Text: Frieda Teller | Beitragsbild: Jale Pakhuylu | Illustrationen: Jennifer Beuse

Ideen für die sozio-ökonomische Transformation


Falls es noch irgendwelcher Beweise bedurfte, um die Absurdität der kapitalistischen Systemlogik zu untermauern – die Corona-Pandemie hat sie geliefert. Geld entscheidet über Leben und Tod; Angebot und Nachfrage sorgen für einen Preisanstieg von 300 % für Schutzmasken und die Frage, warum die systemrelevanten Krankenpfleger*innen so wenig verdienen, beschäftigt uns als Gesellschaft. Aus dem Weg geräumt wurden in den letzten Wochen auch, alle Gegenargumente, die auf der Unmöglichkeit drastischer Maßnahmen durch starke staatliche Eingriffe beruhten. Von einem Tag auf den nächsten konnten in Übereinstimmung mit wissenschaftlichen Einschätzungen Entscheidungen getroffen und so Menschenleben gerettet werden.

So ist es Zeit, auch die sozio-ökologische Transformation weiter voranzutreiben. Zahlreiche Strömungen beschäftigen sich global seit Jahrzehnten mit Alternativen für unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Zusammenleben. Das neu gegründete „Netzwerk Ökonomischer Wandel“ (NOW) bündelt viele der verbreiteten Konzepte. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, die Energien der zahlreichen Schulen von Post-Wachstum über Commons bis zur Gemeinwohlökonomie zu bündeln. Fest steht, das gegenwärtige Corona-Möglichkeitsfenster gilt es im Sinne eines gemeinschaftlichen Wandels zu nutzen. 

Mein, Dein, das sind doch bürgerliche Kategorien!

Dieser Ansicht ist auch Silke Helfrich eine bekannte Vertreterin der Commons und Mitbegründerin von NOW. Commons (engl. Gemeingüter) sind dabei soziale Prozesse der gemeinschaftlichen Nutzung und Verwaltung von Ressourcen. Ähnlich zu der gemeinsamen WG-Küche sind dabei die Aushandlungen entscheidend, die dafür sorgen, dass Güter und Räume fair und nachhaltig verwaltet werden. Das funktioniert auf der Basis von Kommunikation und der Idee des Besitzes statt des Eigentums.

Im Alltag ist es dann beispielsweise nicht allein meine schrullige Kaffeemaschine, sondern die Kaffeemaschine von jede*r Person in der WG, die je nach Bedürfnissen genutzt und auch gereinigt wird – wichtig ist, dass wir gemeinsam über diese Nutzung ins Gespräch kommen und Regeln klären. Was im kleinen Stil in jeder Wohngemeinschaft funktioniert und in lokalen Gemeinschaftsprojekten, Ökodörfern und Vereinen ausprobiert wird, ist auch auf globaler Ebene möglich. Das beweisen Projekte wie Wikipedia oder Open-Source Softwares wie Jitsi für Videoanrufe. Denn anders als Kaffeepulver, wird Wissen sogar mehr, wenn wir anfangen, es zu teilen und in einen gemeinsamen Austausch zu verbessern. 

Einfach so

Ob zu der Diskussion am Küchentisch oder dem Picknick im Park, persönlich etwas für eine gemeinschaftliche Erfahrung oder ein übergeordnetes Anliegen zu geben fühlt sich einfach gut an . Auch die Volkswirtin und Aktivistin Friederike Habermann ist der Ansicht, dass sich diese persönliche Erfahrungsbasis des tauschlogikfreien Zusammenlebens gut auf ganz verschiedene Lebensbereiche übertragen lässt.

Studien beweisen, dass es viel mehr als Konkurrenz die Kooperation und Kollaboration ist, die den Menschen motiviert und befriedigt. In vielen zwischenmenschlichen Beziehungen ist das selbstverständlich und tagtäglich erlebbar. Über 40 % der Deutschen engagieren sich zudem ehrenamtlich, ganz bewusst ohne eine monetäre Wertschätzung dafür zu verlangen. Beitragen statt Tauschen ist das Motto, das zu einer grundlegenden Neubewertung unserer alltäglichen Selbstverständlichkeiten führt. 

Kohlebaggerfahrer*innen werden Lokführer*innen

Diese Neubewertung ist fundamental notwendig, darauf weisen auch die Ideen der Postwachstumsbewegung mit bekannten Vertreter*innen wie Niko Paech oder Mathias Schmelzer hin. Denn nur die Verringerung der fossilen Produktion und damit der Emissionen von ca. 10 % jährlich in der EU, kann die Klimakatastrophe noch verhindern. Was wir dafür brauchen ist vor allem weniger von vielem. Denn viele Ressourcen unseres Planeten sind schlichtweg begrenzt und nahezu aufgebraucht; Sand, Erdöl, Trinkwasser und unversiegelte Bodenflächen sind nur einige Beispiele dafür.

Denn ebenso wie Ringelblumen bis zu einer gewissen optimalen Größe erwachsen und gedeihen, besvor sie welken und eingehen, sollte es auch für Unternehmen natürlich sein zu stagnieren oder zu schrumpfen. Wörter, die in unserem Sprachgebrauch nicht zufällig negativ konnotiert sind. Was wir neben einem grundsätzlichen Umdenken für eine Postwachstumsgesellschaft brauchen, sind deshalb wachstumsunabhängige Institutionen. Gemeint sind Unternehmen und Industrien, die nicht auf grenzenloses Wachstum ausgelegt sind, sondern eben auch schrumpfen oder ihre Größe beibehalten können. Das braucht Reformen, die anders als das aktuelle Konjunkturpaket, ermöglichen, dass Produktion, Nachfrage und Konsum sinken können und nicht um jeden Preis versuchen, genau das zu verhindern.

Natürlich gehen dabei realistisch gesehen auch Arbeitsplätze zum Beispiel in der Kohle- oder der Automobilindustrie verloren. Allerdings gibt es viele andere Bereiche, wie zum Beispiel nachhaltige Fortbewegung oder Energiegewinnung, Pflege- und Reproduktionsarbeiten, welche diese Arbeitskraft dringend gebrauchen können. Eine weitere Idee wäre, die Arbeitszeit auf 20 Stunden zu reduzieren. Denn auch die Arbeitszeit hat ganz im Gegenteil zu zahlreichen Prognosen mit der Industrialisierung und Technologisierung nicht signifikant abgenommen. Neben zahlreichen positiven motivationspsychologischen Effekten würde diese Reduktion auch zu einer gerechteren gesellschaftlichen Arbeitsverteilung führen und könnte die Arbeitslosigkeit senken. So würde auch mehr Zeit zum Beitragen, Verhandeln und Teilen frei bleiben. Das unbedingte Wachstum, welches wir als gesellschaftliche Norm begreifen, muss durchbrochen werden – denn für ein immer Mehr haben wir schon lange keine Zeit mehr.


Damit am Ende des Jahres nicht nur Zahlen bleiben

Und dann bleibt da noch die grundlegende Frage nach dem Sinn alles Wirtschaftens. Theoretisch sollte dieser, nicht anders als der Sinn alles Lebens selbst, an der Devise eines guten Lebens für alle orientiert sein. So argumentiert auch Christian Fellber als Begründer der Gemeinwohlökonomie (GWÖ) und ebenfalls Teil von NOW. Die Gemeinwohlökonomie fordert deshalb, statt den quantitativen Kriterien des Brutto-Inlands-Produktes neue Maßstäbe für eine gelungene Unternehmensführung geltend zu machen. Die seit ihrer Gründung 2010 rasant gewachsene Bewegung hat dabei inzwischen Unterstützer*innen auf fast allen Erdteilen verstreut und die Zustimmung von über 2245 Unternehmen und zahlreichen Politiker*innen.

Sie eint die Frage danach, was uns als Gesellschaft wirklich wichtig ist. Machen die Zahlen in der Bilanz am Ende des Jahres glücklich oder satt? Mit der Gemeinwohlbilanz haben bereits mehr als 500 Unternehmen ihren gesellschaftlichen Impact evaluiert. Dabei schneiden Unternehmen mit geringem Ressourcenverbrauch, zivilgesellschaftlichen Engagement und fairen Arbeitsbedingungen besser ab, da diese Kriterien das Gemeinwohlergebnis bestimmen. Ein Ziel ist es dabei auch, die Vergabe öffentlicher Aufträge, Finanzierungen und staatliche Unterstützungen an das Ergebnis dieser Gemeinwohlbilanz zu koppeln. So hätten lokale nachhaltige Unternehmen auch gegenüber globalen Konzernen eine gerechtere Chance. So werden externalisierte Kosten, wie die Zerstörung von Umwelt und Gesundheit, gesenkt und entlasten langfristig sogar den Staatshaushalt.

„Wir können uns das Ende der Welt vorstellen, aber nicht das Ende des Kapitalismus.“

NOW verbindet diese und weitere Ansätze in einem gemeinsamen Positionspapier. Daraus können wesentliche Theorien für gesellschaftliche Veränderungen abgeleitet und auf konkrete Bereiche angewendet werden. Vor allem geht es aber darum, zu zeigen, was jetzt (schon) möglich ist oder sogar bereits umgesetzt wird. Denn wir befinden uns aktuell in einer großen Wirtschaftskrise, umrahmt von multiplen sozialen und ökologischen Krisen und jedes neue Konjunkturprogramm und jede Reform bieten so die Chance, dringend notwendige strukturelle Veränderungen voranzutreiben.

Wir können nicht darauf warten, dass die Fragen, wie wir wirtschaften wollen und was wir dafür verändern müssen, nur von staatlicher Seite in Form immer neuer Konjunkturpakete verhandelt werden. Diese Fragen nach der wirtschaftlichen Basis unseres Zusammenlebens müssen in unsere Köpfe und an gemeinschaftlichen Küchentische zurückkehren. Der Kapitalismus ist nicht abgetrennt von mir, dir oder uns als Individuen oder Gesellschaft zu betrachten – Kapitalismus ist längst zur Lebensform geworden. Und deshalb können wir mitgestalten, Alternativen erlebbar machen und in diesem großen gesellschaftlichen Gespräch über das gute Leben für alle laut werden.

Jennifer Beuse

Ein bunter Rucksack für die Transformation

Initiativen:

Netzwerk Ökonomischer Wandel (NOW): https://www.netzwerk-oekonomischer-wandel.org

Der Klimaplan von unten erarbeitet konktete Strategien für die gerechte Einhaltung des 1,5 Grad Ziels: https://klimaplanvonunten.de/en/

Netzwerk Care-Revolution setzt sich für Veränderungen in der gesellschaftlichen Stellung reproduktiver Tätigkeiten ein: https://care-revolution.org

Informationen:

Exploring Economics gibt Einblicke in Wirtschaftswissenschaftliche Theorien fernab des homo oeconomicus und bietet dir gute theorethische Grundlagen für die nächste Diskussion mit BWL-Justus: https://www.exploring-economics.org/de/

Das Konzeptwerk neue Ökonomie publiziert Bildungsmaterial, organisiert Veranstaltungen und unterstütz die sozio-ökologische Transformation: https://konzeptwerk-neue-oekonomie.org

Eine Plattform zu Informationen und Veranstaltungen rund um Degrowth: https://www.degrowth.info/de/

eCOMMONY – Ein Buch von Friederike Habermann über tauschlogikfreies Wirtschaften kostenlos online lesen: https://keimform.de/wp-content/uploads/2016/06/Habermann_Ecommony.pdf

Ziviler Ungehorsam: 

Sand im Getriebe setzt sich für die Entmachtung der Autokonzerne ein: https://sand-im-getriebe.mobi

Ende Gelände setzt sich für einen schnellen Kohleausstieg und globale Klimagerechtigkeit ein: https://www.ende-gelaende.org

Stay Grounded übt Widerstand gegen die Flugindustrie und hat eine Strategie für Degrowth in der Flugbranche entworfen: https://stay-grounded.org/report-degrowth-of-aviation/


Disclaimer: Die Heinrich-Böll Stiftung veranstaltete am 11. Juni 2020 eine Online-Podiumsdiskussion mit vier Gründungsmitgliedern des NOW Netzwerks aus der wichtige Impulse für den Artikel stammen. Ein Mitschnitt der Veranstaltung findet sich hier: https://soundcloud.com/boellstiftung/anders-wirtschaften-jetzt

One thought on “Erzählungen des Möglichen”

  1. Danke für den Artikel 🙂 ich würde gerne das handelsfrei Verzeichnis teilen, in dem handelsfreie Güter und Dienstleistungen gesammelt werden, die es heute schon gibt. Es ist offen für alle Menschen, die weitere handelsfreien Dinge einreichen und die, die schon im Verzeichnis sind, bewerten können. Ohne einen Account erstellen zu müssen. Das Verzeichnis ist auf Englisch, kann aber in viele Sprachen übersetzt werden. Hier ist der Link: http://www.trade-free.org/directory

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