von Hannah Lee| Illustrationen: © Johannes Schröder

In einer Welt wie unserer wird es Tag für Tag wichtiger, schnell zu sein. Ich empfinde die wachsende Konkurrenz und die hohen Anforderungen an Effizienz durch die Globalisierung, die Digitalisierung und vor allem die nahezu pflichtmäßige Dauererreichbarkeit als größte Druckmittel der Neuzeit. Während an der Oberfläche vieles brodelt und ständig in Bewegung ist, wird schnell vergessen, zwischendurch stehen zu bleiben und zu gucken, ob etwas in einem ist, das womöglich überkocht oder sogar eingeht. 

Depressionen und Burn-Outs sind in unserer Gesellschaft schon lange keine Fremdworte mehr. Sie sind für mich Symptome unserer rennenden Gesellschaft, die für nichts und niemanden eine Verschnaufpause einplant. Aber wenn man müde wird, dann muss man sich eine Pause nehmen und ehrlich zu sich sein: Es ist keine Schande, sondern eine Notwendigkeit, Pausen zu machen. 

© Johannes Schröder

Vielen fällt es schwer dies zu tun und sich zu äußern. Vielleicht auch aus Angst nicht verstanden und dann verurteilt zu werden. Denn obwohl unsere Gesellschaft schon einen weiten Weg im Umgang mit psychischen Störungen zurückgelegt hat, gibt es in vielen Kreisen immer noch eine nur abstrakte Idee davon, was eine solche Diagnose bedeutet. 

Ich habe vor einiger Zeit einen Text verfasst, in dem ich ein Gefühl einzufangen versuchte, das ich manchmal empfinde, aber vermutlich nie besser als so beschreiben können werde.
Ich habe den Text geschrieben, um dieses vage Gefühl greifbarer zu machen. 
Ich teile diese Worte mit dir, damit es dir in Zukunft vielleicht leichter fällt, Menschen zu begegnen, die gerade eine schwere Zeit durchmachen; nachzuvollziehen, was sie fühlen, ohne den Grund zu kennen oder zu benennen. Einfach hineinversetzen; versuchen, Verständnis aufzubringen. 

Und wenn du es kennst, dieses Gefühl, dann entscheide dich, ob du die folgenden Zeilen lesen willst. Vielleicht hilft es dir, zu wissen, dass es mir einmal ähnlich ging, vielleicht möchtest du aber auch diesen Abschnitt überspringen und dich nicht noch einmal hineinfühlen – das Lesen kann triggernd wirken.

© Johannes Schröder | Sounddesign: @niklaschbsdt

Lebensmüde

Woran denkst du, wenn du „lebensmüde“ hörst? Fallschirmspringen, Motocross, naja nun mal Extremsport! Menschen, die ihr Leben riskieren, Adrenalin verspüren, die ständig auf der Suche sind, getragen vom Wind,
von Ort zu Ort, 

– das Leben ein einziges Abenteuer –
aber eigentlich ist „lebensmüde“ doch das falsche Wort…? 

LEBENSMÜDE.
Müde vom Leben.
Das Leben macht müde.
Mein Leben lässt mich ermüden.
Gleichgültigkeit gegenüber jedem Beben,
die Augen fallen mir zu, ich fang’ an zu schweben.
Wach sein wird zur Pflicht, aufwachen will ich nicht, aufs Einschlafen bin ich erpicht. 

Am besten für immer.
Denn wach sein ist schlimmer,
wach sein ist dümmer
denn, wenn ich wach bin,
bin ich nicht mehr wachsam, kaum achtsam
leere Augen, ein leerer Blick
ich sehe nichts, woran ich glaube,
was mich erquickt,
jede Tat erscheint hart,
sinnlos,
nach Sekunden verscharrt
unter einem wuchtigen Haufen Momente.
Wo ist die Grenze?
Wann hört es auf?
Ich schaufel’ und wuchte Momente darauf.
Das macht mich müde, es ist monoton.
Ich blicke auf und lauf’ den Augenblickeberg hinauf.
Ich hab’ aufgehört zu graben,
aber was soll ich sagen,
die Augenblicke hören nicht auf hinab zu hageln.
Momente kommen und gehen
im ewigen Haufen verloren.
Die Zeit bleibt nicht stehen,
ich kann nichts mehr sehen,
die Momente begraben mich,
ich sehe die Farben nicht,
ich bin von der Zeit verschüttet,
hab’ mich selbst nicht mehr wachgerüttelt, denn ich war müde vom Leben, zu müde, um weiter Momente auf den Haufen zu heben. 

Von außen bleiben solche Emotionen oft unsichtbar, hinter der Fassade. Es ist schwer, sich Anderen anzuvertrauen, nicht nur, weil es einem selbst sehr intim ist, sondern auch, weil sich einem nahestehende Personen persönlich angegriffen fühlen können. Aber auch, wenn jemand bei jeder Begegnung strahlt und heiter ist, ist dies kein eindeutiges Indiz für geistige Gesundheit oder allgemeine Glücklichkeit. Genauso wenig wie Schweigsamkeit und das Bedürfnis allein zu sein, tiefe Traurigkeit oder gar Depressionen implizieren. 

Und nun? Was hilft?

Es ist Zeit innezuhalten. Eine Pause zu brauchen bedeutet nicht, faul oder schwach zu sein. Es bedeutet, diese bestimmte Art von Müdigkeit zu nehmen, ihre Ursprünge zu erkunden und ihr entgegenzuwirken – mit Geduld und mit Menschen, denen man vertrauen kann. Es ist ein mutiger erster Schritt. 

Denn es ist wichtig, sich mitzuteilen. Sozialer Kontakt ist im Leben gleichermaßen relevant, wie eine gesunde Ernährung oder regelmäßige Bewegung.

Ob persönliche Gespräche, im Internet oder am Telefon bei einer anonymen Seelsorge oder bei einer kostenlosen psychosozialen Beratungsstelle. Egal ob Freund*in, Familie, Therapeut*in oder euer Tagebuch. Redet miteinander und hört euch vor allem zu. Gegen diese Art von Müdigkeit hilft weder Koffein, noch Kokain und auch kein „Augen zu und durch“.

Was aber helfen kann: Kommunikation und Verständnis, tief durchatmen, Perspektive schaffen und sich Unterstützung suchen, gemeinsam weitergehen – im eigenen Tempo. 
Die Gesellschaft mag rennen, aber niemand kann ewig Schritt halten. Und das ist gut so. 

© Johannes Schröder

Unterstützungskasten

Anonyme Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 · 0800/111 0 222 · 116 123
Info-Telefon Depression: 0800 / 33 44 533
kostenloses Online-Portal „mood gym“

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