sai-Kollektiv |Bilder: ©Nora Boiko & Jale

Gedanken über eine post-coronale Realität


Das pompöse Straßenfest nach Corona hat Knutschflecken an meinem ganzen Körper hinterlassen. Kichernd lagen Organe und Gliedmaßen ineinander, man nennt das wohl „sich Umarmen“, das passiert jetzt wieder öfter.

Auch Montage sind wieder wie immer schrecklich. Denn seit die Wochentage aus der Narkose erwacht sind, muss ich immer montags die schrill-schrägen Karaokeklänge ertragen, die von der Straße schallen – weil die Nachbar*innen beim allabendlichen Singen damals gemerkt haben, dass das mit dem Mund aufmachen und Töne rauslassen ja wirklich fantastisch befreiend ist – nun singen sie jeden verdammten Montag auf der Wiese auf der Straße vor meiner Tür.

Befreiend war es auch, als die Welt, wie durch ein Wunder, anfing, einfach mal die Augen zu schließen und tief durchzuatmen. So wurden die Augen von Tag zu Tag und Blick zu Blick leuchtender, Selbstliebe spross durch die Wohnungen wie die Blumen, die sich trotz des C-Wahnsinns nicht vom Wachsen abhalten ließen. Und durch die Liebe für das Selbst wuchs die Liebe für die Außenwelt, für Mensch, Tier und Umwelt.

Das war bitter notwendig, denn unter den Erdbeben der vergangenen Monate sind die von uns so sorgsam aufgebauten Luftschlösser und Gedankenpaläste unseres Glaubenssystems einfach zusammengebrochen.

Früher haben wir uns bunte Konstanten von Sicherheit und Geborgenheit ausgemalt. Mit Geld, Beziehungen und Arbeit verdrängten wir gekonnt, dass die einzige Konstante im Leben doch die Ungewissheit ist.

Mein Blick wandert von den Tomatenpflanzen auf mein Handy. So wie es mittlerweile üblich ist, tauschen mein Tinder-Date und ich vor unserem Treffen noch schnell unsere Gesundheitsdaten.

Seit der Isolationszeit traue ich mir mehr zu, meine Komfortzone zu verlassen, um neues zu entdecken. Aber nicht alle Menschen erkannten nach der Corona-Zeit, das Liebe alles heilen kann. Die grausam-hohe Zahl derer, die in ihrer Einsamkeit eine Depression entwickelten, die wochenlang ihren gewalttätigen Partner*innen und Eltern ausgesetzt waren, kann heute nur geschätzt werden. Plötzlich gibt mein Handy das mir so vertraute Vibrieren von sich. Eine Nachricht mit dem pink-gelben Flammenlogo erscheint auf dem Display: Mein Tinder-Date lässt mich sitzen – manches ändert sich nie.

Ach was soll‘s, denke ich mir. Im Alleinsein bin ich inzwischen absolute Spitzenklasse, schließlich hatte ich während der Corona-Phase ausreichend Zeit das zu praktizieren. Mich auszuhalten, das musste ich erst lernen, zumal ich es zuvor selten bis nie überhaupt erst soweit hatte kommen lassen. Rausgehen, Menschen treffen, um die Häuser ziehen, Nächte durchtanzen – das waren bisher meine Strategien der Wahl gegen das nur zu oft bis zum Hals stehende Gefühl, sich selbst kaum ertragen zu können. Freiwillig hätte ich mich dieser Herausforderung – mir selbst – wohl nicht gestellt, noch nicht.

© Nora

Nach der Quarantäne ging ich durch die Straßen, die sich so langsam wieder mit Leben füllten.

Ich stehe plötzlich wieder in der überfüllten U-Bahn auf dem Weg zur Vorlesung mit einem etwas unguten Drücken im Magen, was die Menschenmenge angeht, die ganz plötzlich zu einem stumpfen Gefühl der Panik überschwappt: Will ich den Normalzustand, dass alles wieder wird wie Früher? Denken die müden Menschen: ist schon okay, weil hier in Deutschland haben wir doch alles wieder unter Kontrolle.

Alles ist neu. Nichts ist neu. Und so stecken wir eine ganze Weile lang fest: zwischen Systemrelevanz und Systemkampf. Zwischen dem Bedürfnis, einen Beitrag zu leisten und dem Wunsch, all das umzustürzen, was diese Probleme überhaupt erst verursacht hatte. Lückenlose, idealtypische Lebensläufe und Regelstudienzeiten, die uns weismachen wollte, dass all das, wofür unser Leben reichen sollte, eine lange Kette von Ereignissen mit dem Ziel der Selbstoptimierung ist. Dass unser Beitrag auf Erden maximal der Plastikmüll sein kann, den wir hinterlassen. Sie hatten es fast geschafft, uns vollständig zu erdrücken. Aber vielleicht muss man am Boden ankommen, um sich wieder aufzurichten. Denn als ich nach der Quarantäne durch die Straßen ging, war ich nicht allein, nicht mehr. Da waren all diese Menschen, die entdeckten, dass alles was sie sahen, ihnen gehörte – Ihnen als Bewohner dieses Planeten.

Die Gestaltung und das Ausleben von Gemeinschaft war nur Freizeit. Ist es nicht seltsam, dass sich das sosehr verändert hat, obwohl wir nicht zusammen sein konnten? Gemeinschaft ist das geworden, was mir einen Wert verleiht. Nicht mehr die einsame Schufterei und das „Batterien-Aufladen“ auf den Partys am Wochenende. Und Ist das Lächeln der Spaziergänger*innen nicht viel schöner geworden?

Dann mache ich mir einen Kaffee und erinnere mich an das Gefühl zu reisen. Es fühlt sich so schön an, so warm und gelb, nein richtig bunt fühlt es sich an. Ich mache mich fertig, um raus zu gehen. Ich freue mich auf die, die ich so gerne hab. Mit ihnen zu sein fühlt sich jetzt an wie Urlaub.

© Jale

Ich sitze im Nachtzug von Freiburg nach Lissabon und denke über die vergangene Zeit nach. Es fühlt sich ein bisschen surreal an wieder unterwegs zu sein. Und vor allem, dabei nicht in einem Flieger zu sitzen. Das Reisen wurde dadurch entschleunigt und ruhiger. Die Auswirkungen der Krise sind immer noch zu spüren, viele Menschen haben eine harte Zeit hinter sich. Aber wie es scheint hat dieser Schock uns ein bisschen wachgerüttelt und uns den Anstoß gegeben unser Verhältnis zur Natur zu überdenken und neue Wege zu gehen. 

Ja, ich glaube, was uns diese zwei Jahre Ausnahmezustand gezeigt haben, ist die Zerrissenheit dieser Welt. In Krisen werden Risse deutlicher. Hoffen wir, dass diese Impulse, dieses kompromisslose Fordern, nicht erneut am Neoliberalismus zerschellen – an den Wenigen, die alles dafür geben, wieder den vorherigen Zustand zu erreichen. 


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