von Doreen Schmidts | Illustrationen von Marit Brunnert

Viele Deutsche fahren gerne in den Urlaub, am liebsten an die Küste. Wasser hat scheinbar eine magische Anziehungskraft auf uns Menschen und viele haben dieses Verlangen, diesen Durst nach Meer. Außerdem finden wir es wohl spaßig und entspannt, am Strand zu liegen, wie die Fischstäbchen in der Pfanne und uns – eben wie diese – geduldig goldbraun braten zu lassen. Aber uns Menschen genügt nicht nur Urlaub am Meer, wir brauchen Mehr.


Wir brauchen andauernd mehr Kleidung.

Jedes Jahr neue Jacken, T-Shirts und Schuhe, denn wer diesen Sommer nicht mit den neuen Nike Air rumrennt,
hat definitiv den aktuellen Trend verpennt.

Auch soll’s nicht allzu hipster sein,
Trotzdem ein bisschen vintage, retro und vor allem individuell,
Denn als Mainstream abgestempelt wird man schnell.

Wir brauchen mehr Essen, am besten frisch bei Lieferando bestellt.
Unsere Kühlschränke sind zwar voll,
Aber den Joghurt – mindestens haltbar bis gestern – finden wir heute schon nicht mehr so toll.

Mehr als zwei Leute brauchen mehr als zwei Fernseher,
Denn sich auf eine Sendung zu einigen ist schon manchmal schwer.

Mehr soziale Netzwerke und Kommunikation:
Wir brauchen stets die Möglichkeit uns mitzuteilen, Können stundenlang am Handy verweilen,
Mit Twitter, Facebook, WhatsApp, Snapchat, Instagram und Skype,
Damit von unserer Privatsphäre auch bloß nichts übrig bleibt.

Wir müssen stets up-to-date sein, brauchen News und aktuelle Information:
… zu wissen, dass Horst Seehofer wieder Schnupfen hat – das lohnt sich schon!
Wir laden gern unzählige Selfies und Foodpics auf Instagram,
Damit unsere Freunde immer etwas zu kommentieren hab’n.

Mehr Alkohol auf jeder Party und jeder mehr als nur einen Drink,
Bis auch der Letzte sich traut und das Bein auf der Tanzfläche schwingt.

Uns ist nach immer mehr Liebe und Genuss,
beim ersten Date gleich Sex, anstatt nur einen Kuss.

Wir leben zwar wohlhabend und reich,
Aber immer noch arm im Vergleich zu den richtig Reichen in der Welt,
Deshalb das Verlangen nach immer mehr Geld.

Mehr digitale elektronische Geräte:
Tablet, iPod, einen Laptop für die Firma, einen für Privates und einen zum Ersatz,
Und auch für Smartwatch, Smartphone, elektrische Klo- und Zahnbürste schafft unsere Gier noch Platz.
(Obwohl man mittlerweile mit jedem dieser Teile telefonieren, Serien schauen und Fotos posten könnte).  

Von unserem Verlangen angetrieben machen wir Menschen uns also auf den Weg,
Die süße Vorstellung vom Meer, wie der Stern über Bethlehem, zeigt uns wo es lang geht.
Es ist eine Durststrecke, aber mit gutem Zwecke.
Wir machen Überstunden, arbeiten hart, gönnen uns wenig Schlaf,
was der Disziplin, Ausdauer und Härte bedarf.
Der Körper ist müde, doch Ehrgeiz treibt uns weiter – Aspirin, Vodka und Kaffee als treue Begleiter.
Wir geben viel Geld aus, verzichten im Jetzt auf kleines Glück
Sparen für die bessere Zukunft und das größere Prachtstück.
Wir zwängen uns in hohe Schuhe und enge Kleider, machen dem Chef schöne Augen
Denn am Meehr wartet der Spaß – das ist, woran wir glauben.
Wir schieben Notlügen ein, dem Ziel zum Zwecke dürfen die wohl auch mal sein.
Unterwegs verlieren wir vielleicht gute Altbekannte, lassen Beziehungen schleifen
Aber ist egal, denn wir müssen vorwärts gehen Und am Ende warten neue Freunde und größeres Ansehen.

Und wenn wir nach einer langen Reise am Meer angekommen sind
Bereitet der Anblick uns Freude wie Eiscreme einem Kind.
Endlich sind wir glücklich, endlich durchströmt uns dieses Hochgefühl,
Die Endorphine sprudeln, so zufrieden waren wir noch nie und schießen gleich das erste Selfie!
Wir baden uns im frischen Nass und den neidischen Kommentaren auf Instagram,
Springen kopflos in die Wellen, bis die Glücksgefühle überquellen!
Und gerade als wir dachten: Mehr Spaß geht nicht mehr!,
Kommt noch ein Like auf Facebook daher.
Diese Freude! Diese Glückseligkeit! Jetzt haben wir’s endlich erreicht!

Wir genießen das Glücksgefühl eine Weile bis es langsam weicht
Und sich ein altes Durstgefühl in unser Bewusstsein schleicht.
Unterwegs haben wir wenig auf uns selbst geachtet, wenig Wasser getrunken wir sind erschöpft, der Weg war hart.
Nun dämmert’s, kühler wird’s. Der Abend naht.
Da stehen wir nun verdutzt, mit den nackten Füßen im nassen Sand,
Meehr greifbar in der Hand.
Ein Moment Stille

Und da bemerken wir erst jetzt,
Dass uns das Wasser des Meehres doch eigentlich gar nichts nützt.
Unseren Durst löschen? Wird es nicht.
Akku leer, heute auch kein Insta mehr.
Still und alleine stehen wir nun da.
Und eines wird langsam in der Ruhe klar:

Mehr zu haben hilft uns im Leben auch nicht zu weniger Durst.
Wahres Wasser finden wir nur in der Oase der Wüste unseres Selbst.

One thought on “Eine Reise ans Meehr”

  1. Sehr gelungen und wahr !!! Wenn wir doch alle nur ein wenig meehr Bewußtsein in unsere Handlungen und Überlegungen einbringen könnten !!! Und weniger meehr im Äußeren verschwenden !
    Schreibe bitte weiter ! Damit erreichst du Menschen mit Worten, die ihnen Anstöße geben .

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