Text: Sophie Langona*| Illustrationen: © Marit Brunnert

„Einweihung einer Gedenktafel zur Ehrung mutiger Bürger während der Zeit des Nazi-Regimes“ stand auf der Einladungskarte. Geladen sind meine Familie und ich, wir sind die Nachfahr:innen eines mutigen Bürgers.

Gefeiert wird in einem kleinen Ort in Ostdeutschland. Hier kommt meine Oma her, hier kommt mein Opa her, hier kommt meine Familie her und ich dachte eigentlich, das bedeutet, dass ich auch von hier komme. Aber ich will mehr wissen als das. Denn wenn Oma vom Krieg erzählt, hat sie Gedächtnislücken und die Fragen, die ich ihr stelle, kann sie nicht beantworten: War mein Urgroßvater ein Nazi? Und seine Frau?

Noch eine Woche bis zur Ehrung. Der Pianist.

Heute Abend wollen Oma und ich einen Film schauen. Ich gehe die VHS Kassetten durch und halte inne, als ich „Der Pianist“ lese. Oma sagt, sie hätte ihn nie gesehen, wir schauen also „Der Pianist“.

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Erzählt wird die Geschichte eines jüdischen Pianisten und seiner Familie, von ihrem Leben in Warschau nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen. Wir sehen, wie er den Beginn des Krieges miterlebt, ins Ghetto muss und anschließend seine Familie deportiert wird. Oder besser gesagt, ich sehe es, denn Oma traut ihren Augen kaum.

„Meinst du nicht, dass die ein bisschen übertreiben? Das war ja sicher alles schlimm, aber ich meine, diese Schüsse in den Hinterkopf und das Ghetto und die Leute, naja, also…“
„Ich denke, dass es eigentlich noch schlimmer war.“

In der Szene ist eine Gruppe an Menschen zu sehen, die im Warschauer Ghetto vor einer Schranke warten. Deutsche Soldaten schikanieren sie und Oma nimmt einen Schluck vom Wein, bevor sie fragt, ob es denn nicht vielleicht besser gewesen wäre, also für „die Juden“, dann doch zu gehen.

„Wohin denn?“
„Naja, wo sie halt herkommen.“
„Aber die kamen doch von dort.“
„Ja und nach Israel?“

Ich halte kurz inne. Ist es möglich, dass jemand, der die Gründung eines Staates miterlebt hat, dieses Ereignis vergisst?

„Israel wurde doch erst 1948 gegründet.“

Oma zuckt mit den Schultern. Vielleicht, denke ich, liegt es auch daran, dass es so viel ist. Dass der Mensch, der hier neben mir sitzt, einen Krieg erlebt hat und ein Land in Trümmern. Womöglich liegt es am Aufwachsen in der DDR, an zerrissenen Familien und der mangelnden Entnazifizierung.
Nein, stopp, was machst du da? Du rechtfertigst gerade etwas, das nicht zu rechtfertigen ist.

Noch sechs Tage bis zur Ehrung. Ein Ort am Fluss in Ostdeutschland.

Während ich den Tisch abräume, holt Oma die Einladung. Der Name des Ortes steht da drauf und unter den Buchstaben sieht man ein Foto des Marktplatzes. Vor etwas mehr als einem Jahr hatte Oma ihr Auto beladen. Mit ihrer Badetasche, literweise Wein und schließlich mir und meiner Cousine.

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Wir waren einige Stunden gen Osten gefahren und dort waren wir dann geblieben, so lange, bis der Wein leer war und wir in allen Seen gebadet hatten; bis meine Cousine und ich die Dörfer beim Namen ansprechen konnten, denn das wollte Oma mir beibringen: Die Dinge beim Namen zu nennen und zu wissen, dass ein Ort nicht wie der andere hieß. Was sie mir nicht erzählt hatte: Dass der Ort ein braunes Nest war.

Mit dem Auftritt von Joseph Goebbels im Jahr 1928 begann eine intensive Propaganda bei der bäuerlichen Landbevölkerung. Bei den Reichstagswahlen 1930 erhielt die NSDAP hier 48,9% der Stimmen und somit den höchsten Anteil in ganz Brandenburg. Von den knapp 6000 Einwohner:innen, waren 830 NSDAP-Mitglieder, so viele Mitglieder hatte eine politische Partei dort nie wieder.

Eine Studie zur Untersuchung möglicher Korrelationen zwischen ehemaligen Wahlerfolgen der NSDAP und heutigen Wahlergebnissen zeigt sogenannte regionale Kontinuitäten auf: „Man sieht, dass es eine starke Korrelation gibt zwischen den Orten, in denen in den Dreißigerjahren vermehrt NSDAP gewählt wurde, und Orten, in denen heutzutage stärker die AfD gewählt wurde“, sagt Cantoni im Interview mit der Zeit. Eine kulturelle Tradition von rechtsgerichtetem Denken spiele für den Erfolg der AfD also eine ähnlich wichtige Rolle wie andere Faktoren, beispielsweise Arbeitslosigkeit.

Der hier betrachtete Ort ist hierbei keine Ausnahme, jedoch auch nicht das Paradebeispiel: Bei den Kommunalwahlen 2019 wurde eine parteilose Kandidatin zur Bürgermeisterin gewählt, die von der SPD nominiert worden war. Die AfD trat nicht an. Bei der Bundestagswahl 2017 erhielt sie allerdings rund 17% der Erst- und Zweitstimmen; bei den Europawahlen waren es ebenfalls 17,8% und bei den Landtagswahlen 2019 gingen ganze 23% der Stimmen an die rechte Partei. Verglichen mit dem Rest Brandenburgs liegt der Ort damit im Durchschnitt.

Noch fünf Tage bis zur Ehrung. Mein Urgroßvater war ein mutiger Bürger.

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In mir kommen Zweifel auf – wer wird denn jetzt eigentlich geehrt und wofür? Ich rufe Oma an.

„Na, dein Urgroßvater ist das, der geehrt werden soll. Der war ja Arzt und hat die behandelt, die Juden, die da versteckt waren. Und deine Großtante, die hat ihnen Essen gebracht. Aber ohne was zu sagen!“

Einige Tage später werde ich die ganze Geschichte erfahren, die nämlich eigentlich so geht: Herr T und seine Frau A waren ein Ehepaar und kamen aus Hamburg. Er war jüdischen Glaubens und hatte als Rechtsanwalt gearbeitet, bis ihm die Nürnberger Rassegesetze von 1935 das verbaten, sie entstammte einer christlichen Kaufmannsfamilie. Als ihr Mann 1942 verhaftet wurde, konnte A einen Wachmann bestechen und ihn freikaufen, woraufhin die beiden in den Osten flohen, da A dort Kontakte zur Familie D hatte.

Die D’s wohnten in einem Fachwerkhaus im Zentrum des Ortes. Dort, im Dachgeschoss des alten Hauses, sollten die beiden untergebracht werden. Mitwissende hätte es keine gegeben, wäre da nicht T’s Herzproblem gewesen. Und das ist der Punkt, an dem mein Urgroßvater ins Spiel kommt. Ein stattlicher Mann, gut zwei Meter groß, für seinen trockenen Humor bekannt und Landarzt, wurde er kurz nach ihrer Ankunft von Frau A aufgesucht, um nach ihrem Mann zu sehen.

Von Ende 1942 bis 1945 behandelte er ihn, was bedeutete, dass er im Falle einer Entdeckung verhaftet, wenn nicht schlimmer bestraft worden wäre. Als ich meine Großtante, Omas Schwester, bei der Ehrung frage, ob ihr Vater denn in der NSDAP gewesen sei, verneint sie das. In den Krieg musste er auch nicht, wegen seiner Verletzung beim ersten Weltkrieg. „Und dann hat er mich eines Tages beiseitegenommen und gesagt: Du wolltest doch immer gerne irgendwas tun.“

„Er sagte: ‚Du kannst jede Woche, wenn du willst, zu dieser Familie gehen, die wohnen bei den D’s und sind Juden, die können nicht auf die Straße und nicht einkaufen.‘ Und dann hat er mich gebeten, ihnen mal Gesellschaft zu leisten und was Schönes zu essen zu bringen.“
„Aber wie war das denn für dich? Du warst da doch auch schon beim Jungmädelbund (Anm. d. Autorin: Vorstufe zum Bund Deutscher Mädel), hattest du denn keine Angst?“
„Nein, also ich durfte ja niemandem was davon erzählen. Für mich ist das auch wirklich ein Erlebnis gewesen, der war so interessant der Herr T. Die haben sich immer halb tot gefreut, wenn ich da kam.“

Noch vier Tage bis zur Ehrung. Wie sagt man das nochmal?

Wir sprechen am Telefon, schon wieder, denn Oma hat erfahren, dass auch andere Familien eingeladen sind. Ich frage, ob die Nachfahren der verfolgten Familie auch dort sein werden, oder ob sie außerhalb Deutschlands leben.

„Ich weiß ja eigentlich auch nicht, also da kommt ja noch diese Familie und eigentlich waren die ja normal-r*ssig – ach Mensch jetzt sei doch nicht so, wie sagt man das denn?“ Oma verfängt sich in ihren Erzählungen, das passiert ihr häufiger in letzter Zeit. Sie behauptet, Demenz zu haben.

Ich frage mich, ob ich ihr in einigen Jahren davon erzählen muss, in was für einer Zeit sie gelebt hat. Vielleicht muss ich das nicht, womöglich bleiben diese Dinge. Aber wie, frage ich mich, würde ich das in Worte fassen, was ihre Generation, die der Täter:innen, an Leid und Grausamkeiten verübt hat? Würde ich die richtigen Begriffe finden? Oder mache ich dieselben Fehler? Wie oft mache ich Fehler mit meiner Sprache, wie oft verletze ich Menschen?

„Also du weißt, dass es keine Rassen bei Menschen gibt, oder?“
„Ja klar schon, aber naja, die waren jedenfalls keine Juden, keine richtigen. Deine Urgroßmutter, die hatte ja immer was gegen Juden… schon vor dem Hitler, schon davor!“

Die Geschichte kenne ich. Meine Urgroßmutter war auf Hitlers Wahlkampfveranstaltung gewesen, vermutlich 1928, und war von Goebbels Rhetorik begeistert gewesen. In den Erzählungen lief das ungefähr so ab: Sie kommt begeistert nach Hause und deklariert, dass dieser Mann der einzige sei, der Deutschland retten könne. Ihr Mann sah nur einen Weg, ihr diesen Wahnsinn auszutreiben. Und so verbrachte sie ganze drei Tage eingeschlossen in der Vorratskammer. Sie beruhigte sich, und wer jetzt genau gerettet wurde, lässt sich nicht sagen. 

„Naja Oma, aber zum Glück wird ja auch nicht sie geehrt… Und was heißt das eigentlich, die waren keine richtigen Juden?“
„Du weißt doch, also so gierig und sehr religiös… deine Uroma hatte einen Chef auf der Arbeit, der war so ein richtiger Jude, hat sie immer gesagt.“

Ich muss schlucken. Und frage mich dabei instinktiv, ob meine Oma denn überhaupt schon einmal in Berührung mit Verfolgten der damaligen Zeit gekommen ist. Hätte das etwas geändert?

„Hattest du denn Kontakt zu der Familie, die dort versteckt war? Die waren doch nach dem Krieg auch bei euch zu Hause, oder?“
„Ich war doch noch klein, ich war doch erst fünf. Meine Schwester hat’s niemandem erzählt und danach haben wir eigentlich auch lange nicht gesprochen über dieses Thema, in der Familie.“

Noch drei Tage bis zur Ehrung. Ich bin eine Ausländerin.

© Marit Brunnert

Als mein Vater, Omas Sohn, Urgroßvaters Enkel, gut ein halbes Jahrhundert später eine „Ausländerin“ nach Hause brachte und sie als seine Verlobte vorstellte, kannte diese die Geschichte seiner Familie nicht und es sollte noch einige Jahrzehnte dauern, bis sie ihr jemand erzählen wollte.

Heute sind Oma und ich dort, wo ich ihr an ihrem siebzigsten Geburtstag ein Gedicht auf Plattdeutsch rezitierte. Als Oma sagt, dass sie sich damals gefreut habe, weil ihre ausländische Enkelin so toll plattdeutsch konnte, da will ich mich freuen, aber das Lachen bleibt im Hals stecken. Für meine Oma war ich vermutlich nie Deutsch.

Sich in der eigenen Familie fremd zu fühlen, aufgrund von Kategorien wie nationalen Zugehörigkeiten, ist eine Folge mangelnder historischer Aufarbeitung. Zu fordern, dass Menschen in „ihr Land“ gehen, ist eine Folge mangelnder historischer Aufarbeitung. Die AfD im Bundestag ist eine Folge mangelnder historischer Aufarbeitung. Ich würde meine Oma gerne fragen, ob sie sich Deutsch fühlt und was das für sie bedeutet. Ob das während der DDR-Zeit anders war. Ob sie denkt, dass wir eine Familie sind, wo wir doch alle so verstreut leben.

Noch zwei Tage bis zur Ehrung. Was ich lernen durfte – und Oma nicht.

In meinem Zimmer hängt eine Postkarte. Auf ihr ist ein Grabstein abgebildet, von Rosen umrahmt, in den ein Schriftzug eingraviert ist. Sie kommt aus der Gedenkstätte am Bullenuser Damm, wo damals, in der Nacht vom 20. auf den 21.04.1945 insgesamt 20 jüdische Kinder nach jahrelangen medizinischen Experimenten erhängt wurden. Da steht:

„Hier stehst du schweigend. Doch wenn du dich wendest, schweige nicht.“

Die Karte ist schon lange da, fünf Jahre um genau zu sein, denn ich hatte Glück: Mein Geschichtslehrer war Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg und israelisch-deutscher Staatsbürger. So machten meine Mitschüler:innen und ich nicht nur den obligatorischen Ausflug ins ehemalige KZ Neuengamme, wir sahen nicht nur Schindlers Liste, sondern wir trafen Zeitzeug:innen und beschäftigten uns über ein Jahr mit dem Thema. Dabei durfte ich beobachten, wie die Menschen um mich herum die Zeitzeug:innen Esther Bejarano und Salomon (Sally) Perel nach unserer heutigen Verantwortung fragten, wie sie im Keller der Schule am Bullenhuser Damm anfingen zu weinen und in Auschwitz-Birkenau stumm vor Schrecken waren.

© Marit Brunnert

Aber ich sah eben auch, wie einige auf Snapchat Bilder von Neuengamme posteten, mit der Bildunterschrift „Juden besuchen“. Und das, obwohl wir lernen durften.

Auf der Ehrung wird der Vorsitzende des Heimatvereins sprechen: „Die Ehrung, die wir heute vornehmen, ist verbunden mit dem Gedenken an die drei, sie ist aber auch verbunden mit der Bitte, die ich äußern möchte, diesen Mut auch in der heutigen Zeit zu zeigen. Wir haben es zu tun mit Tendenzen in Deutschland, (…) die auch heute Mut fordern. Vielleicht etwas weniger Mut als den, den die drei (Mutigen) an den Tag legten. Vielleicht auch nicht.“

Noch ein Tag bis zur Ehrung. Was Widerstand heißt.

Wir ehren oft die Menschen, die bekannt sind. Ich erinnere an die Geschwister Scholl, Georg Elser… die weniger Bekannten, die ehrt man oft nicht, ihre Leistung bleibt vergessen. Widerstand heißt zu riskieren, dass man selbst im schlimmsten Fall zu Schaden kommen könnte. Widerstand im Kontext historischer Aufarbeitung der NS-Zeit heißt aber vor allem eins: Romantisierung.

In der Memo-Studie der Uni Bielefeld fassen die Forscher:innen folgende Ergebnisse zusammen: Laut den 1000 Befragten, hätten in der deutschen Bevölkerung während der NS-Zeit 15,8% potentiellen Opfern geholfen. In Wahrheit waren es um die 0,16%. Die Zahl derer, die von der systematischen Ermordung von Menschengruppen wussten, wird von den Nachfahren der damaligen Reichsbüger:innen auf knapp 40% geschätzt.

Dass dies nicht stimmen kann, wird allein dadurch bewiesen, dass ein solches System der Tötungsmaschinerie überhaupt so lange existieren konnte – nämlich durch die aktive Unterstützung aller Bürger:innen.

Interessant ist auch, dass die am häufigsten angeführten Erklärungen der Studienbefragten, warum diese Menschen untätig blieben, die Angst vor Strafen, die Verharmlosung der Lage und das mangelnde Verantwortungsbewusstsein sind.

Dass die Menschen damals ganz genau wussten, was vor sich ging und womöglich einverstanden damit waren, ja, sogar Hitler als Reichskanzler befürworteten und politisch mit ihm auf einer Linie waren, das hält nur die Hälfte der Befragten für wahrscheinlich. Besonders in der Gruppe der über 75-Jährigen, also der Menschen, die spätestens 1944 geboren worden sind, scheint dieser Erklärungsversuch mit 36,1% nicht auf große Zustimmung zu stoßen.

Doch es gab einen nationalsozialistischen Konsens innerhalb der Bevölkerung. Damit sind wir am Punkt, an dem sich versteckter Widerstand wie der meines Urgroßvaters von offensivem Widerstand wie dem der Geschwister Scholl unterscheidet. Es ist wichtig, dass Widerstand sichtbar gemacht wird – nur so gibt es ihn wirklich und nur so multipliziert er sich.

© Marit Brunnert

Wenn wir heute an den Widerstand gegen das NS-Regime erinnern, dann sollten wir uns fragen, zu welchem Zweck das geschieht. Wir dürfen also auf der einen Seite nicht vergessen, mutige Taten zu ehren, schon deshalb nicht, weil sie uns zu aktivem, sichtbaren Widerstand auffordern.

Wenn wir allerdings beginnen, diese heldenhaften Taten in den Vordergrund zu stellen, damit wir die tatsächliche nationalsozialistische Familiengeschichte verdrängen, dann romantisieren wir. Wenn ich also nur noch von meinem Urgroßvater erzähle, der Verfolgten half und nicht von meiner Urgroßmutter, die Goebbels und Hitler zujubelte, dann lüge ich mich an. 

Wir können uns die Geschichte, die wir erzählen zwar aussuchen, aber wenn wir bei der Wahrheit bleiben wollen, dürfen wir keine Kapitel überspringen.

Ehrung. Ein wunderbarer Tag.

Da sind wir nun also. Es ist ein ganz normaler, verregneter Samstagvormittag. Horst D, Nachfahre der Familie D, steht im Hauseingang vor dem Kaufhaus. Ihm gegenüber ist ein Standmikrofon aufgebaut und in der Hand hält er eine bunte Polyesterfahne, auf der das Rathaus, das Wappen der Stadt abgebildet ist. Vor ihm hat sich eine Ansammlung von rund 50 Menschen gebildet, einige tragen Masken, andere nicht, viele haben Regenschirme aufgespannt.

„Wir empfinden alle diesen Tag als einen wunderbaren Tag. Wir sind dankbar und wir sind auch zufrieden, dass das, was heute passiert nun wirklich vonstattengeht.“

Horst D., Unternehmer

Horst hält inne. Aus dem Kaufhaus tritt eine Frau mit einer Einkaufstasche in der Hand. Scheinbar ungestört von der Menschentraube zündet sie sich eine Zigarette an, schaut im Vorbeigehen kurz auf Herrn D und bläst Rauch in die Luft, während sie sich langsam Richtung Marktplatz entfernt. Der Redner ist irritiert, aber nur für einen kurzen Augenblick.

Er fährt fort: „Ich möchte mich noch einmal im Namen aller Angehörigen bedanken für diesen wunderbaren Tag. Und dass nun endlich das passiert ist, worauf wir alle gehofft hatten, oder nicht mehr gewagt hatten, dass das noch kommen wird.“

Was ist es denn, worauf er gehofft hatte. Was genau machen wir uns hier vor? Dass wir Nationalismen, rechtsextreme Ideologien, rechte Gewalt oder gar den Hass besiegt haben? Horst D wünscht uns einen schönen Tag, als er sich vom Mikrofon entfernt. Einige Hände kriechen zaghaft aus den Taschen, wagen einen Applaus, um sich dann wieder vor dem Regen zu verstecken. Eine kleine Frau tritt ans Mikrofon, bittet um Ruhe und kündigt an, die Veranstaltung würde jetzt im Kreis der Angehörigen im Festsaal weitergehen.

© Marit Brunnert

Der Festsaal ist für diese Verhältnisse wirklich groß und für Ex-DDR Verhältnisse wirklich prunkvoll. Ein Panorama der Stadt schmückt die Wand, dort ist die Mühle zu sehen, anstelle derer es heute einen Sportplatz gibt. In der Mitte des Saals sind zwei lange Tische aufgereiht, auf die sich, wie von selbst, meine Familie und die Familie D aufteilen. Die Bürgermeisterin meldet sich wieder zu Wort: „Bevor wir jetzt alle Kuchen essen, würde ich gerne noch eine Vorstellungsrunde machen. Bitte, stehen Sie doch auf und erzählen Sie ein bisschen was, warum Sie hier sind, was Sie mit diesem Ort verbindet.“

Und während die Nachfahren meiner und der Familie D von den Russen erzählen, von den Sommern beim Angeln am See und der DDR-Zeit, sitze ich da und habe noch immer so viel nicht begriffen. Ich begreife nicht, dass „die Russen“ in den Erzählungen unserer Großeltern gefährlicher wirken als die Massenmörder:innen, denen sie vorher zugearbeitet hatten.

Ich begreife nicht, wie es sein kann, dass der Vorsitzende des Heimatvereins vor „Tendenzen in Deutschland, die auf der links- und auch auf der rechtsextremen Ecke“ zu finden sind, warnt.

Ich begreife nicht, wie es möglich ist, die AfD nach explizit nationalsozialistischen, faschistischen, menschenfeindlichen Aussagen, zuletzt durch ihren Pressesprecher, immer noch mit Gleichmut zu behandeln, oder sie sogar zu wählen.

Ich begreife nicht, was „die Mitte der Gesellschaft“ noch an Beweisen benötigt, um von der Präsenz neofaschistischer, rechtsextremer, offensiver Gewalt in Deutschland überzeugt zu sein.

Ich weiß nicht, ob mein Opa ein Nazi war.

Ich weiß, dass wir alle wachsam bleiben müssen.


*Anmerkung der Autorin: Die Namen der Menschen, sowie Ortsbezeichnungen und wurden aus Schutzgründen anonymisiert. „Sophie Langona“ ist ein frei erfundenes Pseudonym.


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