Männlichkeit zum Zittern bringen – Teil 2: Männlichkeit ist immer »toxisch«

von Leon Lobenberg | Illustrationen: © Nora Boiko

Männer zittern nicht, weil ihnen zu kalt ist. Männer zittern, weil ihre Identität zwischen dem Autonomieanspruch und der Abhängigkeit von Frauen zerrissen ist. Deshalb muss sich die männliche Identität unaufhörlich selbstversichern, entweder durch Abwertung von FLINTA*1 oder durch den Rückzug in widerspruchsfreie Bereiche.

Solch eine Komfortzone kann auch die männliche Selbstreflexion sein, die zunehmend als Heilmittel gegen die toxische Männlichkeit von Männern gefordert wird. Und das, obwohl der Begriff ein Einfallstor für die Erneuerung von Männlichkeit ist. Dies ist ein Plädoyer dafür, den Begriff »toxische Männlichkeit« in die Mülltonne zu treten.


Seit Jahren kursiert der Begriff der toxischen Männlichkeit nun schon in linksliberalen und kosmopolitischen Gesellschaftskreisen. Der »Antifa-Macker« ist dort längst zum Spottbild geworden, typisch männliche Verhaltensmuster wie etwa große Redeanteile, Angeberei, Übergriffigkeit oder die Unfähigkeit über Gefühle zu reden, sind als »toxisch« verbucht. Der Begriff ist jedoch nicht nur in Uni-Seminarräumen beliebt, sondern mittlerweile auch im Mainstream angekommen: Der Autor und Journalist Jack Urwin geht in seinem populären Buch Boys don’t cry den Fragen nach, warum die Suizidrate bei Männern höher ist, warum sie mehr Gewalt ausüben und erfahren und weshalb sie im Allgemeinen früher sterben. Üblicherweise werden diese ganzen Phänomene unter dem Schlagwort Krise der Männlichkeit zusammengefasst2. Für Urwin ist die toxische Männlichkeit Schuld an dieser Krise. Durch die #MeToo-Debatte hat das Konzept noch mehr Aufwind bekommen. Doch der Begriff verharmlost die strukturelle Gewalt von Männlichkeit nicht nur, er steht auch im Zeichen einer unheilvollen Erneuerung von Männlichkeit.

»Was darf ich denn noch sagen? :(«

Was genau ist schlecht an dem Begriff?

Toxische Männlichkeit erscheint auf den ersten Blick ein nützliches Konzept für die kritische Benennung von männlichem Verhalten zu sein. Es ermöglicht, an den konkreten alltäglichen Erfahrungen von Menschen anzusetzen, die unter Männlichkeit leiden und für diese Erfahrungen Worte zu finden. Hinzu kommt, dass der Begriff in akademischen Kreisen weniger stark auf Ablehnung stößt, denn er stellt nicht die gesamte Identität von Männern infrage, sondern nur ihre »schlechten« Seiten und zeigt auf, weshalb der Feminismus auch für Männer gut sei und sogar zur »Befreiung der Männer« (Laurie Penny)3 dienen könnte.

Zum Artikel

Auf den zweiten Blick sollte mensch genau hier aber misstrauisch werden. Denn das Konzept der toxischen Männlichkeit ermöglicht es Männern, an ihren eigenen Leiderfahrungen anzusetzen und suggeriert dadurch, dass auch Männer unter dem Patriarchat leiden würden. Das stimmt aber nicht. Männer sind dem Patriarchat nicht unterworfen, sie profitieren davon.

Da fehlt eine Prise Queerfeminismus.

Um Missverständnisse vorzubeugen: Ich behaupte nicht, dass Männer nicht auch unter ihrer Geschlechterrolle leiden. Es stimmt, dass Männer häufiger Suizid begehen, viel Gewalt erleben und weniger gesund leben. Sie leiden ebenfalls unter ihrem zugewiesenen Geschlecht. Aber sie leiden eben nicht strukturell unter dem Patriarchat – aus dem einfachen Grund, dass Frauen keine Vorteile durch die Nachteile der Männer »erhalten«, Männer aber sehr wohl Vorteile aus der Benachteiligung von Frauen ziehen.

Toxische Männlichkeit will uns jedoch weismachen, dass Männer vom Patriarchat in eine »schlechte« und »toxische« Männlichkeit hineingezwungen werden, Männer diese Rollen aber auch wieder ablegen könnten. Hier schwingt die Vorstellung mit, dass das Patriarchat und Männlichkeit etwas Unterschiedliches wären und Männlichkeit auch ohne das Patriarchat existieren könnte. Das ist eine falsche Analyse.

Denn der Begriff des Patriarchats steht gerade nicht für ein Konglomerat an Geschlechterrollen, die zwangsweise auf »biologische« Männer und Frauen angewandt werden, worunter dann alle Geschlechter gleichermaßen leiden würden. Vielmehr beschreibt der Begriff ein Geschlechtersystem, das Männlichkeit und Weiblichkeit als Binarität überhaupt erst hervorbringt, indem das Männliche gegenüber dem Weiblichen und allen anderen Gendern abgegrenzt und gleichzeitig aufgewertet wird. Die Voraussetzung für Männlichkeit ist die Asymmetrie der Geschlechter, mit der Männlichkeit an der Spitze. Anders gesagt: Die Voraussetzung für Männlichkeit ist das Patriarchat. Es gibt nicht erst Männer, die sich dann dazu entscheiden sich »toxisch« zu verhalten. Genauso wenig gibt es Männer, die »toxisches« Verhalten durch Sozialisation erlenen, quasi in die Rolle hineingedrängt werden. Überhaupt gibt es von Natur aus keine Männer, Männlichkeit wird erst durch das Patriarchat hervorgebracht.

Das bedeutet konkret, dass es unsinnig ist, von »biologischen« Geschlechtern zu reden. Damit will ich nicht die Unterschiede zwischen Körpern abstreiten, denn jeder Körper auf dieser Welt ist einzigartig. Ich möchte nur deutlich machen, dass es erst durch das patriarchale Geschlechtersystem und seine Sprache möglich wird, ganz bestimmte Unterschiede als männlich, weiblich bzw. intersexuell zu kategorisieren. Durch diese Kategorisierung entsteht »Geschlecht« erst. Mit anderen Worten: »Außerhalb« oder »vor« dem patriarchalen Geschlechtersystem gibt es kein Geschlecht. Geschlecht wurde erst hervorgebracht und muss deshalb als Herrschaftsverhältnis verstanden werden.

Menschen gefangen im Geschlechternetz

Patriarchat und Männlichkeit sind ein und dasselbe.

Das Problem des Begriffs der »toxischen Männlichkeit« ist, dass nur die »toxischen« Anteile von Männlichkeit und nicht Männlichkeit oder Geschlecht als Ganzes kritisiert werden. Der Begriff beinhaltet die Idee, dass es einen guten »entgifteten« Kern von Männlichkeit geben würde. Toxische Männlichkeit schleppt daher immer die Vorstellung eines natürlichen Geschlechts mit sich herum, das lediglich von seinen »toxischen Elementen« befreit werden müsse: Wo etwas giftig ist, muss es auch etwas Entgiftetes geben; wo eine »schlechte« Männlichkeit ist, muss es auch eine »Gute« geben. Geschlecht wird dadurch nicht mehr als Herrschaftsverhältnis verstanden, sondern aufgeteilt in seine »toxisch-patriarchalen« Seiten und in seine »guten« Seiten.

Wenn wir uns aber vor Augen führen, dass Männlichkeit nur durch die Abgrenzung und Unterwerfung der als weiblich kategorisierten Menschen und anderer Gender existiert, würden wir verstehen, dass es das Adjektiv »toxisch« gar nicht mehr bräuchte, um Männlichkeit zu beschreiben. Denn die ist per Definition »toxisch«. Es kann gar keine »gute« Männlichkeit geben, denn Männlichkeit benötigt die Asymmetrie zur Weiblichkeit und anderen Gender- und Sexualitätsformen. Konkret: Ohne das Patriarchat gibt es keine Männlichkeit und umgekehrt gibt es mit Männlichkeit immer das Patriarchat.

Dass das Adjektiv »toxisch« aber dennoch so viel verwendet wird, zeigt uns, dass hinter der Verwendung des Begriffs der Versuch steht, eine neue und »entgiftete« Männlichkeit zu begründen. Daher ist es auch kein Wunder, dass die antifeministische mythopoetische Männerbewegung diesen Begriff erfunden hat4, den jetzt alle nutzen. Denn ihr Programm besteht schließlich darin, eine reine, sensible und starke Männlichkeit auszugraben, die von Feminismus und Patriarchat »verschüttet« wurde.

Eine neue Männlichkeit für die aufgeklärte Gesellschaft.

Nagellack macht dich nicht weniger sexistisch

Aber so weit nach rechts müssen wir gar nicht gucken, um den Umgestaltungsversuch von Männlichkeit zu entdecken. Auch JJ Bola schreibt in seinem, in linksliberalen Kreisen beliebten, Buch Sei kein Mann davon, dass »Männlichkeit kein Patriarchat braucht, um zu existieren«. Vielmehr gebe es vielfältige Formen von Männlichkeit. Sein erklärtes Ziel ist es deshalb, die Grenzen von Männlichkeit zu öffnen und ein Bewusstsein »für die Fülle, die Beweglichkeit und die Ganzheit dessen, was es bedeutet, ein Mann zu sein«5 zu schaffen. Bola ist davon überzeugt, dass die Gesellschaft andere Männlichkeiten braucht. Anstatt Männlichkeit abzuschaffen, will er viele Männlichkeiten hervorbringen.6

Resouveränisierung von Männlichkeit: Der Softboi

Das ist ein ziemliches Scheißziel. Denn Männlichkeit findet durch die »Aufweichung ihrer Grenzen« und ihrer »Multiplizierung« einen Weg, sich zu erneuern, ohne ihre Vormachtstellung aufgeben zu müssen. Bola hält mit seiner Forderung nach vielen Männlichkeiten am Patriarchat fest und liefert die in ein schickes Buch gepresste Motivation für Männer, nach einer »besseren« Männlichkeit zu suchen.  
Wie die aktualisierte Männlichkeit aussehen kann, ist wunderbar (Achtung, es wird polemisch) am Phänomen des Softbois zu beobachten: Dieser Typus Mann zeichnet sich durch eine angeblich tiefe Verbindung zu seinen Gefühlen aus. Er ist im akademischen Milieu angesiedelt, literarisch bewandert und bezeichnet sich selbst als Feminist oder »kritischen« Mann. Denn er weiß um die »Bösartigkeit des Patriarchats«, das es Mackern ermöglicht, Frauen ungefragt an den Arsch zu fassen, Männern aber gleichzeitig eine »toxische Rolle aufzwingt« und ihnen den Zugang zu ihren Gefühlen »verweigert«.

Der Kampf des Softbois gegen das Patriarchat besteht aus einer andauernden Selbstreflektion und dem Graben nach Emotionen und Tränen. Während sein Verhalten meist als »kritische Männlichkeit« gefeiert wird, bleibt selbstverständlich auch dieser Männlichkeitsentwurf innerhalb des Autonomie-Abhängigkeitskonfliktes stecken – auch der »kritische Mann« muss sich seiner Autonomie immer wieder versichern. Dies tut er beispielsweise durch endlose Monologisierungen über feministische Literatur oder die spirituellen Höhen seiner Selbstreflektion.

Zwischen dem Antifa-Macker und dem Softboi gibt es daher auch keine großen Unterschiede. Beide nehmen zu Ungunsten von FLINTA Raum ein. Lediglich der Inhalt der männlichen Selbstversicherung hat sich geändert: Dem Softboi geht es nicht mehr darum, Girls, sondern die eigenen Privilegien abzuchecken. Wer hat seine Privilegien mehr auf dem Schirm, wer ist selbstreflektierter, wer ist der »bessere Privilegierte«? Was gleich geblieben ist, ist jedoch die Notwendigkeit, sich als Mann autonom zu fühlen. So bleibt auch der Softboi kläglich im Sumpf des Konkurrenzdenkens und der Ablehnung von Verletzlichkeit stecken und unterwirft sich den Bedingungen, die an Männlichkeit gestellt werden.7

Toxic masculinity my ass

Linksliberaler Antifeminismus.

Was hier etwas polemisch dargestellt wurde, hat große Ähnlichkeiten mit dem linksliberalen Kampf gegen das Patriarchat, der sich die »kritische Männlichkeit« auf die Fahne schreibt. Dieser Kampf unterscheidet sich wiederum nicht wesentlich von antifeministischen Kämpfen, denn in beiden Fällen wird das Patriarchat als ein ebenfalls gegen Männer gerichtetes System beschrieben. Dadurch werden die patriarchalen (Gewalt-)Erfahrungen von Männern und Frauen auf die gleiche Stufe gestellt – Männer seien ebenfalls »Opfer« des Patriarchats; vielleicht nicht ganz so doll, aber trotzdem irgendwo auch Opfer.

Der nächste logische Schritt ist dann die Behauptung, dass Männer deshalb auch ihren eigenen Kampf gegen das Patriarchat brauchen. Frauen hätten ja schon den Feminismus. Antifeministen haben daher die Männerrechtsbewegung ins Leben gerufen, um die Unterdrückung der Männer durch das Patriarchat und den Feminismus aufzuheben. Linksliberale ziehen mit der Idee der kritischen Männlichkeit nach, um der »toxischen Männlichkeit«, die die »gute Männlichkeit« unterdrückt, den Kampf anzusagen. Beide Konzepte ähneln sich also. Mit dem Erziehungswissenschaftler Edgar J. Forster können sie als eine Resouveränisierung der Männlichkeit verstanden werden, denn beide wollen eine bestimmte Form von Männlichkeit wiederherstellen. Das bedeute, dass das Konzept der »toxischen Männlichkeit« ebenfalls antifeministisch ist, dies aber nur sehr gut versteckt.

Diese offene rechte Flanke ist jedoch notwendig, damit so etwas wie »kritische Männlichkeit« funktionieren kann. Warum erfahrt ihr im nächsten Artikel.


[1] Frauen, Lesben, Inter*, non-Binäre, Trans* und Agender

[2] Edgar Forster: Männliche Resouveränisierung. In: Feministische Studien (2016), S. 198f

[3] Laurie Penny: Feminismus. Die Befreiung der Männer. In: Blätter für deutsche und internationale Politik (2015)

[4] Nachzulesen hier: https://www.woz.ch/-9c91

[5] JJ Bola: Sei kein Mann. Hanser Literaturverlag (2020), S, 21 und 35

[6] Auch in der Youtube-Popkultur finden sich solche Vorschläge einer „neuen Männlichkeit“, wie dieses sehr cringe Beispiel beweist. Aber auch der von Funk betriebene Insta-Kanal „Mädelsabende“ hat eine ganze Woche der „toxischen Männlichkeit“ und alternative Männlichkeiten gewidmet. Bezeichnenderweise fängt die Woche direkt mit der Skandalisierung von Gewalt gegen Männer, nicht von Männern an. Direkt darauf folgt ein Interview, das Tipps vermitteln soll, wie man bei Erektionsstörungen einen hoch bekommt und die Forderung, dass Männer auch endlich Ballett tanzen sollen dürfen. Alles folgt der Idee, dass Männlichkeit in all ihren Facetten unterdrückt ist oder leidet. Die Nähe zum Antifeminismus ist offensichtlich.

[7] Ein sehr witziges Lied zu diesem tragischen Softboi findet ihr hier: https://www.youtube.com/watch?v=wHNXhZC5Vi0

  1. Florentine Adam

    Interessant geschrieben, aber steile Thesen, wie ich finde.

    „Wenn wir uns aber vor Augen führen, dass Männlichkeit nur durch die Abgrenzung und Unterwerfung der als weiblich kategorisierten Menschen und anderer Gender existiert“ etwas faktisch dargestellt… ist das wirklich so und nicht evtl. doch eine subjektive Definition des Autors, worauf dieser seine Argumentation aufbaut!?

    „Genauso wenig gibt es Männer, die »toxisches« Verhalten durch Sozialisation erlenen, quasi in die Rolle hineingedrängt werden. Überhaupt gibt es von Natur aus keine Männer, Männlichkeit wird erst durch das Patriarchat hervorgebracht.“ Widerspricht sich der Autor hier nicht selbst? Toxisches Verhalten ist nicht sozialisiert, Männlichkeit, welche hier vom Autor generell als toxisch dargestellt wird ohne den „guten“ Counterpart wird aber durch das Patriarchat hervorgebracht. Wenn ich das richtig sehe, ist das Patriachart ein soziales menchgemachtes Konzept. Wenn dieses also Männlichleit hervorbringt, ist diese auch sozialisiert. Da beißt die Maus sich in den Schwanz…

    „auch der »kritische Mann« muss sich seiner Autonomie immer wieder versichern. Dies tut er beispielsweise durch endlose Monologisierungen über feministische Literatur oder die spirituellen Höhen seiner Selbstreflektion.“ Ich verstehe, worauf der Autor hier hinaus will, und schließe mich seiner Beschreibung auch an, sehe es aber als ein allgemeines Phenomen an, dass sich Menschen, die sich in ihrem Selbstbild und ihrer Fremdwahrnehmung verunsichert fühlen, einer neuen sozial anerkannteren Verhaltensweise bedienen, um ihren Status vor sich selbst und anderen zu erhalten – unabhängig davon, ob es nun um Männlichkeit, Rassismus, Ernährung oder andere Dinge geht. Das Problem ist hierbei, meines Erachtens nicht die Männlichkeit, sondern eine Unfähigkeit zur eigenen begründeten Positionierung, die unabhängig von sozialen Rollen steht und sich nicht über diese definiert oder rechtfertig.

    Interessant zu lesen. Mir hätte am Anfang eine Begriffsdefinition geholfen, weil mir nicht ganz klar geworden ist, was der Autor im Detail unter Männlichkeit überhaupt versteht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Gefällt dir das sai-magazin?