von Naveed Walentynowicz

Mit fester Überzeugung plädierte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner Anfang April für die Einreiseerlaubnis von Erntehelfer*innen aus Rumänien zu Sicherung der deutschen Ernten – trotz globaler Pandemie. Wieso ihre politische Entscheidung nichts außergewöhnliches ist, zeigt ein vergleichender Blick in die letzten 250 Jahre deutsch-polnischer Geschichte. 

Als Mitte März die Nachricht umherging, dass die deutsche Spargelernte dieses Jahr in Gefahr schwebt, musste mein halb-polnisches Herz verschmitzt lachen. Der Spargel – das “weiße Gold” der Deutschen – macht jede Saison aufs Neue das ‘ganze Volk’ verrückt. Liebe geht ja bekanntlich über alle Grenzen. Da sich die Deutschen aber zu fein sind, selber im Feld Spargel zu stechen, stellen sie Erntehelfer*innen aus Osteuropa ein. Diese Saison kam der Spargelliebe aber leider das Covid-19-Virus dazwischen. “Da sollt ihr mal ins Leere schauen und uns wertschätzen lernen, bevor ihr euer Spargelessen bekommt” – dachte ich mir entrüstet. Dass Deutsche anfangen Osteuropäer*innen zu respektieren, war jedoch nichts als meine naive Hoffnung. Denn die deutsche Bundesregierung stellte Gelder für Flüge aus Rumänien bereit, um trotz Pandemie und notwendigen Reisebeschränkungen, preiswerte Erntehelfer*innen ins Land zu bringen. So fehlen diese Erntezeit wahrscheinlich die Pol*innen auf deutschen Feldern – eine Seltenheit in fast 250 Jahren deutsch-polnischer Geschichte.

Eine lange Tradition: Ausbeutung osteuropäischer Arbeiter*innen in Deutschland

Als sich Ende des 18. Jahrhunderts der Großteil der von Pol*innen bevölkerten Gebiete in preußischer – später deutscher – Hand befanden, begann eine aggressive Ansiedlungs- und Assimilierungspolitik. So wurden Pol*innen plötzlich zu “Tieren” und “Abfall” in den Augen ihrer deutschen Besatzer. Für die “aufgeklärten Preußen” wurden Praktiken wie die Enteignung von polnischem Land und dessen Neuverteilung in deutsche Hände, Germanisierung der lokalen Bevölkerung durch repressive Sprachpolitik sowie Zwangsarbeit als rechtsstaatlich angesehen. Nach Schätzungen des US-Amerikanischen Soziologen William Isaac Thomas waren jedoch 80 Prozent der Arbeiter*innen auf den, nun von Deutschen kotrollierten Gütern und Ländereien, polnisch. So kristallisierte sich bereits im späten 18. Jahrhundert das Selbstverständnis heraus, dass Pol*innen für Deutsche in der Landwirtschaft arbeiten.

Die Weltkriege eskalierten die prekäre Situation der Pol*innen noch weiter…

Auch nach mehr als 120 Jahren besserte sich die Situation der polnischen Arbeiter*innen in Deutschland kaum. Im Gegenteil: Der Erste Weltkrieg ermutigte die Deutschen zu noch größeren Menschenrechtsverletzungen. Laut dem deutschen Bundesarchiv waren mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges polnische Zivilist*innen als landwirtschaftliche Arbeiter*innen für die deutsche Wirtschaft und Ernährungssicherung unverzichtbar. Pol*innen und besonders polnische Jüdinnen*Juden hatten wenige Wahlmöglichkeiten und wurden, teilweise gegen ihren Willen, in andere Teile des Deutschen Kaiserreiches deportiert, um dort Zwangsarbeit für Deutsche zu leisten. Polnische, aber auch russische und serbische Zwangsarbeiter*innen waren aus deutscher Sicht eine Selbstverständlichkeit. Ihre Behandlung wurde in keinem Falle als eine Verletzung der deutschen Rechtsstaatlichkeit angesehen. 

Doch das dunkelste Kapitel Deutschlands kam erst nach dem ersten Weltkrieg. Nach knapp 20 Jahren nationaler Souveränität wurde Polen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft; genozidale Maßnahmen, wie die systematische Ermordung der polnischen Elite oder die Entführung polnischer Kindern begannen. Eine komplette Ausrottung der Pol*innen wäre aber für die Nationalsozialisten nicht lukrativ gewesen, denn schon zu Zeiten der Weimarer Republik waren polnische Erntehelfer*innen von historischer Bedeutung für die deutsche Landwirtschaft gewesen. Mit der Besetzung Polens im September 1939 hatten Pol*innen jedoch in der folgenden Saison keine freiwillige Entscheidungsmacht mehr, sondern wurden systematisch zur Arbeit in Deutschland gezwungen. Das wurde damals als “Reichseinsatz” bezeichnet. Immer wieder wurden Pol*innen während ihrer Arbeit auf deutschen Feldern an ihre – aus deutscher Sicht – Minderwertigkeit erinnert. Denn während die Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg als ‘Probelauf’ verstanden werden kann, waren die Zustände im Dritten Reich gezielt auf die Knechtung der Pol*innen ausgerichtet. Alle Pol*innen wurden öffentlich gebrandmarkt, indem sie allzeit das P-Abzeichen tragen mussten. Außerdem waren sie einem strengen Kontaktverbot ausgeliefert. Ihre Teilhabe an öffentlichem Leben und Infrastruktur wurde stark kontrolliert. Und wer nicht mitmachte, wurden von den Deutschen in Konzentrationslager gesteckt oder gleich willkürlich auf Feldern oder in Wäldern ermordet. Ein Denkmal für polnische Opfer der NS-Diktatur wurde bis heute nicht in Berlin errichtet.

Respekt für osteuropäische Saisonarbeiter*innen fehlt bis heute in der deutschen Gesellschaft

Heutzutage stellen Pol*innen immer noch einen bedeutsamen Anteil der in Deutschland angestellten Saisonarbeiter*innen. Eine vergleichende Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) aus dem Jahre 2017 belegte, dass in Deutschland, nach wie vor, schwere Arbeitsausbeutung ausländischer Arbeiter*innen vorkommt. Demnach erlebten fast alle Studienteilnehmer*innen Arbeitsausbeutung in Form von Gehaltsentzug oder einer Bezahlung deutlich unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Oft wurde ihnen kein Arbeitsvertrag geboten oder lediglich ein Vertrag in einer Sprache, welche die Arbeiter*innen nicht verstanden. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer*innen beklagten sich außerdem, dass die Arbeitsbedingungen von den zuvor getroffenen Abmachungen stark abweichten. Sie wurden zum Beispiel zu extrem langen Arbeitstagen genötigt. 

Die historische Ausbeutung von osteuropäischen Arbeiter*innen in Deutschland wird auf diese Weise auch in der heutigen Bundesrepublik fortgeführt. Historisch beschränkte sich die Ausbeutung nie nur auf polnische Arbeiter*innen, sondern betraf viele verschiedene Völker Osteuropas. Heutzutage sind vermehrt Menschen aus Bulgarien und Rumänien betroffen. Unter ihnen handelt sich auch häufig um Sinti*zze und Rom*nja. Generell ermahnt die FRA, dass es sich bei Arbeitsausbeutung selten um Einzelfälle handelt, sondern dass viele Arbeitgeber*innen bewusst die finanzielle Abhängigkeit der Saisonarbeiter*innen ausnutzen. Es fehlt an konsequenten Maßnahmen, um diese vor Arbeitsausbeutung zu schützen und ihre Grundrechte zu wahren. Stärkere und pro-aktive Kontrollen von Arbeitsstellen durch Behörden sowie die Verteilung von Informationen auf den Reisestrecken, welche die Saisonarbeiter*innen überwiegend nutzen müssten in Deutschland deutlich verstärkt werden. 

…weshalb die diesjährige Einreiseerlaubnis für Erntehelfer*innen aus Rumänien nichts Außergewöhnliches darstellt

Dass der deutsche Staat diese Maßnahmen nun während der Covid-19-Pandemie auf dem Schirm hat, ist höchst unwahrscheinlich. Das Gegenteil ist der Fall: Die deutsche Bundesregierung erlaubt die Einreise von Erntehelfer*innen aus Rumänien per Luftbrücke. Nicht nur sind diese Erntehelfer*innen unter den jetzigen Umständen kaum vor Arbeitsausbeutung geschützt, sondern die Bundesregierung riskiert noch dazu ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit. Während einer globalen Pandemie Menschen über dicht gedrängte Flugzeuge und Reisebusse nach Deutschland reisen zu lassen, in denen der Sicherheitsabstand von mindestens 1,5 m auf gar keinen Fall gewährleistet werden kann, ist eine Verletzung jeglicher öffentlicher Gesundheitspflege. Leider jedoch keine Überraschung. Das Selbstverständnis hier im Lande, dass Osteuropäer*innen für die Deutschen Feldarbeit leisten müssen, schwindet auch während der Pandemie nicht.

Wer fragt sich denn auch beim Spargelkauf, ob die Erntehelfer*innen aus Osteuropa gerecht behandelt werden?  Wenn “regional” oder “aus der Heimat” draufsteht, denken die Deutschen ja automatisch, dass ihre Landwirt*innen und deren Produkte allen anderen überlegen seien. Die typische Naivität, dass alles aus der Heimat gut und problemlos sei, wird auch diese Spargelsaison Millionen Deutsche dazu bringen Spargel zu kaufen. Ungehindert davon, dass es allgemein bekannt ist, unter welchen Umständen die diesjährigen Erntehelfer*innen arbeiten mussten. Der Spargelwahn der Deutschen auf Kosten osteuropäischer Leben – leider kein Novum in der langen Geschichte der Arbeitsausbeutung von Saisonarbeiter*innen in der deutschen Landwirtschaft. Zwei rumänische Erntehelfer sind schon am Covid-19-Virus, mit dem sie sich in Deutschland infiziert haben, gestorben. Sie werden nicht die letzten gewesen sein.

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