Ein AufBegehren – Solo-Sex mit Klitoris

Text: Anna Trunk | Illustrationen: Marit-Helen Brunnert

Saftige Grapefruits und sabbernde Bananen, knallbunte Sexspielzeuge, Auberginen- und Tröpfchen-Emojis tummeln sich in meinen Instagram-Feed. Was ist da los? „May is Masturbation Month!“ Aha. Ahaa?

Bis mir zahlreiche, zu diesem Anlass hochgeladene Posts diverser Sex-positiver Accounts begegnen, war ich mir der Existenz eines Solo-Sex-Ehrenmonats nicht bewusst. Der Mai scheint farbenfroh-frech und spritzig zu werden – für mich und mit mir, da freu ich mich. Schon seit 1995 gibt es diesen Masturbationsehrenmonat, damit sind wir gleichalt, wie wunderbar. Dass Selbstbefriedigung ein echter Grund zum Feiern ist, hatte ich bislang allerdings noch nicht in Erwägung gezogen1.

Solo-Sex. Safe!

Zurück geht der Masturbations-Mai auf ein bahnbrechendes Statement von Dr. Jocelyn Elders auf der Aids-Konferenz 1994 in New York, damalige „Surgeon General“ und somit ranghöchste Beamtin der öffentlichen Gesundheitsverwaltung unter Präsident Bill Clinton: „Was Ihre spezifische Frage in Hinsicht auf Masturbation angeht, denke ich, dass diese ein Teil menschlicher Sexualität ist und Teil von etwas, das vielleicht unterrichtet werden sollte. Aber wir haben unseren Kindern noch nicht einmal die grundlegendsten Aspekte beigebracht“ (Jehl 1994)2. Elders Punkt war so naheliegend wie provokant: Solo-Sex könne effektiv vor HIV (sowie auch anderen sexuell übertragbaren Krankheiten) schützen, insofern er eine Alternative zu partner*innenschaftlicher Lustbefriedigung darstelle. Masturbation ist damit die Safe-Sex-Variante schlechthin! Kurz nach dieser Äußerung wurde Elders aus ihrem Dienst entlassen. So viel unverblümt kommunizierte Solo-Sex-Positivität scheint dann doch eine Spur zu viel gewesen zu sein für Clinton und die anderen – vornehmlich Weißen, cis-hetero – Dudes im Weißen Haus. Aber auch heute, gute 26 Jahre später, ist das Thema Selbstbefriedigung noch immer kein selbstverständlicher Bestandteil sexueller Aufklärung- und Bildungsarbeit in schulischen Kontexten. Hauptsache mensch weiß, wie ein Kondom ordnungsgemäß über eine Banane aka. Penis zu stülpen ist, aber nicht, wie Solo-Sex praktiziert werden kann. Versteht mich nicht falsch: Über Verhütungsmethoden und Safe-Sex-Praktiken zu informieren und zu lernen ist essenziell. Aber Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, ihren eigenen Körper zu erforschen und in seiner (Un-) Lust kennenzulernen eben auch.

Rubbel die Katz‘ …?

Was ist denn dein Problem, das muss mensch doch wirklich nicht in der Schule lernen, höre ich jetzt einige von euch brummen und ich wette, diese einigen haben einen Penis in der Hose … oder in der Hand? Zynismus bei Seite: (Meist) Männlich sozialisierte Menschen mit Penis erhalten auf selbstverständliche Weise Zugang zum Thema Selbstbefriedigung und lernen von klein auf, dass es (mehr oder weniger) okay und „normal“ ist, das eigene Genital zu berühren und sich selbst Lust zu verschaffen – sich „Einen runterzuholen, von der Palme zu wedeln, zu wichsen, den Jürgen zu würgen …“ – wie auch immer Mann das nennen mag. Da fängt es nämlich schon an: Menschen mit Klitoris, viele davon weiblich sozialisiert, erfahren diese selbstverständliche Leichtigkeit des Solo-Sex nicht.3 Das spiegelt sich auch in einer diesbezüglichen Sprachlosigkeit wieder. Oder hast du direkt einen griffigen, allgemein geläufigen Begriff parat, der Selbstbefriedigung mit Klitoris bezeichnet? Eben. Die Sex-Educatorin und ‚Vielma – Gründerin‘ Stefanie Grübl bringt diese Asymmetrie folgendermaßen auf den Punkt: „Was genau die Klitoris ist und was man damit machen kann, sind Informationen, die wenigen Personen in ihrem Aufwachsen vielfältig angeboten werden. Sie können Glück haben und es erfahren. Mittlerweile kann das auch in der Aufklärung Thema sein, aber sie kriegen diese Informationen nicht so niederschwellig und durch die Bank angeboten.“

Keine Erbse!

Ich war so eine, die Glück hatte und schon relativ früh erfuhr, dass Selbstbefriedigung „auch für Mädchen“ eine echt feine Sache sein kann. Nach jahrelanger hands-on-Praxiserfahrung erfuhr ich dann im vergangenen Jahr, was (m)eine Klitoris eigentlich ist – abgesehen von dem kleinen, erbsenartigen Knubbel, den Biologiebücher in diesem Land üblicherweise präsentieren. „Die Klitoris ist ein Organsystem, das vor allem aus Schwellkörpern, Schwellgewebe, Muskeln und Drüsen besteht. Viele kennen die Klitorisperle, den äußeren Teil, den man gewöhnlich als Kitzler bezeichnet. Aber etwa 90 Prozent der Klitoris liegen im Inneren des Körpers und sind nicht sichtbar“, sagt die feministische Kultur- und Genderwissenschaftlerin Louisa Lorenz im Interview mit der taz. Insgesamt erreicht die Klitoris damit eine Größe zwischen 8 – 12 cm, ist also im Verhältnis genauso groß, wie ein durchschnittlicher Penis. In meinem Körper – unter der empfindsamen Vulvahaut, den Vaginalkanal umarmend – schlummert also ein riesiges Lustorgan, wow. Dass darüber kaum gesprochen wird, mag auch daran liegen, dass relativ wenige Menschen darüber Bescheid wissen. Woher auch? Recherchen der taz zeigten, dass die Klitoris lediglich in einem der aktuell in Deutschland verwendete Schulbiologiebücher in ihrer Gesamtheit abgebildet ist. Davon abgesehen wird meist ein tränenförmiges Etwas, ein pickelartiger Knubbel oder schlicht und ergreifend Garnichts gezeigt. Ganz großes Kino, echt!

© Marit-Helen Brunnert

Ein Penis ohne Hoden.

Wie sind wir jetzt hier gelandet, fragt ihr euch vielleicht – berechtigterweise. Masturbation und Klitoris sind zwar nicht gleichzusetzten, stehen aber doch unmittelbar miteinander in Relation. Denn für die Lust von Menschen mit Klitoris, ist eben in erster Linie diese verantwortlich – sie durchzieht so gut wie den gesamten Intimbereich, sodass stimulierende Berührungen überhaupt erst als lustvoll empfunden werden können. Auch die einst von Sigmund Freud und Kolleg*innen aufgeworfene Unterscheidung zwischen sogenannten vaginalen und klitoralen Orgasmen erweist sich damit als ebenso hinfällig wie unhaltbar: Wenn die Klitoris überall ist, ist jeder Orgasmus klitoral4. Doch um Orgasmen soll es hier und heute nicht primär gehen, sondern um die mich immer wieder zum Tosen bringende Tatsache, dass das Lustorgan von Wesen mit Klitoris bis heute konsequent nicht oder falsch dargestellt wird! Nicht, dass sexuelle Lust und Wohlgefallen an Berührungen nur durch korrektes Anatomiewissen möglich wären. Auch ohne diese Informationen vermögen Entdeckungsfreude und Lust am eigenen Körper in Kombination mit aktiver Selbsterforschungspraxis sicherlich wunderbare (Solo-)Sex Erfahrungen zu eröffnen. Aber Menschen mit Klitoris wird es schwer gemacht Zugang zu ihrer Lust zu finden – indem nicht einmal darauf hingewiesen wird, wo diese gesucht werden könnte. Das ist, als würde mensch in allen Büchern einfach unkommentiert nur Hoden abbilden, ohne Penis. Der Grund, dass ich dieses Bild nur schwer denken kann, heißt Patriarchat. Denn: 

„Nicht über die Klitoris Bescheid zu wissen, betraf nicht nur mich oder mein persönliches Sexleben. Vielmehr erzählte das von noch immer existierenden Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft, wenn es um Gendergleichberechtigung geht. Und davon, wie wir Lust – insbesondere weibliche Lust – aus der sexuellen Bildung aussparen. Es erzählte auch davon, wie wir Menschen beibringen ihre und andere Körper zu betrachten. Nämlich sie als weniger zu sehen, als das, was sie tatsächlich sind“

(Lorenz 2018)5

Glitzer gegen Unsichtbarkeit.

Gut, dass es Menschen wie Stefanie Grübl, Lina Lätitia Blatt und Noa Lovis Peifer gibt. Die Künstler*innen und Sexualpädagog*innen stellen in Handarbeit (unter anderem) Vulven- und Klitorismodelle zur sexuellen Bildung her – um sicht- und begreifbar zu machen, was ansonsten unsichtbar bleibt. Stefanie Grübl arbeitet seit 2017 unter dem Label ‚Vielma – Vielfältige Materialien‘, wobei Vielfalt im Fokus ihres Schaffens steht: Buntlackierte Genitalmodelle vermitteln eine Ahnung davon, wie divers genitale Anatomien sein können. Neben Intersex-Genitalien und Penissen gehören auch Vulven – mit herausnehmbarer, 3D-gedruckter Klitoris – zum Vielma-Repertoire und zeigen ganz deutlich: Die Clit ist keine Erbse! Diese Aussage materialisiert sich auch in Lina Lätitia Blatts und Noa Lovis Peifers ‚glitterclits‘. Seit der Gründung ihres Kunstprojekts ,glitterclit’ im Jahr 2019 nähen die beiden Künstler*innen Vulva- und Klitorismodelle aus glitzernden Stoffen, die in Kontexten sexueller Bildung zum Einsatz kommen, auf (queer-) feministischen Demos Präsenz zeigen – oder einfach nur zum Schmusen da sind. Die so geschaffene Klitoris-Sichtbarkeit provoziert Momente der Irritation, macht Lust auf Anfassen und eröffnet Gesprächsräume: Das soll eine Klitoris sein? 

AufBegehren!

Oh ja, genauso groß und schön und sichtbar können Klitorides sein und gezeigt werden – sodass allen, die Lust dazu haben, die Möglichkeit offensteht ihre Klitoris mit Freude, Neugierde und Positivität zu erkunden.Das ist auch die Botschaft, die ich zum Ende des diesjährigen Masturbations-Mai verbreiten möchte: Es geht nicht darum, wie oft, wo, wann und womit mensch sich selbst Lust schenkt. Es geht darum, dass auch diese, vermeintlich individuell-intime, Erfahrung geprägt ist von gesellschaftlichen Machtstrukturen, die sich unter anderem in sexistischen Wissens- und Bildungssystemen kristallisieren – und tief in unsere Körper einschreiben. Aus dieser Perspektive kann Solo-Sex nicht nur als absolut Safe-Sex-Variante, sondern auch als radikaler Akt des AufBegehrens gegen die Unterdrückung von Körpern und Lüsten verstanden werden. Daher: Hands on the clit – im Mai und überhaupt.

© Marit-Helen Brunnert 6

1 Dieser Artikel versteht Solo-Sex als eine von vielen Möglichkeiten, Sex zu haben. Die Sichtbarkeit und das Zugänglichmachen des Themas – vor allem für Menschen mit Klitoris – kann als ermutigend und inspirierend empfunden werden. Auf keine Fall soll daraus das Gefühl entstehen, masturbieren zu müssen. Manche Menschen lieben Solo-Sex, andere genießen ihn selten oder haben generell keine Lust darauf. All das ist okay, jede*r ist anders.

2 Jehl, Douglas. 1994. „Surgeon General forced to resign by White House.“ New York Times, 10. Dezember 1994.

Englische Originalversion: „As per your specific question in regard to masturbation, I think that is something that is a part of human sexuality and it’s a part of something that perhaps should be taught. But we’ve not even taught our children the very basics.“

3 Im Umkehrschluss entstehen so auch problematische Bilder von und Druck auf Menschen mit Penis, permanent Lust verspüren und sexuell aktiv sein zu müssen.

4 Literaturempfehlung dazu: Haerdle, Stephanie. 2020. Spritzen: Geschichte der Weiblichen Ejakulation. Nautilus Flugschrift. Hamburg.

5 Lorenz, Louisa. 2018. „The Clitoral Awakening – Louisa Lorenz.“ YouTube Video: 13:56 min. Upload von TEDx Talks, online verfügbar seit dem 4. Mai 2018.

Englische Originalversion: „Not knowing about the clitoris was not just about me or my personal sex life. Instead, it was telling about the still existing injustice in our society when it comes to gender equality. And it was telling how we subtract pleasure, especially female pleasure from our sexual education. It was also telling about how we teach people to look at peoples’ bodies. Namely to see them for less than they really are.”

6 Ergänzende Anmerkung (von Anna Trunk): Zu sehen ist eine Person, die auf Grund optischer Marker vermutlich mehrheitlich als (heterosexuelle) cis-Frau gelesen wird. Das bedeutet nicht, dass sich die abgebildete Person selbst so versteht: Kann sein, muss nicht – wir wissen es nicht. Optische Marker geben an und für sich keine Auskunft über Geschlechtsidentitäten oder sexuelle Orientierungen. Jedoch haben wir im Rahmen eines binären, heteronormativen Ordnungssystems gelernt (auch) visuelle Codes gegendert zu lesen bzw. zu interpretieren. Die hier gezeigte Darstellung soll also keine limitierende, visuelle Definition von Menschen mit Klitoris bedeuten, sondern kann vielmehr exemplarisch – als eine von vielen Optionen Menschen mit Klitoris zu denken – verstanden werden. Denn Solo-Sex mit Klitoris meint im Kontext dieses Artikels explizit nicht nur heterosexuelle cis-Frauen, sonder möchte alle Menschen mit Clit einbeziehen.

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