, ob schwarze Löcher auch wirklich existierten. Wenn der Begriff auf der Zunge zergehend doch bisher nur geschmacklos war, dann könne man sich um dessen Existenz wohl kaum bemühen wollen.

dissoziativ.

tumult um nichts.

ruhe ersehnt.

begierig ergafft.

von anderen verbraucht.

Ein griechischer Jüngling geht zugrunde. Es muss so sein. Meine Augen müssen ruhen. Sie ruhen in dir. In deinem Antlitz, denn du saugst den falschen Schimmer um dich auf und kreierst bittersüßes Nichts. Ein Nichts, das nichts weniger als das Gegensätzliche in mir auslöst.


[1] Salvatore Quasimodo: Ed è subito sera

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