von Friederike Teller | Illustrationen: ©Nora Boiko

Es wäre ein ganz normaler Wintertag, ich liege müde auf meinem Bett, vor dem Fenster ist Weltgeschehen: Trump, Bolsonaro und Seehofer regieren die Demokratie in die Geschichte zurück. Meine Müdigkeit und die der Masse schauen ihnen zu. Plötzlich merke ich, dass ich in meinem Zimmer nicht mehr allein bin.

Die öffentliche Meinung, eine etwas dickliche kleine Gestalt mit randloser Brille, hat es sich auf meinem Sessel bequem gemacht und faltet aus Zeitungspapier Schiffchen. Bei jedem neuen Knick beschwert sie sich:

„Mir ist langweilig. Und die ganzen Fake-News Vorwürfe kränken mein Ego. Es gibt einfach nichts mehr zu berichten.“

Die*Der Feminismus, welche seit wenigen Sekunden anmutig durch den Raum tanzt, hält in der Pirouette inne:

„Aber das ist doch gelogen. Die Welt ist ein Schlachtfeld. Überall Vergewaltigungen, Diskriminierungen, Gender Pay Gap, Abtreibung und AfD. Wir müssen mehr über Geschlechtergerechtigkeit reden.“

Die öffentliche Meinung ist unbeirrt, ein neues Schiffchen ist fertig. 

„Langweilig. Alles schon vor hundert Jahren gedruckt, #Frauenwahlrecht. Schau dich doch mal um – Angela Merkel, Beyoncé und J. K. Rowling, überall sind erfolgreiche Frauen. Was wollt ihr denn noch? #Metoo, ich versteh schon. Aber mal ehrlich, Frauen sind nicht mehr die Opfer. Mach dich locker, man ist kein Sexist nur weil Brüste aufs Cover gedruckt werden. Brüste verkaufen sich eben, ist doch schön. Männer hingegen, und darüber könnte man mal reden, werden stereotypisiert und kollektiv angeklagt. Sie werden Opfer mieser Kampagnen #forthebestinmen. Die Männlichkeit ist bedroht. Aber das will ja keiner lesen.“

 „Oh, bitte nicht. In welcher Welt lebst du denn? Mädchen und Jungs werden unterschiedlich erzogen. Mädchen denken, sie können nicht Chefin*, Naturwissenschaftlerin* oder Feuerwehrfrau* werden. Auch weil du nur in der männlichen Form von diesen Berufen sprichst. Für die gleiche Arbeit bekommen Frauen im Schnitt 6% weniger Geld. Doch weil sie irgendwann, spätestens mit der ersten Schwangerschaft, an eine gläserne Decke stoßen, sind es allgemein 21% weniger Gehalt , weil „frauentypische“ Berufe schlechter bezahlt werden, als „Männertypische“. Bis 1997 war Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar, 25% der Frauen haben Gewalt in einer Beziehung erlebt. Soll ich weitermachen?“, die*der Feminismus blickt herausfordernd.

Die öffentliche Meinung: „Nein, das sind doch alles nur Extrembeispiele, unwissenschaftliche Statistiken und blanke Verallgemeinerungen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, mehr Geld für mehr Arbeit. Jeder kann es schaffen. Außerdem, Männer melden psychische und physische Gewalt viel seltener. Aber Männer sind öfter Opfer von Gewaltverbrechen…“ 

 „Hey, mansplain mir nicht die Wirklichkeit!“, erwidert die*der Feminismus.

Ich trete in die Mitte:

„Ruhe. Seid still. Ich bin überfordert, das macht mich wütend und egal wo ich hingehe, klicke oder denke, alles ist irgendwie falsch. Ich möchte mit euch einen Dialog versuchen.“

Meta bemerke ich erst jetzt. Am Fenster stehend skizziert Meta Diagramme auf die beschlagene Fensterscheibe:

„Die Falschheit der Welt, so so, Adorno also. Aber fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Da wäre die allseits bekannte Diskursverschiebung, das Dominanzverhalten erster Klasse und die fulminante Ohnmacht am Ende,“ Meta sieht zunächst streng die öffentliche Meinung, dann den*die Feminismus und dann mich an. „Guten Tag, alle zusammen. Machtstrukturen wohin man nur blickt. Ganz logisch darf man die Beschränkungen des Frau-Seins nicht ohne eingrenzende Konzeptionen der Männlichkeit denken, aber …“

Ich: 

„Aber darum geht es nicht. Das ist kein Schaukasten für Gesprächsverhalten, sondern meine Wirklichkeit. Jetzt erklärt doch mal ohne Phrasen: Was ist denn Feminismus und was das Patriarchat? Ich schau mir diese Begriffe ja jetzt schon in der Werbung an und wie ein Kaugummi verlieren sie an Geschmack.“

Öffentliche Meinung nickt zustimmend, dabei rutscht die Brille hin und her.

„Wenn Feminismus schon in der Werbung angekommen ist, dann können wir jetzt endlich wieder über Fußball reden?“

 „Männerfußball! Wäre es Frauenfußball, würdest du das Geschlecht auch erwähnen!“, beschwert sich die*der Feminismus.

Meta ermahnt räuspernd zur Ruhe:

„Der Begriff Feminismus beschreibt die Forderungen nach Emanzipation, Geschlechtergerechtigkeit und dem Ende der Diskriminierung von Frauen*. Es ist eine Bewegung, welche sich seit dem Ende des 19.Jahrhunderts von Frankreich aus verbreitet hat. Genauer gesagt, sind wir schon auf der zweiten, beziehungsweise dritten Welle im Postfeminismus. In der Zeit der kritischen Auseinandersetzung mit dem Feminismus selbst, …“

 „SMASH PATRIARCHY!“, die*der Feminismus unterbricht feurig, „Es geht um eine Revolution im System, die Vorherrschaft der Männlichkeit, das Patriarchat, muss beendet werden!“

„Übersetzt bedeutet Patriarchat: die Herrschaft der Väter“, wirft Meta ein. 

„Seit Jahrtausenden haben Männer mehr Privilegien und Rechte, mehr Macht, Sichtbarkeit und Handlungsoptionen, das bedeutet es“, redet die*der Feminismus weiter.

Die öffentliche Meinung lächelt süffisant.

„Wie süß du dich aufregst, typisch. Aber woher kommt der ganze Hass und woher soll dieses ‚Patriarchat‘ denn kommen? Ist es nicht frauenverachtend, Frauen als passive Opfer darzustellen? Selbst Frauen finden den Feminismus albern. Vollkommen überflüssig, wenn du mich fragst. Ich kenne keinen Mann, der ein Sexist ist.“

Meta schreitet durch den Raum und erklärt:

„Als Ursprung des Patriarchats sehen viele Theorien die Problematik der Sphären als Ursprung der Asymmetrie. Der öffentlichen ‚mächtigen‘ Sphäre steht die ‚gehorchende‘ häusliche Sphäre gegenüber. Mit Beginn der Sesshaftigkeit und Warenproduktion wurden Frauen der häuslichen Sphäre, sprich Erziehung und Haushalt, zugeordnet. Die öffentliche und politische Sphäre, welche vorwiegend von Männern dominiert wird, ist für die Erschaffung von Normen zuständig. Politiker, Richter, Wissenschaftler, Journalisten. Männer prägen Gesetze, Weltbilder, Handeln. So üben Männer strukturelle Macht über das Leben der Frauen aus. Haushalt, Erziehung und Pflege werden nicht als Arbeit, sondern, als selbstverständlich gewertet.

Genesis 3,16: Zur Frau sprach Gott – also er‚Viel Mühsal bereite ich dir und häufig wirst du schwanger werden. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Nach deinem Mann hast du Verlangen und er wird über dich herrschen.‘“ zitiert Meta.

Ich versuche mitzuschreiben: Warenproduktion, Sphärentrennung, Hierarchie und Gott. Gott streiche ich wieder durch. 

„Ja – aber warum ist das so? Warum spricht man von Rabenmüttern, Putzfrauen und Krankenschwestern? Betont bei Frauen in Politik und Wirtschaft ihr Geschlecht, Karrierefrauen und weibliche Emotionalität eben. Frauen sind doch nicht natürlich für Familie und Haushalt, Erziehung und Pflege zuständig. Sollten wir nicht versuchen, beide Sphären durchlässiger zu machen? Geteilte Elternzeit, kürzere familienfreundliche Arbeitszeiten für alle, mehr Geld für Pflege und Erziehung, Frauenquoten und so weiter. Beiden Geschlechtern sollte es möglich sein, in beiden Bereichen zu leben, gleichzeitig. Und …“

 „Das ist mir ein bisschen zu binär gedacht!“, unterbricht mich der*die Feminismus, „Genau dieses dualistische Denken ist schuld. Männlich und weiblich sind auch nur Kategorien, produziert von einem Diskurs. Alles Sprache und Propaganda – weder sex noch gender, also weder biologisches, noch soziales Geschlecht, sind objektive Wahrheiten. Ein Körper wird erst männlich oder weiblich durch die Außenwelt. Wenn also unsere öffentliche Meinung hier einmal ihre rosa-blaue Brille absetzen würde, dann würde sie schon sehen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt.“ 

Die öffentliche Meinung verschränkt beleidigt die Arme. Die*der Feminismus fährt unbeirrt fort: „In Indien gibt es zum Beispiel gesetzlich anerkannt die Hijras, die sind nicht Mann oder Frau, dafür habe ich gar keine Sprache. Denn es gibt mehr als zwei Geschlechter, aber hier wird immer noch nur mit männlich und weiblich argumentiert! Überschreiten wir die binären Grenzen. Die Revolution beginnt im Zwischenraum.“

Die öffentliche Meinung verlässt türknallend den Raum:

„Du bist doch verrückt. Das wird mir alles ein bisschen zu regenbogenbunt!“

Ich schaue ihr nachdenklich hinterher. Meta läuft der öffentlichen Meinung nach und ruft: 

„Das klingt vielleicht extrem, aber diese Überschreitungen können auch temporär und alltäglich sein. Durch die Zitation, die Wiederholung bestimmter Handlungen, welche gesellschaftlich einem Geschlecht zugeordnet sind, wird Mensch Mann oder Frau. Das ist nichts Statisches. Es passiert auch jetzt gerade, durch unsere Kleidung, unseren Habitus. Wir kategorisieren uns selbst anhand bestimmter Praktiken. Diese Performanz macht das Geschlecht.“

Die*der Feminismus wird ungeduldig:

„Genug von Diskursen. Ich will über Sex reden. Nächtelang kann ich nicht mehr schlafen, weil ich so viel masturbieren muss, um all die Jahre der sexuellen Unterdrückung aufzuholen.“

Die öffentliche Meinung öffnet die Tür wieder einen Spalt.

 „Vorsicht, auch das ist ein diskursives Spannungsfeld von Gesellschaft, Macht und Wissen“, erwidert Meta, „Was wissen wir über die Vagina, die Vulva und die weibliche Lust? Die Klitoris wurde erst 1998 in ihrer vollen Größe ‚entdeckt‘. Die weibliche Sexualität hat durch die von Männern domminierten öffentlichen Bereiche von Wissenschaft und Politik starke Unterdrückung und Bekämpfung erlitten. 

Oder, um es wahrhaft unpassend mit Kurt Tucholsky zu sagen, der wird ja so gern zitiert: ‚Mit den Mädchen muss man schlafen, wozu sind sie sonst da.‘“

Die*Der Feminismus macht würgende Geräusche: 

„Vergiss nicht Kant, Luther, Nietzsche, Schopenhauer zu erwähnen…“

Ich finde das ganz schön viel auf einmal. Hilfesuchend schaue ich die öffentliche Meinung im Türspalt an.

„Aber sind das denn wirklich alles Frauenfeinde oder nur Kinder ihrer Zeit?“

„Es geht nicht um die Vergangenheit. Brustwarzen von Frauen* werden zensiert, aber Frauen*körper in der Werbung und Pornos sexualisiert.“

Die*der Feminismus, zieht das Oberteil aus:

„Es ist noch ein langer Weg und wir sind alle Schwestern* im Kampf!“

 „Moment, dass ist an dieser Stelle zu einfach“, Meta reicht der*dem Feminismus das Oberteil, „Feminismus ist intersektional. Das bedeutet, Ethnizität und Klasse, ebenso wie Geschlecht, verändern entscheidend meine Position in globalen Machthierarchien. Die Kämpfe sehen aus jeder Perspektive unterschiedlich aus. Mensch muss von Mehrfachdiskriminierungen reden, Frauen können Opfer von Sexismus und Rassismus und Klassismus werden.“

Ich schreibe groß Intersektionalitätauf den Notizblock. Dann unterstreiche ich es dreimal, bei so vielen Ismen verschränken sich meine Gedanken:

„Langsam, bitte. Ob ich als schwarze Frau aus der Mittelschicht in den USA oder als Muslima aus einem Akademikerelternhaus in Ägypten als Journalistin arbeite oder eben als weißes Arbeiterkind in Deutschland studiere, macht schon einen Unterschied, das verstehe ich. Aber wird dadurch nicht alles noch komplizierter? Müssen wir dann nicht auch mit vielen Feminismen reden?“

Die*Der Feminismus dreht sich im Kreis. Ein goldenes Flackern erhellt den Raum. Der Plural, viele Feminismen sind da und reden durcheinander im Chor:

 „Wir dürfen Unterdrückungssysteme nicht gegeneinander aufwiegen. Keine Frau* muss von einer anderen Frau oder Mann oder * gerettet werden. Es gilt, solidarisch zu sein und einander zuzuhören. Miteinander, nicht übereinander.“

 Das wäre eigentlich ein sehr schönes Schlusswort gewesen. Aber mir ist etwas mulmig. Die öffentliche Meinung hat schon den Raum verlassen. Sie malt gestresst Hausfrauen und schiebt die Zettel durch den Türspalt, denke ich und sage:

„Das ist alles sehr verwirrend, auch für mich, aber die Hausfrauen machen mir wirklich Angst. Konservative Einstellungen kehren zurück und definieren Leitkulturen, in denen die Frau nur die kulturelle und biologische Reproduktion sichert. Sie wollen Mauern bauen zwischen den Sphären, sie sehnen sich nach Klarheiten. Und ich? Ich bin mir noch nicht so sicher, wonach ich mich sehne.“

Die Feminismen reagieren trotzig: 

„Hausfrauen? Mauern? Nicht mit uns! Wir müssen jetzt erstmal einen feministischen Porno schauen und uns bis zum neuen gesetzlichen Frauentag in Berlin-Neukölln einbunkern.“

Meta meint noch:

„Das darf aber nicht das letzte Wort sein! Wir müssen weiterreden.“

Dann ist es still. Ich bin wieder allein und plötzlich sehr munter. Auf dem Boden liegen eine zerrissene Ausgabe der Brigitte, ein Buch von Judith Butler und ein aufgeschlagenes Wahlprogramm der AfD– Seite 40. 

One thought on “Kein Zimmer für mich allein”

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