Text: Emily Bader | Illustrationen: Mathis Gilsbach

Mit Microdosing zur Selbstoptimierung?

Obst, Toast und zehn Mikrogramm LSD. Sieht so das Frühstück der Zukunft aus? Psychedelische Drogen wie LSD werden für gewöhnlich mit intensiven, langanhaltenden Trips, Halluzinationen und Hippies verbunden. Mittlerweile konsumieren immer mehr Menschen unterschiedlichster gesellschaftlicher Hintergründe diese Substanzen regelmäßig in kleinen Dosierungen, um dadurch ihre Alltagserfahrung zu verbessern. 

Diese Form des Konsums wird als Microdosing bezeichnet. Hierbei werden geringe Mengen psychoaktive Substanzen, wie LSD oder sogenannte „Magic Mushrooms“,  konsumiert. Eine Microdose LSD liegt beispielsweise zwischen 6 und 10 Mikrogramm, bei Psilocybin zwischen 0,1 bis 0,4 Gramm getrockneter Pilze. Diese Menge reicht an eine spürbare Dosis nicht heran. Um einen tatsächlichen Rauschzustand zu erleben, wäre ca. die 10-fache Menge einer Microdose notwendig. Die meisten Konsumierenden nehmen über mehrere Wochen alle 2 bis 3 Tage eine Microdose ein und pausieren dann die Einnahme für mehrere Monate.

Die Intention des Konsums liegt für die User also gerade nicht in einem berauschenden High-Zustand. Stattdessen sind die Motive vielfältig: Linderung von Depressionen und Angststörungen, Erhöhung der Produktivität und Kreativität, mehr Motivation oder Entspanntheit sowie die Behandlung von chronischen Schmerzen. Microdosing entspricht nicht den typischen Vorstellungen des Konsums psychoaktiver Substanzen. Es geht nicht um eine psychedelische Erfahrung, sondern um eine Ergänzung zum alltäglichen Leben. 

Mit dem Buch The Psychedelic Explorers Guide des Psychologen und Autors James Fadiman gewann Microdosing im Jahr 2011 an Popularität. Das Buch ist die erste Publikation, die sich mit der Thematik beschäftigt. Der tatsächliche Ursprung der Idee des Microdosing ist hingegen unbekannt. Während psychedelische Pflanzen wie Peyote oder psilocybinhaltige Pilze schon seit Jahrtausenden von vielen Kulturen im Rahmen religiöser Riten konsumiert oder auch in geringeren Dosen zur Reduzierung von Hunger, Schmerz sowie zur Behandlung von Gicht oder Syphilis genutzt wurden, ist das Microdosing mit LSD ein neueres Phänomen. 

© Mathis Gilsbach

1938 entdeckte Albert Hofman, ein Schweizer Wissenschaftler, als er versuchte ein Mittel zur Kreislaufstimulation zu entwickeln die Substanz LSD. Im April 1943 testete Hofmann den Konsum von 250 Mikrogramm des Wirkstoffs im Selbstversuch und erlebte so als erster Mensch in der Geschichte den dadurch ausgelösten Rauschzustand. Später vermarktete der Pharmabetrieb Sandoz AG die Substanz unter dem Namen Delysid zur Behandlung psychischer Beschwerden. Während der 60er Jahre fand LSD seinen Weg aus den Laboren in die Gesellschaft. Mit der Hippiebewegung entstand eine regelrechte Acid-Subkultur. LSD wurde aufgrund seiner bewusstseinserweiternden Wirkung als Möglichkeit zur Befreiung aus verfestigten gesellschaftlichen Normen und Denkweisen angesehen. Das passte jedoch nicht zur kulturell-politischen Offensive des US Präsidenten Richard Nixon, der LSD im Zuge seines „War on Drugs“ im Jahre 1966 als illegal erklärte. Diese ablehnende Haltung verbreitete sich daraufhin auf der ganzen Welt, sodass mit dem Ende der 60er Jahre sowohl der Summer of Love als auch die Forschung zum Einsatz von Psychedelika als Medizin ein Ende fanden. 

In der daraus entstandenen Illegalität der Substanzen liegt auch die vermutlich größte Gefahr des Microdosings und des Konsums psychoaktiver Stoffe generell. Konsument*innen, die Drogen auf dem Schwarzmarkt erwerben, können nicht sicher sein, wie viele Mikrogramm sie pro Dosis wirklich zu sich nehmen. Im schlimmsten Fall konsumieren sie so eine Substanz, bei der es sich nicht um die Gewünschte handelt, sondern um einen möglicherweise gefährlichen, ihnen unbekannten Wirkstoff. Außerdem begeben sich die User mit dem Erwerb des LSD in die Kriminalität, was die offene Kommunikation und den Austausch über Erfahrungen mit Microdosing erschwert. 

Laut der Informationsseite drugcom.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verursachen Halluzinogene keine körperliche Abhängigkeit. Ob die regelmäßige Einnahme der Substanzen über einen längeren Zeitraum zu einer psychischen Abhängigkeit führen kann ist jedoch ungeklärt. Denkbar ist, dass sich eine Art funktionale Abhängigkeit einstellen kann, wenn die Drogen zur Leistungssteigerung eingenommen werden. Die akuten Risiken beim Konsum von Microdosen LSD können als geringer eingestuft werden als beim Konsum von „normalen“ Dosen LSD. Es werden keine Halluzinationen, keine Loslösung vom eigenen Körper und auch keine Ich-Auflösung ausgelöst. Daher ist es sehr unwahrscheinlich, dass beim Konsum einer Microdose psychische Überforderung, Bad Trips, Panik oder Paranoia ausgelöst werden. Generell gilt es allerdings als möglich, dass der Konsum von Halluzinogenen latent vorhandene Psychosen auslösen kann. Das bedeutet, dass bereits verborgen vorhandene Psychosen oder psychische Vorerkrankungen zum Vorschein kommen können, auch wenn kontrovers diskutiert wird, ob man den Substanzkonsum als alleinigen Verursacher dieser benennen kann.

© Mathis Gilsbach

Bestehende Wissenslücken im Zusammenhang mit dieser Thematik können nur durch intensive Forschung gefüllt werden. Diese gestaltet sich jedoch aufgrund der Illegalität der Substanzen und der gesellschaftlichen Stigmatisierung als schwierig. Der bisherige Wissensstand stützt sich überwiegend auf Erfahrungsberichte. Konsumierende beschreiben hier positive Effekte wie verbesserte Stimmung, Kreativität und gesteigertes Energielevel. Einige Individuen berichten auch von der Verringerung chronischer Schmerzen nach dem regelmäßigen Konsum geringer Mengen psychoaktiver Substanzen. Jedoch reichen Erfahrungsberichte allein nicht aus. Hier liegt auch der Knackpunkt der Diskussion rund um den Einsatz von Psychedelika als Medikament. Es besteht eine zu geringe wissenschaftliche Evidenz, als dass tatsächlich verlässliche Aussagen getroffen werden könnten. Zu diesem Schluss kommt auch Prof. Dr. Rainer Spanagel, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Psychopharmakologie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. Eine von ihm an Ratten durchgeführte Studie ergab, dass eine Alkoholabhängigkeit durch regelmäßiges Microdosing nicht behandelt werden konnte. Mögliches Potential sieht Spanagel im Einsatz von Psychedelika als Begleiter einer Psychotherapie. Es wurde nachgewiesen, dass sich schon eine Microdose LSD auf die Amygdala, das Angstzentrum des Gehirns, auswirkt. Die Therapie zum Beispiel von Krebspatient*innen, die Angst vor dem Tod haben, könnte demnach ein mögliches Einsatzgebiet von LSD sein. Er warnt jedoch zur Vorsicht, es sei noch zu früh, um eindeutige Aussagen treffen zu können. Zudem schließt er nicht aus, dass die konstante aber nicht spürbare Beeinflussung durch Microdosing auch negative Effekte hervorrufen könnte. 

Eine Studie aus dem Jahr 2019 ergab außerdem, dass sich eine Microdose LSD auf das Zeitempfinden auswirkt, jedoch nicht auf die Konzentration oder sonstige kognitive Leistungen. Frau Dr. Karin Preller von der Universität Zürich bestätigt dieses Ergebnis: bisherige Studien konnten anekdotische Berichte bzgl. positiver Effekte (Kreativität, Konzentration etc.) laut ihr nicht bestätigen. Sie betont allerdings: „Es wurde gezeigt, dass eine niedrige Dosis LSD Veränderungen in der Kommunikation zwischen dem emotionalen Zentrum des Gehirns und anderen Bereichen bewirken kann. Dies könnte eventuell Personen helfen, die Schwierigkeiten mit der Emotionskontrolle, zum Beispiel in Form einer Depression, haben.“

Angesichts der bestehenden Forschungsergebnisse bezüglich des Microdosings  im Zusammenhang mit Depression und Angstzuständen, sowie der Vielzahl an positiven Erfahrungsberichten kann der Eindruck entstehen, dass Psychedelika eine Art Wundermittel darstellen. Eine Lösung für die Probleme unserer heutigen Zeit angesichts immer weiter steigender Raten psychischer Erkrankungen. Jedoch wirft die Tatsache, dass Menschen Microdosing überwiegend nutzen, um Depressionen, Angstzustände und Antriebslosigkeit entgegenzuwirken die Frage auf, ob anstatt der Symptome nicht eher deren Ursache angegangen werden sollte. Das Phänomen, dass immer mehr Individuen zu Substanzen greifen, um in der Welt, in der sie leben mitzuhalten und zu funktionieren, ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Während LSD in den sechziger Jahren die Droge einer Gegenbewegung war, sollten wir uns heute fragen, ob die Ansätze der Hippies von Freiheit und Gerechtigkeit nicht Werte sind, die in unserer heutigen Welt längst selbstverständlich sein sollten. Die Entkriminalisierung von Drogen wie LSD und die Integration von Konzepten wie Microdosing könnten hier möglicherweise ein Schritt sein auf dem Weg in eine fortschrittlichere, freie Gesellschaft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.