Die Sonne steht hoch im Zenit, lässt das Wasser schillern. Dieser Sommer war ein Sommer wie jeder andere und auch nicht:

Wo fängt eine Reise an, die kein Ziel hat? Welche Welten eröffnen sich uns, wenn wir Augen und Geist schweifen lassen? Wo versteckt sich das Glück?

‚Unfocused Blue.‘ von Maike Stemmler

Mein Wecker klingelt um 4.45 Uhr. Diese unsägliche Uhrzeit kann meistens nur zwei Dinge bedeuten: Schichtarbeit oder Urlaubszeit. In diesem Fall letzteres. Noch schlaftrunken putze ich meine Zähne, koche Kaffee und fülle ihn in Becher. Ich stopfe die letzten Sachen in irgendwelche Taschen und schließe meine Zimmertür in dem Wissen, dass in zwei Wochen meine Haut dunkler und meine Haare heller sein werden. Um 5.30 Uhr, dann Treffpunkt an der Kreuzung. Zwei Autos, vier Freund:innen und ein Zelt. Das Ziel: Frankreich. Wir fahren auf der A4 in den Sonnenaufgang und scheitern an der Radiofrequenz. Spotify, du hast uns unfähig gemacht.

Die Stunden verschwimmen wie die Leitplanken am Seitenrand. Zwischen Fahren und Pausen werden die Abstände kleiner und die Augen müder. Auf dem Weg ans Ziel schlafen wir eine Nacht in einem kleinen Dorf irgendwo südlich der französischen Mitte. Boxenstopp. Die kulinarische Auswahl vor Ort ist überschaubar, doch das ist egal. Denn der Hunger ist so groß, dass jetzt alles recht wäre. Heineken wird hier in 0,6 Liter Flaschen verkauft – na dann Prost auf halbleeren Magen. Zum Glück sind die Bürgersteige breit und Abweichungen erlaubt.

Fotocollage by Maike Stemmler

Eine kleine Fähre bringt uns am nächsten Morgen schließlich nach Le Gurp. Der städtische Campingplatz hat sich in den letzten Jahren zu einem deutschen El Dorado entwickelt, was nicht selten Anlass zur Diskussion bietet. Angekommen unter Pinien geht es direkt an den Strand. Ich renne auf die Kuppe zu bis Gelb endlich Blau wird. Die Landschaft ist eine Mischung aus Nordsee und Neuseeland, nur wärmer. Hinter den Gläsern meiner Sonnenbrille sammeln sich Tränen. Vielleicht nur der Wind.

Für uns vier war der Urlaub ein Ziel, verbunden mit einer Hoffnung, die für jede:n eine andere war. Der eine nahm sich vor mal nichts zu tun oder wenigstens weniger. Die andere wollte nach einem Jahr endlich wieder das Meer sehen. Zur Vorbereitung suchten wir nach Campingplätzen, Streckenrouten und Sehenswürdigkeiten. Wir waren aufgeregt und erstellten Playlists mit französischen Lieder – ein bisschen Kitsch und ein bisschen Kunst. Vorfreude ist das Gegenteil von Spontaneität und gerade deshalb so schön. Es ist wie Glück auf Kredit, weil ich schon habe, was noch in der Zukunft liegt. Und jetzt sind wir hier.

Fotocollage by Maike Stemmler

All das, was danach geschah, können nur die Sandkörner auf meiner Haut erzählen. Aber in Kürze war es so: Zwei Wochen Camping in Frankreich war den Kleiderschrank im Kofferraum haben. Kekse zum Frühstück und die Klorolle unter dem Arm. Es war den Tag nach der Sonne richten und nachts unter freiem Himmel schlafen. Getränke mit Zucker und Speisen mit Salz. Es war die Frage nach dem Weg und die Antwort auf die Uhrzeit. Eine Tour de France im Kleinen. Es war nützliches Nichtstun und wohldosierter Aktionismus. Semi-Öffentlichkeit und Michael, der Igel. Es waren nächtliche Rap-Einlagen und LTE auf dem Kreisverkehr. Eine Hommage an die Freundschaft und ein Experiment zugleich. Der gelebte Traum eines Sommers.

@frieda-teller

‚Von und Zu Brüchen‘ von Flora Jansen

Es gefällt mir

Mir war als ob Dinge vom Himmel fielen

Als ob Gedanken sich in mein Leben stielen

Die sonst nie da gewesen waren.

Ein rauer Ort brechender Seelen

Graue Fassaden graue Sehnsucht

Eine Ausflucht in vibrierende Stille

Es ist der schonungslose Blick vergangener

Einst gutbetuchter Gründerzeit

Geschwungener Kronleuchter

Auf die die graue Melodie

Dissonanz Dissens Disharmonie

Mit einem Schritt um die nächste Ecke

Wieder und wieder Momente der Irritation

Ton für Ton erkämpft sich die

Kraft der Kreativität

Ihren Raum

Fließt mit im Strom ständig brechender Wellen

Ich zähle die Stunden

Dann bin ich oben

Ich stehe auf dem Berg blicke ins Wuppertal

Wuppertal Asozial

‚Ich bin (k)eine Muschel.‘ by Anna Trunk

‚Reise, wohin gehst du?‘ von Anna Trunk

Ich trete fest in die Pedale, der Wind schlägt mir ungewöhnlich rau entgegen. Red mal nicht von Sonnenschein. Inzwischen bin ich seit zehn Tagen unterwegs. Stundenlang radeln, jeden Tag. Zeit fließt dahin, genau wie Bewegungen und Landschaften. Felder werden zu Dörfern werden zu Wäldern, fliegen fort. Weiß manchmal nicht mehr, was ich denke – weil ich nicht mehr denke. Absolute Weltvergessenheit bis zur nächsten Abzweigung ohne Beschilderung. Nur noch 75 Kilometer bis Ankunft im Abendlicht.

‚Der Bus kommt nicht.‘ by Anna Trunk

Die Idee für diese Radreise durch Deutschland entstand auf einer meiner zahlreichen Rollerfahrten durch die ost-javanische Hitze. Gegenwind lässt aufatmen und kühle Gedanken fassen. Während meines Auslandssemesters in Yogyakarta verbrachte ich jede freie Minute auf meinem knatternden Gefährt, nicht selten ohne Ziel. Einfach fahren, egal wohin. Am liebsten ans Meer. Palmen am Wegesrand, verschwimmende Straßenzüge. Neugierde auf hinter der nächsten Kurve zu entdeckenden Welten, lockte mich immer wieder fort.

Irgendwann dann die Frage, warum ich diese Begeisterung nicht auch Zuhause fühle. Als ob Unbekanntes nur in der Ferne wartete! Bisher hatte ich nie den Drang verspürt, das Land, in dem ich lebe, zu erkunden. Implizite Annahme von Langweiligkeit. Was sollte es da schon Großartiges zu entdecken geben? Eigentlich habe ich keine Ahnung, weder von der Paderborner Höhenebene noch vom Ruhrgebiet. Beschämend, dieses abgeklärte Desinteresse. Das kann ich so nicht stehen lassen. Also, los geht die wilde Fahrt.

Abreise am 20. August. Noch ein letzter Kaffee in Mannheim. Die Sonne knallt schon am Morgen vom wolkenlosen Himmel, Sonnenbrand ist vorprogrammiert. Ab jetzt sind die Tage grün, blau, grau. Fahrtwind saust um meine Ohren und spielt mir die Melodie der kommenden Wochen. Verliere mich täglich mehrmals – in Gedanken, in Seitenstraßen, in Weiten. Morgens aufs Rad und fahren bis zum Mittagsloch. Dann weiter bis zur heißen Dusche. Schon vor Beginn der Reise hatte ich vermutet, dass mich dieser pure Rhythmus zufrieden stimmen würde. Mein Gefühl trügt mich selten, ich war lange nicht so glücklich.

‚Treptower Wasserfreuden‘ by Anna Trunk

8. September, kühle Morgenstimmung in Stralsund. Möwen ziehen ihre Kreise und Fischer werfen die Angel ins Hafenbecken. Es ist der letzte Tag meiner Reise. Ich kann nicht fassen, dass sie zu Ende geht – jetzt und hier. Nein, noch nicht ganz. Der IC wird uns zurück nach Hause bringen. Uns, mein Rad und mich. Es war gar nicht leicht noch ein Fahrradticket gen Süden zu ergattern. Ein Gemisch aus Melancholie und Stolz erfüllt meine Magengrube. Nach 1000 Radkilometern ohne Pannen und nennenswertem Muskelkater trennen mich nur noch zehn Stunden Zugfahrt von der alltäglichen Routinerealität.

Reise, wollen wir nicht noch weiter gehen?

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