Yasmine M’Barek über „Radikale Kompromisse“

Ein Interview von Sheila-Ananda Dierks | Beitragsbild: Nora Boiko

Yasmine M’Barek schreibt für ZEIT Online über Bundespolitik, hat einen Faible für Markus Söder-Memes und liebt Eiskaffee und Mode. Mit ihren 23 Jahren zählt sie bereits zu den einflussreichsten, jungen Journalist:innen des Landes, ist regelmäßig in der Talkshow von Markus Lanz und nun auch frischgebackene Buch-Autorin: »Radikale Kompromisse« lautet der Titel ihres Buches und auch ihr Appell an die Politik. Wir haben mit Yasmine über das Gendern, Konservatismus und vor allem über ihre Forderung nach mehr Kompromissen gesprochen.

sai: Yasmine, hast du ein Lieblingsbuch?
Yasmine: Das finde ich schwierig! Mein alltime-favourite ist das Goldene Notizbuch von Doris Lessing. Von ihr ist auch das Eingangszitat in meinem Buch. 

Vor kurzem ist ja dein erstes Buch »Radikale Kompromisse« erschienen. An wen richtest du dich damit?
An alle Teilnehmer der Demokratie. 

Teilnehmer? Du genderst im generischen Maskulin. Ist die bewusste Entscheidung, nicht inklusiv zu gendern, für dich persönlich ein Kompromiss?
In gewisser Weise schon. Aber es geht hierbei nicht darum, was ich persönlich denke. 

Sondern?
Gendern ist zu einem Politikum geworden: Das Thema ist politisch so aufgeladen, dass ich, je nachdem, ob oder wie ich gender, immer eine politische Entscheidung treffe. Ich persönlich werde oft in eine feministische Bubble gesteckt, bloß, weil ich einer marginalisierten Gruppe angehöre, obwohl ich ganz klar kein Politikum sein will und auch nicht öffentlich mache, was ich wähle. Der Tag, an dem zum Beispiel eine nicht binäre Person nicht mehr angefeindet wird und die Existenz aller Geschlechter nicht in Frage gestellt wird, sollte der bessere Tag sein, als der Tag, an dem alle gendern. Die Gender-Debatte sollte nicht repräsentativ für Inklusion und Gleichberechtigung stehen, solange es praktisch noch keine Inklusion und Gleichberechtigung aller Menschen gibt. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, in den nächsten Jahren etwas anderes zu verwenden, als das generische Maskulin.

Im Gegensatz zu dem generischen Maskulinum/ Femininum soll das inklusive Gendern ja möglichst alle Menschen sprachlich mit einschließen. Ist das nicht bereits ein sprachlicher Kompromiss?
Ich glaube, dass die Kompromiss-Ebene hier nicht mehr nur eine rein Sachliche ist. ‘Ich habe hier rot und hier blau, vermische das, dann haben wir alle lila’ funktioniert nicht bei einer so politisch aufgeladenen Sache. Ich glaube, die Frage, wie wir alle inkludieren können, ist gar nicht mehr der Kompromiss der geführt wird. Der Kompromiss wäre eher: Alle dürfen gendern wie sie wollen und wir färben das nicht in politische Spektren. Jeder darf so sprechen wie er möchte, solange er damit niemanden verletzt, ohne dass er dafür angefeindet oder politisch gelabelt wird.

Yasmine, glaubst du an eine politische und gesellschaftliche Revolution? 
Ich finde Revolution ist ein relativ großer Begriff, aber in Bezug auf Revolution in ihrem Urbegriff verstehe ich das so: Ich glaube, wenn eine Staatsform demokratisch ist, ist eine Revolution etwas Antidemokratisches: Man schafft einen politischen Umbruch mit einem absoluten Thema. Revolutionär können politische Vorhaben in der Demokratie trotzdem sein. Zum Beispiel die Abschaffung von Hartz IV.

Illustration: Nora Boiko

In deinem Buch appellierst du für radikale Kompromisse in politischen Debatten. Merkel beispielsweise betonte schon früh immer wieder die politische Notwendigkeit, fähig zu Kompromissen zu sein. Ist das Prinzip der Konsenssuche und Kompromissbereitschaft politisch nicht langsam mal aufgebraucht?
Ich glaube der Kompromiss ist die Grundlage einer Demokratie. So eine Aversion wie »aufgebraucht«, die davon ausgeht den Kompromiss nur in äußersten Notfällen einzusetzen, führt dazu, dass man ihn nicht vollständig ausschöpft. Ich glaube der Kompromiss wurde in der Vergangenheit oft falsch benutzt und hatte deshalb einen massiven Imageverlust.

Haben Kompromisse für dich etwas mit Nachgeben zu tun?
Mit Nachgeben im größeren Sinne. Aber vor allem damit, Meinungen zu akzeptieren, solange diese sie nicht antidemokratisch sind. Man muss reflektieren: ‘Was ist überhaupt möglich?’, statt stur an dem eigenen Standpunkt festzuhalten. Damit ist ein Kompromiss etwas, was niemand wirklich gerne macht.

Kompromisse klingen nach einem langsamen Prozess. Haben wir im Angesicht von Rechtsextremen, dem Krieg in der Ukraine und der Klimakrise noch genug Zeit dafür? Können Kompromisse überhaupt radikal genug sein?
Dass Kompromisse als langsam gelten, ist ja ein Resultat davon, dass Leute grundlegend keine Kompromisse schließen wollen. Das ist ja ein sehr zäher Prozess und die negativste Art von einem Kompromiss. Sich von dieser Vorstellung zu lösen, ist der erste Schritt zu sehr produktiven Kompromissen, die realpolitisch die schnellste Möglichkeit für politische Aushandlungsprozesse sein können.

Du glaubst, dass wir den Generationskonflikt von der Schuldfrage lösen müssten, zum Beispiel in Bezug auf die Klimakrise. Kann der Schuldbegriff nicht auch erleichternd sein?
Ich glaube, es ist etwas Erleichterndes, wenn man keine Lust auf Fortschritt hat. Klar kann ich jetzt 100 Jahre lang sagen, dass ältere Menschen daran Schuld sind, dass wir das 1,5 Grad Ziel noch nicht erreicht haben – aber erstens, wäre das eine Verhöhnung derer, die schon in den 80ern dafür gekämpft haben, dass wir eine klimagerechte Welt haben und zweitens bringt es mir nichts. Das ist einfach eine verpennte Chance für Kompromisse. Sich an der Schuldfrage aufzuhalten nimmt wertvolle Zeit in Anspruch, die man viel besser für Kompromisse nutzen könnte.

Wie könnte ein Kompromiss zwischen der jungen und alten Generation denn konkret aussehen? 
Ich glaube der Kompromiss ist durchaus, dass junge Menschen, die sich für das Klima interessieren, erstmal sehen, was für eine Wählerkraft ältere Menschen haben und sich dann bewusst machen: Wenn man ein Angebot eines Gemeinsamen, statt einem ‘Wir gegen ihr’, schafft, kann man viel mehr Leute mobilisieren und sagen:  »Ihr wollt für eine gute Rente kämpfen und wir für’s Klima, dann lasst uns  doch beides verbinden«.

Verstärkt eine Organisation wie Fridays For Future deiner Meinung nach den bestehenden Generationskonflikt?
Fridays for Future spielt die Rolle der Idealisten, die absolut sind. Zwar laufen da ja auch durchaus Parents For Future, Teachers For Future und Grandparents For Future mit, das sieht man nur nicht so, aber insgesamt bedient sich Fridays For Future durchaus auch an sehr Generationsspalterischen Mitteln.

Wie könnte klimapolitischer Aktivismus denn kompromissbereit und gleichzeitig radikal sein?
Ich denke, es wäre wichtig, dass Menschen, die realpolitisch das Meiste rausholen wollen, mehr akzeptiert werden. In der linken Bubble der Idealisten, zu der ja beispielsweise auch Fridays For Future gehört, geht es meistens darum, was solidarisch und was richtig oder falsch ist. Für einen kompromissbereiten und effektiven Aktivismus, müsste sich klar gemacht werden: »Ich habe ein Ideal, das wird sich so absolut nicht umsetzen lassen, was kann man denn realpolitisch gerade machen?«.

Die Suche nach Kompromissen kann sicherlich sehr zehrend sein. Viele Menschen, die von der Gesellschaft marginalisiert werden, sind zu müde und wütend, um wieder und wieder neue Kompromisse einzugehen oder nach ihnen zu suchen. Was würdest du ihnen raten?
Leider muss man auch mal aufhören, seine Ressourcen zu verschwenden, wenn man einfach tired of it ist und merkt: Bringt gar nichts. Man muss als marginalisierte Person nicht dauernd das Standbein für alle sein und mehr reflektieren, als alle Anderen. 

Glaubst du, Kompromisse zwischen politisch linken und rechten Lagern sind realistisch?
Nein, weil ich die Rechte selbstverständlich nicht als Teil der Demokratie sehe. Und die Kompromissfrage ist ja immer darauf gebaut, dass die Freiheit des Anderen nicht begrenzt wird.

Was bedeuten die Begriffe ‘links’, ‘rechts’ und ‘politische Mitte’ für dich?
Linke stehen oft für eine sehr idealistische idee der Gesellschaft, in der alle einen Platz finden. Rechte sind per se antisemitisch, menschenverachtend und -ausgrenzend und rassistisch, das ist eben deren Idelogie. Ich glaube, dass die Mitte die mehrheitliche Masse ist, die vielleicht auch viele Privilegien genießt, aber auch realitätsbewusst ist und durchaus weiß, dass bestimmte Utopien in einer Demokratie niemals stattfinden werden. Das wissen Linke übrigens auch, hier ist niemand schlauer als der andere.

Yasmine, du hast vor kurzem geheiratet. Wie konservativ ist eine Hochzeit?
Auch eine Hochzeit wurde einfach zu einem Politikum, das ist für mich, wie mit dem Gendern. Es gibt Menschen, die heiraten aus steuerlichen Gründen, es gibt Menschen, die heiraten aus Liebe, es gibt Menschen, die heiraten aus religiösen oder kulturellen Gründen. Für mich persönlich, war heiraten einfach der nächste Schritt, den ich und mein Partner uns ausgesucht hatten. Einfach, weil wir schon sehr lange zusammen sind und die Symbolik der Hochzeit als schön empfanden. Heiraten ist also immer ambivalent, es ist nie auf eine Sache zu reduzieren. 

Was bedeutet denn dann Konservatismus?
Altes, Gutes bewahren und ein wenig Neues mit einfließen lassen. Natürlich aus der Perspektive der Konservativen, dass heißt nicht dass das für alle gut ist. 

Die Konservativen sind in Deutschland ja zweifellos politisch in der Mehrheit. Lässt uns dieses „Bewahren“ als Gesellschaft nicht stagnieren?
Seit dem zweiten Weltkrieg waren Konservative fast immer parlamentarisch und politisch in der Mehrheit und Idealisten in der Minderheit. Damit hat der Konservatismus hierzulande viel mehr Deutungshoheit. Um nicht zu stagnieren, muss der Konservatismus kompromissfähig sein, die Idealisten aber auch. Da muss dann eben geguckt werden, wie viel Veränderung lässt der Konservatismus zu. Das ist weder gut, noch schlecht, sondern schlicht realpolitisch.

Meinst du, es fehlt der Gen Z an Konservatismus?
Nein, sie weiß nur nicht, dass er an manchen Stellen existiert. 

Was gibst du radikalen Kompromissverweiger:innen mit auf den Weg?
Sich selbst im Weg zu stehen, ist auch ‘ne Kunst.

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