von Friederike Teller

Vielleicht ist die Erde ja doch noch zu retten, daran arbeiten zumindest die Mitglieder der weltweiten Transition-Town Bewegung. Sie versuchen Menschen für einen nachhaltigen Gewohnheitswandel zu begeistern. Mit Repair-Cafés, Kleidertauschpartys und Gemeinschaftsgärten bringen sie positive Alternativen in die Städte.

Als der lächelnde Kaktus umkippt, versucht Marco geduldig ihn aufzurichten. Später soll auf der Fensterbank in dem hellen Raum ein kleines Beet entstehen. Im Moment verweisen nur gebastelte Papierpflanzen und ein ermutigender Zettel auf diese mögliche Zukunft. Es ist noch früh am Vormittag und etwas kalt in dem großen freundlichen Raum. Bis jetzt verbreiten schon Sessel, Sofas und Bücherregale eine gemütliche Wohnzimmeratmosphäre. Die leeren Wände und die lose Glühbirne machen aber deutlich, dass das Transition-Haus in Heidelberg erst vor wenigen Wochen neu eröffnet wurde.

„Hier soll ein Ort entstehen, der zum Wandel anregt. Dieser Wandel kann individuell ganz unterschiedliche Schwerpunkte haben. Wichtig ist, dass er beginnt“, betont Marco. Er ist  seit der Gründung 2013 bei der Initiative in Heidelberg dabei und arbeitet inzwischen halbtags im Transition Haus. Der Wandel darf aber keine bloße Zukunftsidee bleiben, denn schließlich ist der Klimawandel schon längst bittere Realität. Erst kürzlich zeigte sich auf der Klimakonferenz wieder, dass dieser nicht von oben gestoppt werden wird. Prognosen kündigen eine Erwärmung um 3,2 Grad bis Ende des Jahrhunderts an.

Auch die begrenzten Vorräte von Rohöl, müssen auf immer unkonventionellere Weise zugänglich gemacht wurden. Die These des Peak Oil, vertritt zudem den Standpunkt, dass der zeitliche Höhepunkt der Fördermenge bereits erreicht wurde. Als der Brite Rob Hopkins sich 2006 mit der Idee des Peak Oil beschäftigte, suchte er Antworten und Handlungsoptionen in den Ideen der Permakultur. So wurde die Transition Town Initiative geboren und verbindet tausenden von Lokalgruppen auf der ganzen Welt. In Deutschland sind es inzwischen fast hundertfünfzig solcher Transition-Town Gruppen. Wie der Wandel in Sao Paulo oder in Kampala aussehen könnte, entscheiden die Gruppen vor Ort. Unterstützung und Inspirationen bekommen sie durch das große Netzwerk und Online-Ratgeber.

„In Heidelberg begann die Gruppe aus einer Handvoll Menschen. Ich war schnell mit dabei. Los ging es mit Repair-Cafés. Damit wollten wir ein Zeichen gegen geplante Obsoleszenz und den gesellschaftlichen Konsumdruck setzen“, beschreibt Marco überzeugend. Das Repair- Café bringt seitdem regelmäßig Menschen aus unterschiedlichsten sozialen Hintergründen zusammen. „Dabei ist es wichtig die Alternativen schmackhafter und angenehmer zu gestalten, als das gewohnte System“, findet Marco. Ein Handy selbst zu reparieren, ist nicht nur ein sehr positives Erlebnis, es spart auch noch Geld und Ressourcen.

Fantasie und Tatendrang der lokalen Gruppen sind keine Grenzen gesetzt. In Leipzig schuf die Transition Initiative sogar eine eigene alternative Währung: den Lindentaler. Mit diesem kann in ausgewählten Geschäften und Cafes bezahlt werden. Er macht die Stadt zum Dorf und ist frei von Spekulationen und Aktienkursen.

Alles getreu dem Motto: Wir fangen einfach mal an, wie es auch auf der Website der deutschen Transition Initiativen zu finden ist. Entscheidend ist dafür die Vernetzung mit anderen lokalen Initiativen und den Menschen vor Ort. In der Zukunftswerkstatt wird in Heidelberg gemeinsam visioniert, wie eine wünschenswerte Zukunft für die Stadt aussehen könnte. Positive Gemeinschaftserfahrungen, Gewaltfreie Kommunikation, Dragon Dreaming und Tiefenökologie, helfen bei diesen Prozessen. Transition Town unterstützt damit einen ganzheitlichen Wandel. Auch Marco ist das Gemeinschaftsgefühl besonders wichtig. „Gemeinschaftserfahrungen können dabei, im Gegensatz zu Konsum, echte Bedürfnisse befriedigen“, findet er.

Umgeben von Bahnschienen und Betrieben, will das Transition Haus deshalb seine Räume für alle Menschen öffnen. „Uns geht es insbesondere darum, die Menschen anzulocken, welche sich noch gar keine oder erst wenige Gedanken über ökologisches Handeln gemacht haben. Wir wollen dazu anregen Gewohnheiten zu ändern“, erklärt Marco.  Das ist ein Grund warum Transition weltweit so erfolgreich ist. Es geht um den praktischen Wandel, darum die Menschen in den Städten abzuholen und sie nicht mit radikalen Forderungen zu verschrecken. Sein brauner Sessel zum Beispiel, ist gemütlich und gebraucht gekauft worden, trotzdem musste er mit einem Dieselfahrzeug hierher transportiert werden – irgendwo muss der Wandel eben Kompromisse machen.

 „Es geht doch darum, die Hände nicht einfach in den Schoß zu legen“, Marco blinzelt ermutigend und blickt in den großen winterlichen Garten vor dem Fenster. Als weltweite Graswurzelbewegung geht es Transition Town genau um dieses Einfach.Jetzt.Machen. Was genau das für den Lebensstil jeder einzelnen Person bedeutet, dafür gibt es längst viele populäre Ideen: klimafreundliches Kochen, Upcycling, Tauschen und Reparieren, lokale Nahrungsmittel und fossilfreie Energie. Die Liste ist lang und viele der Ideen sind in den letzten Jahren stark in Mode gekommen. Doch am Ende geht es darum, diese Ideen wirklich auch aktiv alltäglich umzusetzen. Dafür braucht es aber ein echtes Umdenken und nicht nur ein neues grünes Produkt.

„Mein Traum ist es, dass die Bewegung sich quasi selbst abschafft. Der Wandel ist schon passiert und sozial-ökologisches Handeln ist die Norm“, argumentiert deshalb auch Marco. Das Werkzeug Transition in den Köpfen wäre dann eine nostalgische Erinnerung daran, wie wir gerade noch die Kurve bekommen haben. Immer wieder müssen dafür die Werte für ein gutes Leben im Hier und Jetzt und ein Danach verhandelt werden. Diese Verhandlungen schmecken oft zäh und nach Ohnmacht. Transition Town will beweisen, dass man den Wandel anders würzen kann. Platz zum Kochen ist in den großen Räumen des Transition-Hauses genug.

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