Text von Michael Nagel | Fotos von Justin Adam

Wie die Deutsche Flugsicherung die Energiewende blockiert. Oder: Was ist uns eigentlich wichtig?

Fliegen ist wichtiger als die Energiewende. Zumindest, wenn es nach der Deutschen Flugsicherung geht. Trotz der Ausbreitung eines gewissen Virus mit all den gravierenden Folgen, bleibt die Klimakrise die größte Herausforderung unserer Zeit. Längst ist klar, welche verheerenden Folgen es haben wird, wenn sich die globale Durchschnittstemperatur um 3, 4 oder sogar 5 Grad erhöht. Kaum jemand bestreitet öffentlich die Wichtigkeit dieser Krise. Einer der wichtigsten Schritte zur Abwendung der drohenden Katastrophe ist die Energiewende. Um die Klimaziele von Paris zu erreichen ist bei einem gleich bleibenden Energiebedarf ein jährlicher Zubau von 7.000 Megawatt an erneuerbaren Energien nötig.

Über einige Zeit lief der Ausbau der Windenergie in Deutschland gar nicht so schlecht. 2019 wurde erstmals mehr Strom aus Windkraft als aus Kohle gewonnen. Allerdings wurde dieser Ausbau stark gebremst: schon 2017 gingen ca. 26.000 Arbeitsplätze in der Windenergiebranche verloren. Zum Vergleich: In der gesamten Kohleverstromung stehen etwa 20.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel, ein weithin anerkanntes, ernstes Problem. Mittlerweile ist der Windkraftausbau weitgehend zum Erliegen gekommen, 2019 wurden weniger als 300 neue Windkraftanlagen gebaut.

Die Gründe für den drastischen Rückgang im Ausbau der Windenergie sind vielfältig. Es sind auslaufende Förderungen, strengere gesetzliche Vorgaben für die Flächen, aber auch zahlreiche Klagen gegen die Errichtung neuer Windenergieanlagen. Wichtige Themen, die teilweise auch medial viel Beachtung finden.

Von einem anderen Faktor wissen jedoch nur die Wenigsten. Die Rede ist von Drehfunkfeuern. Drehfunk-was?! Diese Dinger, von denen die meisten wohl noch nie in ihrem Leben gehört haben, blockieren derzeit den Ausbau von etwa 4.800 Megawatt Windenergie. Zum Vergleich: Der Energiebedarf der Stadt Hamburg liegt bei ca. 1.600 Megawatt pro Jahr.

Radaranlage auf dem Teufelsberg Berlin © Justin Adam

Aber was sind diese Drehfunk-Dinger eigentlich? Es handelt sich dabei um eine Art Funktürme, die ein ständiges UKW-Signal aussenden, welches Flugzeugen bei der Orientierung helfen kann. Die Deutsche Flugsicherung GmbH (DFS) betreibt momentan etwa 60 von diesen Türmen, um die sie einen Schutzradius von 15 Kilometern festgelegt hat. Innerhalb der inneren 3 Kilometer darf gar nichts gebaut werden. Für den restlichen Umkreis müssen Einzelfallentscheidungen getroffen werden, ob beispielsweise eine Windenergieanlage gebaut werden darf, ohne das Funkfeuer zu stören. Diese Einzelfallentscheidungen trifft das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung auf Grundlage eines Gutachtens der DFS. In den meisten Fällen entscheidet das Bundesaufsichtsamt zu Ungunsten der Windkraftnutzung.

Ein Grund dafür ist, dass die Deutsche Flugsicherung (DFS) ein Verfahren zur Berechnung der potentiellen Störung anwendet, das wissenschaftlich gar nicht haltbar ist. So verzichtet sie beispielsweise auf komplexe Simulationswerkzeuge, die dem Stand der Technik entsprächen. Ein Gutachten der Technischen Universität Braunschweig ergab, dass die Berechnungsmethode, welche die DFS verwendet, mathematische Fehler enthält und deshalb nachweislich zu falschen Ergebnissen kommt. Diese sind unter anderem bedingt durch Winkelfehler während der Flugvermessung. Trotzdem weigert sich die Flugsicherung, ihre Methode zu überarbeiten und hält stur an ihren 15 Kilometern fest.

Dazu kommt, dass die internationale Luftfahrtorganisation ICOR nur einen Schutzradius von 10 Kilometern empfiehlt, von dem im Einzelfall abgewichen werden kann. In Belgien gilt ein Schutzradius von 3 bis 7 Kilometern. Das bedeutet ab 7 Kilometern Abstand, wird die Verträglichkeit der Windkraftanlage für das Drehfunkfeuer dort gar nicht mehr geprüft! Soweit bekannt ist, kam es deshalb bisher zu keinen Flugzeugabstürzen in Belgien… Trotzdem besteht die Deutsche Flugsicherung auf ihren 15 Kilometern.

Doch damit nicht genug. Tatsächlich kommen Drehfunkfeuer bei der Navigation von Flugzeugen heutzutage kaum noch zum Einsatz. Flugzeuge werden längst über satellitengestützte Systeme navigiert, die Drehfunkfeuer dienen lediglich als eine Art Backup. Aus diesem Grund empfiehlt ICOR auch den Rückbau von etwa 50% aller Drehfunkfeuer bis 2030. Viele der Anlagen werden schlicht nicht mehr gebraucht!

All diese Fakten scheinen der Deutschen Flugsicherung und dem Bundesverkehrsministerium, welchem die Flugsicherung unterstellt ist, reichlich egal zu sein. Zahlreiche offene Briefe von UnternehmerInnen und PolitikerInnen wie dem niedersächsischen Umweltminister Olaf Lies blieben bisher ohne Wirkung. Ob es eine Rolle spielt, dass das Ministerium schon viel zu lange von der CSU geführt wird, die der Windkraft ohnehin nicht gerade wohlgesonnen ist? Vielleicht wäre es notwendig, endlich das Verkehrsministerium in vernünftige Hände zu geben, wo die CSU doch schon so oft bewiesen hat, dass ihr der Kampf gegen die Klimakrise nicht besonders am Herzen liegt.

Vielleicht wäre es aber auch notwendig, dass wir als Gesellschaft einmal viel grundsätzlicher darüber nachdenken, was uns eigentlich wichtig ist. Momentan blockiert die Deutsche Flugsicherung den Ausbau der Windkraft und damit den Kampf gegen die Klimakrise. Sollten wir die Diskussion nicht einfach mal umdrehen? Die Sicherheit von Menschen ist unbestreitbar wichtig, auch wenn sie in Flugzeugen sitzen. Aber können wir uns nicht auch eine Welt vorstellen, in der das Recht, lebensnotwendige Energie zu erzeugen, ohne dabei die Klimakrise anzuheizen, wichtiger ist, als das Recht in einem kersosinbetriebenen Flugzeug durch die Gegend zu fliegen? Eine Welt in der wir uns erst um die Energiewende kümmern und dann um Luxus wie Fliegen?

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