Text und Illustrationen von Mathis Gilsbach

Es ist erstaunlich, wie schnell einem das Unbekannte bekannt und die Fremde zur Heimat wird. Und wie schnell die Zeit vergeht. Gerade noch bin ich am Flughafen von zwei mir unbekannten Menschen abgeholt worden und jetzt sage ich ihnen als guten Freunden schon Lebewohl.

Ich war für neun Monate in Skopje, Nord-Mazedonien für meinen Europäischen Freiwilligendienst.

Identitätssuche – Collage © Mathis Gilsbach

Europäischer Freiwilligendienst – was ist das denn?

Der Europäische Freiwilligendienst (EVS), inzwischen umbenannt in Europäisches Solidaritätskorps (ESC), ist ein Teil der Erasmus+-Initiative der Europäischen Kommission. Während jedes Jahr unzählige Studierende ihr Erasmus-Semester, soweit das Klischee, in den Bars und Clubs Europas verbringen, sind die anderen Erasmus+-Angebote relativ unbekannt. Dabei gibt es unzählige Kurzzeitprojekte wie Jugendbegegnungen und Seminarkurse zu Themen wie Umweltschutz, Toleranz, Antirassismus, Kreativität, Musik oder Sport.

Das Besondere daran ist, dass den Teilnehmenden dabei sowohl die Fahrtkosten als auch die Unterkunft bezahlt werden. Diese Projekte werden von NGOs in den Erasmus+-Partnerländern geplant und von der EU finanziert. Dabei sind an jedem Projekt Organisationen aus verschiedenen Ländern beteiligt.

Das entsprechende Langzeitprojekt ist der besagte Europäische Solidaritätskorps. Mit diesem kann man drei bis zwölf Monate ins Ausland, um bei einer Partnerorganisation an einem Projekt teilzunehmen. Zu Anfahrt und Unterkunft kommt hier noch ein monatliches Taschengeld hinzu, das je nach Zielland unterschiedlich hoch ist.

Man kann sich das wie ein Netzwerk aus Organisationen vorstellen, das junge Leute quer durch Europa und darüber hinaus schicken. Das macht ein bisschen den Unterschied zu vielen anderen Freiwilligendiensten aus. Ich konnte mit diesem Programm nach Mazedonien gehen und junge Menschen aus Mazedonien können davon genauso Gebrauch machen.

Skopje – Stadt voller Widersprüche © Mathis Gilsbach

Zurück nach Skopje – Begegnungen und Gemeinschaft

Aber zurück in ein kleines Zimmer in einem sozialistischen Altbau in Kisela Voda (wörtlich, = Mineralwasser) in Skopje. Es ist erst mein zweiter Tag in dieser Stadt. Ich wache auf und frage mich, was ich hier eigentlich soll? Ich bin in einer unbekannten Umgebung mit mir nicht vertrauten Menschen und jetzt soll ich erst mal Kisten schleppen?

Auf diese Weise werde ich gleich an meinem zweiten Tag mitten ins Geschehen geworfen, weil die alljährliche NGO-Messe ansteht, organisiert von meiner Host-Organisation, Volunteers Centre Skopje (VCS).

Statt gemütlicher Büroarbeit heißt es Kisten zu schleppen und gefühlte tausend unbekannte Menschen kennenzulernen. Am Morgen der Messe bin ich noch etwas verstimmt und will eigentlich nur nach Hause. Was soll ich hier? Warum muss ich jetzt diese Messe aufbauen, bei der ich nicht einmal weiß, worum es geht und wo ich die meisten Leute gar nicht kenne?

Am Ende des Tages jedoch gehe ich glücklich ins Bett, mit dem Gefühl am richtigen Ort zu sein.

Ich hatte viele tolle Menschen kennengelernt, jeder freundlich und offen und auch meine Koordinator*innen und Kolleg*innen erkundigten sich regelmäßig, wie es mir ginge und ob ich irgendetwas bräuchte.

Diese Erfahrung und viele vergleichbare, kleine Momente haben mich gelehrt, mich einfach mal einzulassen auf den Moment, auf das Unbekannte und zu schauen, was passiert. Meistens passiert nämlich doch etwas Gutes. Und wenn nicht, dann kann man hoffentlich daraus lernen und sich weiterentwickeln.

Matka Canyon, Nord Mazedonien © Mathis Gilsbach

Angst vor dem Unbekannten? – Raus aus der Komfortzone!

Das Hauptprojekt meines Freiwilligendienstes war das Jugendmagazin VOICES. Dabei schrieb ich zusammen mit den anderen Freiwilligen Artikel und gestaltete das Layout. Das war spannend, weil wir das gesamte Magazin gemanagt haben und viel Raum für eigene Entscheidungen und Initiativen hatten. Außerdem wurde ich in viele weitere Aspekte der Arbeit von VCS eingebunden. Wir organisierten Workshops für Jugendliche, sowie auch Freizeitangebote und individuelle Projekte, wie etwa einen Sprachclub für Deutschlernende.

Die größte Herausforderung war eine Jugendbegegnung, zu der ich als Assistent fahren durfte. Dort musste ich mich zuerst in der Rolle als Trainer zurechtfinden, da ich auch einige Workshops leitete. Gleichzeitig kam noch ein Altersunterschied zu den Teilnehmenden und die Sprachbarriere hinzu. Danach war ich sowohl körperlich, als auch psychisch ziemlich erschöpft, habe aber auch einiges über mich gelernt. Zum Beispiel, dass es mir Spaß macht, Unterricht zu geben.

Das ist das Beste an so einem Freiwilligendienst: Man wird immer wieder in neue, unbekannte Situationen geworfen und ist gezwungen, Lösungen zu finden und sich weiterzuentwickeln. Auch wenn es nicht immer einfach war, alles hat mich auf irgendeine Art und Weise nach vorne gebracht.

Zum Glück hatte ich auch kaum mit dem Kulturschock zu kämpfen, außer vielleicht mit der Unruhe und dem Mangel an körperlicher Distanz in den Warteschlangen am Flughafen in Skopje. Mir begegneten so viele freundliche und hilfsbereite Menschon, sodass ich der Stadt andere Dinge leicht verzeihen konnte, wie etwa eine dysfunktionale Müllabfuhr oder den Smog im Winter. Der Umgang mit der Umwelt, der allgegenwärtige Müll und der Smog waren allerdings durchaus Dinge, die mir auch klar gemacht haben, was meiner Ansicht nach in Deutschland alles gut läuft oder zumindest besser. Ich fand es sehr interessant, mit den Menschen über ihr alltägliches Leben zu sprechen und neue Perspektiven kennenzulernen. Zum Beispiel, dass man als Freiwilliger in Mazedonien durchaus gut leben kann, während das Durchschnittsgehalt bei etwa 300€ liegt, wovon dann inklusive Miete und Rechnungen alles bezahlt werden muss. Das zeigt auch die Wohlstandsblase, in der man sich dort als Freiwillige*r bewegt. Ein paar Monate in Skopje zu leben ist etwas ganz anderes als dauerhaft über die Runden kommen zu müssen.

Das ist das, was mir am meisten in Erinnerung bleiben wird, die vielen Begegnungen mit den vielfältigsten Menschen. Viele waren einmalig und bleiben nur in der Erinnerung bestehen, andere werden mich hoffentlich als Freundschaften noch eine lange Zeit begleiten. Und für diese neun Monate wurde mir die Fremde zur Heimat und auch mein Blick auf mein Leben in Deutschland hat sich in vielem verändert. Ich sehe es entspannter, wenn Leute flexibel mit der Zeit umgehen und wenn die Dinge nicht so laufen wie geplant. Ich habe auch neue Essgewohnheiten mitgebracht. Seither steht bei mir zuhause immer ein Glas Ajvar im Kühlschrank. Und natürlich ein Kopf und eine Kamera voller Erinnerungen. Insofern ist mir auch ein bisschen die Heimat zur Fremde geworden, und dafür bin ich sehr dankbar.

Angekommen in den Bergen Nord-Mazedoniens © Mathis Gilsbach

Und wie mache ich das jetzt? – Praktisches und Nützliches

Man braucht sowohl eine Entsende- als auch eine Hostorganisation. Die Entsendeorganisation in Deutschland ist dazu da, sich um das Finanzielle zu kümmern, die Vor- und Nachbereitung zu organisieren und einem den Rücken zu stärken, falls es mal Probleme gibt. Die Hostorganisation stellt das Projekt und kümmert sich um die Unterkunft und um Dinge wie Visa und Angelegenheiten vor Ort.

Auf folgenden Webseiten und in diesen Facebookgruppen werden häufig ESC (und andere Projekte) ausgeschrieben. Die zentrale Webseite des ESC ist ein guter Anlaufpunkt: www.solidaritaetskorps.de/getting-started/fuer-junge-menschen/ .

Bei Facebook kann man viele Gruppen finden, die Projekte teilen. Einfach zu finden unter Schlagworten wie: Erasmus+; EVS; ESC; Freiwilligendienst Europa oder ESC für deutsche Teilnehmer.

Es ist auch eine gute Idee direkt mit Organisationen in Kontakt zu treten und zu fragen ob sie Projekte haben. Meine Entsendeorganisation war: naturkultur.eu/de/home-de/ Meine Hostorganisation: vcs.org.mk/.

Man sollte bei der Auswahl eines Projektes etwas auf sein Bauchgefühl hören. Im Idealfall gibt es eine klare Projektbeschreibung aus der hervorgeht, was genau man dort machen wird.

Gut zu wissen – deine Rechte als Freiwillige*r

Du hast das Recht auf einen Mentor, einen Sprachkurs, sowie ein Ankunfts- und ein Midtermtraining. Letztere werden organisiert von der jeweiligen Landesstelle für das Erasmus+ Programm (National Agency). Die National Agency dient auch als weiterer Ansprechpartner, sollte es Probleme mit der Hostorganisation geben.

Kurzes und langes ESC:

Ein ESC dauert maximal vierzehn Monate. Man kann zwischen einem kurzen (1-3 Monate) und einem langen ESC (4-12) Monate wählen. Es kann auch erst ein kurzes und dann noch ein langes ESC absolviert werden, allerdings nicht in umgekehrter Reihenfolge.

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