von Daniel Cohen | Illustrationen: © Mathieu Sörenhagen

Die Identität bestimmt wer du bist und wer du sein willst. Durch Identität fühlst du dich deiner Umgebung zugehörig oder auch nicht. Identität ist von vielem abhängig, von Werten, Nationalität, Sprache, Kultur, Emotionen und Gesellschaft, von Innen und Außen.

Deshalb kann Identität eine sehr instabile Konstruktion sein.

Dialog zwischen zwei Unwissenden

Geboren und aufgewachsen bei meiner deutschen, nicht religiösen Mutter in Deutschland, in den Ferien bei meinem jüdischen Vater in Israel, gehöre ich einer ganz speziellen Minderheit an. Wegen meines speziellen Nachnamens sowie meinem südländisch angehauchten Erscheinungsbild, muss ich mich bei neuen Begegnungen häufig folgendem Dialog ausgesetzt fühlen:

„Woher kommst du eigentlich?“ „Aus Deutschland.“ „Nein, ich meine ursprünglich. Du weißt schon.“ „Achso, mein Vater kommt aus Israel“ „Das heißt du bist Jude?“ „Nein, man ist nur jüdisch, wenn die Mutter jüdisch ist, was bei mir nicht der Fall ist“ „Aber bist du dann nicht trotzdem Halbjude?“

Halbjude. Das muss ich dann doch erstmal sacken lassen. Zuerst kläre ich meinen Gesprächspartner jedoch darüber auf, dass die Nürnberger Rassengesetze nun schon seit Längerem nicht mehr in Mode sind. Laut diesen hätte er mit seiner Aussage nämlich recht, ich wäre ein Halbjude. In meinem Inneren tritt trotzdem eine Frage zum Vorschein, die mich bereits mein ganzes Leben lang beschäftigt: Bin ich jüdisch oder nicht?

Jude sein oder nicht sein

Laut der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, bin ich kein Jude. Dieses besagt, dass nur Kinder einer jüdischen Mutter als jüdisch gelten. Der jüdische Vater spielt somit keine Rolle. Weiter kann man natürlich auch zum Judentum konvertieren. Das Judentum versteht sich aber als exklusiver Club. Deshalb wird man auch nie einem jüdischen Missionar begegnen, der am Bahnhof kleine Tora-Rollen verteilt. Um zu diesem Club Zugang zu erhalten, müssen externe Anwärter*innen ein intensives Religionsstudium durchlaufen. Männlichen Anwärtern bleibt auch die Beschneidung nicht erspart.

Diese Exklusivität mussten mein Vater und ich bereits am eigenen Leib erfahren. Als ich 2017 für ein Jahr in Israel lebte, wollte ich offiziell die israelische Staatsbürgerschaft annehmen. Diese besitze ich aufgrund meines israelischen Vaters inoffiziell bereits seit meiner Geburt. Dass dieser bürokratische Prozess einen Vaterschaftstest beinhaltete, erschütterte mich weniger als die diskriminierenden Aussagen der Mitarbeiter*innen des Misrad Hapnim, dem israelischen Innenministerium. Diese sprachen mir zwar nicht die israelische Staatsbürgerschaft ab, warfen meinem Vater jedoch vor, unverantwortlich gegenüber der Existenz des jüdischen Volkes gehandelt zu haben. Seine Pflicht als Jude sei es schließlich nur jüdische Kinder zu zeugen. Stattdessen habe er eine „Goi“, also eine Nichtjüdin, geheiratet.

Davon überzeugt, dass es lediglich Jude oder Nichtjude gibt, war auch Ignatz Bubis, der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Seiner Aussage nach, hat der Nationalsozialismus aus dem Juden eine Rasse gemacht und die Religion vollkommen außer Acht gelassen.  Nach 1945 sei der Rassismus, nicht aber der Antisemitismus weitgehend verschwunden. 

„In einigen Köpfen spielt der Rassismus allerdings, wenn auch unterschwellig, noch immer eine Rolle. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn Leute auf mich zukommen und sich vorstellen mit den Worten, dass sie Halbjuden seien. Ich stelle dann die bescheidene Frage, welcher Teil von ihnen Jude sei, die untere oder die obere Hälfte oder ob es bei ihnen senkrecht gehe. Keiner kommt auf die Idee, von sich zu behaupten, er sei halbkatholisch, wenn er aus einer katholisch-protestantischen Familie stammt.“

© Mathieu Sörenhagen

Ignatz Bubis Meinung nach ist das Judentum in allererster Linie eine Religion. Einer Religion gehört man entweder an oder nicht. Ist es aber nicht paradox, dass ich für Antisemiten als Jude gelte, während mich die Juden nicht als einen von ihnen betrachten?

Im Alten Testament hingegen wird das Judentum als weit mehr als eine reine Religionsgemeinschaft beschrieben. Die Juden sind darüber hinaus ein Volk, auch das „heilige Volk“ genannt. Ein Volk ist, der Definition nach, eine Gruppe von Menschen, die aufgrund bestimmter kultureller Gemeinsamkeiten und enger Beziehungen sowie zahlreicher Verwandtschaftsgruppen miteinander verbunden sind.

Diese Meinung vertrat auch der im letzten Jahr verstorbene israelische Schriftsteller Amos Oz. Sein Buch „Juden und Worte“ wendet sich auch gegen die extrem linke Position, nach der es nie ein jüdisches Volk gegeben habe. Diese behauptet, dass das Judentum immer nur eine Religion war und der Zionismus deshalb nicht gerechtfertigt sei. Demnach begründe das Judentum kein Volk, das einen Staat brauche, sondern eine Religion, die versucht habe, eine nationale Identität zu erfinden.

„Wir sagen, dass das Volk Israel immer ein Volk war und dass es immer eine nationale Identität hatte und dass deshalb Israel mit Recht das Land des jüdischen Volkes ist. Natürlich auch Staat der Palästinenser. Aber wir fordern eine politische Positionierung Israels als liberaler, moderner, säkularer und friedensorientierter Staat. Wir sind Angehörige des jüdischen Volkes, nicht der jüdischen Religion.“

Identitäten im Konflikt

Abseits der politischen Forderungen vom Amos Oz würde dies für mich bedeuten, dass ich dieser Ansichtsweise nach also ein Jude wäre. Zumindest im ethnischen Sinne. Schließlich bin ich aufgrund meiner Verwandtschaft und des daraus erfolgenden kulturellen Einflusses ein Teil dieses Volkes. Persönlich beschäftige ich mich viel mit der jüdischen Geschichte. Ich lese jüdische Literatur und koche selbstverständliche die weltbeste Shakshuka. In Israel zelebriere ich am Freitagabend mit meiner Familie den Shabbat. Wenn deutsche Freund*innen mir gelegentlich Unhöflichkeit vorwerfen, argumentiere ich mit „Chuzpe“, der typisch jüdischen, unwiderstehlichen Dreistigkeit. Den jüdischen Gott bete ich trotzdem nicht an. Die Antwort ob ich Jude bin liegt wohl irgendwo dazwischen.

Allerdings muss ich mich noch mit einer weiteren Identität herumschlagen. Der Deutschen. Gott sei Dank oder auch „Baruch HaShem“, bin ich mir wenigstens dieser sicher. In Deutschland geboren und aufgewachsen, unterstütze ich beim Public-Viewing mitfiebernd das deutsche Team. Dabei denke ich auf deutsch und auch im Denken selbst, bin ich häufig „(typisch) deutsch“. Pünktlichkeit und Butterbrot sind für mich Selbstverständlichkeiten.

Für mich steht fest: Deutsch, das bin ich auf jeden Fall.

Woran liegt es also, dass in mir trotzdem ein Identitätskonflikt herrscht? Gleichzeitig deutsch und jüdisch zu sein, sollte doch spätestens seit dem Jahre 1945 nicht mehr unmöglich sein. Genauso kann man ja auch ein deutscher Voodoo Anhänger sein. Ein japanischer Moslem. Oder wir wäre es mit einem halb isländisch, halb argentinischen Hindu. In der globalisierten Welt von heute ist alles möglich.

Reise nach Jerusalem

Egal welchen Mix man verkörpert, das Standing eines Exoten wird ein Exot wohl erst ablegen können, sobald die Mehrheit der Menschheit im ethnischen und religiösen Eintopf aufgegangen ist. Deshalb bin ich auch in Deutschland noch etwas Besonderes. Eben nicht „ganz“ deutsch. In Israel hingegen bin ich häufig in der Rolle des Deutschen und Nichtjuden. Ich stehe zwischen zwei Stühlen. Beide Stühle gehören mir. Aber sobald ich mich auf einen meiner beiden Stühle setzen möchte, wird er mir entrissen, mit dem Verweis, doch auf dem anderen Stuhl Platz zu nehmen. Dieser Verweis macht sich sowohl durch negative als auch positive Diskriminierung deutlich. Positiv in dem Sinne, dass ich von Deutschen häufig mit Samthandschuhen angefasst oder sogar bevorteilt werde. Dabei stammt meine Familie ursprünglich aus Marokko. Der Holocaust betraf sie dadurch nur indirekt. Jüdische Verschwörungstheorien darf ich mir natürlich trotzdem anhören. Auch wenn diese meist nicht ernst gemeint sind, sollte ebenfalls klar sein, dass Antisemitismus in Deutschland immer noch präsent ist. Aber auch in Israel muss ich mir zuweilen, neben der immer wiederkehrenden Betonung meines Nichtjüdischseins, die Gräueltaten der deutschen Geschichte anhören.

Bestimme und es bestimmt dich

Dieser Ambivalenz könnte ich nur entfliehen, falls ich mich klar auf eine Seite stellen würde. Beide Kulturen sind zu schön und zu unterschiedlich, um sich einseitig festlegen zu können. Mal von der Absurdität abgesehen, die diese Entscheidung in sich tragen würde, würde ich damit lediglich einen Teil von mir selbst verleugnen. Außerdem bringt es ja auch Vorteile mit sich. Wie ein Hybrid kann ich, je nach Situation, zwischen meiner deutschen und jüdischen Identität wechseln. Beim Reisen betone ich gerne meine jüdische Herkunft, um mich vom klassischen Bild des Deutschen abzuheben – wir sind wie die Pest, wirklich. Wenn meine sehr religiöse jüdische Oma meine Tätowierungen kritisiert, welche laut Tora verboten sind, entgegne ich ihr, dass ich doch gar nicht jüdisch sei.

Wie es scheint, muss ich wohl weiter in diesem Zwischenraum verharren. Für meine Situation gibt es momentan keine absolut zufriedenstellende Lösung. Obwohl, gibt es doch. Den zynischen und selbstironischen jüdischen Humor.

Als koschere Kartoffel gründe ich einfach meinen eigenen imaginären und exklusiven Klub. In diesem sind dann nur diejenigen willkommen, welche keine konventionelle Identität besitzen.

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