Von Jakob Schleh | © Jolanda Zürcher

Eigentlich ist es ganz einfach den Polarstern zu finden. Schauen wir uns ein hierzulande gut erkennbar leuchtendes Sternbild an: den „Großen Wagen“. Die Deichsel besteht aus drei hellen Sternen. Vier weitere Sterne bilden den rechteckigen Wagen. Die fünf Mal verlängerte „Hinterachse“ des Wagens führt uns unweigerlich zum Polarstern. Er bildet das Deichselende des Sternbilds „Kleiner Wagen“ und bewegt sich nicht.

Tatsächlich scheint es für unser Auge, als würden sich im Laufe der Nacht all die anderen Sterne und Sternbilder um den Polarstern herumdrehen, dieser jedoch von unsichtbaren Kräften fixiert bleiben.

Das langweilt dich? Das hat dir irgendwer schon im Kindergarten erzählt?

Für mich sind das neue Erkenntnisse. Natürlich hatte ich vom Polarstern gehört und auch, dass er den Weg nach Norden weist. Das ist das Seemannswissen, das noch im 21. Jahrhundert in meinem Hinterkopf verbleibt. Aber sich an den Sternen orientieren? Nachts aus dem Haus gehen, nach oben sehen und über Uhrzeit und Datum Bescheid wissen? In den Urlaub fahren und statt auf Google Maps einfach mal in den Himmel gucken? Das sind Fähigkeiten, die wir alle längst verlernt haben. Dafür haben wir Handys, Kompasse, Uhren und Navigationssysteme.

Dabei haben die frühen Hochkulturen unser Wissen über die Sterne und Planeten schon vor tausenden Jahren revolutioniert. Die mittelamerikanische Kultur der Maya hinterließ prächtige Ruinen ehemaliger Sternwarten. Sie zeichneten akribisch die Bewegungen von Planeten und Sternen auf, entwarfen Mond- und Venuskalender und richteten sich in Religion und Landwirtschaft nach den Geschehnissen am Sternenhimmel. So konnten sie Berechnungen für große Zeitspannen durchführen und dadurch auf gewisse Weise „in die Zukunft“ sehen.

Wie mag es wohl sein, nach einem kurzen Blick in die Sterne zu wissen, welcher Tag es ist? Ich kann mir das kaum vorstellen. In den Städten, in denen hierzulande die meisten Menschen leben, ist Lichtverschmutzung so ein großer Faktor, dass wir uns schon romantisch in die Augen schauen und auf die Lippen küssen, wenn in einer warmen Sommernacht mal ein Sternchen am Himmel blitzt. Wer sein Liebesglück kalkulieren will, der findet im Internet eine aberwitzige Vielfalt an Horoskopen, kann sich Aszendenten und seine astrologischen Grundsäulen berechnen lassen. Das hat mit Wissenschaft oft wenig zu tun –  tatsächlich wird beim Erstellen von gewöhnlichen Horoskopen oft „gefreestyled“ und darauf geachtet, dass sich die Themen von Woche zu Woche etwas abwechseln. In vielen Fällen sind Horoskope trivialer Hokuspokus. Doch es gibt eine große Anzahl an Büchern, TV-Sendern und Internetseiten, die sich mit dem Thema beschäftigen und deren Verantwortliche mit Esoterik viel Geld verdienen. Die Sterne scheinen ein tiefes Verlangen im Menschen auszulösen. Sie symbolisieren Sicherheit, Natürlichkeit und einen gewissen Determinismus.

Denn der Polarstern bewegt sich nicht, wie anfangs erwähnt. Tatsächlich zeigt die Erdachse fast genau auf den Polarstern, sodass sich eine optische Täuschung ergibt: Die Sternbilder drehen sich nicht wirklich um den Polarstern. Was sich dreht, das ist die Erde und wir drehen uns mit ihr. Der Polarstern bleibt dabei immer fix am Himmelsnordpol. Das bedeutet, dass er sich am Äquator unter dem Horizont befindet, am Nordpol weit oben im Zenit.

Diese Dinge haben Menschen vor langer Zeit herausgefunden. Galilei, Kopernikus, Kepler – die berühmtesten Wissenschaftler schauten in die Sterne. So wurden die Grundlagen der Astronomie erforscht, festgestellt, dass die Erde keine Scheibe ist und sich mit verblüffender Regelmäßigkeit um eine riesige Gas-Sonne dreht. Darauf bauen Naturwissenschaften auf und im Laufe der Zeit haben sich die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen zu mächtigen Werkzeugen entwickelt. Sie ermöglichen es heute zum Beispiel der NASA oder SpaceX, bemannte Raketen ins Weltall zu schießen und mit der ISS eine Raumstation zu betreiben, die Mr. Spock vor Neid erblassen ließe.

Die Raumfahrt ist die Superlative der Wissenschaft und jede weitere technologische Errungenschaft im All ein Meilenstein. Heute träumen wir davon, den Mars zu bereisen, erdähnliche Planeten zu bewohnen und für unsere Umweltprobleme extraterrestrische Lösungen zu finden. Dabei handelt es sich aber um ganz spezifisches Wissen, das für einen Großteil der Weltbevölkerung nicht nur unverständlich bleibt, sondern auch unnütz im alltäglichen Leben. Manch eine*r mag argumentieren, dass auch im Reich der Maya astronomisches Wissen nur einer kleinen Gruppe von Priestern, Reichen und Mächtigen vorbehalten war. Die überlieferten Aufzeichnungen machen jedoch deutlich, dass dieses Wissen den Alltag aller im Kulturraum der Maya lebenden Menschen entscheidend geprägt hat.

In der Moderne scheinen die Sterne nur noch zwei einander sehr fremde Gruppen wirklich zu interessieren: Die Astrophysiker und die Esoteriker. Vielleicht sollte aber genau unsere Generation wissen, wo der Polarstern steht!

Es wird Zeit, dass wir ein umfangreiches Bewusstsein für unsere Umwelt entwickeln. 250 Jahre nach der industriellen Revolution beginnen wir unsere Beziehung zur Natur zu hinterfragen. Der Klimawandel erinnert uns daran, dass die wenigsten Menschen ein umweltbewusstes Leben führen, und er zeigt uns, dass wir nur ein sehr kleiner Teil des Universums sind. Unsere Wurzeln liegen dort, wo die Sterne ein wichtiger Teil des alltäglichen Lebens waren – bei den frühen Hochkulturen und Naturvölkern. Die Maya haben die gleichen Sterne gesehen wie wir. Der Große und der Kleine Wagen hatten auch damals die gleiche Position zueinander. Und obwohl selbst Sterne explodieren, sich neu bilden und erlöschen – der Polarstern wird noch für Tausende von Generationen am Deichselende des Kleinen Wagens leuchten.

Ein Blick in den Nachthimmel kann Mut machen und Halt geben in einer Zeit, in der wir verlernt haben, die Zeichen der Natur zu deuten. Das Sternbild Cassiopeia ist vom Polarstern übrigens auch nicht weit. Schau doch mal hoch!

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