Inspiration

Was ist Inspiration? Wo ist Inspiration? Wie ist Inspiration? Das fragen wir uns in diesem kollektiven Beitrag.

Schöpferischer Einfall, Gedanke; plötzliche Erkenntnis; erhellende Idee, die jemanden, besonders bei einer geistigen Tätigkeit, weiterführt; Erleuchtung, Eingebung (Quelle: Duden)


überall

Text: Sheila-Ananda Dierks

inspiration  ,

                sein

kann alles, 

was ist

oder nicht 

ist.

sein.

das reicht,

zur bloßen inspiration

wenn mensch sie denn sehen,

hören,

fühlen

will.

Inspiration: Eines dieser Phänomene, das viel zu präsent ist, als, dass mensch es als tatsächlich unsichtbar wahrnehmen würde. Doch sie ist es: nicht sichtbar, nicht greifbar – irgendwo.
Inspiration schwebt – in der Luft, zwischen Menschen, zwischen Dingen, überall. Daher kommt sie manchmal ganz unerwartet, lauert hinter der nächsten Ecke in Form eines schönen Menschen, der mit seinem Lächeln daran erinnert, wie schön doch ein bloßes Lächeln sein kann.
Wann anders wiederum will sie sich nicht finden lassen, wenn mensch krampfhaft versucht, eine Eingebung für seinen künstlerischen Ausdruck zu erhaschen: Es werden Bilder und Texte durchforstet, in der Hoffnung, zufällig auf sie zu stoßen. Doch das Finden der Inspiration, klappt nur manchmal, wenn mensch danach sucht. Sie ist eben willkürlich.

Es sind kleine Inspirationen, die jeden Einzelnen tagtäglich zu Entscheidungen raten. Oder auch große, die nicht selten ein ganzes Leben verändern.

Inspiration ist überall. Lasst uns sie einatmen.


Ideas need legs

Text & Fotos: Maike Stemmler

© Maike Stemmer

Die Pandemie feiert europäisch betrachtet bald ihren ersten Geburtstag. Und ich meinen sechsundzwanzigsten. Es ist eine einfache Rechnung: Immer plus 25. Einen wirklichen Grund zum Feiern gibt es nicht. Doch darum soll es hier auch nicht gehen.

Die Pandemie hat genommen und nimmt immer noch so vieles. Spontaneität, Leben, Menschenmengen, kollektive Ekstase. Eines aber ist geblieben – das Laufen. In kleinen wie großen Kreisen umrunden wir unser Zuhause, erkunden neue Straßen und Wege oder gehen doch immer dieselben. Die meisten sind gelangweilt von der Eintönigkeit der Tage, von ihrem Spiegelbild in Video-Calls; auch laufen nervt. Doch wir laufen weiter. Und weiter. Wir laufen weg. Bleiben in Bewegung, um dem Stillstand in der Welt zu entkommen. Wenigstens die Illusion aufrechterhalten, Dynamik existiere noch.

Gedanken entstehen in Bewegung. Sie brauchen Raum und Veränderung. Deshalb heißt es doch Gedankengang, oder? Laufen kann ein befreiender Aktsein. Ein Gefühl der Selbstwirksamkeit. Ich laufe, also bin ich? Ein pandemisches Leitmotiv.

In Barcelona geht der Blick meist nach oben, Richtung Himmel. So viel, das es zu entdecken gibt. An Wänden, Türen, hinter Fenstern und Fassaden. Always up. Vista arriba. Durch die Straßen wandelnd, rauschend, ziehen Häuserdächer im doppelten Tempo vorbei. Maike-guck-in-die-Luft, nicht Hans. Flaneurin, nicht Flaneur. Ein Stadtspaziergang.

Ich trage meine Ideen auf Füßen; nicht auf Händen.

Diesen Text tippe ich übrigens in die Notiz-App auf meinem Handy. Auch hier kann sie sein, die Inspiration. An einem Ort, der das Gegenteil davon zu sein scheint. Warum ich die Notizfunktion liebe? Gerade deshalb. Sie macht den Anschein des Banalen, des Alltäglichen. Hierin speichere ich Einkaufslisten, Telefonnummern, Wortfetzen und Webseiten. Die Funktion erwartet keine geistige Vollkommenheit oder sprachliche Höchstleistung. Und in dieser Leerstelle der Nichterwartung entstehen Texte und Gedanken. Schreibe und träume ich. Ich fühle mich druckbefreit. Denn sonst landen hier meist nur Bananen, Kaffee und Brot auf der Liste.

Ein lautes Hupen. Ich halte an. Die Ampel ist rot. Vielleicht sollte ich die Kombination aus tippen und laufen noch einmal überdenken.


And then give feeling to it

Text: Laura Gerloff

Frage: Was inspiriert dich?
Antwort: Dieser Text wurde inspiriert von Raga: a personal introduction by Ravi Shankar – YouTube

Ravi Shankar sitzt auf dem Boden, die Beine überkreuzt und die Augen geschlossen. Seine Nase berührt beinahe die Wirbel der Sitar, die nur von den alten, geübten Händen gehalten wird. Seine Lider zucken manchmal, aber sie bleiben geschlossen. Einige Verzierungen begleitet er mit dem Kopf, ganz so, als wäre er selbst Teil der Saiten, die unter den Hauptmelodiesaiten der Resonanz dienen.

Frage: Woher kommt Inspiration?
Antwort: Inspiration kommt aus Resonanzsaiten. Aus kleinen gespannten Fäden, die mitschwingen, wenn in ihre Umgebung sich bewegt.

Er sieht nicht fröhlich aus. Die Furchen in seiner Stirn zeigen klar, dass sie daran gewöhnt sind, sich zur Musik zu zeigen, wo immer er ist; egal ob er über die Gemälde der Rasas redet oder spielt.

Wenn er spricht, zeigt er die Formen, die in seinem Kopf schweben mit Gesten an: Er bildet Kreise, um die Verbindung aller Töne zu verbildlichen: „It’s always rounded, it’s not cornered, you know? That is a very important thing.“ So fließend wie die Sekunden, soll der Alap (das ist die „Einleitung 1“) in den Gat (also den Hauptteil) übergehen. Über die Musik, also den Raga, sagt der Duden Folgendes: Melodietyp (zu bestimmten Anlässen) in der indischen Musik, der auf einer Tonleiter beruht, deren Intervalle in einem bestimmten Schwingungsverhältnis zu einem festen Modus mit relativer, jeweils frei gewählter Tonhöhe stehen.

Ravi Shankar widerspricht dem. Ein Raga ist keine Skala und kein Tongerüst, besteht nicht aus Quinten und Mikrointervallen; genau wie eine Ansammlung an Farben kein Gemälde ist. Erst wenn die Töne definiert und die Talas, also die Zeiteinheiten, klar sind, ist es möglich mit der Raga zu beginnen: „And then: Give feeling to it.“

Frage: Wo ist Inspiration?
Antwort: Da, wo wir mehr finden, als vorhanden ist. Das ist hier irgendwie sehr vereinfacht dargestellt, klassische indische Musik ist viel komplexer als Wiener Klassik bspw. aber im Grunde genommen ist der Alap eine Einleitung.


23:45 Uhr und mildes Lächeln

Text: Leonie Ziem

Eine WG-Küche. Ab und an erfriert ein Lebensmittel im brummenden Tiefkühlfach. Am Holztisch sitzen fünf Menschen mit unterschiedlichen Pronomen und Studiengängen.

L: Sagt mal, was inspiriert euch?
P: Wichtige Frage, habe ich mich auch gefragt. Hat Sheila das nicht gefragt, im Fragmente-Aufruf von sai?
E: Das finde ich schwierig, jetzt zu beantworten.
P: Ich habe darauf nur eine stumpfe Antwort. Halt so Bücher.
E: Da im letzten Jahr keine Ausstellungen war, da fehlt was. Selbst, wenn die Ausstellung blöd ist, ist es irgendwie inspirierend, dass man hingegangen ist. Das Gespräch schweift ab.
L: N, F, woll ihr noch was, sagen, was euch inspiriert?
N: Schreibst du das dann auf?
L (lügt): Nein.
F: Du nimmst es auf.
L: Ne, ich will das einfach nur jetzt wissen. Zur Inspiration.
E: Ich glaube, das ist oft etwas unbewusstes und das man deswegen nicht so verbalisieren kann, weil man es in dem Moment nicht checkt.
N: Ach, ich bin so uninspiriert.
E: Ich habe auch mit Ella neulich darüber geredet, dass es voll lange her ist, dass man einfach so Sachen gemacht hat ohne sich dabei zu denken: Das könnte ich jetzt noch hierfür verwenden oder dort hinschicken. Früher habe ich einfach mal so einen Nachmittag herumgekrikelt. Gegenstände werden hin und her bewegt… Wo war ich?
L: Hier, kannste nachlesen.
N: Du schreibst also wirklich mit.
F: Ich glaube, man muss es einfach machen. Also wenn ich schreibe, dann merke ich zwischendrin erst, ob es läuft.
N: Aber wenn du dann schon mal angefangen hast zu schreiben, dann warst du ja offenbar davor inspiriert.
F: Ich mache das jeden Morgen, ich stelle mir einen Timer und dann schreibe ich fünf Minuten. Während des Schreibens kommen dann Ideen, die ich davor nicht hatte. Gedanken kommen, die so inspirierend sind, dass ich weiterdenke.
E: Hast du nicht das Gefühl, dass du das machst, weil du das machen musst?
F: Ja. E: Ist das nicht ungesund? F: Ich finde das gut, weil das den Tag strukturiert.
E: Bei uns zwei, N. und mir, liegt es irgendwie auf der Hand, weil wir Kunst und Designsachen studieren, aber wie ist es bei anderen Dingen? Andere Menschen sind ja auch irgendwie inspiriert, aber die zeigen es anders.
L: Ich habe einen Artikel mit einer ehemaligen Lehrende oder Institutsleiterin des Studiengangs für Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien gelesen, in dem es um die Frage ging, warum die schriftliche Zulassungsprüfung wichtig ist: Weil sie meint, das Schreiben sollte immer möglich sein und nicht nur, wenn einen die Inspiration überkommt.
P: Man lernt, das zu üben.
N: Das ist auch das, was wir im Studium machen. Aber das entfremdet einen von dem, was man eigentlich machen will.
L: Vielleicht finde ich Langeweile inspirierend.
P: Ich bin sehr selten gelangweilt.
E: Ich vermisse es etwas. Wenn man einfach mal zwei Stunden nichts vorhat.
P: Aber das ist ja nicht Langeweile, wenn man Zeit hat. Dann setze ich mich vielleicht an einen Kanal und lese ein Buch.
F: Ist nicht eher Frustration Langeweile? Wenn man gar kein Sinn in dem sieht, was man macht?
N: Dann fühlst du dich sinnlos. Aber das ist nicht das Gleiche wie Langeweile. E: Ich finde ein positive Langeweile verlockend. Wenn man sagt, man macht jetzt nichts, hat kein Druck.
N: Aber dann ist es keine Langeweile. Man kann Langeweile nicht planen. Sobald Langeweile Sinn ergibt, ist es keine Langeweile mehr.
E: Ich kann das nicht, zwei Stunden Pause zu machen, weil wenn ich weiß, ich muss danach was machen und dann könnte ich das ja auch gleich jetzt machen.
P: Geht mir auch so.
N: Mir auch.
P: Da ist die Freizeit halt total durchökonomisiert.
F: Also ich kann Pause machen.
L: Ich auch, aber ich fühle mich dabei schlecht und bin deswegen nicht ausgeruht.
E: Aber das sind vermutlich so Sachen im Beruf, mit denen man lernt, umzugehen. Die Pausen, die ich früher gemacht habe, waren Kneipe oder Party. Jetzt ist es Zoom-Hangout.
F: Ich finde Alkohol ist inspirierend. Löst die Zunge und man hat interessante Gespräche.
N: Trinkst du alleine?
F: Ne.
N: Ist es dann der Alkohol, der inspiriert?
F: Naja. Alleine trinke ich, wenn ich traurig bin.
L: Na toll, das kann ich nicht mitschreiben. Wenn die Kids das lesen.
N: Welche Kids?
L: Die sich inspirieren lassen wollen. Eine Fliege dreht ihre Runden. Das Gespräch driftet ab zu Bekannten, die alkoholisiert unangenehm werden.
F: Schreibe noch Muse rein.
N: eine weibliche Muse? P könnte deine Muse sein.
L: Wenn P seine Haare aufmacht.
E: Viele Leute sagen auch, dass die Natur sie inspiriert.
F: Ich brauche doch keine Muse, war ein Witz. Kannst du raus streichen.


Meine Baumstudie

Text & Fotos: Lucas Kreß

Ich trete über die Türschwelle aus meinem Wohnhaus heraus, entscheide mich bewusst dagegen, mich mit Kopfhörern abzuschotten und lasse mein Handy zu Hause. Ich möchte meine Umgebung wahrnehmen – achtsam sein. Mein altes WG-Zimmer war ziemlich dunkel. Um etwas Sonne zu tanken und richtig wach zu werden, gehe ich regelmäßig morgens im nahe gelegenen Park spazieren. Impressionen prasseln auf mich ein: Der Lärm des Stadtverkehrs, das Rattern der Stadtbahn, Gespräche von Menschen, das Kreischen von Kindern, die Wärme der Sonne und hin und wieder die Kühle des seichten Frühlingswindes. Ich versuche so viele Eindrücke wie möglich aufzunehmen, schaue mich um und suche die Schönheit im Alltäglichen.

Im Park gibt es viele Bäume – logisch. An vielen von ihnen bin ich in den letzten drei Jahren schon oft vorbeigegangen, aber habe sie selten bewusst wahrgenommen. Manche Bäume fallen mir mehr auf als andere. Sie stechen durch ihre einzigartige organische Form, Größe oder Textur hervor. Und sie inspirieren mich, weil sie Metapher für so viel Alltägliches sein können: Lebenswege, Beziehungen, Emotionen. All diese Besonderheiten, die mich mehr sehen lassen, als „bloß einen Baum“, möchte ich fotografisch in Form einer ‚Baumstudie‘ festhalten. Es ist eine kleine Herausforderung für mich, aber ich komme gerne aus meiner Comfort-Zone heraus, um meinen kreativen Horizont zu erweitern. Meine Aufgabe ist es, die Organik der Natur künstlerisch in Szene zu setzen. Das ist ein starker Kontrast zu meinen üblichen Arbeiten, die meist aus geradlinigen Kompositionen bestehen und in Farbe sind.


Was mich inspiriert

Text: Frieda Teller

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