Text: Lucia Hemker |Bilder: ©Nora Boiko

Wie unsere Unsicherheit unsere Menschlichkeit kostet 

Du bist 20 Jahre alt. Verheiratet, zwei Kinder. Seit vier Jahren arbeitest du schon in dieser Textilfabrik, die dir im Monat 101€ zahlt, für durchschnittliche 9,2 Stunden Arbeit, sechs Tage die Woche. Die Miete kostet 50€, das Essen 39€. Du bist Mina aus Gazipur, Bangladesh.

Ja, aber: Ich mag Skinny Jeans nicht mehr. Ich möchte ein neongrünes Tube Top. Ich möchte Glitzergürtel mit Schmetterlingen und schnelle Sonnenbrillen, und die 2019 Engelmotiv-Oberteile, ja, na ja, ich geb die ja in die Kleiderspende! Der Fleece Pulli, da geht der Reißverschluss schon ab, der kann auch weg. Mit weg meine ich natürlich den osteuropäischen Schwarzmarkt, denn dorthin reisen meine Einweg-Klamotten vom Container aus weiter.

Ja, aber: Ich kaufe, kaufe, kaufe und als Durchschnittsdeutsche meines Alters möchte ich dafür im Monat nicht mehr als 89 Euro im Monat ausgeben. Als Durchschnittsdeutsche, so berichtet die Verbaucherforschung, zählt mein Kleiderschrank stolze 200 Teile, die nicht älter werden als drei Jahre. Also, natürlich werden sie älter als drei Jahre: Mode vergeht und Polyester besteht, und zwar bis zu zweihundert Jahre. Genug Zeit, herauszufinden welche Effekte die Toxine, die beim Verfall dieser Einweg-Klamotten frei werden, auf unsere Gesundheit haben.

Jetzt bist du eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern. Das Existenzminimum für vier Leute in deinem Land wurde berechnet auf 579€. Wenn es gut läuft, zahlt dir die Fabrik im Monat 150 Euro, das kommt ganz drauf an – pro Tag sollst du 150 Kleidungsstücke nähen, manchmal 200, was nicht zu schaffen ist in den vorgesehenen 9 Stunden Arbeitszeit. Aber nach Zeit wirst du nicht bezahlt. Du machst Überstunden, du hast keinen Arbeitsvertrag und sowieso hält sich dein Arbeitgeber nicht an die Mindestlohngesetze. Im Winter hast du nicht genug Geld, deine Wohnung zu heizen. Im Sommer wird es heiß – Ventilatoren gibt es hier nicht – und wenn jemand ohnmächtig wird, jemand von deinen Kolleg*innen mit denen du nicht reden sollst, denn Vernetzung führt zu Beschwerden, führt zu Streik, wenn jemand von denen ohnmächtig wird, dann sollst du keinen Krankenwagen rufen. Das kurbelt nur die Gerüchteküche an. Mit der Presse zu reden bedeutet für dich, deinen Job zu riskieren. Du bist Ana aus der Republik Moldau.

Ja, aber: Auf Instagram schreibt mir Monki: Be yourself. Be bold. Be young. Be grateful. Urban Outfitters ist für mich da: We’re in this together. We are stronger together. FashionNova interessiert sich für mich als Person: What are you all up to today? Share your FashionNova outfit of the day with the Hashtag … Fila sagt: Make up your own rules. Alle sagen sie mir: Die neue Trendfarbe ist gelb, ist rot, ist neongrün, ist himmelblau, ist fliederfarben, was in deinem Kleiderschrank hängt ist wertlos, aber unsere Models sind schön und stark und attraktiv und zufrieden mit sich selbst, und du kannst es auch sein! Deine Lieblingspromis fühlen sich wohl in ihrer Dolce&Gabana-Haut, und dass du nicht aufrecht stehen kannst, ohne die Arme vor der Brust zu verschränken, liegt an deinem peinlich langen, rosafarbenen Cardigan! Wie groß muss Oversized sein, damit ich mit meiner ganzen Unsicherheit hineinpasse? Wie viele Puffärmel und Schlangenmuster in meinem Kleiderschrank sind äquivalent zu einer verbalen Bestätigung meiner Persönlichkeit durch jemanden, den ich wirklich mag?

Du führst das Leben einer Arbeitskraft, nicht das eines Menschen. Mein Fashionista-Leben rechtfertigt das.

©Nora Boiko

Ein Blick zurück

Vor sieben Jahren, am 24. April 2013, stürzte das Rana Plaza Gebäude in Bangladesh ein. 1.127 Menschen starben und weitere 2.500 wurden verletzt. Damit ist es der tödlichste Fabrikunfall der neueren Geschichte, und er hätte vermieden werden können. Die Polizei verbot an jenem Morgen den Zutritt zum Gebäude, aufgrund der sichtbaren Risse in dessen Grundstruktur. Mehr als 3000 Angestellte, hauptsächlich Textilarbeiterinnen, wurden dennoch zur Arbeit gezwungen. Um neun Uhr morgens starben sie inmitten ihres unerfüllten Solls an H&M T-Shirts. Meine Mama sagte damals zu mir: H&M ist ein Scheißladen! Jetzt sagt sie mir: Ja, aber das ist Gerry Weber. Das ist ja ganz andere Qualtität. Also der Gerry, der Herr Weber – der macht sowas nicht.

Aber Tatsache ist: Unsere Mode bedeutet immer noch Umweltzerstörung und Treibhausgase und Giftmüll. Noch immer sind Kinderarbeit und Missbrauch Teil unserer Kleidung. Noch immer werden unsere Klamotten unter Angst produziert

Ich konsumiere, also bin ich

Ich weiß ich weiß ich weiß, mein Predigen ist verschwendet an den Kirchenchor der sai-Leserschaft. Nichts von dem, was ich hier schreibe, ist für dich neu. Du kaufst nicht blind ein, und wenn, dann bei Humana Second-Hand. 

Aber ich erzähl dir mal was Peinliches: Jahrelang wusste ich von alldem und habe nichts geändert. Jahrelang dachte ich, dass Schuldgefühle zum Klamottenkauf dazugehören. Klar gibt es einen Second-Hand Laden in meiner kleinen Heimatstadt, aber der ist halt nicht schön.

Jetzt kaufe ich vielleicht gebrauchte T-Shirts, trage Jacken nach, finde Hosen auf Flohmärkten und Zu-Verschenken Kartons am Straßenrand, Unterwäsche bei Fair Trade Herstellern die in Deutschland produzieren – aber wenn eine Freundin aus meiner Heimatstadt mir erzählt, sie habe gerade eine Mörderladung boohoo-Ware bestellt, dann werde ich zur Luftblase und sage: Cool, schick mal Bilder.

Die Dumme in dieser Situation bin ich. Wenn ich auf Fakten verweise, deren Kenntnis mein Handeln verändert hat, wenn ich meinen Freunden davon erzählen, die freiwillig mit mir abhängen, die mich als ihre Bezugsperson auserwählt habe, wenn ich denen meine Meinung sage, dann könnte ich ja wem auf den stylischen Schlips treten.

Ich erzähl dir noch was Peinliches: Mein Kleiderschrank ist immer noch gefüllt mit (gebrauchten) Billig-Klamotten, die nicht halten werden, die gerade trendy sind, von denen ich nicht mal weiß, ob sie mir wirklich gefallen oder ob sie mir online eingeredet wurden. Ich werde ganz ehrlich sein: Ich konsumiere inzwischen mehr, denn jetzt ist es ja okay. Und sowieso, alle konsumieren! Klamotten sind doch zum McKonsum da, oder nicht? Sollte ich nicht jedes Jahr im Sommer wieder unzufrieden sein mit dem, was ich habe?

Die Antwort, die mir schon auf der Zunge liegt, die ich aber noch nicht aussprechen mag, liegt darin, diese Mikrotrends abzulehnen. Fast Fashion hat keine zwei Saisons mehr im Jahr, auch keine vier, sondern zweiundfünfzig. Es dauert bei H&M zwei Wochen bis ein Entwurf aus Stockholm in Bangladesh produziert wird und in Deutschland in deiner Tasche landet. Rechne sieben Tage drauf, und ich kann es ethisch vertretbar auf Kleiderkreisel wiederfinden. Aber wie wäre das, wenn wir da einfach nicht mitmachen würden? Wenn wir unseren Konsum nicht gegenseitig bestätigen würden, indem wir ebenso viel Neues kaufen wie unser Nachbar? Wenn wir über unsere eigenen Klamotten genauso wenig nachdenken würden wie über die unserer Freunde?  

©Nora Boiko

Aber was willste tun, ne?

Zum Ende hin könnte ich ein paar gute Nachrichten vertragen: Es gibt schon eine Fashion Revolution, der du dich anschließen kannst. Fashion Revolution ist eine Bewegung, die Textilunternehmen zu mehr Transparenz, damit zu mehr Verantwortung und schließlich zu Veränderung auffordert. Die Erfolge der Fashion Revolution kannst du im neuen Fasion-Transparency Index 2020 nachverfolgen: https://issuu.com/fashionrevolution/docs/fr_fashiontransparencyindex2020?fr=sNmI5NzYxMDk0OA

Wie gefährlich ist es in den Fabriken, wie umweltschädlich ist die Produktion, wie fair der Lohn der Arbeiter*innen und wie diskriminierend agieren 250 Marken von Abercrombie & Fitch und Burberry zu Dr. Martens bis Kaufland und Zalando? Und wie verbessern sich die Unternehmen langsam? 

Auf der Website findest du auch E-Mail-Entwürfe, mit denen du selbst Druck auf die Modeindustrie ausüben kannst, indem du fragst: Who made my clothes? Und: What’s in my clothes? 

Auch an der Zeit: Ein Gesetz, das Unternehmen verpflichtet, die in Deutschland geltenden Menschenrechte und Umweltstandards auch im Ausland zu achten. Die Petition für das Lieferkettengesetz kannst du dir hier anschauen und unterschreiben: https://lieferkettengesetz.de/.

Also, meine Lieben, wir fassen zusammen: Kein cooles Mesh-Flammenoberteil wird so gut sein für dein Selbstbewusstsein wie ein Leben im Einklang mit deinen Prinzipien. Gute Freund*innen fühlen sich nicht angegriffen durch deine Gedanken. Und: Du hast eine Wahl, und es gibt etwas, was du tun kannst.

One thought on “Mode opfern”

  1. Dieser Text ist so auf den Punkt gebracht, fantastisch!
    Hab mich viel darin wiedergefunden.

    Und auch mir ging oder geht es so, dass ich die Fakten kenne, aber trotzdem nicht 100%ig nach meinen (eigentlichen) Prinzipien handle. Daher sind solche Erinnerungen hier und Denkanstöße super wichtig. Danke 🙂

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