Text von Lea Schön | Fotos von Julie Mathees

Als Kinder finden wir Freund*innen oft einfach so. Wir leben für die ersten Kapitel unseres Lebens an einem Ort, teilen Sandkästen, Nachbarschaften und Großeltern.

Wir bewegen uns jeden Tag in ein altes und graues Gebäude, teilen Pausenbrote, Hausaufgaben und Lehrer*innen. Wir tauschen dieses Gebäude in freudiger Erwartung gegen ein älteres und graueres Gebäude und teilen Hobbys, Schwärmereien und Träume. Dann gehen manche getrennte Wege und die Willkür des Lebens setzt ein.

Entscheiden wir uns für einen Ortswechsel, geht es woanders weiter. Und plötzlich ist da die Einsamkeit. Eine in Unbehagen gehüllte Erkenntnis macht sich breit. Es ist wohl doch keine Selbstverständlichkeit, von Personen umgeben zu sein, die man mag. Die man gerne genug mag, um gemeinsam Zeit totzuschlagen. Dazu kommt noch, dass es Initiative erfordert, solche Personen zu finden. Vielleicht sogar Arbeit. Auf jeden Fall ist es nicht ganz einfach.

© Julie Mathees

Wir müssen uns nackt machen und selbst kennenlernen. Uns neu erfinden oder zumindest wiederfinden. Wir möchten wissen, was uns wichtig ist – was uns ausmacht. Und dann Menschen finden, die genauso sind. Nein, oder vielleicht anders sind? Wollen wir Leute finden, die Interessen teilen oder die den Horizont erweitern? Eigentlich reicht es auch gemeinsam zu lachen, aber irgendwie sollten wir auch in Utopien schwelgen können. Ganz unbewusst malen wir uns ein Bild von zukünftigen Wegbegleiter*innen, haben Vorstellungen die wir erfüllt wissen wollen und ein klares Ziel: Gemeinschaft, Mittäter*innenschaft; vielleicht Freund*innenschaft.

Und aktuelle Freund*innen werden zu alten. Also zu den Menschen mit denen man nur noch in Erinnerungen schwelgen kann, mit denen man keinen Alltag mehr teilt, sich in Sprachnachrichten und per FaceTime auf dem Laufenden hält. Sie werden aber nicht weniger wichtig. Die, die bleiben, werden zur Konstante und zu denen, die uns am besten kennen. Sie treten einen Schritt zurück und machen ein wenig Platz für andere.

Muss man das Neufinden von Freund*innenschaft erst lernen? Irgendwie ja schon. Die Sache mit dem auf Leute zugehen, ist für manch eine Person die leichteste Kunst, für andere Grund zur Panik. Auf jeden Fall es einfacher mit ein wenig Übung. Wir scannen die Welt nach Menschen ab, die uns ein gutes Gefühl geben könnten, die wir für interessant halten oder die uns anlächeln. Wir versuchen, anhand von Oberflächlichkeiten, die Menschen zu finden, deren Wesen wir zu schätzen wissen. Wir haben ein erstes schönes Gespräch mit ihnen. Wir stellen uns Fragen, geben uns Antworten, mögen diese oder auch nicht. Und das Geschichten Austauschen beginnt. Bald schweben wir nicht mehr so sehr in der Luft und Fremde sind nicht länger fremd. Wir feiern dieselben Künstler*innen, lieben Sommerrollen einfach so sehr und sind gleichermaßen chaotisch. Ganz plötzlich war die Gemeinsamkeit. Das ist irgendwie unbehaglich und aufregend und schön. Es dauert manchmal zwei Tage, manchmal zwei Jahre – leider meint es der Zufall nicht immer gut mit uns und dem Seelenmenschen finden.

© Julie Mathees

Überhaupt ist die (Nicht-)Entscheidung mit wem wir unsere Zeit verbringen möchten immer auch eine politische. Wir sind gerne unter gleichgesinnten Menschen, die unsere Einstellungen teilen. Wir machen es uns bequem in gleichen Meinungen und in gleichen Träumen, die sich vielleicht nur in Nuancen von unseren eigenen unterscheiden. Dabei bleiben häufig andere Lebensentwürfe außen vor und wir schließen manche Lebenswelten aus unserer ganz eigenen Realität aus. So tragen wir nicht gerade aktiv zur Zusammenführung der Gesellschaft bei. Das Märchen von den Blasen, in denen wir uns aufhalten, ist wahrscheinlich schon deshalb ein viel erzähltes, weil Menschen in Freund*innenschaften doch nicht so zufällig zueinanderfinden. Selten stoßen wir auf Wegbegleiter*innen außerhalb unserer Blase, wenn dann sind diese noch von früher. Schließlich brauchen wir etwas, das uns verbindet und das ist anfangs nicht mehr als unser bloßes Selbst. Denn Menschen kumulieren Persönliches und Emotionales in ihren Zusammenkünften. So tragen wir Einstellungen nach außen und erschaffen kleine Welten, in denen wir uns wohlfühlen. Weil diese uns Halt und Freude geben, bleiben wir dort erst mal und das ist auch irgendwie okay.

Zwischen Einsamkeit und Gemeinsamkeit steht nun mal so manche Verlorenheit auf Partys, ein wenig komischer Small Talk und viele vergossene Weinflaschen. Haben wir unsere Seelenmenschen gefunden, tauschen wir neben Geschichten auch unser Innerstes aus. Wir teilen Wohnungen, Zukunftsängste und Lieblingscafés. Dann verlieren wir uns gemeinsam in der Normalität, teilen Routinen, Nebenjobs und Wochenendtrips. Wir finden uns gelegentlich ein wenig nervig und meistens unglaublich toll, bleiben manchmal nur für eine Weile und bleiben manchmal für immer.

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