von Hanna Strub | © Illustrationen von Marit Brunnert

Eigentlich sind wir doch ständig am Machen und Tun. Auch nach vielem Tun, gäbe es immer noch mehr zu machen.  Wir fragen: „Was hast Du heute gemacht?“ und nicht: „Was bist Du heute gewesen?“. Wir finden es ganz schön schwierig, einfach mal nur zu sein. Unser Leben fühlt sich manchmal an wie eine einzige lange To-do-Liste. Aber es geht auch anders. Was kann es heißen, weniger zu tun und häufiger zu sein? Ein achtsam-phänomenologischer Zwischenruf. 

Das Ausgreifen des Bewusstseins

Es ist bekanntlich eine der schwierigsten, wenn nicht gar die schwierigste Aufgabe überhaupt, an nichts zu denken. Dieses Vorhaben widerstrebt der Natur unseres Geistes zutiefst. Denn sich selbst überlassen, greift unser Bewusstsein ständig in alle Richtungen aus. Das menschliche Bewusstsein braucht stets einen Gegenstand, auf den es intentional gerichtet ist. „Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas“ heißt es bei Edmund Husserl, Vordenker der Phänomenologie. Diese intentionale Struktur des menschlichen Bewusstseins ist fundamental. Doch wer oder was wird Gegenstand unseres Bewusstseins? 

Das Konkurrieren um Aufmerksamkeit 

Im Dauerfeuer der digitalen Reize konkurrieren immer mehr Akteur*innen und Plattformen um unsere Aufmerksamkeit. Unser Geist wird permanent dazu verleitet auf Sendung zu sein. Unterbrechungen und Multitasking sind für uns Alltag geworden. Wann schenken wir jemandem oder etwas noch unsere volle, aktive, ungeteilte und andauernde Aufmerksamkeit? Leben wir etwa im Zeitalter des homo distractus? Philosoph*innen, die von jenem „zerstreuten Ich“ sprechen, nehmen an, dass die Aufmerksamkeit zum wichtigsten Gut des Kapitalismus im 21. Jahrhundert geworden ist. Denn – so lautet ihre Frage – was sonst außer unserer Aufmerksamkeit könnte Google & Co. ihre Macht verleihen? 

Den eigenen Autopiloten ausschalten

„In unserer hektischen Gesellschaft ist es nicht mehr vorgesehen, einfach nur zu sein“, sagt Jon Kabat-Zinn, Erfinder der modernen Achtsamkeitsmeditation. Vielmehr drehe sich alles darum, permanent beschäftigt zu sein und Sachen fertig zu machen. Das Problematische daran ist nicht die Tatsache, aktiv zu sein, sondern dass das Tun gerade nicht aktiv und bewusst geschieht. Wir als sehr beschäftigte Personen sind meist im Autopilotmodus unterwegs. Und auf lange Sicht machen dann die Sachen uns fertig. Wir verlieren den Kontakt zu unserem Sein. Einem Sein als ein Selbst, das Bedürfnisse hat, die unsere Aufmerksamkeit brauchen. Unseren eigenen Autopiloten auszuschalten, bedeutet, das Bewusstsein bewusst auf einen Gegenstand zu richten. Entscheidend ist dabei das Bewusstsein darüber, dass wir es auch selbst in der Hand haben können, wohin wir unseren Geist lenken.  

© Marit Brunnert

Die beschreibende Befreiung

Unser Autopilot bewertet unentwegt unsere Eindrücke und teilt uns mit, ob alles in Ordnung ist, oder ob Gefahr droht. Dies ist ein Überlebensinstinkt. Aber im Hier und Jetzt schränken uns quasi automatische, zur Gewohnheit gewordene Bewertungsmuster in unserer Wahrnehmung der aktuellen Situation ein. Denn alles ändert sich ständig, doch das Bild in unserem Kopf bleibt oft lange bestehen. Wenn das phänomenologische Motto lautet „zu den Sachen selbst“, dann besteht die Aufgabe darin, die Dinge zu beschreiben, wie sie sich unserer Erfahrung präsentieren. So, wie sie uns vor Augen treten und nicht, wie sie sein sollten. Mittels der Epoché, einer Methode der antiken Skeptiker, die sich jeglichen vorgefassten Urteilen über die Welt zu enthalten suchten, üben wir uns in Urteilsenthaltung. Dies ist eine unglaublich befreiende Übung, denn sie erlaubt, die Welt von innen heraus, von unseren persönlichen Empfindungen aus, zu beschreiben.  Und dies ist auch der Kern der modernen Achtsamkeitsmeditation oder mindfulness: Das Hier und Jetzt aufmerksam wahrnehmen, ohne es sogleich verändern zu wollen. Diese beschreibende Grundhaltung ist eine Befreiung von vorschnellen Urteilen, stereotypen Denkmustern, politischen Scheuklappen und Autoritäten. Und auch aufdringlichen oder sorgenvollen Gedanken können wir versuchen beschreibend zu begegnen – zum Beispiel können wir sie als LKWs oder Regenwolken beschreiben, die vorbeiziehen. Die Kraft der Deskription liegt dann auch darin, den Moment anzunehmen und zu spüren, dass wir darüber hinaus nichts weiter tun müssen. Und den Moment, der sich uns gerade bietet, achtsam-beschreibend wahrzunehmen und vielleicht sogar zu genießen, ist nichts, was wir uns vorher durch Tun verdienen müssen.

Das aktive Sein

Es geht nicht darum, weniger zu tun (vielleicht ein bisschen) oder der Welt gegenüber neutral zu begegnen. Es geht vielmehr darum, unserem Tun mehr Sein zu geben, beim Tun mehr seiend zu sein. Das Vermeiden von vorschnellen Urteilen durch die deskriptive Haltung ermöglicht uns in der Folge eine umso präzisere Meinung und ein umso präsenteres Handeln. Weniger zu tun und häufiger zu sein, hieße dann, dass wir die Dinge mit einer größeren Konzentration tun und dadurch auch mehr unser eigenes Sein, also uns selbst, spüren. Dann sind wir selbstbestimmt. Wir sind aktiv.  Das kann heißen, dass wir im Alltag aktiv Ja sagen oder aktiv Nein sagen. Dass wir an die Tür des Du klopfen und aktiv Zuhören. Dass wir aktiv Fragen oder aktiv Tanzen. Dass wir aktiv Helfen. Dass wir aktiv Kochen, aktiv Nachdenken oder aktiv Demonstrieren. Aktiv Atmen. Aktiv Nichtstun. Oder dass wir aktiv Treppensteigen oder aktiv Lachen. Um das aktive Sein zu üben, können wir versuchen, unsere Aufmerksamkeit auf neue Dinge zu richten: Was gibt es auf dem Weg zur Uni oder zur Arbeit, was wir bisher noch nicht wahrgenommen haben? Was können wir bei einem uns vertrauten Menschen Neues wahrnehmen, was uns verbindet? Welche Dinge könnten wir im Laufe des Tages einmal anders machen? Was passiert, wenn wir einfach mal nur dastehen und warten bis das Teewasser kocht? Würde das gehen? 

Lasst uns wieder häufiger versuchen, in der Gegenwart zu leben und uns selbst sowie unsere Mitwelt wahrzunehmen, um aktiv in der Welt zu stehen. Denn – frei nach dem olympischen Geist: Dabei sein ist alles. 

One thought on “Warum ist uns das Tun oft wichtiger als das Sein?”

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