von Flora S. Jansen | Beitragsbilder von Flora S. Jansen und Justin Adam

Mein  Fuß berührt vorsichtig den kalten Steinboden. Ich schließe die Augen. Spannung liegt in der Luft. Menschen um mich herum bewegen sich langsam und bedacht im Raum umher. Energie strömt von meinen Zehen bis in die Fingerspitzen. Und dann kommt der Drop.

Alles losgelöst. Oben, unten, hinten, vorne, rechts, links, alles dreht sich und ich mich mit. Im Rhythmus der Herzen und des Beats fühle ich meine Arme losgelöst von mir ihre Kreise ziehen. Ein Sprung, mit Singen und Klatschen, mit Kreischen und Lachen. Es bringt mich fast um. Vor Glück, vor Erfüllung. Ich öffne die Augen, sehe Menschen. Ein Strahlen, das ausgeht von allen und allem um mich herum.

„No shoes. No booze. No chitchat.“ – so beschreibt Ecstatic Dance Belgium die Art und Weise, wie ecstatic dance praktiziert wird. Doch so „no“, wie sich diese „Regeln“ anhören, ist es absolut nicht. Der gesamte Tanz verkörpert ein „Ja“. Ja zum Leben, ja, zum Loslassen, ja, zum Liebe teilen und im Moment verweilen. Es ist eine intensives, gemeinsames Erlebnis mit den Menschen, aber auch mit der Musik und dem DJ, der diese kommuniziert. Man taucht ein in die Dynamik des Tanzes, der sich am Zusammenspiel zwischen Mensch und Mensch und Musik orientiert. Sich langsam steigernde Beats. Eine in sich lebhafte, sprunghafte Dynamik: Doch jede*r erlebt sie anders.

Jede*r tritt mit anderen Gefühlen in das „Ritual“ ein – ja, man kann fast von einem Ritual sprechen, wenn man Victor Turner in seiner Ritualtheorie folgt. Dieser definiert dabei drei Phasen des Rituals. Die Gegebenheiten vor dem Ritual, die Umkehr der Normalstruktur und der Eintritt in eine neue Struktur nach dem Ritual. Bei der zweiten Phase eines Rituals spricht er von einer Antistruktur. Personen lösen sich aus dem starren Gerüst des Alltags. In dieser Phase wird man Teil der communitas. Das lässt sich auch auf den Tanz übertragen. Was die Antistruktur im ecstatic dance ausmacht, ist dass die communitas eine grenzenlose Freiheit gemeinsam auslebt. Alles, was man vor dem Tanz ist, welche Gedanken wichtig sind, welche Rolle man in sozialen Gefügen einnimmt, ist nicht mehr relevant. Man kann eintauchen in eine neue Rolle – oder einfach gar keine Rolle ausüben, sondern nur die innersten Impulse lösen und teilen.

© Justin Adam

Mit dem Eintritt in die Ordnung der communitas bauen sich energetische Wechselwirkungen untereinander auf. Das bedeutet nicht zwangsweise bewusste Interaktion, sondern kann auch ein diffuses Sich-Annähern sein. Man nimmt Blickkontakte auf und löst sich wieder. Es ist ein Wechselspiel aus An- und Entspannung; ein Spiel aus wechselnden Tanzbegegnungen und -bewegungen. Ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz. Einsamkeit und Gemeinschaft. Beständigkeit und Unsicherheit. Zweisamkeit und Vielsamkeit. Aus sich hinausgehen, in sich hineinhorchen. Lachen und Weinen. Singen und Schweigen. Sich treiben lassen und aktiv gestalten. Im Ritual brechen Gegensätze auf, um sich dann wieder zu verschließen. Das Ende: Eine kraftvolle Harmonie der Gegensätze. Sie steigert sich mit der Ekstase der Musik zum Höhepunkt. Alle Gefühle pulsieren, orgasmische Endorphine entströmen. Ausrasten und wieder einrasten. Dann die Ruhe nach dem Sturm. Man kann sich und seine Gefühle wieder sammeln und die Kraft aufnehmen, die in der Luft umherschwirrt.

 „Ich fühle mich, wie neu geboren!“ – sage ich und trete wieder ein in die Welt des Alltags. In mein neues, altes Ich, das durchströmt von Freude, frisch und befreit wieder in den Raum der Normalitäten zurückkehrt.

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