Wenn nicht mal Käse hilft

von Lilly Ebben

Aktuell dreht sich sowohl in den sozialen Netzwerken als auch in meinem Bekanntenkreis sehr viel um die Periode. Klar ist die Debatte um den Stellenwert der Menstruation nicht wirklich neu, aber endlich sorgt zumindest auch die Werbebranche für etwas mehr Realität und färbt Binden und Tampons rot und nicht mehr blau.

Aber so glücklich mich das Ganze auch macht, bin ich auf der anderen Seite ein bisschen traurig. Traurig, nicht mitmachen zu können. Zumindest nicht, indem ich Menstruationscups austeste oder das freie Bluten zelebrieren kann. Glaub mir, ich würde mir so gerne schicke Periodenpanties besorgen und frei blutend durch die Straßen tanzen. Der Welt zeigen: Hey, hier bin ich und ja, das ist Menstruationsblut an meiner Hose! Und nein, ich schäme mich kein bisschen, sondern bin ziemlich stolz auf meinen Körper und dieses enorme Wunder.

Stattdessen sitze ich heute Morgen mit meinem viel zu starken Kaffee an unserem Küchentisch und bin alles andere als fröhlich oder gut gelaunt, geschweige denn in der Stimmung, energiegeladen durch die Straßen zu tanzen. Und das liegt nicht daran, dass ich von Natur aus schon immer eher so der Morgenmuffel war und für gewöhnlich mit aufgequollenem Gesicht aufwache.

Mein gestriger Heißhunger auf Omas gute Schweizer Schokolade und das leichte Ziehen, das sich abends in meinem Unterleib bemerkbar machte, hatten mich hoffen lassen, nachts von Krämpfen wach zu werden und morgens mit Blut in der Unterhose aufzustehen. Aber Pustekuchen: Die Unterleibsschmerzen verpufften soeben in einem lauten Pups und in meiner Unterhose war auch kein einziger Tropfen Blut.

Schade Schokolade. 

Ich bin jetzt Mitte 20 und kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal regelmäßig meine Periode hatte.

Als ich mit zwölf Jahren angefangen habe zu bluten, waren meine Schmerzen unerträglich, weshalb mir mein damaliger Frauenarzt direkt die Pille verschrieben hat. Die habe ich dann einfach über fünf Jahre geschluckt, ohne drüber nachzudenken, was das eigentlich mit mir machen könnte. Warum auch? Meine Schmerzen waren schließlich deutlich leichter zu ertragen und dank der künstlich hinzugefügten Hormone durfte ich ja auch jeden Monat bluten. Und wenn ich ganz ehrlich bin, war es ja auch irgendwie ganz cool. Schließlich hatte ich wunderschöne Haare und Haut und konnte Sex haben, ohne mir Gedanken über eine mögliche Schwangerschaft zu machen. Oh, wie sauer ich auf mein kleines, naives Teenager-Ich werde, wenn ich das hier so aufschreibe.

Zum Artikel

Mit 18 Jahren wurde mir dann aber endlich doch noch bewusst, wie krank diese Tabletten sein müssen, und ich habe beschlossen, die Pille abzusetzen. Mein Arzt meinte, es sei ganz normal, dass der natürliche Hormonhaushalt nach so langer Zeit erstmal durcheinandergerät und meine Periode nur alle zwei Monate kommt: Kein Grund zur Panik also. Als dann aber aus zwei Monaten irgendwann sechs wurden, fing ich allmählich an, mir Sorgen zu machen und saß wieder bei meinem Arzt. Dieses Mal sah er als Ursache für das viel zu lange Ausbleiben meiner Menstruation meine rein pflanzliche Ernährung. Also fing ich aus Liebe zu meinem Körper und meiner Gesundheit wieder an Käse zu essen, um meinem Körper so tierisches Eiweiß zuzuführen. Bisher ohne Erfolg. Denn seit dem Absetzen der Pille, also mittlerweile etwas über sechs Jahren, habe ich vielleicht vierzehn Mal auf natürliche Weise geblutet. Gesunde Menschen mit regelmäßigem Zyklus von 28 Tagen haben in derselben Zeit rund 72 Male geblutet.

Aber damit bin ich nicht allein: Laut Schätzungen leiden in Deutschland knapp drei Prozent aller Frauen unter der Amenorrhö, also dem Ausbleiben der monatlichen Blutung. Die möglichen Gründe dafür sind zahlreich: angefangen beim Körpergewicht, über Stress und psychischen Belastungen bis hin zu chronischen Erkrankungen oder einer frühen Menopause. Auch die Wahl der Verhütungsmethoden sind umstritten. Ob meine beiden Eierstöcke wohlmöglich doch in der Lage wären, von allein Eizellen heranwachsen und springen zu lassen, hätte ich die Pille nie genommen? Haben diese Hormonbomben über die Jahre vielleicht meine natürliche Menstruation kaputtgemacht und dafür gesorgt, dass meine Eierstöcke allmählich einzugehen scheinen? Schließlich sind sowohl meine Blut- als auch Schilddrüsenwerte beziehungsweise sämtliche inneren Organe in einwandfreiem Zustand. Warum also halten meine beiden Eierstöcke einfach wacker Winterschlaf und schütten nichts von diesem großartigen FSH-Hormon aus, das mich sexy und stark fühlen lässt und dafür sorgt, dass ich auch mal wieder Blut aus meiner Lieblingsunterhose kriegen muss? 

So viele Fragen, die mich umtreiben und immer noch keine plausiblen Antworten. Warum ich also meine Geschichte überhaupt erzähle?

Jede Frau macht ihre eigenen Erfahrungen mit ihrer Periode, klar. Aber als ich letztens gelesen habe, dass es in Mitteleuropa etwa ein Drittel der Menstruierenden wünschenswert fände, ohne monatliche Blutung zu leben, war ich wahnsinnig schockiert und ein wenig wütend. Klar, ich kann verstehen, dass sich viele Menschen von ihrer Periode eingeschränkt fühlen und lieber völlig selbstbestimmt durch die Welt tanzen wollen. Aber es macht mich auf der anderen Seite auch wahnsinnig traurig und wütend, dass die Periode immer noch als etwas Belastendes gesehen wird, weil sie mit viel zu viel Scham und Beschwerden verbunden ist.

Bei mir ist es jetzt mittlerweile über anderthalb Jahre her, dass mich Periodenschmerzen nachts wachgehalten haben und ich meine Unterhose vollgeblutet habe. Natürlich sitze ich seitdem nicht jeden Morgen bedröppelt am Küchentisch und verstehe die Welt nicht mehr. Aber ab und zu fühle ich mich einfach richtig veräppelt von meinem Körper, auch wenn mir bewusst ist, dass es nicht das Ende der Welt bedeutet, ohne Menstruation oder gar unfruchtbar durchs Leben zu streifen.

Zum Artikel

Aber überleg dir mal, dass kein Mensch von uns am Leben wäre, gäbe es keine Gebärmutter, keine Eizellen und keinen Monatszyklus!  Mich zu fragen, warum ich nicht auch eine so unglaubliche Wundermaschine sein darf, ist manchmal einfach zu viel für mein kleines Herz. Es ist belastend und angsteinflößend, gerade wenn man aus dem Nichts anfängt zu weinen, zickig wird, unendlich müde ist und man denken könnte: Oh klar, PMS! Da bahnt sich wohl einfach meine Periode an. Aber statt Blut überrollt mich dann eine Woge aus Angst und Unsicherheit und die Tränen kullern nur so über meine Wangen.

Da über die mentale Gesundheit in Verbindung mit unserem Zyklus immer noch zu wenig gesprochen wird, will ich anderen Menschen mit meinen Worten Mut machen, offen mit (dem Ausbleiben) ihrer Menstruation umzugehen. Denn ich bin mir sicher, dass da draußen noch mehr Menschen mit Uterus abends im Bett liegen und die Welt nicht mehr verstehen können. Manchmal nicht damit zurechtkommen, dass sich die abendlichen Unterleibsschmerzen erneut am nächsten Morgen mit einem lauten Pups in Luft auflösen und die Unterhose eine weitere Nacht sauber geblieben ist.

  1. danke für diese wichtige story! nachdem ich vier jahre die pille genommen habe, ging bei mir auch alles drunter und drüber und fast 3 jahre lang hatte ich meine tage garnicht. für mich war das immer total schwer darüber zu sprechen, weil ganz oft auch einfach zurückkam „also ich find die pille ja gut“ oder „warst du denn mal beim arzt“ und nie die pille als grund für meine struggles gesehen wurde… deswegen vielen vielen dank für diesen artikel und die awareness!

    • Liebe Amelie! Danke dir für deine Worte, fühl ich sehr! <3 Hast du denn deine Periode mittlerweile wieder zurückbekommen?

  2. Liebe Lilly,
    ja, genau diese Geschichten braucht es auch um sie ,mühsam über den scheinbar überquellenden Rand des“Menstruations-Awareness-Topf“ zu befördern.
    Natürlich schreibe ich hier und reagiere auf deine Worte auch deshalb weil die Identifikation riesig ist: Pille früh, abgesetzt, gewusst ‚jetzt geb ich meinem Körper Zeit, ist ja auch alles darunter und drüber‘ – aber was wenn dann nichts kommt.
    Aus Angst und abwärtsspiralen ( und merkwürdigen Internetplattformen- bei denen man sich beim lesen schon denkt „Hilfe, was zu ich hier“ ) bin ich schließlich im Wartezimmer eines Kinderwunsch-Zentrums gelandet. Eigentlich komplett ohne Kinderwunsch – hätte ich denn die Möglichkeit dazu so frei darüber denken zu können. Ich hatte sehr Angst „nicht normal“ zu sein, konnte in der Zeit Beschwerden meiner menstruierenden Herzensmenschen auch gar nicht gut ertragen weil eine fiese Stimme in meinem Kopf sie nur angeschnauzt hat „Immerhin seid ihr fruchtbar. Klagt nicht, bei euch ist doch alles im Lot“…

    Wendung:
    eine sehr tolle Frau die ganz viel über Medizin und Pflanzen weiß sagt
    1. dein Körper konnte das schon mal also kann er das auch noch
    2. Angst ist nie ein guter Ratgeber (war kurz davor krasse menopausenhormontabletten zu schlucken, Stichwort sichkeinezeitnehmende Schulmedizin)
    3. Menschen nehmen ein paar Kräuter und Tropfen seit Jahrhunderten, vielleicht musst du etwas geduldig sein um die Kombination zu finden die für deinen Körper greift aber es gibt sie

    Und noch andere Dinge, im großen und ganzen hat sie aber : mich ernstgenommen mit meinen Sorgen und mich gleichzeitig entspannt.
    Mehr von solchen Menschen sollte es geben!

    Ich wünsche dir jedenfalls für das Blut in der Lieblings oder zweitlieblingsunterhose alles gute, es wird kommen!
    Und Danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.