von: Lisa Mausbach

Das Fragment [fraˈɡmɛnt]
laut Duden bezeichnet dieses Wort:
a.) ein Bruchstück.
b.) etwas Unvollendetes; ein nicht fertiggestelltes Kunstwerk.

Die Fragmente Reihe bei SAI bezieht sich auf das Unvollendete, noch Offene. Auf Fragen die ganz individuell und nicht allgemeingültig beantwortet werden können. Das Ergebnis ist eine digitale Ausstellung mit verschiedenen Gedanken, Gefühlen, Fragmenten zur Frage:
Warum sagst du nichts?

Mit wunderbaren Beiträgen von, Katharina Hilbich, Lucia Hemker, Leon Lobenberg, Alena Trapp, Lisa Mausbach und Mathis Gilsbach.


WARUM SAGST DU NICHTS? – Katharina Hilbich

Ich sitze mal wieder meiner Therapeutin gegenüber und denke genau das. Warum sage ich nichts?

Wahrscheinlich, weil ich Angst habe, damit den Worten, Situationen, Gefühlen und Erinnerungen neue Kraft zu geben. Vielleicht, weil ich mich nicht stark genug fühle, sie wieder in meinen Kopf, in mein Bewusstsein zu lassen. Sigmund Freud, Psychoanalyse, erstes topisches Modell: man stelle sich einen großen Salon vor, in dem sich viele Gestalten tummeln.
Manche sind vielleicht groß und bedrohlich, andere klein und gemein, nochmal andere sind ganz harmlos und freundlich. An einer Türschwelle steht ein Wächter und beobachtet den Salon – hinter der Tür, die er bewacht, ist ein kleiner Raum. Da dürfen nur ausgewählte Gestalten rein, die erstmal gründlich überprüft und abgetastet werden.
Quasi der VIP-Bereich.

Der Salon ist eine Metapher für das Unbewusste, im kleinen VIP-Bereich befindet sich das Bewusste. Der Wächter steht an der Schwelle zwischen den beiden Zuständen; dem Vorbewussten. Reingelassen wird nur, was psychisch ertragbar ist, was nicht unangenehm oder aufwühlend ist.
Was ohne Sorgen „bewusst-werden“ kann.
Vielleicht sage ich nichts, weil mein Wächter ganz genau aufpasst. Ich sitze in dem kleinen Raum mit meinen handle-baren Gedanken und höre von drüben aus dem Salon dumpfe Geräusche, Stimmen, Bewegungen. Verstehen kann ich sie aber nicht und ich kann auch nicht erahnen, wie voll der Salon ist. Wenn die Gestalten näherkommen, schickt mein Wächter die meisten wieder zurück und ich verdränge sie wieder. Einerseits bin ich erleichtert, dass ich geschützt bin. Andererseits sind mir die Gestalten trotzdem immer nah, ich spüre ihre Anwesenheit durch die Wand.

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte was sagen. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte die Tür zum Salon einfach aufmachen. Was wäre nämlich, wenn ich den Dingen, anstatt ihnen Kraft zu geben, Flügel geben könnte, wenn ich sie nur mal aussprechen würde?

Meine Therapeutin guckt mich an, „Und? Haben Sie was Bestimmtes mitgebracht für heute?“. Ich denke kurz nach – „Das Übliche“. Die Tür bleibt zu.


von: Lisa Mausbach
von: Lisa Mausbach

Kellnern in der Früh – Leon Lobenberg

Der Morgen schleicht sich rein – serviert die Sonne per Tablett.
auffordernder Blick
Ja, ich würde gern noch einmal an mir scheitern.
Mir wieder nicht genügen. Die Liebe sitzt mit am Frühstückstisch
ich hab nichts da. Ich & Ichlos, gespiegelt in Defiziten sinkt mein Mut und ich verstumme. Der Wind spielt in den Blättern vorm Fenster.
Schau nur hin!


von Mathis Gilsbach

Meine Stimme – Lucia Hemker

Hm
Also, ich weiß auch nicht genau aber,
von meiner Perspektive,
und ich hab ja auch nicht so viel Erfahrung
wie du
und ich kenn ja nur, was ich so kenne,
so
Also leb halt natürlich in meiner Blase,
Lebt ja jeder, aber du
Lebst quasi so, ein bisschen, in der richtigen Blase, schätze ich
Und ich lebe in einer Blase
Von Leuten
Die sind ja eher so wie ich
Eher weniger wie du
Also wissen jetzt auch nicht, haben jetzt auch nicht unbedingt, so
Viel gemacht, viel erlebt
Also schon, viel erlebt, aber nicht solche Sachen,
Wie du, nicht so Lebenslaufsachen
Nicht so Sachen mit Zertifikat und so
aber ich denke,
also vielleicht für mich persönlich,
Ist es manchmal einfacher
Meine Stimme ein bisschen hoch zu schrauben
Um klar zu machen, dass ich nicht bedrohlich bin
Dass ich mir nicht sicher bin
Dass meine Meinung, wenn ich sie denn mal teile, eigentlich auch keinen
Wert hat
So hoch das klar wird, dass ich zucke, wenn ich in meinen Emails lese
„Sehr geehrte Frau“
Weil es nicht so komfortabel ist wie
„Mädchen“ als würde man sagen
„mit Erdbeergeschmack“
Und “mit dem Recht, falsch zu liegen
Weil ich ja noch nichts geschafft habe”-Geschmack
Eben anders als eine Stimme
„mit Zigarrengeschmack“ oder
„mit schwarzem Kaffeegeschmack“ oder
„mit dickem Portemonnaie und Karre“ Geschmack
Also, damit will ich vielleicht sagen
Deine Stimme, die du nicht veränderst wenn du von Meinungen
Wie von Fakten redest
Wenn du Gespräche führst,
Um sie zu gewinnen,
Statt Erfahrungen zusammen zu tragen
So „Anzug Geschmack“, weißt du?
So “Rentenvorsorgegeschmack”
Deine Stimme hat so den Geschmack der eigenen Zunge, wenn die Zunge schon so fünfzig Jahre in so einem Mund liegt
der nicht jedem „Nein“ und jedem „das weiß ich nicht“
Mit „tut mir echt leid“ folgt.
Na ja, aber das ist auch eigentlich,
Also, ach
Vergiss es.


von: Lisa Mausbach
von: Lisa Mausbach

Alena Trapp – Schweigespirale

Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor
Ich verhüte mit der Schweigespirale vor

Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit

Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation
Ich verhüte mich mit der Schweigespirale vor der angeblichen Mehrheit aus Angst vor Isolation

Ich greife mit meinen Visualisierungen die Theorie der kommunikationswissenschaftlichen Schweigespirale auf. Das Modell der Schweigespirale wurde in den 1970er Jahren von der Wissenschaftlerin Elisabeth Noelle- Neumann entwickelt und gilt bis heute als eines der wichtigsten Modelle der Kundgebung der eigenen Meinung im Bezug auf andere Meinungen.

Widerspricht die eigene Meinung der als vorherrschend betrachteten Meinung, so gibt es Hemmungen, sie zu äußern, und zwar umso stärker, je ausgeprägter der Gegensatz wird. Daher der Begriff der Spirale.

Fühlt sich ein Mensch in Gegenwart von einer Gruppe unwohl, weil die Person weiß, sie hat als einzige eine andere Meinung als der Konsens, so tendiert diese Person dazu, ihre Meinung aus Angst nicht kundzugeben.
Ich als Frau erlebe oftmals Situationen, wo ich entweder an mir merke, dass ich als nicht-dominantes Wesen in männlich-dominierten Situationen oftmals Dinge zurückhalte, aus Angst vor Abstoßung meiner Meinung, wenn diese denn konträr zum Konsens der anderen ist.
Ich merke dies jedoch auch bei anderen weiblich gelesenen Personen, wenn diese sich offensichtlich unwohl damit fühlen, in Gegenwart von bestimmten Menschen ihre Meinung zu äußern, aus Angst, spielverderberisch , oder „ viel zu ernst “ zu sein.

Nicht ernst genommen zu werden ist ein reales strukturelles Problem im Diskurs der Gleichberechtigung der Geschlechter, da das dominierende Verhalten von oftmals männlich gelesenen Personen mit Hilfe eines Abtuns als Scherz legitimiert und dadurch nicht auf die Konsequenzen geachtet wird. Was passiert, wenn sich eine Frau bei sexistischen Witzen beispielsweise unwohl fühlt, aber die Gruppendynamik nicht zerstören möchte? Was passiert bei dir, wenn du weißt, du stehst mit deiner Meinung gerade alleine im Raum und weißt, es hätte keinen Zuspruch? Auch wenn es das richtige wäre, etwas dagegen zu sagen?

Dieses Phänomen findet so oft seine Wiederholung, wie auch das Wiederholen in einer Spirale sich immer wieder vollzieht. Das ist ganz einfach Symbolik einer Spirale. Auch ich erwische mich, wie ich meine Meinung oftmals zurückhalte und sie erst ausspreche, wenn ich mit einer mir nahestehenden Person im persönlichen, intimen Gespräch bin. Aber der Moment zu reden, ist dann, wenn das Unwohlsein unmittelbar ausgelöst wird! Dann ist es Zeit, auszusprechen, was ausgesprochen werden muss. Dann ist es Zeit, die Angst vor Isolation zu bekämpfen.

Ich habe in diesem Spirale-Beispiel bewusst mit der Metapher der Verhütung gespielt, da ich eine Verbindung zu dem wirklich Verhütungsakt gezogen habe. Es sind schließlich Frauen*, die sich zur Verhütung, also zum Schutz, schwanger zu werden, eine Spirale in ihren Körper einsetzen lassen, wenn sie zum Beispiel die Pille oder andere Mittel ablehnen. Ein Eingriff in das Innere eines Menschen dient hier also als Schutz vor etwas Ungewolltem. Eine Art Isolation vor dem Schwanger-werden. Genauso wie das Schweigen innerhalb der Schweigespirale auch ein Schutz vor der Isolation innerhalb einer sozialen Situation bezwecken möchte. Ich möchte kein reales Faktenbeispiel des Verschweigens darlegen. Ich möchte den ​Prozess der Schweigespirale greifbar und verständlich machen, da es eines der wichtigsten Dinge im Alltagsfeminismus ist.

Schweigespirale (Video) Das Video soll eine Schweigespirale verbildlichen. Ich habe das Symbol einer Spirale für 7 Minuten auf meinem Computer gezeichnet. Die wiederholende Praxis steht hierbei für die sich immer mehr eindrehende und wiederholende Spirale. So, wie sie sich bei einem Schweigeprozess ebenfalls verhält: Das Schweigen wird mehr und mehr verfestigt, je mehr eine Person denkt, ihr Meinung und die vorherrschende Meinung gehen auseinander. In den letzten 3 Minuten des Videos wird passiv inne gehalten, da ein Schweigen oftmals in ein „Hineinfressen“ münden kann. Das heißt, Gedanken nicht rauszulassen und im schlimmsten Fall zu verdrängen. Die Prozesshaftigkeit und die Wiederholung der Schweigespirale soll in dem Video symbolisiert werden. Das Ergebnis der Zeichnung ist wie ein Wirrwarr aus Gedanken, es ähnelt fast einem Strom an rotierenden Gedanken, die nicht ausbrechen können, sondern in ihrem Kosmos bleiben (müssen).


von: Lisa Mausbach

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