Text: Leon Lobenberg | Illustrationen: Malena Guinet

Ich setze die Tasse an die Lippen und verharre einen Moment.

Das Kaffee-Aroma wabert in der Luft zwischen meiner Nase und der schimmernden Oberfläche des Cappuccinos. Ich sauge es begehrlich ein. Dabei verändere ich ein wenig meine Handstellung. Das mit Milchschaum gemalte Herz verformt sich und fließt in Richtung meines halb geöffneten Mundes. Wie ich diesen Moment liebe – das volle Aroma der Kaffeebohnen in der Nase. Der genüssliche Schluck nur noch einen Sekundenbruchteil entfernt. Reine Konzentration auf den Moment, alles andere wird abgeschaltet. Hier habe ich die Kontrolle über mein Glück. Das Glück, das sich gleich warm in meinem Mund verteilen wird. Das Glück, das mittlerweile ein fester Bestandteil meines Tages ist.

Ein Blick unter die cremige Oberfläche

Abgesehen von der Koffeinsucht, die ein ernsthaftes Problem ist, erscheint exquisites Kaffeetrinken dem normalen und anstrengenden Alltagstrott entgegengesetzt. Der Kaffee-Hype hat uns alle erreicht. Natürlich auch in Form des mal eben geschlürften Filterkaffees, auf den Morgenmuffel schwören. Vor allem jedoch als die Lust am Kaffeetrinken selbst, nicht bloß um wach zu werden. Der Gang zum Lieblingscafé an der Ecke ist oft ein zentraler Teil unseres Tagesablaufs. Kaffeetrinken ist etwas, das dem*der Kaffeekonsument*in ruhige und intensive Momente bietet – etwas Besonderes, geradezu nichts Alltägliches. Denn dieser Alltag ist geradezu das Gegenteil von besonders. Gewohnheiten sind unsexy. Deshalb muss der Ausbruch her, der aus dem passiven Verleben von alltäglichen Abläufen ein aktives Erleben von Momenten macht. Ein aktives Erleben besonderer Genuss-Momente, wie eben das Trinken eines cremigen Cappuccinos.

Was hat das mit dem Neoliberalismus zu tun?

Die Funktion solcher Momente ist leicht nachzuvollziehen. Leider auch für den Kapitalismus – denn genau wie ich genüsslich den Cappuccino aufsauge wird mein ruhiger Moment vom Kapitalismus aufgesogen, kurz verdaut und als Konsumritual wieder ausgeschieden. Sind wir mal ehrlich: Zum Ausbruch aus dem Alltag gehört mehr als nur der Genuss des Kaffees und die innere Achtsamkeit. Es wird vielmehr eine ganze Armee an Symbolen gebraucht, die meinen Cappuccino zu einem Erlebnis machen. Hier eine unvollständige Aufzählung: Die Lage des Cafés, dessen authentische Einrichtung, der Style der Kellner*innen, die Wertigkeit der Kaffeemaschine, der Ursprung der Bohnen, eine passende Geschichte der Menschlichkeit zwischen oft indigenen Kaffeebauer*innen und weißen Röstereibesitzer*innen, die instagramreife Inszenierung des Cappuccinos… die Liste schreit nach Erweiterung.

Alle genannten Dinge haben etwas gemeinsam: Es sind sogenannte „immaterielle Güter“, also keine Produkte zum Anfassen, Erwerben oder Verbrauchen. Kein klassischer Bilderbuchkonsum also. Eher Accessoires, die das Erlebnis „Kaffeetrinken“ ausmachen. Dieser verborgene Konsum umgibt uns mittlerweile in vielen Freizeitaktivitäten. Überall da, wo Erlebnisse darauf warten, erlebt zu werden, hat der Konsum seine Finger im Spiel. Entweder kaufen wir sie direkt, wie zum Beispiel ein Kinoticket. Oder wir konsumieren sie indirekt, wie zum Beispiel die Idee eines romantischen Dates, mit allem was dazu gehört – von der „Dienstleistung Tinder“ bis zum Cocktail oder dem Kondom.

Wir konsumieren am besten, wenn wir nicht merken, dass wir konsumieren.

Solche komplizierten Konsumrituale sind als solche meist nicht erkennbar. Sie leben ja gerade davon, eine Auszeit von Konsum und Produktivität bieten zu wollen. Sie stehen für Entspannung und Erholung. Wer würde dahinter so ein kaltes System wie den Kapitalismus vermuten? Ohne dass wir es merken wird so Erholung zu Konsum: Kaffeetrinken stellt nicht mehr den Anfang einer Pause vom Alltag dar oder ist der Grund für ein Treffen mit einer*m Freund*in. Vielmehr ist Kaffeetrinken selbst zum Erholungserlebnis geworden.

Dort versteckt sich der Konsum. Man kann ihn nie richtig benennen. Klar, ich trinke einen Cappuccino und bezahle an der Kasse – eine mustergültige Definition von Konsum. Aber dieses Bewusstsein steht nicht im Vordergrund. Es wird verdeckt von meinem Gefühl, gerade etwas Wichtiges für mich zu tun, einfach indem ich diesen besonderen Moment genieße. Kaffee-Glück pur.
Ein konsumistisches Glück, denn von uns selbst berauscht verwechseln wir einen simplen Warentausch mit einem sinnaufgeladenem Ritual. Einem Moment, in dem wir wir sind- durch den Kaffee. Das Gefühl, aus dem Alltag ausgebrochen zu sein, ist die spezielle Duftnote, die den Kaffee erst lecker werden lässt. Neben Duftteilchen wirbeln noch ganz viele Emotionen durch die Luft und finden ihren Weg in meine Nase. Klingt übertrieben? Dann betrachten wir es mal nüchtern: Ich projiziere kein Glück mehr auf den Kaffee, sondern der Kaffee projiziert Emotionen auf mich. Ich konsumiere keine Flüssigkeit, sondern sein Versprechen, nur für mich da zu sein, nur mir sein Glück zu schenken. In seiner wunderschönen Anordnung im minimalistisch designten Café werde ich zur Zielscheibe von Emotionen, die wie für mich gemacht scheinen. Für die ich bereit bin zu zahlen, weil ich mich gerade so besonders fühle. Bin ich noch Subjekt mit eigenen Emotionen oder werde ich schon zum Objekt des Kaffees? Würden wir uns selbst sehen, wenn die cremige Oberfläche des Cappuccinos spiegeln könnte?

In der neoliberalen Konsumgesellschaft werden Gefühle selbst zur Ware, die wir für 2,90€ im Lieblingscafé erwerben können. Das passt auch ziemlich gut in die Formel der Leistungsgesellschaft „Glück=Selbstverwirklichung“, denn wenn wir uns selbst planmäßig einmal am Tag glücklich machen können, fällt das Abarbeiten der To-do-List leichter. Noch besser, wenn Kaffeetrinken selbst schon auf der Liste steht. Der Ausbruch aus dem Alltag wird so zur üblen 180-Grad-Wende direkt wieder hinein in den Alltag und in die Leistungsgesellschaft. Und wir schlürfen dabei nichts ahnend den langsam nicht mehr so warmen Cappuccino.  

Wo der Neoliberalismus ist, ist auch Social Media nicht weit

Zugegeben, etwas ahnen wir schon: Der Neoliberalismus hat uns noch nie ganz in Ruhe schlürfen lassen. Auch dieser Moment wurde zunehmend zum Lieblingsmotiv der Insta-Story, die mittlerweile genauso wichtig scheint, wie die Milch im Kaffee. Unsere Glücksmomente können wir halt noch weiter dopen – durch den sozialen Vergleich: Kaffeetrinken findet großen Widerhall in der neoliberalen Idee der Vergleichbarkeit von Glück. Denn Konsum lässt sich gut vergleichen. Mit einem schnellen, vielleicht auch ironisch gemeinten Post, wird mal eben die eigene Wertigkeit oder das eigene Glück gemessen.

Oft ist es nur ein dumpfes Gefühl, eine stille Übelkeit, wenn wir Instagram wieder schließen. Oder das Gefühl von latenter Orientierungslosigkeit, von Fremdheit in dieser großen Welt, wenn wir den Boden der Tasse erblicken. Genau wie die Bläschen des Milchschaums drohen unsere Emotionen nach inszenierten Glücksmomenten zu zerplatzen. Also muss ein weiteres Gefühl her, dass uns Wert verleiht. Produktivität steht da hoch im Kurs. Oder eben Konsum.
Vielleicht noch einen Kaffee?  

3 thoughts on “Auf einen Kaffee mit dem Neoliberalismus”

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