von Aissata Drieling| © Paul Phoenix & Aissata Drieling

Was machst du denn so gegen die Missstände dieser Welt? Zum Beispiel, wenn Flüchtlingslager brennen und Menschen wegen diesem oder jenem Gesetz sterben. Ich versuche jetzt mal aufzuschreiben, was sich viel besser erzählen lässt, weil geschriebene Worte so etwas festes und gewisses haben, ich mich aber nicht wissend genug für diese Festigkeit fühle.

Hier fängt es an, bei diesem Gefühl nicht wissend genug zu sein. Denn eine Sache, die ich in meiner Position tun kann, um zu helfen, ist, sich Wissen anzueignen und zu informieren. Und zwar mit Kopf und Herz. Also wir können lernen und anwenden. Lernen ist easy, alle W-Fragen beantworten und immer darauf achten, dass wissen eine subjektive Sache ist, sich ständig wandelt und erweitert und dass es mindestens so viele Perspektiven auf eine Sache gibt wie Augen, die darauf blicken. Gerade das macht Wissen so wichtig fürs Verstehen, so wie Verstehen wichtig ist fürs Verändern. Verstehen und Verändern ist der schwierigere Teil. Zu diesem Schluss kommt auch Bernd, dessen Perspektive ich jetzt beschriebe:

Fotos: Aissata & Paul Phoenix

Bernd ist sich darüber bewusst, dass die Europäische Politik mit der Finanzierung Internierungslagern für migrierende Menschen menschenrechtsverletztend handelt. Denn er hat einen Bachelor in irgendwas mit Gesellschaft und seitdem einen ganz tollen Wortschatz und ein paar Theorien über Politik und die Welt. Bernd findet das politische Handeln bezüglich der Flüchtlingssituation scheiße, aber nicht überraschend. Runtergebrochen hat er irgendwo (Schule) gelernt, dass Menschen Politik machen und Politik für Menschen gemacht wird.

Er ist einer der Menschen, für den die EU-Politik gemacht werden soll und EU-Politiker sind EU-Bürger wie Bernd. Das bedeutet, dass sie dieselben rassistischen Grundannahmen denken wie du und ich und genauso wachstumsorientiert sind wie Bernd, der drei Kugeln Eis statt einer will, obwohl er nur zwei ohne Bauchschmerzen essen kann, einfach weil er das Prestige von drei Eiskugeln geiler findet und mehr für ihn immer besser bedeutet. Bernd will mehr für sich, egal was das für seinen Magen bedeutet. Und wenn er Bauchschmerzen bekommt, dann wundert er sich. Er sieht den Zusammenhang nicht. Deutschlands Waffenindustrie wollte auch mehr für sich und die deutsche Politik sieht sich die Zusammenhänge auch nicht gerne an. Bernd und Deutschland haben viel gemeinsam.

Denn wo Waffen sind, ist ein Kampf und wo ein Kampf ist, gibt es Verletzte. Das ist eine ziemlich einfache Formel. Die Verletzten in diesem Kampf sind einmal die tatsächlich verletzten, doch auf einer weiteren Ebene ist es die Freiheit der Menschen, die von den Waffentragenden unterdrückt werden. Wenn diese Menschen Bilder vom stolzen Bernd und seinen drei Eiskugeln sehen, verstehen sie die Welt nicht mehr. Bernd ist das egal, jetzt ist es Winter und er isst Tiefkühlpizza von Dr. Oetke – immer eineinhalb. Auch wenn er die andere Hälfte dann wegschmeißen muss, weil ihm kalte Pizza nun mal nicht schmeckt.

Fotos Aïssata & Paul Phoenix

Beim Pizzaessen sieht Bernd sich die Nachrichten an. Er ist ein informierter und interessierter Bürger und findet es wichtig zu wissen, was in der Welt vorgeht, bevor er sich seinem Tatort widmet. Dort wird gerade gezeigt, wie sich eine menschliche Masse über das Meer bewegt und im nächsten Cut sieht Bernd, wie eine menschliche Masse zwischen nicht mehr weißen Zelten sitzt.

Hier schaltet Bernd seinen Kopf kurz aus. Menschliche Massen, mit denen er nichts gemeinsam hat – denn sie sind dort und er ist hier – geben ihm nichts. Verständlich, schließlich ist das die Masse an Menschen, von denen Bernd gelernt hat, dass sie anders sind als er, weil sie an einem anderen geografischen Ort, in einer anderen sozialen Struktur und mit einer anderen Weltanschauung oder Religion aufgewachsenen sind als er.

Aber es ist schwer sich mit Anderem zu identifizieren und Mitgefühl zu haben. So geht es den meisten und das ist scheiße, aber das ist nur ein kleiner Teil von diesem wir und die. Dieses Ganze „anders als..“, hat Bernd in der Uni gelernt, nennt sich dann „othering“, dem ist er sich natürlich bewusst. Was Bernd in der Uni nicht gelernt und deswegen fast vergessen hat, ist, dass wir alle einen kleinen moralischen Kompass haben und idealerweise ein Gefühl dafür, wenn etwas nicht stimmt.

Egal wie sehr wir uns auf eine Dichotomie „wir und die“ berufen, bei leidenden Menschen (auch Massen) zeigt dieser Kompass auf NO. Und hier kommt ein weiterer Fakt, dem sich Bernd in dem Moment nicht bewusst ist. Es betrifft dieses Empfinden von wir und die anderen, dass es schon immer und in jedem Kontext, in dem sich Gruppen bilden, gegeben hat. Diese krasse Unterscheidung ist eine übertriebene, die sich nur auf die Unterschiede verschiedener Menschen konzentriert, weil es dann einfacher ist zu sagen, wir sind eine Gruppe, denn wir haben diese und jene Gemeinsamkeit.

Fotos: Aïssata & Paul Phoenix

Bernd hat mit seinem Nachbarn Fabi gemeinsam, dass sie beide einen Elternteil aus Deutschland und einen aus Italien haben, ihre Haarfarbe braun ist und sie beide männlich gelesen werden, in Düsseldorf wohnen und gerne Pizza essen und in einem ähnlichen sozialen Kontext aufgewachsen sind. Das heißt, sie haben irgendwo Werte vermittelt bekommen, die gut zueinander passen, weil sie auf einem ähnlichem Weltbild beruhen. Bernd mag seinen Nachbarn Fabi, denn er fühlt sich von ihm verstanden und bestätigt, wenn sie sich zusammen über den anderen Nachbarn aus 1b beschweren, der offensichtlich keinen Musikgeschmack hat.

In der Masse an Menschen, von denen Bernd glaubt, nichts gemeinsam zu haben, sitzt sehr wahrscheinlich ein anderer Bernd mit einem anderen Namen, mit dem Bernd viel mehr gemeinsam hat als mit seinem Nachbarn, Fabi, ehemals Fabienne. Diese Person macht sich genau dieselben Sorgen um die Umwelt wie Bernd und tut nichts dagegen, genau wie Bernd. Und diese Person denkt in einer anderen Sprache als Bernd über dieselben elementaren Lebensfragen nach, traut sich aber nicht, darüber mit jemanden zu reden, genau wie Bernd. Die Unterschiede, auf die sich zur Identitätsbildung von Gruppen wie Nationen konzentriert wird, erschienen nicht so willkürlich. Sie haben eine längere Geschichte, die immer auf die gleiche Weise erzählt wird.

Die Entscheidung, Menschen nicht in die EU lassen zu wollen, hat ihre Wurzeln in einem Mythos um Europa, einer Erzählung von Europa als einem besseren Kontinent in vielen Bereichen zum Beispiel Wirtschaft und in der Identitätsbildung von EU-Einwohner:innen. Europa ist aber keine Insel. Nicht geografisch, nicht kulturell und nicht sozial.

Und es sieht so aus, als spüre auch Bernd das gerade beim Nachrichten gucken. Er überlegt sich, wie es wäre, dieser andere Bernd zu sein und schämt sich ein bisschen. Denn ab und an blickt die Kamera in ein Gesicht und das Gesicht erzählt auf einer Bernd unverständlichen Sprache, wie prekär die Situation für Menschen in Flüchtlingslagern ist und wie viele Verwandte des unidentifizierten sprechenden Gesichts auf dem Weg nach Europa sterben mussten und das Gesicht jetzt nicht mehr weiß wofür. Das berührt Bernd vor seinem Fernseher sehr, das sind erschreckende Bilder von menschenunwürdigen Zuständen, und er versteht nicht genau wie du und ich, warum diesen Menschen dort nicht geholfen wird. Obwohl er so viel weiß und so informiert ist.

Dieses Gesicht hat sich in Bernds Kopf gebrannt und lässt ihn nicht mehr los, also googled er ein bisschen über die Flüchtlingskrise, denn sein Krimi ist ihm jetzt verdorben.

Fotos: Aïssata & Paul Phoenix

Vielleicht wird er ja im Treppenhaus mit Fabi über das Wetter und die Nachrichten reden und von Fabi, ehemals Fabienne, erfahren, dass es auch hier in Düsseldorf ziemlich nah an ihrem Haus ein paar Leute gibt, die vor drei Jahren geflohen sind. Denen hilft Fabi Dokumente für ihren aufgeschobenen Asylantrag auszufüllen. Diese Menschen sind eine WG und kommen alle aus unterschiedlichen Gegenden in Syrien. Eine dieser Personen heißt Lærke (ihre Mutter hatte ein Faible für Dänemark) und ist jetzt Fabis Sprachlernpartnerin. Fabi will nämlich sein eingerostetes Schulfranzösisch verbessern. Laeke kann aufgrund der Kolonialgeschichte ihres Landes Französisch. Fabi kennt die deutsche Bürokratie und hat durch seine Geschlechtsanpassung und die Entscheidung, sich als Mann eintragen zu lassen, erfahren müssen, wie demütigend Bürokratie sein kann. Das wünscht er niemanden und deswegen ist er zum Experten geworden und gibt sein Wissen gerne weiter. Die beiden reden viel über elementare Lebensfragen.

Bernd könnte genauso gut 24 Jahre alt sein und Kafka lesen. In jedem von uns steckt ein bisschen Bernd, aber lass mal deinen inneren Fabi siegen.

Video: Aïssata & Paul Phoenix

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