Festmahl aus der Tonne

Text und Bilder von Mara

Es ist der 24.12.18 in Kopenhagen. Nachdem alle Geschenke ausgepackt und Weihnachtslieder gesungen sind, wird das Essen serviert. Mit den Worten „kostenlos und CO2 neutral“, serviert mein Cousin das Festmahl, welches dieses Jahr größtenteils aus Müll hergestellt wurde.

Ausgesprochen leckerem Müll, den wir aus den Abfallcontainern von Supermärkten geholt haben. Und trotzdem: Das Gemüse ist frisch, die Eier sind genießbar und sogar mehrere Kilo Fleisch landen auf unserer Tafel. Das containerte Festmahl hat bei mir Eindruck hinterlassen. Um die Situation des Containerns in Dänemark besser zu verstehen, begleite ich meinen Cousin einige Tage bei seiner Essenbeschaffung. Den Großteil seiner Lebensmittel holt der Student aus Müllcontainern von Supermärkten. Er weiß, welche Container frei zugänglich sind und wo das Ladenpersonal ihn in Ruhe lässt.

„Lange Zeit war ich mir nicht sicher, ob das Containern eine Grau-Zone in der Rechtslage ist. Als ich immer wieder von Ladenperonal vertrieben wurde, habe ich mich informiert und herausgefunden, dass es hier in Dänemark nicht verboten ist. Daraufhin habe ich angefangen mit dem Ladenpersonal zu diskutieren. Ich wurde mit einer Handykamera gefilmt und mir wurde gedroht die Polizei zu rufen.“, erzählt er mir und fügt mit einem Grinsen hinzu : „Ich gehe dort trotzdem noch containern, es ist immer spannend.“

Gemeinsam fahren wir in eine Tiefgarage, in der die Container einer großen Supermarktkette stehen.

Während wir Brot, Eier, Erdbeeren, Milch und Schokoriegel aus den Containern fischen, kommt das Ladenperonal des Geschäfts und schmeißt weitere, größtenteils noch genießbare Lebensmittel in die großen Müllcontainer, ohne uns zu beachten.

Außerdem treffen wir einen ältern Herrn, den mein Cousin bereits öfter in der Tiefgarage getroffen hat. Die beiden grüßen sich freundlich und wechseln ein paar Worte auf Dänisch. „Man trifft hier eigentlich immer Leute“, erklärt er uns, während er Schwarzbrot in seinen Rucksack packt. Er guckt gar nicht nach Schimmel, so sicher ist er sich, dass es noch gut ist.

Ich komme beeindruckt und begeistert zurück nach Deutschland, mit dem Ziel, auch hier weniger Lebensmittel zu kaufen und mehr vor dem Wegwerfen zu bewahren.

Schnell stellt sich heraus, dass sich die Situation in Deutschland von der in Dänemark unterscheidet: Zeitungsartikel, die von Anzeigen und sogar Verurteiligungen von so genannten „Mülltaucher*innen“ berichten, schrecken ab und wecken gleichzeitig die Aufmerksamkeit der Menschen.

Fragen kommen auf: Warum werden all die Nahrungsmittel weggeschmissen, wenn sie noch gut sind? Warum stört es die Supermärkte, wenn die Lebensmittel, nicht von der Müllabfuhr, sondern von „Mülltaucher*innen“ mitgenommen werden? Ist Containern die Lösung, um Nahrungmittel zu erhalten, ohne das Klima zu belasten? Ist es Diebstahl, wenn vermeintlicher Müll wieder aus der Tonne geholt wird? Auf die letzte Frage finde ich schnell eine Antwort: Ja!

Laut dem StGB 242 Abs. 1,2 handelt es sich beim Containern um Diebstahl. Außerdem droht eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs (StGB 123), wenn die Tonne in einem umzäunten Bereich steht. Werden diese Zäune beim Eindringen beschädigt oder Schlösser geknackt, drohen zusätzliche Strafen wegen Sachbeschädigung (StGB 303).

Trotz dieser gesetzlichen Hürden gibt es auch in Deutschland Menschen, die aus dem vermeintlichen Müll Mahlzeiten zaubern.

Zwei von Ihnen sind Patrick und David aus Hannover. Beide wirken sehr aufgeklärt und umweltbewusst, doch nicht nur Nachhaltigkeit ist für die Beiden ein Grund zu Containern. Obwohl sie nur ein bis zweimal wöchentlich Containern gehen, sparen sie Geld, dass sie sonst für Lebensmittel ausgeben müssten. Bleibt von ihrer Beute noch Essen über, stellen sie diese in den Hausflur des Mehrfamilienhauses, in dem sie wohnen. Dort findet sich eigentlich immer jemand, der die Nahrungsmittel noch verwertet.

Ob es manchmal richtig ekelig ist, Essen aus den Tonnen zu holen, will ich von den beiden wissen. „Es geht, man muss schon aufpassen was man noch essen kann und was nicht. Aber bei Produkten wie Milch oder Joghurt merkt man das ja ziemlich schnell“, meint Patrick. „Wenn ich mir manchmal nicht sicher bin gilt die gleiche Regel wie beim Reisen: Cook it, boil it, peel it or forget it“, ergänzt David.

Natürlich ist beiden bewusst, dass sie sich bei ihren nächtlichen Ausflügen zu Containern strafbar machen, auch sie haben die Strafverfahren gegen andere Menschen, die containert haben mitverfolgt. Trotzdem halten sie das, was sie machen, für richtig. „Es ist ein gutes Gefühl, wenn man in dieser scheiß Wegschmeißgesellschaft containern geht.“, sind sich beide einig.

Wer den Eindruck hat, dass nur vereinzelt und unorganisiert containert wird, der irrt sich. Auf der Seite „dumpstermap“ können Geschäfte, die zum Containern geeignet sind, markiert werden. Wirft man einen Blick auf diese Karte, wird einem schnell klar wie verbreitet containern ist. Auch Anmerkungen wie Wegbeschreibungen, Warnungen vor Security, oder empfohlene Uhrzeiten, um nicht erwischt zu werden, findet man auf der Internetseite.

Nachdem ich in die Welt der containernden Menschen abgetaucht bin, tauche ich auf, hole tief Luft und probiere die Gegenseite zu verstehen.

„Wir lieben Lebensmittel!“ sagt Edeka.

Kooperiert Edeka mit Tafeln? Ist dem Edeka Team bekannt, ob bei ihnen containert wird? Wenn ja, ergreift es Maßnahmen gegen den Diebstahl von entsorgten Produkten? Mit diesen Fragen wende ich mich an die Pressestelle von Edeka in Minden.

Dort wird mir beteuert, dass Edeka sehr bemüht um eine geringe Lebensmittelverschwendung sei und „eng mit lokalen Tafeln“ kooperiere. Diese würde 2-3 Mal wöchentlich Lebensmittelspenden abholen. Dass es Edeka nicht nur um Nachhaltigkeit geht, wird mir durch den Satz: „Überschüssige Lebensmittel wegzuwerfen ist nicht nur unter ökologischen Gesichtspunkten kritisch, sondern stellt auch ein wirtschaftliches Verlustgeschäft dar“, deutlich.

Mir brummt der Kopf

Nach all den Versicherungen, wie sehr es Edeka um eine geringe Lebensmittelverschwendung ginge, brummt mir der Kopf. Erst als ich all die Aussagen und meine Gedanken sortiert habe, fällt mir auf, dass kein einziger Satz zu meinen Fragen zu der Container-Situation gefallen ist.

Ich bin Menschen wie Patrick und David dankbar, dass sie von Container zu Container ziehen und so etwas gegen die Lebensmittelverschwendung tun. Schade, dass ihnen dabei für ihr umweltbewusstes und nachhaltiges Handeln Strafen drohen. Dabei sind sie ja quasi nur ein Gnadenhof für ungewollte Lebensmittel.

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