Text und Bilder: Helen

Der Wind ging peitschend die Flankenseiten des Mountains rauf und runter.

So umkrallte ich den Hut feste und Fank tats mir nach. Er heiserte in seine Lungen, ich sah`s seinem krakselden Rücken an, der vor mir her ging. Ich war langsamer als er, dem linken Bein geschuldet, das sich hier und da in Geröll, im Hasenbauloch, in Ziegenscheiße verkeilte.
So fing Fanks und mein jährliches Brauchtum an. Seit der Krieg uns übersehen hatte, bestiegen wir den Mountain, zwei gebrochene Seelen, die Beine voller Blei.
Wir waren alt, doch der Mountain war älter, verwachsen in den Gliedern, schale Augenhöhlen, in denen wir aneinandergedrängt schliefen. Nachts hielten wir dort die Schakale mit Zunder und Zauber unseres satzundzeichenlosen Geplänkels fern. Unsere Stimmen waren dabei brüchelig wie die maroden Felsen, doch die Tiere blieben weg von diesem Gestottere und Geräuspere, denn Asche und Kanonen und Bajonette und Frost und Blei und Knochen schwankten aus unseren hohlen Mündern und das machte selbst uns Angst.


Hier, da hatte uns der Mountain damals das eigene Leben genommen und stattdessen die Liebe des Andren gegeben.
„Glaubst nich`, der Wind meint`s zu derb mit uns?“, heiserte Fanks Stimme hinüber. Er ging vornweg, sein Kopf war gedreht zu mir.
„Kennst den Wind doch mittlerweile. Is` doch jedes Jahr verflucht.“
„Ja schon. Doch klingt Tod in ihm.“
„Flüstert er denn wieder, der Tod?“
Nicken.
„Und was?“
Schweigen.
„Was flüstert er nun?“
„Will niemand wissen.“
„Na hörrens mal!“
„Ich hör ja.“
„Hör was flüstert er und spuck`s mir vors Gehirn!“
„Er tut vom Himmel flüstern, verdammisch. Eden, Gärten, ja, vom Gebilde. So, da hastes.“
„Der Tod flüstert vom blauen Gewölbe? Wie flüstert er`s? Als würd er`s dir schmackhaft machen?“
„Nein.“
„Nein?“
„Nein.“
So taten wir die ersten Meter, schneckenlahm kriechend über klumprige Steinzyklopen. Der Wind zerschmetterte vor unseren zerbröselnden Stirnen und mein Gehirn schmerzte. Auch wegen Fanks Abrakadabra über den Tod.
„Fank?“
„Aye.“
„Wie flüstert er`s denn? Unheimlich?“
Fanks schleifende Schritte wurden langsamer, bis ich aufschloss und wir nebeneinander staksten. Unsre Hände berührten sich. Er schwieg und überlegte, was er antworten sollte. Währenddessen beobachtete ich ihn liebevoll. Raues Profil, schnelle Augen, steife Nase, hängende Ohrlappen.
 „Er flüstert`s wissend“, antwortete Fank endlich, punktgebracht.
„Ah“, war mein Laut nur.
So taten wir dann die zweiten Meter. Die Felsen wurden schruffliger mit wachsender Höhe. Am Fuße hatten prächtige Baumschöpflinge stolziert. Hier waren ihre Verwandten krumm und stockelig. Blätter rissen aus wie wütende Hunde. Segelten die Flanken des Mountains hinab, zu ihren strotzigen Brüdern und Schwestern. Als sendeten sie Hilferufe. Der Wind peitschte über unsere papierten Handrücken, die Halt suchten, aneinander, ineinander.
„Was tut er wissen? Is` es über uns?“ schnaufte ich.
„Behaupten tut er`s“, brummte Fank.
„Heißt, du glaubst ihm nich`?“
„Warum denkst`n das?“
„Man tut niemand glauben, dem man unterstellst, bloß was zu behaupten.“
„Dann liegt`s an dem Wörtchen behaupten?“
„Aye.“
„Würd`s so formulieren“, erklärte Fank, „nich`, dass ich dem Geflüstere nicht glauben würd`, vielmehr mein ich, dass ich dem alten Gevatter nich` trau`.“
„Glauben und Vertrauen sind aber doch geschwistert und gebrüdert.“
„Immer denn?“
Ich überlegte darüber zwischen meinen Schnappatmungen. Der Mountain hatte ein steiles Stück vor unsere Klumpfuße gebreitet, obwohl gebreitet nich` das richt`ge Wörtchen ist. Eher war der Untergrund geschleudert in Furien vor Unsicherheit. Weil`s zickzackelig ging unter unsren Zehen, hin und her und steil und schluchtig.
„Ja“, beendete ich meine Überlegung.
„Ich glaub` dem Tod schon, aye“, erklärte sich Fank. „Schließlich hat er es en oder andre Mal gezeigt, wie ernst er`s meint. Erinnerst dich nich`? Als er`s damals genau hier auch geflüstert hat`. Und Raketen niederfielen und Beine und Arme den Himmel zerbrecherten. Seitdem glaub` ich ihm jedes Geflüstere. Doch vertrauen tu ich ihm nich`. Weil ich nich` weiß, wo die Arme und Beine und Köpfe hin sind. Sind sie ins himmlische Paradies gesplattert? Oder lüg-flüstert der Gevatter bloß das Blaue vom Himmel?“
Ich lächelte mit den Augen. Mehr musste nich` sein.
Das Blaue vom Himmel, von welchem Fank erklärt hatte, war in meinem Kopf festgehaftet geblieben, vorrangig, weil`s nun fast nichts andres mehr gab. Blau spannte sich nun vor unsren Netzhäutern, von West bis Ost, von Nord bis Süd, kreisförmig vom Mittelpunkt des Gewölbes angefangen bis an den gezackten Horizontstreifen. Mehr war nich` übrig, mehr nich`, doch Fank und ich waren da, zwei Alte.


Hier wurde ich jedes Jahr klar, hier gefror mein Gehirnschmalz. Am Fuße des Mountains waren wir jung gewesen, prächtig wie die Baumströtzlinge. Dann kämpften wir uns in die Höhe, verwirrt vom Wind, verweht von unsrer eignen Altersweisheit. Diskutierten und erzählten. Vielleicht voreinander oder hintereinander oder aneinander vorbei. Aber jetzt wo nur Himmelblau uns umschloss, stachelte ich mit meinem Blick in Fanks dem seinen und ich verstand`s und er verstand`s und so schlugen schwer unsere Herzen füreinander.
„Ich bin nich` bereit für den Gevatter“, gab Fank leise zu.
„Vielleicht flüstert`s er auch bloß wegen mir. Dann biste noch nich` dran.“
„Dann würd`s mich umso mehr schütteln.“ Seine Stimme und sein Körper bebten entrüstet.
„Is` schon irre, was man denkt.“
„Was denkt man denn?“
„Dass man alt und weise wird.“
„Ist`s bei uns bei alt geblieben?“
„Dass man alt und weise und unerschrocken und selbstsicher und ruhend wird.“
„Wird ja immer länger was man denkt was man wird.“
„Ja. Dazu, dass man keine Angst mehr hätt`. Dass man ruhig und besonnen und ehrenvoll stirbt.“
Fank nickte. „Aber ich hab` Angst“, gab er zu. „Bin alt und ängstlich. Alt und unsicher. Alt und unwissend, alt und …“
„… weise.“
„Schließt sich aus.“
„Eben nich`. Sind weiser als alle, die vom Falschen ausgehen. Wissen`s besser als alle. Wissen wie`s ist. Steh`n hier und wissen`s. Sind klar im Gehirn, haben Blei in den Knochen und Bilder eines Lebens hinter den Augen. Sind weiser als sie alle.“
Wir stiegen die letzten Meter. Da waren wir jedes Jahr schweigsam. Waren melancholisch und zufrieden und schwermütig und ausgelaugt. Waren weiser geworden, jedes Jahr. Hatten dem Mountain wieder und wieder neue Erinnerungen eingepflanzt, jedes Jahr, um die alten wegzuersticken. Der Krieg im Gehirn war fast vermodert.


Und dann erreichten wir das Gipfelkreuz, Kreuz für alle Gefallenen, für die zersplatterten Gefallenenglieder, für Köpfe, Herze, Hände und Beine, alles wichtig, alles wertvoll, einzeln überlebt davon kein einz`ges. Atmeten in zerschossene Lungen, dünne Höhenluft, heisterten, husteten, japsten. Beschauten die andren Mountains im Kreis. Unsere heftig atmenden Körper schwankten aneinander, sanfte Berührung.
„Stell` dir mal vor“, brachte Fank hervor, „jetzt kommt der große Regen. Die große Flut. Sintflut. Stell` dir vor, alles ertrinkt darin. All das“, er zeigte mit seinem zitternden Finger auf das Panorama, auf jeden einzelnen Mountain. „Stell` dir vor, dann ist`s wie in der Bibel. Und wir sind Noah und seine Frau. Wir sind die einz`gen Überlebenden. Weil wir an der höchsten Stelle stehn.“
„Und dann?“
„Dann warten wir wochenlang ab. All das Wasser versiegt. Nimmt alles mit sich. Und wir sind die einz`gen. Wie Noah und seine Frau.“
„Und dann?“
„Ja dann …“
„Dann?“
„Dann sin` wir leider nur zwei … Männer“, Fank flüsterte nur stockend, letztes Wörtchen verwehte fast ganz vor seinen Lippen. „Wer tut schon zwei Männer schicken, um neues Leben zu schaffen.“
„Ja“, und ich griff nach Fanks Hand und drückte sie feste zu und wir spürten unsre Angst vor all dem, was wir gelernt hatten.
„Is` an der Zeit was Neues zu lernen, nich`?“
„Ich glaub` … ja.“
Der Fels bröckelte unter unsren Zehn.

Helen auf Instagram: helen_eks

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