von Friederike Teller | Alle Bilder:  © Manoel Eisenbacher

In einer politischen Idylle in Thüringen, zwischen Sternenhimmel und vertrockneten Wiesen, kommen für eine achttägige Konferenz junge Menschen aus ganz Deutschland zusammen. Sie nehmen sich Zeit für die Analyse globaler, postkolonialer Zusammenhänge und die eigene Positionierung zwischen Konsum und Identität. Die Konferenz ist aber auch in sich selbst, ein Testlauf alternativer Ideen. 

„Ich nehme wahr, dass die Vögel zwitschern“, der große Mann vor mir lächelt und öffnet seine wachsamen braunen Augen wieder. „Ich nehme wahr, dass ich mich wohlfühle mit dir – unbekannterweise. Ich spüre, dass ich viele Fragen habe“, fährt er langsam fort.

Eine sehr merkwürdige Situation: 150 junge Menschen sitzen in Paaren auf einer großen Wiese und blicken sich in die Augen. Immer wieder versuchen sie auszudrücken, wie sie sich gerade fühlen und jetzt in diesem Moment auf die Wahrnehmung des Gegenübers zu reagieren. Diese Übung ist Teil der Gemeinschaftsbildung am ersten Vormittag der Konferenz.  „Wo sind meine Grenzen? Wie kann ich anderen offen und achtsam begegnen? Und wie wollen wir als Gruppe miteinander umgehen?“, steht in dem grünen Programmheft. Diese Fragen vermischen sich mit Vorfreude und trockener Augustluft. Vorfreude, auf die kommenden sieben Tage der „und jetzt?!“ Konferenz 2018 hier bei Windberg e.V. im ländlichen Raum nördlich von Erfurt. Der Windberg ist eine junge Gemeinschaft in Thüringen. 16 Menschen versuchen auf dem Gelände des ehemaligen Kinder- und Jugenddorfs ein nachhaltiges gemeinschaftliches Zusammenleben und nehmen für die kommende Zeit auf ihren Wiesen und in ihren Bungalows die Konferenzteilnehmenden auf. Auch sie werden angetrieben von Fragen nach einer nachhaltigen Entwicklung.  Jedes Jahr findet die Konferenz in einer anderen Gemeinschaft in Deutschland statt.

© Manoel Eisenbacher   

Ein Posaunenklang ertönt. Wenig später türmt sich der Dinkelreis im Gemüsecurry unter dem frischen Tomaten-Gurken-Salat auf den Tellern. Zubereitet von einem freiwilligen Küchenteam. Aus regionalen, biologischen und veganen Zutaten, versuchen diese acht Menschen möglichst drei Mahlzeiten am Tag zu zubereiten. Einige der Lebensmittel sind vor dem Wegschmeißen gerettet oder selbst geerntet worden. Dabei prägt in der Küche nicht nur lebendige Bigbandmusik das Zusammensein, sondern auch ein möglichst hierarchiefreier Umgang miteinander – auch unter Stress. 

Beim Essen unterhalte ich mich mit Stella. Sie hat einen weltwärts-Freiwilligendienst in Bolivien gemacht und will nun Soziale Arbeit studieren. Begeistert erzählt sie von ihren Reiseerfahrungen und warum sie sich so gerne von Lebensmitteln ernährt, deren Geschichte sie kennt. Auch genießt sie es in Kontakt mit neuen Menschen zu kommen und schwärmt von ihren Begegnungen während der Kennenlernübungen an diesem Vormittag.

© Manoel Eisenbacher   

Nach dem Essen besuche ich den Workshop „Welthandel und Gerechtigkeit“. Ich habe ihn den „Raufspielen“, „Gewaltfreier Kommunikation“, „Kritik an der Lohnarbeit“ und den „Wirtschaftsgrundlagen“ vorgezogen. Wir beschäftigen uns mit den „hard facts“ der globalen Ungleichheit, wie Peter, der Dozent von attac, sie nennt. Gemeint sind die Verflechtungen unseres Konsums mit Kinderarbeit und Landraub. Doch diesen Praktiken wird der Versuch einer neuen solidarischen Wirtschaft gegenüber gestellt. Die soldarische Ökonomie will unser Wachstumsdenken nicht nur kritisieren, sondern zu einem gemeinsamen Umdenken anregen. Dabei ist es wesentlich, sich mit dieser Widersprüchlichkeit in der wir leben zu konfrontieren. Es ist aber auch anstrengend. In der wohlverdienten Pause auf einer großen Schaukel im Sonnenschein, diskutieren viele Teilnehmende trotzdem weiter. Nach der Pause versuchen wir dann auf die Frage, was uns Kraft gibt, nachhaltig zu handeln, Antworten zu finden. Wesentlich sind für viele dabei ihre Reiseerfahrungen, Freunde und Familie, sowie Umweltgruppen und kritische Dokumentationen.

Nach dem Abendbrot treffen wir uns in der großen Veranstaltungs- und Turnhalle der neu gegründeten Schule. Über der Bühne hängt ein weißer Stoffkreis und metaphorisch die Frage, wie und ob Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe funktionieren kann. Viele Interessierte bleiben auch nach der Diskussion noch sitzen, um weiter zu debattieren. Die Konferenz war früher explizit an Rückkehrende von Freiwilligendiensten adressiert. Auch diesmal hat ein Großteil der Teilnehmenden einen „freiwilligen Dienst“ im Globalen Süden absolviert. Das Thema birgt einiges an Kontroversen. Kritisch wird die eigene Rolle in globalen Herrschaftsverhältnissen und die Erfahrung im globalen Süden reflektiert – tief verstricken sich die Diskussionen in postkoloniale Dilemmata.

© Manoel Eisenbacher   

Unzählbar viele Sterne sind sichtbar, als ich einige Stunden später verwirrt zum Zelt wandele. Klavierklänge und Stimmengewirr aus dem „undjetzt Cafe“ begleiten meinen Weg. Aber ich bin müde und geselle mich, für heute, nicht mehr zu den anderen. Stattdessen putze ich mir mit meiner Bambuszahnbürste, ein Willkommensgeschenk der Konferenz, die Zähne. Für eine Freiluftdusche ist es nun doch zu kalt, beschließe ich, als ich in mein Zelt krabbele.

In meinem Kopf schwirrt die Frage, wie es denn in der realen Welt weitergeht – nach dieser Konferenz. Denn die Konferenz ist eine Blase von Gleichgesinnten, in denen es Menschen leicht gemacht wird, Ideale zu leben. Aber diese wohlige Blase, wird naturgemäß platzen, denn in einer Woche schon wird die Konferenz vorbei sein. Aber wie kann ich von dem Gelernten erzählen und wem überhaupt? Werden die positiven Gruppendynamiken und ökologischen Selbstverständlichkeiten weiter mein Handeln prägen oder wird es sich von selbst ins Gewohnte zurück automatisieren?   

Doch für heute bin ich hoffnungsvoll. So vieles ist denkbar geworden. Leicht und undogmatisch fühlen sich die Gespräche hier an.

Vielleicht ist das Essentielle, dass es ausprobiert wird: Eine Alternative zu leben, zu spüren, von morgens bis abends. Irgendwas davon wird weiter in mein Leben wirken, auch nach den acht Tagen, denke ich im Halbschlaf. Ich will nicht aufhören zu träumen.


© Manoel Eisenbacher   

Dieses Jahr ist auch Stella im ehrenamtlichen Orga Team der Konferenz dabei. Die undjetzt?! 2019 wird vom 16.-23 August auf dem Gelände der freien Feldlage in Harzgerode stattfinden.

Die Anmeldung wird in Kürze hier zu finden sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.