Das Fragment [fraˈɡmɛnt]
laut Duden bezeichnet dieses Wort: 
a.) ein Bruchstück
b.) etwas Unvollendetes; ein nicht fertiggestelltes Kunstwerk

Die SAI – Fragmente Reihe stellt (heraus)fordernde Fragen und (ver)sammelt fragmentarische Antworten. Diesmal entstanden daraus atmosphärische An- und Aussichten zur Frage:
(Bist du) Zu weit gegangen?

Mit Texten von Aissata Drieling, Friederike Teller und Anna Trunk.
Alle Fotografien von Anna Trunk.


19. November 2020 / Wie weit ist es von heute bis morgen?

Manchmal hab‘ ich keine Lust zu schreiben, Gedanken in Form zu pressen. Warum denn immer lupenreine Klarheit? Jeder Strich auf Papier engt ein, zurrt Imaginationen zu festen bündeln zusammen, wie Paketschnur. 

Extrem(e) leben, irgendwo zwischen grell und dunkel, fern und Haut – genau da. Begrenzte Möglichkeiten als neue Daseinserfahrung, Ambivalenz, state of mind: Wohin treiben, wer da sein? Und wen kümmert’s? Nichts klar außer Endlichkeit – limitierte Existenz. 

humanism / celebrating anthropocentrism
lost in mind / lost in wild

Trotzdem vermiss‘ ich die Disse, so sehr. Lust auf Quatsch mit Sauce, räudigen Schnaps, schweißnasse Körper in engem Nebelrauschen. Plattfüße tragen durch klingende Nächte und dann ab ins Beet. Ob du heute Nacht wohl schlafen kannst? 

Den Rhythmus geben pochende Fragen vor: Wer bin ich und was tu‘ ich hier? Gibt es einen Plan? Kann sein, dass es eine Straßenkarte tut. Losbrechen bis Meer, um nicht mehr zu hadern: Wohin kann die Reise gehen? Planetare Einbahnstraße – links abbiegen, bitte. 

Text von Anna Trunk


22. Dezember 2020 / Wann ist Neugier, wo Grenze?

Zu weit gehen, eine gedachte Grenze überschreiten, darin liegt auch immer die Möglichkeit zu sehen, dass diese Grenze sinnlos ist. Grenzen abbauen klingt erstmal gut. Oft sagt mir mein Körper ziemlich schnell, wann eine erreicht ist. Aber manchmal reicht ein flaues Gefühl im Magen nicht als Hinweis und ich hänge nur noch an einem Seil, um dann unter Mühen wieder daran hochzuklettern, wenn mich die Neugier mal wieder dazu getrieben hat, mehr zu wollen als ich kenne. 

Grenzen auflösen, Kontexte erweitern 

Wenn ich bewusst zu weit gehe, dann, weil ich es nicht mehr in meiner Komfortzone aushalte. Oder weil ich weiß, dass ich mich selbst absichern kann, dass es nichts zu verlieren gibt, außer meiner Ehre und von der lasse ich mich ungern einschränken. Einmal hatte ich kurz einen Freund. Also einen festen. So fest, dass ich anfing mich eingesperrt zu fühlen. Dann lernte ich einen anderen Menschen kennen und ging zu weit. Als mich das noch nicht von der Enge entließ, wollte ich noch weiter. Da waren noch mehr Gelegenheiten. Noch eine, noch einen und dann noch eine und dann war ich überfordert, aber satt. Und irgendwann war das zu weit mein normal. Bis ich mich selbst nicht mehr hörte unter den ganzen Gefühlen der anderen: 1 will jetzt Monogamie, 2 macht sich gar keine Gedanken, hat aber Angst vor Ablehnung, 3 will mit mir ein Projekt starten und 4 ist eigentlich nicht mein Typ, und das obwohl ich keinen habe, und 5, weder sie noch ich haben unsere Herzen gespürt als wir ein bisschen zu weit gingen. 

Balancierakt 

Dann gibt es noch diese Grenzen, denen ich ihre Daseinsberechtigung nicht absprechen will. Solche auf denen es besser ist zu balancieren, anstatt sie zu überqueren. Das kann bedeuten sich mit dem Ex zum Tee zu verabreden und dann merken, warum Ex Ex ist, sich daraufhin die Haare abschneiden und dann hoffen, dass sie schnell wieder nachwachsen. Fürs Masturbieren bezahlt werden und dann merken, dass es weiter auf diesem Weg nichts Gutes zu holen gibt. Von einer Klippe springen und kurz vor dem Eintauchen die Beine falsch halten, sodass ich die nächsten beiden Tage nicht mehr gemütlich sitzen kann, weil mein Arsch brennt. Sich jemensch gegenüber öffnen, die*der nicht dasselbe vorhat und dann dieses flaue Gefühl im Magen bekommen. 

Gemauerte Grenzen 

Aber manchmal fühlt sich zu weit gehen einfach nur falsch an. Das sind dann diese Linien, die beim Übertreten rot aufleuchten und damit hässlich sichtbar werden. Kleine Gesten wie eine ungebetene Hand auf meinem Rücken oder erst nach einem unangenehmen Kuss gefragt werden, ob ich das will. Solche Linien fallen manchmal erst im Moment auf, so wie eine Hand, die meinen Hals umschließt, weil ich dachte ich wollte das. Oder wenn mein achtzehnjähriges Ich zu betrunken oder zu verbraucht ist, um entscheiden zu können, ob sich etwas gut anfühlt. Auf meinen Körper ist in solchen Momenten verlass: Sie verschließt sich fast automatisch, nur ist verschleißen nicht wehren und trotzdem gevögelt werden ist kein einvernehmlicher Sex. 

Zu weit gehen ist (nicht) immer Ansichtssache. 

Alle Stufen des zu weit Gehens haben etwas Selbstvergessenes an sich. Kurz außer sich stehen vor Adrenalin oder Wut oder Neugier oder Lust. Das ist das Beste und das Schlimmste daran. Denn manche Grenzen sollen sich nicht auflösen, auch wenn sich selbstvergessen so angenehm seicht ist. Das ist das Schlimmste am zu weit gehen: Was von mir bleibt, wenn ich mich selber nicht mehr durch Grenzen sichere. Und trotzdem gehe ich weiterhin gerne zu weit. Nur achte ich inzwischen darauf, dass es U-Bahn-Stationen in der Nähe gibt, damit ich wieder zurückfahren kann, wenn meine Füße mich nicht mehr tragen. Ich liebe es von ihnen und meiner Kraft überrascht zu werden. Und die Ahnung, dass es noch so viel mehr gibt, als ich durch meine begrenzen Augen sehen kann, ist einfach zu verlockend. 

Text von Aissata Drieling


3. Dezember 2020 / weiß nicht wohin, aber weiter

wo ich bin
Blick ins anderswo
nicht dein Gesicht
denn wenn
die Rastlosigkeit heute Abend 
noch bleibt
mich weiter zieht

dann renn ich ihr hinterher
auf einen Versuch mehr
bis

Verweilen
Hoffnung wird
bin ich hier –
nur weil ich hier 
noch nicht gewesen bin


mit dir?

wir betrauern gemeinsam die Zeit
die verschwendet daran
nicht verloren zu sein –
dennoch ganz und gar 
verloren sein

was bleibt von der Wut
wenn wir relativieren
einschlafen, träumen,
aufwachen und das Geträumte 
vergessen ist –

wie weiter leben
in die Wolken hinein
und vom Himmel herab
den blauen Linien folgend,
die Google Maps gezeichnet hat?

Text von Friederike Teller

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