Text: Sheila-Ananda Dierks | Fotografie: © Lucas Kreß

„Und wo ist dein Vater?“
„Das weiß ich nicht, ich kenne ihn nicht.“
Kurze Pause.
„Möchtest du ihn denn nicht mal kennenlernen?“.

Diese Frage habe ich in meinem Leben schon oft gehört. Meist von Menschen, für die es eher „unnormal“ zu sein scheint, keinen Vater zu haben. Mir selbst stelle ich diese Frage eher nicht. Denn für mich war es das nie: „Unnormal“. Meine Kindheit war normal, meine Schulzeit war normal und meine Jugend war es auch. Erst das Fragen anderer drückte mir das bedrängende Gefühl auf, dass irgendwas an meiner Situation „anders“ sei. Dieses Gefühl ließ mich mehr spüren als alles andere: Etwas fehlt. Ein Vater.

Foto: © Lucas Kreß

„Aber willst du nicht wenigstens mal wissen, wer oder wie er ist?“

Will ich das? Will ich wissen, wer mein Vater, vielmehr mein Erzeuger, ist? Oder sollte ich das wollen? Vielleicht wäre es für andere einfacher, wenn ich diese Frage mit einem überzeugenden „Ja“ beantworten könnte. Aber das kann ich nicht. Denn ich will es nicht wissen. Bisher bin ich schließlich auch bestens ohne ihn ausgekommen. Mein Vater hat nie aktiv etwas zu dem Menschen beigetragen, der ich heute bin. Er ist mir fremd und war nie Teil meines Lebens. Warum sollte ich das unbedingt ändern wollen?

Ich antworte den Menschen also meist: „Das brauche ich nicht zu wissen. Für mich ist er ein fremder Mensch. Ich kenne es ja nicht anders, als bloß mit meiner Mutter aufzuwachsen, also vermisse ich auch nichts.“

Das stimmt. Was man nicht kennt, kann man bekanntlich auch nicht vermissen. Denn für mich waren „Eltern“ meine Mutter. Sie war es, die bei Elternabenden Lehrer*innen zuhörte und zu Elterngesprächen ging. 

Ihr Gekrakel war es, das die Zeile „Unterschrift des Erziehungsberechtigten“ auf allerlei Schulzetteln ausfüllte. Bis ich alt genug war, um mich mit meinem eigenen Gekrakel für Fehlstunden zu entschuldigen. 

Meine Mama war es, die neben anderen Eltern im Publikum saß, wenn ich eine Ballettaufführung hatte. Sie hat kein einziges meiner Geigen-Konzerte verpasst und war immer früh genug da, um einen guten Platz zu erhaschen. Meine Mutter war eben das, was für andere ‚Eltern‘ sind –  bloß ist sie Mama. Nicht Papa.

„Mapa“ hat sie sich selbst manchmal genannt, denn sie musste oft beides sein: Sie hat die Wände gestrichen, Hecken geschnitten, Möbel geschleppt und Rasen gemäht. Sie war eben „Mapa“ – und damit meine ‚Eltern‘. Was soll mir also fehlen, wenn ich doch ‚Eltern‘ hatte? Vieles wahrscheinlich – aber all das sind Dinge, Situationen, Ratschläge, auf die ich niemals kommen würde. Und deshalb fehlen sie mir auch nicht.

„Du hast auf jeden Fall die Augen von deinem Vater!“

Das wurde mir auch oft gesagt. Sein Lächeln hätte ich angeblich geerbt, sowie seine Art zu Gehen. 

Das ist komisch. Ein mir fremder Mensch, der einfach seine Gene in mir hinterlassen, mich somit zu einem Teil von sich gemacht hat, ohne, dass ich das jemals gewollt hätte. Aber so ist das eben: Ich bin Hälfte Mama, Hälfte…Erzeuger? Aber nur weil die eine „Hälfte“ meiner Gene nicht aktiv als Vaterrolle existiert, soll etwas an mir oder meinem Leben unvollständig sein?

Foto: © Lucas Kreß
Mir fehlt nichts.

Ich war stets erfüllt und habe mich selten gefragt, wer, wo oder wie mein Vater ist. Wenn diese Frage aufkam, dann, weil andere sie für mich gestellt haben. Denn mir ist nach wie vor klar: Ich werde nicht plötzlich jemanden brauchen, den ich bisher auch nicht gebraucht habe. Das war für andere immer schwer nachvollziehbar. Vermutlich sogar unglaubwürdig.

Ich habe mitleidige Blicke gespürt, wenn ich meinen mir fremden Vater erwähnte. Es waren Fragen, die als Antwort ein sehnsüchtiges Streben nach ihm erwarteten. Ihr muss doch etwas fehlen, dachten sie dann und wussten nicht, wie sie damit umgehen, was oder wie sie fragen sollen.

Sollen sie überhaupt etwas fragen? Natürlich – verübeln kann man es keinem. Aber dieses mitschwingende Gefühl von Mitleid aufgrund eines „Fehlers“ – das muss weg. Weg aus den verblüfften und bemitleidenden Köpfen. Es ist nicht gleich alles falsch, nur, weil es ungewöhnlich ist.

Was ist schon normal?

Vater-Mutter-Kind – happy family also? Ist wirklich alles gleich so viel besser, bloß, weil es jemanden gibt, der auf den Namen „Papa“ hört? Kann sein. Aber mir hat er nicht gefehlt, der „Papa“. Für mich waren meine Mutter und ich eine Familie. Sie war ‚Eltern‘, ich war Kind. Vollwertig und damit normal.

Im Jahr 2019 waren laut dem Statistischen Bundesamt rund 2,2 Millionen Mütter alleinerziehend in Deutschland. Bestimmt können nicht alle von diesen Müttern eine „Mapa“ sein. Vielleicht geht es anderen Menschen somit nicht so wie mir. Vielleicht fehlt anderen Kindern etwas. Oder ihnen ist es ein ewiges Rätsel – dieser fremde Vater. Trotzdem sollten wir in unseren Köpfen Platz für andere Familienkonzepte schaffen, statt etwas „Normales“ gedanklich als falsch einzuordnen und es damit erst zu etwas Unnormalem zu machen.

Danke Mama.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.