Zeug:in werden

Interview mit der Gründerin von conversations from calais

Text: Friederike Teller | Beitragsbild: © Sena Karadeniz

You can find an English version of this article here

Interview mit Mathilda Della Torre, Gründerin des Projekts conversations from calais (Gespräche aus Calais), bei dem Gespräche zwischen Geflüchteten und den Freiwilligen in Calais, in Nordfrankreich auf den Straßen der ganzen Welt publiziert werden.

Du hast das Projekt conversations from calais gegründet, das Fragmente von Gesprächen zwischen Geflüchteten und Freiwilligen aus Calais in Nordfrankreich sammelt. Eigentlich hast du Grafikdesign studiert, wie bist du dazu gekommen, dich mit deiner Designpraxis politisch zu engagieren?

Erst nach meinem Bachelor-Studium der Illustration begann ich, mich mit Politik zu beschäftigen. Zuvor hatte ich mich vermehrt mit dem Thema Heimat beschäftigt und damit, was Zuhause bedeuten kann, aber nichts davon hatte einen direkten Bezug zu Politik oder Aktivismus. Ich war wirklich weit weg von dieser Welt.  Aber dann, kurz vor Beginn meines Masterstudiums, wollte ich nach Calais gehen. Ich bin ursprünglich Französin und hatte schon von der Situation gehört. Als ich dann sah, dass Hilfsorganisationen nach Helfer:innen suchten, beschloss ich, zusammen mit meiner Mutter für nur 10 Tage dorthin zu gehen. Natürlich wollte ich helfen, aber es war mehr die Neugier, die mich dorthin brachte. Erst als ich zurückkam, begann ich darüber nachzudenken, wie Design mit Politik, Aktivismus und Veränderung zusammenhängt. Das klingt jetzt klar und effizient, aber es war sehr chaotisch.

conversations from calais porträtiert Gespräche zwischen Freiwilligen und Geflüchteten in Calais und veröffentlicht sie. Wie bist du auf die Idee gekommen? 

In den britischen Medien wurde Calais auf eine sehr negative, rassistische und diskriminierende Weise dargestellt. Ich wollte diese Kluft überbrücken, zwischen dem, was ich dort sah und hörte, und dem, was die Menschen hier im Vereinigten Königreich sahen. Ich begann, meine Notizen und Skizzenbücher aus meiner Zeit in Calais durchzugehen. Mir fiel auf, ich hatte vor allem Gespräche gesammelt, an die ich mich erinnern wollte. Ich habe auch viel über meine Perspektive nachgedacht. Ich bin eine Freiwillige, also muss dieses Projekt aus der Perspektive eines:r Freiwilligen kommen. Ich bin keine Geflüchtete.

Dann wollte ich diese Gespräche so schnell wie möglich veröffentlichen. Ich hatte keine Zeit, mich an Verlage, Galerien oder Journalist:innen zu wenden, also dachte ich, dass es am einfachsten wäre, sie einfach auf der Straße aufzuhängen mit Kleber, den ich zu Hause in 10 Minuten herstellen konnte. Obwohl viele Leute über Instagram auf das Projekt aufmerksam wurden, lebt das Projekt auf der Straße, bevor es irgendwo anders lebt. Jede einzelne Konversation, die wir auf Instagram teilen, wird in London aufgehangen. Das ist wirklich wichtig, denn das bedeutet für mich, dass hoffentlich jede:r diese Gespräche lesen kann und es bricht diese Barrieren, die wir normalerweise überwinden müssen, um eine Geschichte zu erzählen.

Wie du sagst, findet sich conversations from calais in über 60 Städten ganz Europa auf den Straßen, ist in 15 verschiedene Sprachen übersetzt und in vielen verschiedenen Medien veröffentlicht. Wie ist das Projekt gewachsen und wie hat das dich persönlich beeinflusst? 

Das Projekt ist gewachsen, aber der Prozess ist derselbe geblieben: Die Gespräche werden von Freiwilligen eingereicht, die dort gewesen sind. Manchmal bearbeite ich sie im Nachhinein leicht, um sie zu kürzen oder in die Ich-Perspektive umzuwandeln, aber das war’s auch schon. Ich werde sie so lange aufhängen, wie die Leute Gespräche einreichen. Sie werden auch in Schulen oder bei Veranstaltungen verwendet und wurden in viele Sprachen übersetzt. Ich finde es wirklich gut, dass das Projekt zu einer Ressource geworden ist. Ich habe auch sehr positives Feedback erhalten, sowohl von Menschen, die es aus Calais herausgeschafft haben, als auch von Freiwilligen oder Menschen, die nichts von den Ereignissen wussten. Ich bekam auch E-Mails von Leuten, die schrieben: „Ich bin in Moria, in Paris oder in Italien. Kann ich genau diese Idee kopieren?“, aber ich glaube nicht, dass es so effektiv ist, das gleiche überall zu wiederholen, weil ich denke, dass wir neue Wege brauchen, um Geschichten zu erzählen.  Ich hoffe, dass ‘conversations from calais’ die Menschen dazu anregt, über verschiedene Wege nachzudenken, wie sie Zeugnis ablegen können für das, was sie selbst erleben oder was sie als Freiwillige miterleben.

Wie gehst du mit den Schwierigkeiten um, die sich aus der Reproduktion von Machtdynamiken ergeben, wenn du Geflüchtete  als die „Anderen“ darstellst?

Bei jeder Art von Freiwilligenarbeit im Migrationsbereich gibt es ein großes Machtverhältnis. Doch Calais ist vor allem ein Übergangslager. Die Menschen gehen dorthin, um nach Großbritannien zu gelangen, also sie versuchen nicht, dort zu bleiben. Das macht die Machtzusammenhänge also noch deutlicher. Wenn ich in Calais bin, bin ich in erster Linie Freiwillige. Ich bin keine Designerin für ‘conversations from calais’. Ich konzentriere mich darauf, die Aufgaben zu erledigen, die ich schon beim ersten Mal dort gemacht habe. Wenn ich dann zurück in London bin, arbeite ich an dem Projekt. Diese Trennung ist für mich wichtig, damit ich keine Gespräche erzwinge.

Das Projekt ergibt für mich (nur so) Sinn, wenn die Menschen sich in die Lage eines:r Freiwilligen versetzen können. Ich hoffe, dass es hilft zu verstehen. Und dann ist es sehr wichtig, nicht nur einen weißen Blick zu reproduzieren, und ich habe meine Arbeit viele, viele Male in Frage gestellt. Ich möchte, dass dieses Projekt ein Tor für die Menschen ist, um sich mit Material auseinanderzusetzen, das von Menschen geschrieben, gefilmt, fotografiert und geschaffen wurde, die selbst Erfahrungen gemacht haben. Denn ich kann nicht die Geschichte von Geflüchteten erzählen. Deshalb hinterfrage ich immer wieder, wie viel Platz ich einnehme, und verweise die Menschen auf andere Initiativen. Ich denke, viele Hilfsorganisationen konzentrieren sich derzeit sehr auf die Beschaffung von Geldern, was  wichtig ist. Aber wenn wir nicht daran arbeiten, uns für die Belange von Geflüchteten einzusetzen und Perspektiven mit Fluchterfahrung in den Mittelpunkt zu stellen, die uns dabei helfen, die Systeme zu beseitigen, die diesen Kreislauf der Flüchtlingsproblematik aufrechterhalten, dann glaube ich ehrlich gesagt nicht, dass das genug ist.

// Mathilda schickte uns einige Ressourcen zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema Migration in Europa, von denen einige unter dem Interview zu finden sind //

Das Camp in Calais existierte von Januar 2015 bis Oktober 2016 und beherbergte bis zu 9,000 Menschen. Bei der offiziellen Räumung des Lagers kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen der Polizei und Geflüchteten . Wie hat sich die Situation seitdem verändert und wie ist das Leben für Geflüchtete in Calais aktuell?

Damals, 2016, gab es ein sehr festes Lager mit vielen, vielen Menschen und einer ganzen Gemeinschaft. Die Menschen mieteten Restaurants, Kirchen, Schulen und Moscheen, aber all das wurde 2016 zerstört. Seit ich das erste Mal da war, waren es immer sehr kleine Lager, Gruppen von Menschen, die sich in der Umgebung von Calais in Nordfrankreich aufhielten. Aber die Vertreibungen durch die Polizei sind im letzten Jahr stark eskaliert. Die Polizei nimmt alles mit, was die Leute haben, Zelte, Kleidung, Taschen, was auch immer da ist, und zwingt alle zum Umzug. Am Ende laufen die Menschen einfach auf der Straße. Das Lager in Calais ist, um ehrlich zu sein, nicht einmal mehr ein Lager. 

Letzte Woche wurde im britischen Unterhaus das Gesetz über Staatsangehörigkeit und Grenzen verabschiedet. Es wurde auch als Anti-Flüchtlingsgesetz bezeichnet, weil es genau das ist. Es ist noch nicht endgültig, aber es ist ein Gesetzentwurf, der viele neue Gesetze enthält, die jeden diskriminieren werden, der versucht, im Vereinigten Königreich Zuflucht zu suchen. Außerdem werden Menschen bestraft, die über so genannte illegale Routen in das Vereinigte Königreich kommen, darunter eben auch alle, die aus Calais kommen. Damit wird das Vereinigte Königreich zu einem Ort, an dem Menschen kein Asyl beantragen, kein Asyl erhalten und auch nicht bleiben können.

Wie hat der Krieg in der Ukraine die Bedingungen in Calais und die Debatte über Migration deiner Meinung nach beeinflusst?

In vielerlei Hinsicht hat sich die Diskussion über Flüchtlinge in den letzten drei Wochen durch die Geschehnisse in der Ukraine und in Russland stark verändert. Die Menschen haben erkannt, dass es überall jeden treffen kann, und das ist gut so. Das ist ein wichtiger erster Schritt, weil wir dadurch hoffentlich mehr Mitgefühl für die Menschen empfinden können, die das durchmachen. Aber die Menschen haben auch Ausreden gefunden, für die so genannten zivilisierten und privilegierten europäischen Flüchtlinge, im Gegensatz zu den Flüchtlingen, die zum Beispiel aus dem Nahen Osten oder Nordafrika kommen. Das ist sehr beängstigend. Zum Beispiel hat der Bürgermeister von Calais vor ein paar Wochen beschlossen, ukrainische und andere Flüchtlinge in Calais und in Hotels unterzubringen – von so etwas habe ich noch nie zuvor gehört. Aber jetzt entscheidet sich, wie es weitergeht – bestätigen wir diese diskriminierenden Ideen, die Menschen leider haben, oder werden wir aufwachen und wirklich etwas ändern?

Das Interview wurde am 01. April 2022 von Friederike Teller geführt


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