von: sai-Kollektiv  | Illustrationen: Johannes Schröder und Mathis Gilsbach

Hast auch du dein Tagebuch in der Krise wiederentdeckt und füllst täglich deine Seiten? Hast du viel zu schreiben oder sind es eher leere Zeilen in diesen Tagen, die sich aneinanderreihen?

Liebes sai-Tagebuch,

letztes Wochenende fand sich das Sai-Kollektiv zum zweiten Mal virtuell zusammen. Wieder einmal ein Kollektivtreffen der anderen Art. Ein Treffen, das zwar in sich super funktionierte, besonders dank Pauls toller Organisation, aber sich trotzdem unvollständig anfühlte, da wir uns nur durch Bildschirme sehen konnten. Trotzdem hielt uns der Verlust menschlicher Nähe nicht davon ab, mit geballter Energie zu diskutieren, zu träumen und zu lachen. Sai funktioniert auch virtuell – und das ist toll. 

Irgendwie ist das gerade alles eine merkwürdige Zeit, manche haben jeden Tag zig Videocalls von der Uni aus. Andere versuchen mit Mühe und Not, sich wenigstens zum Essen aufzuraffen und der Angst und den depressiven Gedanken so wenig Freiraum wie möglich zu geben. So ein Kollektivtreffen, frei von müssen und tun, frei davon sich beweisen müssen, scheint an diesen Tagen genau das Richtige zu sein. Dafür akzeptiert zu werden, wer du bist und wie du bist, gleichzeitig so viele tolle Menschen um dich herum zu haben, die ähnlich denken wie du, die in dir Gefühle auslösen wie Schaffensdrang, Freude, Inspiration und Dankbarkeit, lässt die dunklen Wolken momentan etwas heller erscheinen. Am Ende liegen sich Müdigkeit und Auftrieb in den Armen.

Vorfreude auf das nächste Treffen wächst an – eine gute Begleiterin in diesen Tagen.

Ein paar Kollektivlinge haben ihre Tagebücher gelüftet und einige Ausschnitte mit uns geteilt:

Paul:

Tag 1:

Ein, zwei neue Gesichter beim Kollektivtreffen demonstrieren mit ihrer Präsenz die Dynamik des Kollektivs. Die Unimüdigkeit, die Mankos der Zoom-Debattenkultur und fehlende räumliche Nähe ließen mich wundern, was es heute wohl geben wird. Zunächst Pizzabrötchen mit Zucchini.

Tag 2:

Workshops, Break-Out-sessions und Kreativräume ließen uns Platz zum Texten, Vorlesen, Träumen und Diskutieren. Wie schön es doch ist, fernen Menschen so nah zu sein! Aber ich sollte nicht zu traurig über das Ende des Calls sain, denn bald kommt wieder Dienstag.

Mathis:

Trotz der digitalen Distanz ist gefühlt viel Nähe entstanden, getragen von einem sehr respektvollen und persönlichen Umgang. Inspiration entstand im gemeinsamen Gestalten von Collagen, Besprechen von Texten und Diskutieren von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von SAI.

In der Woche davor ging es mir etwas weniger gut und ich hatte kaum Motivation auch nur irgendetwas zu tun, aber der Austausch und die Begegnung mit anderen aus dem Kollektiv haben mich beflügelt und mir neue Kraft und Ideen gegeben.

Johannes:

Was war mein Tageshighlight?

Das tolle Miteinander insgesamt und die tollen Texte im Workshop im Besonderen.

Wie sah mein ‚Home Office’ aus? 

Langweiligerweise befand ich mich an meinem Schreibtisch im Büro…

Was habe ich gegessen?

2 Franzbrötchen

1 Brötchen mit Tomate Mozzarella

2 Kaffee

1 Kaugummi

Flora:

Ich treffe – sehe dich – schon vom Eingangstor aus. Du sitzt auf der Aktivismusschaukel und rufst mir zu: „Sai doch wer du willst!“ In meinem Kopf macht es „Klick“ und ich hüpfe fröhlich mit den anderen Kindern ins Lektoratsbällebad. Zwei Tage später sitze ich noch immer darin und will mehr von diesen Menschen, die die gleichen Ideen, Ziele und Träume von diesem Abenteuerspielplatz haben, wie ich.

Julie: 

Tag 1:

Sehr müde, ich bin es gar nicht mehr gewohnt, um 10 Uhr wach und anwesend sein zu müssen. Aber um all die bekannten und noch-unbekannten Gesichter der Kollektivlinge zu sehen, hat es sich gelohnt. Mit tollen Diskussionen und einem inspirierenden Workshop von Jale zum kreativen Schreiben verging der Tag wie im Fluge und der Effekt der vielen Tassen Kaffee ließ auch langsam nach. Übrig blieb, nachdem ich meine Kamera und mein Mikro ausgeschaltet habe, ein Gefühl von kreativem Schaffensdrang und gleichzeitigem ausgepowert sein. 

Tag 2:

Heute eine halbe Stunde später, eigentlich schon mal voll gut, hätte ich nicht so schlecht geträumt. Diesmal bin ich selbst mit Workshop halten dran (zusammen mit der tollen Nora), ein bisschen Social Media Input geben, damit unsere Instastories noch nicer werden! 

Alles in allem gehe ich den Tag etwas entspannter an, koche mir zwischen drin Reis mit Gemüse. Mit Rückenschmerzen vom zwei Tagen am Schreibtisch Sitzen (bin das einfach nicht mehr gewohnt!) erfreue ich mich am Ende des Tages Teil dieses Kollektivs zu sein und kann es kaum erwarten, all meine Gedanken zu verwirklichen. 

Frieda:

Tag 1:

Das Morgenlicht hüllt unser WG-Wohnzimmer in einen wohlig-sanften Schleier. Von den Pancakes steigt Dampf auf, sie schmecken sehr süß und nach Erdbeeren, Schokolade, Honig und Apfel gleichzeitig. Und dann ist da noch dieser Bildschirm auf dem Holztisch vor uns, in dem freudige Gesichter sich vorstellen, Fragen formulieren und ins Gespräch kommen. Neben mir sitzt Anna – wir lachen, reichen uns Stifte und Wasser hin und her, es ist gut, dass sie ganz in echt da ist. Denn ich bin so verwirrt zwischen den Ebenen, dass ich manchmal aus Versehen in den Bildschirm hineingreife – ich will etwas kommentieren, obwohl ich stumm geschaltet bin oder Menschen in den Arm nehmen. Die Pancakes schmecken auch kalt, Stunden später, und in Beerensaft getunkt noch köstlich – mein Magen und Kopf sind beide voll, erfüllt, glücklich. Aber ich will mehr, bin übermütig und bin doch satt. Diese digitalen (Neu)Realitäten, ohne Gewöhnungseffekte – diese Zwischenweltenstunden, diese munteren Substitute des Zusammenseins, sie lösen ein tiefes Glücksgefühl in mir aus, dass heute ganz nach Pancakes mit Erdbeeren, Schokolade, Honig und Apfel schmeckt.

Jale: 

Ich sitze auf meinem Meditationskissen. Doch anstatt die Augen zu schließen und mich auf mich selbst zu konzentrieren, möchte ich mich beinahe in meinen Bildschirm reindrücken, um die Menschen, mit denen ich nicht nur die Leidenschaft für Geschriebenes und Gestaltetes teile, in ihrer Gänze wahrzunehmen. Ich kaue auf meinen Apfelspalten herum, tausend Ideen jagen durch meinen Kopf. Am schnellsten schlägt mein Herz bei der Abschiedsrunde. Du kannst die gegenseitige Dankbarkeit und Wertschätzung beinahe greifen. Ich klappe meinen Laptop zu, grinse vor mich hin und freue mich auf Tag 2: auf neue Diskussionen, bekannte Gesichter und eine warme Atmosphäre. Schade, dass Umarmungen via Zoom nicht möglich sind.

2 thoughts on “Ein Blick in mein Tagebuch”

  1. Hi ihr klugen Kämpferlinge!
    Früher war ja bekanntlich alles anders – ABER eben NICHT besser! So ein Magazin, wie das von euch geschaffene, wäre der Oberknaller zu meiner analogen Jugend-Zeit gewesen. Klar, digital war wirklich noch nicht erfunden, aber als Print daherkommend hätte es nicht nur die Sinne revolutioniert sondern auch die Meinungsvielfalt.
    Genau das begeistert mich an euren Texten. So individuell wie jedes Sailing von euch ist, genauso sinngebend arbeitet ihr für die Allgemeinheit zur freudvollen Weiterentwicklung aller in dieser Zeit auf dieser Erde. Klasse und Hut ab!
    Herrlich sind ebenfalls eure lockeren, frischen Grafiken – jede für sich eine Geschichte, die auch ohne Text stehen bleiben kann. Vielen Dank für diese Inspiration, die ich mit diesen Formen und Farben in den eigenen Alltag nehmen kann.
    Ihr said richtig dolle gut zusammen.
    Heike

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.