Text und Illustrationen von Anne Meerpohl

Eine junge Frau steht nackt in einer Landschaft und schaut dich an. Verträumt, spielerisch, auffordernd. Du schaust zurück. Dein Blick wandert über ihren Körper. Du riechst die Blumen auf dem Feld, spürst den Wind auf deiner Haut und begutachtest ihr Haar. Und du siehst genau das. Du siehst nicht das, was abgebildet ist. Du siehst das, was dir beigebracht wurde zu sehen. Es ist das, was eine von Männern geprägte und festgeschriebene Kultur dir sagt, was du sehen sollst. Und deine Augen gehorchen. Nacktes Fleisch, ein lustvolles Wesen, hilflos und offensiv zugleich. Nur für dich. 

Ich frage mich oft, wie es wohl ist, männlich sozialisiert zu sein und sich dem unreflektiert hinzugeben. Manchmal denke ich mir, dass es sich so unbeschwert anfühlen könnte. Es muss doch total einfach sein, die Gedanken haben reichlich Platz für andere Dinge. Und wieder manchmal, oder auch viel öfter, überlege ich, dass es so unfassbar schwierig sein muss. Die Vorstellung, zu diesem ganzen Schlamassel permanent beizutragen: Machtverhältnisse zu reproduzieren und Teil einer unlogischen und ekligen Konstruktion zu sein. Ne, da bin ich lieber weiter feministisch und verliere ein paar Worte über das Brillengestell, das dem Patriarchat auf der Nase sitzt. 

Diese Brille ist eine von ganz vielen Auswirkungen patriarchaler Strukturen und ihren historischen Entwicklungen. Sie ist in verschiedenen Sehstärken erhältlich und lässt sich mit der Bezeichnung male gaze beschreiben. Gemeint ist die Darstellung von Weiblichkeit und Körpern allgemein, aus einem männlichen und heterosexuellen Blickwinkel im Kunst- und Kulturkontext. Diese Perspektive ist in zahlreichen Kunstwerken zu erkennen, die Frauen als sexuelle Objekte reduzieren. Denn die Produktion von Kultur ist zum einen eingebettet in die bestehenden, diskriminierenden Gesellschaftsstrukturen und zum anderen auch die Repräsentation dieser Strukturen. Aus einer patriarchalen Gesellschaft geht dementsprechend eine Kultur des männlichen Blicks hervor, die sich durch die Geschichtsschreibung manifestiert und wiederholt. 

Der Begriff male gaze geht auf die Filmtheoretikerin Laura Mulvey zurück, die ihn mit ihrem Essay „Visuelle Lust und narratives Kino“ aus dem Jahr 1975 maßgeblich geprägt hat:

„In einer Welt, die von sexueller Ungleichheit bestimmt ist, wird die Lust am Schauen in aktiv/männlich und passiv/weiblich geteilt. Der bestimmende männliche Blick projiziert seine Phantasie auf die weibliche Gestalt, die dementsprechend geformt wird. In der Frauen zugeschriebenen exhibitionistischen Rolle werden sie gleichzeitig angesehen und zur Schau gestellt, ihre Erscheinung ist auf starke visuelle und erotische Ausstrahlung zugeschnitten, man könnte sagen, sie konnotieren ´Angesehen-werden-Wollen´.“

Diese Analyse kann auf unzählige künstlerische Arbeiten angewendet werden und hat an ihrer Aktualität bisher nicht viel verloren. Mulvey beschreibt hier einen toxischen Blick auf weibliche Körper, der einem die Kontaktlinsen aus den Augen springen lässt. Unbedingt und dringend muss sich daran etwas ändern, schließlich geht es nicht nur um singuläre Kunstwerke, sondern um eine gesamtgesellschaftliche Perspektive auf Frauen*, ihre äußerliche Erscheinung und letztendlich den zwischenmenschlichen Umgang miteinander. 

Was können also Strategien sein, sich dem male gaze zu entledigen? Wie können wir unsere anerzogenen Blickwinkel verlernen und umschreiben? Die verbesserte Repräsentation, durch eine kritische und feministische Aufarbeitung der Kunstgeschichte, wäre ein wichtiger Anfang. Eine wichtige und großartige Umgangsform ist die Aneignung der eigenen Darstellungsweise. Viele weibliche Künstler*innen sind seit Jahrzehnten dabei ihren Körper und dessen Abbild zurückzuerobern. Sie finden einen spielerischen Umgang damit, drehen und zerren herum, um so mit Rollenbildern und Stereotypen abzurechnen. 

Der gaze richtet sich nach vorne und wandelt sich hin zu einer feministischen Perspektive. 

Vielen fällt es schwer, die Reproduktion einer Darstellungsweise als Aneignung oder als feministisch zu bezeichnen. Oft wird der betreffenden Künstlerin* vorgeworfen, sie agiere antifeministisch und wolle nur Aufmerksamkeit. Sie verstehe nicht, dass sie mit ihren Arbeiten Machtverhältnisse wiederhole und bestätige. Ich denke, dass ein anderer Hintergrund die Perspektive verändert, so einen kritischen Blick transportiert und subversiv wirken kann. Auch Judith Butler schreibt darüber in ihrem Buch „Körper von Gewicht: die diskursiven Grenzen des Geschlechts“ von 1995. Sie ist der Meinung, dass die Wiederholung durch eine Form von Selbstaneignung das Potential hat oder haben könnte, Machtausübung und Verletzung umzukehren. Die Überrepräsentation von männlichen Künstlern und ihren Blicken kann untergraben werden, indem Künstlerinnen* sich ihr eigenes Bild aneignen. Dadurch reproduzieren sie die auf dem Bild lagernden Projektionen selbst, können diese so neu bestimmen und tragen damit zu einer Revolte gegen den male gaze bei. 

Ein Beispiel für Selbstaneignung und feministische Strategien in Kulturinstitutionen war die Ausstellung „The Female Gaze in the Age of the Internet “ im Museum der bildenden Künste Leipzig im Jahr 2018. Sie widmete sich dem Thema unter dem Aspekt Social Media und vereinte verschiedene Künstler*innen, die besonders auf Instagram aktiv sind. Soziale Netzwerke, Selbstdarstellung und Aneignung spielen bei den ausgewählten Kunstschaffenden eine große Rolle. Sie alle verfolgen spannende, zeitgenössische Perspektiven auf diese Komplexe. Sie sind mit dem Medium, in dem sie agieren aufgewachsen. Dessen Aneignung und die reproduzierten Verhältnisse werden so einem kritischen Blick unterzogen.

Eine Künstlerin der Ausstellung, die sich dem künstlerischen und female Umgang mit dem male gaze widmet, ist Leah Schrager. Der Account ihres Alter Ego @onaartist ist gefüllt mit Portraits in Posen, die auf den ersten Blick nach Playboy schreien. Aber es ist vielmehr ein Spiel. Man scrollt wie in einem male gaze Browser Spiel durch die Bilder der Künstlerin und spielt so auf eine Art mit. Was sehe ich darauf? Wie verläuft mein Blick? Und mit welcher Perspektive schaue ich eigentlich auf die Bilder? Die Künstlerin spielt sehr offensiv mit dem männlichen Blick und kritisiert damit die Sexualisierung von weiblichen Körpern und die Fremdbestimmung ihrer Darstellungen. Gleichzeitig proklamiert sie einen offenen Umgang mit Sexualität und sexuelle Selbstbestimmung. 

Ich frage mich dabei, ob man eine Art von Sexualität auch wieder verlernen kann. Wie kann ich sie mir wieder aneignen und unter Umständen auch Teile davon wieder zurückzuerobern. 

Ich denke, es ist unfassbar wichtig, dass auf unterschiedliche Art und Weise auf Rollenbilder, Sexualität, Normen, Stereotypen und ihre jeweiligen Widersprüche aufmerksam gemacht wird. Die Aufdeckung dieser Kategorien, das Auseinanderdröseln und letztendlich die Überwindung oder Auflösung sind Teil eines Prozesses feministischer Strategien.

Besonders in sozialen Netzwerken kann man in kurzer Zeit einige feministische und künstlerische Positionen entdecken, die sich damit auseinandersetzen. Einen Blick in dieses Umfeld lohnt sich zum einen, um Antworten zu finden auf die Frage, was Künstler*innen gerade herumtreibt in Bezug auf Körper, ihre Darstellungsweisen und die eigene Brille. Zum anderen sind es die Fragen, die neu gestellt werden, bleiben oder die inspirieren, selbst auf die Suche nach einem noch unbestimmten gaze zu gehen. 

Die Person auf dem weiten Feld hat sich umgedreht. Ihre Haare wehen im Wind, ein angenehmer Duft strömt zu dir hinüber. Es wird langsam dunkel. Die Schemen der Person verblassen nach und nach und verschmelzen mit dem Horizont. Du glaubst das Gesicht nochmal zurückblicken zu sehen. Du meinst ein Zwinkern zu erkennen, bevor sich die Gestalt zum Gehen wendet – und dich allein zurücklässt. 

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