Zuhause bleiben ohne ein Zuhause?

Obdachlosigkeit in Zeiten der Pandemie

Eine Reportage von Sheila-Ananda Dierks, Anna Volmering & Barbara Thiel
Fotografie / Kunst: Lucas Kreß & Dorothea Mertens

„Wir bleiben Zuhause!“, lautet der Appell der Stunde in Corona-Zeiten. Sich und andere vor dem Virus schützen – das ist der Gedanke dahinter. Zugleich gibt es jedoch Menschen, die in diesen schwierigen Zeiten gar nicht erst zu Hause bleiben können. Menschen, die eine Endstation erreicht haben, die weiter weg scheint, als sie tatsächlich ist: Die Obdachlosigkeit.

Wie soll das gehen, Zuhause bleiben ohne Zuhause? Dieser Frage drängte sich immer wieder während der Corona-Pandemie auf – die Antworten blieben jedoch verhalten.

Schätzungsweise 48.000 Menschen leben in Deutschland auf der Straße. Die Dunkelziffer wird dabei weitaus höher geschätzt. Dass es Menschen ohne ein Obdach gibt, ist in vielen Großstädten nicht zu übersehen. Vor allem an Bahnhöfen offenbart sich der Kontrast zwischen Armut und dem Wohlstand der gutbürgerlichen Welt. Doch trotz der alltäglichen Gegenwärtigkeit werden die Obdachlosen von einem Großteil der Bevölkerung so wahrgenommen, als seien sie gar nicht da. Kaum eine Bevölkerungsgruppe hat mit so vielen Vorurteilen und einem derart schlechten Ruf zu kämpfen. Dabei ist es unmöglich von „den Obdachlosen“ zu sprechen. Ohne Heim zu sein, ist ein Schicksal, das so viele Gründe wie Betroffene hat, es lässt sich nicht pauschalisieren.

Dass jede*r von ihnen eine eigene und individuelle Geschichte hat, wird leicht vergessen. Die Gemeinsamkeit all dieser Geschichten ist deren Ende: Ein Leben auf der Straße.  

Eine dieser vielen Geschichten möchten wir erzählen. Denn wir wollen versuchen, zu verstehen, warum manche Menschen obdachlos sind und wie das Leben auf der Straße während der Pandemie aussieht. Was muss passieren, damit ein Mensch gezwungen ist, ein solches Leben zu führen? Nina* (35) hat mit uns über ihre Geschichte und ihr Leben auf der Straße gesprochen.

„Mich kann man nicht mehr verletzen“

In ihrem Fall wurden die Weichen für ein Leben voller Hindernisse bereits früh gestellt. Mit sechs Jahren macht sie erste Gewalt- und Missbrauchserfahrungen durch den eigenen Vater und Bruder. Fünf Jahre durchlebt sie diese Hölle, bevor sie die restliche Kindheit im Heim verbringt. Mit 17 verlässt die junge Frau ihre Heimat Oldenburg, um nach Hannover zu ziehen. Sie heiratet, bringt nacheinander zwei Mädchen zur Welt, die sie heute als das größte Geschenk ihres Lebens bezeichnet. In der Ehe erfährt sie erneut schweren Missbrauch. Nina wird wieder schwanger, diesmal mit Zwillingen, verliert diese jedoch bei der Geburt. Daraufhin erreicht sie einen Nullpunkt. „Ich hab‘ meine Sachen gepackt, mich in den Zug gesetzt und bin einfach in die Stadt gefahren“, erzählt sie. Ihr einziger Zufluchtsort sind seitdem Hannovers Straßen.

© Lucas Kreß

Sie lässt ihre Töchter – beide erst knapp volljährig – unwissend zurück, nicht einmal ihren echten Namen nimmt sie mit auf die Straße. „Ich hab auch jeden Tag Angst, dass die hier mal vorbeilaufen“, ihr Ton klingt beinahe amüsiert als sie das sagt, doch ihre Erzählung macht deutlich, dass sie ihnen eine solche Begegnung niemals zumuten möchte. Ninas Kinder sollen es besser haben, ohne Gewalt aufwachsen, ohne Traumata. Und sie sind ihr stets Motivation, für ein besseres Leben zu kämpfen: “Meine Töchter geben mir jeden Tag neue Kraft, weil sie mir zeigen, wofür ich lebe.” 

Seit sie ihrem alten Leben entflohen ist, hat Nina keine Meldeadresse mehr und somit auch keine Möglichkeit, Sozialhilfen zu beantragen – der Beginn einer Abwärtsspirale. Ohne ein Einkommen ist einem Leben voller Armut der Weg geebnet. Eine Grundversorgung in jeglicher Hinsicht bleibt damit auf der Strecke: Lebensmittel, Körperpflege, ein sozialer Austausch. All diese Selbstverständlichkeiten fallen für Nina auf einmal weg.

Auf Hilfe von anderen Betroffenen brauche man auch nicht zu hoffen. Jede*r von ihnen braucht selbst Hilfe, ein natürlicher Egoismus ist die Folge dessen. „Es gibt keine Gemeinschaft. Heute Nacht hat sogar jemand meinen Milchreis ausgelöffelt“, erzählt Nina. Ihre einzigen Kumpanen sind Lars*, ein langjähriger Freund und ihr Schäferhund Lucky*, den sie seit zwei Jahren an ihrer Seite hat. Lars und Nina verbringen die meiste Zeit zusammen. Sie teilen das Wenige, das sie haben, geschwisterlich und passen aufeinander auf. Das ist viel wert, wenn einem sonst fast nichts geblieben ist.

Externe Hilfsangebote gebe es zwar, doch die Notunterkünfte sind überfüllt und auch sonst nicht immer einladend. „Auch dort wird viel geklaut und man holt sich schnell Läuse“, berichtet Nina mit einem abgeschreckten Unterton. 

Durch die Corona-Pandemie haben Tagestreffs oder andere Unterkünfte noch mehr mit Überfüllung zu kämpfen. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen sind auch hier die Besucherzahlen begrenzt. Wie sich das auf die Menschen auf der Straße auswirkt, wollen wir von Petra Rösch wissen, die selbst als Streetworkerin auf Hannovers Straßen unterwegs ist, um sich ein Bild zu machen: „Für viele Obdachlose fallen momentan diverse alltägliche Strukturen weg, die ihr einziger Halt sind. Allein Tätigkeiten wie das Flaschen sammeln, sind schon nicht mehr möglich, es sind ja kaum Menschen draußen unterwegs“, erklärt Rösch. 

Das „Kontaktcafé“ in Hannover © Lucas Kreß

Ein besseres Leben, dafür braucht es nicht viel, wenn man bereits ganz unten ist. Doch seit die Infektionszahlen unkontrollierbar steigen und immer härtere Maßnahmen ergriffen werden, haben es die Menschen auf der Straße noch  schwerer als ohnehin schon. Sozialarbeiterin Petra Rösch spricht von einem „unglaublichen Zuwachs an Verelendung“, ausgelöst durch überfüllte und geschlossene Tagestreffs, leere Innenstädte und die allgemeine Stimmung, die im Land um sich greift: Ungewissheit und Angst vor der Zukunft. 

Nina erhält die neuesten Infos und Zahlen zur Pandemie von der Polizei, zu der sie ein gutes Verhältnis hat. Vielen anderen Obdachlosen fällt es durchaus schwerer, die aktuelle Lage in ihrer Ganzheit zu begreifen. Ihnen fehlt es an Austausch, sowie an verlässlichen Informationen abseits der medialen Schreckensbilder.

„Wenn ich auf der anderen Seite wäre, ich würde immer helfen“

Woran es aber am meisten fehlt, das sind Menschen, die bereit sind, zu geben. Die Leute seien ignoranter, so Nina, sähen sie nicht einmal an: „Man merkt, dass die Leute nun noch mehr auf sich selbst schauen. Alle sind noch egoistischer geworden als vorher“.

Und doch gibt es auch manchmal Lichtblicke. Nina erzählt von besonders großzügigen Gaben während der Vorweihnachtszeit. Obwohl ihr mehr damit geholfen wäre, wenn sich solche Spenden gleichmäßiger über das Jahr verteilen würden, merkt man ihr an, wie dankbar sie ist. „Ich hatte so einen Haufen Schokolade!“, lacht die junge Frau, aber sie weiß auch von ganz anderen Wintertagen zu berichten. Manchmal habe sie zwei Tage lang nichts essen und trinken können, weil nicht einmal genug Geld für die Grundversorgung zusammen gekommen sei. 

In ihren Monaten auf der Straße hat sie festgestellt, dass meist ausgerechnet die Menschen, die selbst am wenigsten haben, am meisten geben. Es scheint, als gelte dies auch für den Optimismus. Immer wieder wird deutlich, wie wenig Nina an diesen Ort passt, wie wenig sie ein solch schweres Leben verdient hat – aber wer hat das schon?

© Dorothea Mertens

„Drogen? Probiert hat jeder mal“

Alkohol und Drogen seien, entgegen gängiger Klischees nicht wirklich ein Thema für sie. „Klar, probiert hat jeder mal…“, gibt sie zu, und man gerate da sehr schnell hinein. Sie zum Glück nicht mehr. Mithilfe von „Blockern“, wie sie das Methadon-ähnliche Medikament nennt, sei sie davon losgekommen. 

Das Ordnungsamt sei trotzdem viel unterwegs – und nicht immer freundlich gestimmt. Das Geschäft, vor dem sie normalerweise ihren Platz bezieht, hat Nina eine Erlaubnis erteilt, solange sie den Ort sauberhält. Obwohl sie sehr genau darauf achtet, regelmäßig fegt und keinen Unrat hinterlässt, gab es auch schon unangenehme Begegnungen mit dem Ordnungsamt. Man habe verlangt, dass sie ihren Platz räume, ohne einen Grund zu nennen. Für Nina sind solche Begegnungen immer wieder Trigger: Männer, die ihr auf dominante Weise gegenüber treten, erinnern die junge Frau immer wieder an ihre Missbrauchs-Erfahrungen. Trotzdem versucht sie Situationen wie diese nicht persönlich zu nehmen und bleibt erstaunlich gelassen. „Da gibts welche, die mögen einfach keine Obdachlosen“, bemerkt sie schulterzuckend.

„Und sowas nennt sich Sozialstaat…“

Indem wir uns immer weiter in Ninas Geschichte hineinbegeben, müssen wir auch feststellen, dass sie so gar nicht die Vorurteile bestätigen will, die auch wir zumindest unbewusst hatten. Die Recherche wird auch für uns zur Konfrontation mit der eigenen Erziehung und Prägung. Denn letztlich ist eine jede unbeschwerte, gewaltfreie Kindheit ein Privileg, das manche haben – und andere eben nicht. Die Recherche hat uns gezeigt: Alle Menschen, die ein solch menschenunwürdiges Leben auf der Straße führen, haben Erfahrungen gemacht, über die sie zuvor vielleicht noch nie mit jemandem gesprochen haben: Traumata, Gewalterfahrungen, Schicksalsschläge. Sie alle sind durch diverse Raster gefallen, bis sie die Endstation Obdachlosigkeit erreicht haben.

Wer das einmal versteht, kann die Augen nicht weiterhin schließen: Vor der Verelendung, größter Armut und Perspektivlosigkeit, die einem an Bahnhöfen oder in Innenstädten tagtäglich begegnen. 

Von diesen Menschen, die nicht mehr wegsehen gibt es nicht viele, aber dennoch existieren sie. Auch in Ninas Leben. „Das ist eine sehr freundliche Dame, die kennen wir schon“, erklärt sie, nachdem eine Frau ihr ein paar Münzen gegeben hat. Doch solche Begegnungen sind nicht die Regel. Größtenteils erleben Nina und andere obdachlose Menschen eine Ignoranz und Verachtung, die sie nicht verdient haben.

© Lucas Kreß

„Darf ich leben? Kann ich endlich mein Leben beginnen?“

Als Nina vor sechs Monaten die erste Nacht auf der Straße verbringt, hat sie einen großen Teil von sich aufgegeben. Eine Zeitlang fehlt ihr jegliche Kraft, um weiter zu machen, doch heute sieht man in ihren Augen wieder deutlich die starke Frau, die sich zurück ins Leben kämpfen will. Dass Nina trotz Allem eine so große Zuversicht ausstrahlt, ist nicht selbstverständlich. Doch sie hat verstanden, dass sie keine Schuld trifft, für das, was ihr im Leben widerfahren ist.

Nina klammert sich an ihren Optimismus, der wohl das Wichtigste ist, um es aus der Obdachlosigkeit heraus zu schaffen. Es gibt natürlich diverse begleitende Hilfseinrichtungen und Streetworker*innen, die die Betroffenen auf ihrem Weg unterstützen, ohne eine Perspektive und den Glauben an sich selbst geht es jedoch nicht.

Nina hat bereits begonnen, diesen Weg zu beschreiten – und stößt jedoch täglich auf neue Hindernisse, die es zu bewältigen gilt. „Zuallererst brauche ich ein Postfach“, erklärt sie uns, „damit ich dann Hartz IV beantragen kann“. Doch schon an diesem ersten Schritt ist sie bisher mehrfach gescheitert. In Hannover gäbe es keine freien Postfächer mehr – die Wartelisten seien aussichtslos lang.

„Da muss man tagtäglich nachfragen, haben Sie ein Fach frei? Haben Sie ein Fach frei? Darf ich endlich leben?“ 

© Dorothea Mertens

Erst mit dem Antrag auf Arbeitslosengeld kann Nina beginnen, nach einer Wohnung zu suchen. Hat sie erst ein Dach über dem Kopf, kann sie sich nach Arbeit umsehen, ein  Leben führen, ihre Töchter in die Arme schließen, Vorbild sein. Eine der dringlichsten Fragen, die nicht nur wir uns stellen, sondern jede*r, die* einen Moment innehält, um über den eigenen Horizont hinauszuschauen, ist: Wie kann ich helfen?

Woran es wirklich fehle, und nicht allein den Obdachlosen, erklärt Petra Rösch, sei bezahlbarer Wohnraum für Einzelpersonen. Sie weist uns darauf hin, wie absurd es ist, dass viele Wohnungen und Gebäude leer stehen, während es Menschen gibt, die keine günstige Bleibe finden können. 

Doch natürlich kann jede*r etwas Gutes tun, es muss nicht gleich eine ganze Wohnung sein. In vielen Vereinen kann man sich für Menschen ohne Obdach engagieren zum Beispiel bei der Caritas, die auch Nina helfen. Sie versorgen Menschen ohne Zuhause mit Schlafsäcken und Matten, mit Essen und Kleidung, auch medizinische Versorgung wird hier angeboten – möglich machen das vor allem Spendengelder engagierter Bürger*innen.

Doch selbst mit einem Lächeln, einem offenen Ohr oder einem heißen Kaffee im Winter kann vielen Obdachlosen ein kleines Geschenk gemacht werden.

© Lucas Kreß

Etwas, das wir alle ohne Aufwand von Zeit und Geld tun können, ist Mitgefühl zeigen. Denn letztlich sind wir alle Menschen mit dem Wunsch als solche wahrgenommen und behandelt zu werden. Egal, wo und wie wir wohnen, was wir erlebt haben oder wie wir aussehen. 

„Die Menschenwürde ist unantastbar“ ist schließlich nicht ohne Grund der Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes.


*Name geändert

Unser herzlichster Dank gilt Petra Rösch (Koordinatorin für Wohnungslosenhilfe der Landeshauptstadt Hannover), sowie natürlich Nina, ohne die dieser Beitrag nicht möglich gewesen wäre!

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