Alles gleich jetzt - Jonas

Alles gleich jetzt (Drehbuch)

Text: Jonas Wegener | Illustrationen: Katja Friedrich, Alena Mathis

-Anmerkung des Autors-

Jeden Tag sammeln wir Erfahrungen. Manche davon sind so schön, dass wir für einen kurzen Moment der Ewigkeit vergessen, wo und wer wir sind und dass unser Leben zeitlich begrenzt ist. Doch ab und zu endet dieser Moment des absoluten Glücks schlagartig, reißt uns die Augen auf und richtet unseren Blick unfreiwillig auf das, was auch ist: Auf den Kontext. Auf ein Leben innerhalb einer Gesellschaft, die geprägt von der Vergangenheit nach Wegen sucht, sich zu erneuern. Oder eben auch nicht.

Dieser Text handelt bewusst von solchen Momenten. Um explizit auf ihre Ausschnitthaftigkeit hinzuweisen, wurde er in Form eines Drehbuches verfasst. Die nachfolgenden Szenen stellen also nur einen Teil der Wirklichkeit dar, deren Erzählung jedoch fundamental wichtig ist, wenn es darum geht, sich als Gesellschaft weiterentwickeln zu wollen. Für einige Personen sind es persönliche Erfahrungen, für andere wiederum Zahlen und Statistiken, die wachrütteln und den Blick verändern. Wichtig hierbei ist es mir zu betonen, dass es ihr primäres Ziel ist, gehört zu werden. Warum? Das erfahrt ihr am Ende des Textes.

Hinweis: Der folgende Text behandelt einschneidende Ereignisse in der Öffentlichkeit in Verbindung mit dem Thema sexuelle Orientierung. Wenn du dich in einem ungefestigten Zustand mit deiner sexuellen Orientierung befindest, frag dich bitte jetzt, ob du weiterlesen möchtest. Unterstützungsangebote findest du hier und am Ende der Seite.

-Prolog-

„In Deutschland ist doch alles in Ordnung. Früher, da… Und anderswo, da… In Deutschland gibt es seit 2017 die sogenannte ‚Ehe für Alle‘. Was willst du denn mehr?“

-Szene 1/3. Titel: Das Schwimmbad. Ort/Schauplatz: irgendwo in Bayern. Zeit: nachmittags-

Copyright: Katja Friedrich

32 Grad. Salz, das „so schön hat geprickelt, in meine Bauchnabel“. Wir sind im Entspannungsbecken. Nicht allein aufgrund des Salzgehaltes schwebe ich. Mein Blick gehört ihm. Diese Zeit gehört uns, denke ich. Gleichzeitig liegen sich ringsum verliebte Paare den Armen. Ihr Küssen so auffallend unauffällig, ihr Auftreten so unbeobachtet beobachtet. Leicht, das sind in diesem Moment nicht nur ihre Körper im blauen Wasser, sondern auch die Expressionen ihrer körperlichen Begierden. Der Wunsch nach Gleichheit überflutet meine Gedanken und legt den Hebel um: Auch in der Welt außerhalb meines Kopfes will ich Gleichheit leben. Das Wasser scheint förmlich zu kochen, als mein Gedanke zu einem Verlangen wird, aus dem heraus ich schließlich handle und ihn frage: „Darf ich dich umarmen, darf ich dich küssen?“. Seine Blicke wischen von links nach rechts, zu mir, nach hinten links, zurück zu mir. Mein Herzrasen lässt die Wellen höherschlagen. Eigentlich dachte ich, dass ich stehen kann. Bis er mir flüstert: „Hier sind zu viele alte Menschen“.
Ich sinke, sinke, und versinke.

Copyright: Katja Friedrich

-Cut-

-Zwischeneinblende-

Bei einer Umfrage1 im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes im Jahre 2017 gaben knapp 38% der Befragten an, dass sich eine Situation, in der sich zwei Männer in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigen, indem sie sich küssen, sehr unangenehm oder eher unangenehm für sie anfühlt.

-Szene 2/3. Titel: Der Bahnhof. Ort/Schauplatz: Weg zum Fernbahnhof. Zeit: Später Abend-

Copyright: Alena Mathis

Nur noch 3 Minuten. Wir beeilen uns, und rennen fast schon in der einbrechenden Dunkelheit über das harte Kopfsteinpflaster, welches uns den Weg zum Zug ebnet. Für eine Weile nimmt er mich bei der Hand und zieht mich, damit wir pünktlich ankommen. Ich fange an zu lächeln, doch er sieht es nicht, denn sein Blick ist nach vorne gerichtet. Er zieht mich hinter sich her und hinein in eine Welt, in der ich leben möchte. Wir rasen vorbei an kaputten Schaufenstern, leeren Gehwegen und einer Gruppe von Menschen, die auf einer Bank sitzt und Alkohol trinkt. Seine Hand ist plötzlich nicht mehr in meiner. Er ist nun weiter vorne als ich und hört nicht mehr, was ich höre: „Schönes Paar, wann ist die Hochzeit?“. Es folgt ein gehässiges Lachen. Es scheint wie eine kleine Freude für eine Person, die selten anderweitige Freuden erlebt. Mein Herz rast, doch meine Angst und meine Wut legen sich schnell wieder. Ich habe mich nicht verhört und in Gedanken hatte ich eine derartige Situation schon allzu oft heraufbeschworen. Im Vorbeigehen, ohne einen Blick zu verschwenden, antworte ich: „Hoffentlich bald“. Angekommen am Bahnhof verabschieden wir uns, und alles scheint wieder gleich zu sein, so wie vorher. Hoffentlich, ja. Hoffentlich.

Copyright: Katja Friedrich

-Cut-

-Zwischeneinblende-

„Der Bundesregierung zufolge gab es 2019 mindestens 564 politisch motivierte Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung, darunter 147 Gewalttaten. Unter dem Begriff ‚Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung‘ erfasste die Bundesregierung ‚alle gegen Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuelle motivierten Straftaten‘. Im Vergleich zu 2018 steigt die Zahl der Straftaten gegen queere Menschen damit um über 60 Prozent und bei den Gewalttaten sogar um mehr als 70 Prozent. Die Zahlen könnten im Fall potentieller Nachtragsmeldungen noch weiter steigen und die Dunkelziffern dürften deutlich höher liegen. Die Zahlen beruhen auf der Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage von Ulle Schauws, Sprecherin für Frauenpolitik und Queerpolitik der Grünen Bundestagsfraktion.“2

-Szene 3/3. Titel: Die Fahrradfahrt. Ort/Schauplatz: Stadt, in der ich lebe. Zeit: vormittags-

Copyright: Alena Mathis

Der Wind weht durch meine Haare, als die Sonne ihre letzten Wärmestrahlen verschenkt und ich durch die Straßen dieser Stadt fahre, in der ich mich doch so wohlfühlen könnte. Auch meine Gedanken nehmen Fahrt auf und begleiten mich auf dem Weg zur Arbeit: „Wo möchte ich einmal hin? Wie will ich sein?“. Ich schaue nach rechts und bemerke eine überdimensionale Reklame: „Dein Traum vom Eigenheim wird wahr! Jetzt auf der Messe XY“. Zu sehen ist: Nichts Auffälliges. Ein weißes Prachthaus, vor dem ein weißer Mann und eine weiße Frau mit Kind stehen und in die Kamera lächeln. Ich fahre vorbei und versuche das Bild aus meinem Kopf zu schütteln. Es gelingt mir nicht. DEIN TRAUM. Ist das mein Traum? DEIN TRAUM! Wo ist mein Traum? DEIN Trauma.

-Cut-

-Zwischeneinblende-

„Un/Sichtbarkeit im Zusammenhang mit Diskriminierung bis hin zu Gewalt ist nur auf den ersten Blick eindeutig. Mich interessieren für weitere Analysen zumindest vier Aspekte: Gibt es einen Unterschied zwischen Unsichtbarkeit als Faktor von Diskriminierung und Gewalt gegen Lesben*, Unsichtbarkeit als Ursache und Unsichtbarkeit als Auswirkung von anderen Diskriminierungsformen? Wo und wie wird Unsichtbar-Machen von Lesben* als machtvolle Strategie gegen sie eingesetzt? […] Wie gehen Lesben* damit um? Welchen Umgangsformen, welchen Protest und Widerstand auch in Form von politischen Aktionen gab und gibt es dagegen?“. -Dr. Christiane Leidinger, Gastprofessorin für Geschlechtersoziologie und Empowerment, Hochschule Düsseldorf3. *In ihrem Workshop sprach Dr. Leidinger explizit Lesben an, doch es kann genauso gut für alle Menschen nicht-heterosexueller Orientierungen stehen.

-Antwort auf den Prolog-

Am liebsten würde ich alles gleich jetzt haben. Gleiche nichtssagende Blicke, gleiche angstfreie Möglichkeiten, gleiche öffentliche Repräsentation. Gleich. Jetzt. Nicht in 5 Jahren. Jetzt. Es fällt mir schwer, mich daran zu gewöhnen, dass dieser Prozess ein Weg ist und kein Schalter, den ich einfach so umlegen kann und dann ist alles anders. Alles gleich, alles jetzt.

Gleichheit meint hier Gerechtigkeit. Die US-amerikanische Philosophin und Feministin Nancy Fraser spricht in ihrem Modell der sozialen Gerechtigkeit4 neben der Dimension der „Umverteilung“ auch von einer „Anerkennung“ und „Beteiligung/Sichtbarkeit“. Bei Letzteren entsteht Ungerechtigkeit sowohl aus der Status- und kulturellen Ordnung, hier also der Heteronormativität, als auch aus der fehlenden politischen Artikulationsfähigkeit von Minderheiten, im konkreten Fall LGBTQI+ Personen. Gerechtigkeit ließe sich erst dann herstellen, wenn Diversität als Anerkennungspolitik gelebt (und auch räumlich ausgedrückt) und Differenzen als „anders, aber gleichwertig“ anerkannt würden. Wenn Grundfreiheiten sowie Gleichheit vor dem Gesetzt für jede*n gewährleistet würden. Wenn Minderheiten nicht nur sicht- und hörbar, sondern auch politisch repräsentiert wären.

Für mich klingt das nach einer erstrebenswerten, gesellschaftlichen Aufgabe.

-Epilog-

„Gehört werden“ ist dabei ein zentraler – der zentrale – Ausgangspunkt. Für von Queer-Feindlichkeit betroffene Menschen, für gesellschaftliche Transformationsprozesse. Gehört werden. Gehört werden. Erst dann, wenn die Mehrheitsgesellschaft anfängt zu hören – zuzuhören, uns zu hören – kann sie umdenken und wirksam werden. Erkennen und verlernen. Reflektieren und anregen. Hoffen und handeln. Vielleicht wird das Gleich so schneller zum Jetzt.

-Unterstützungsangebote-

Auch wenn es in keiner der beschriebenen Szenen zu einer Straftat gekommen ist: Jede Erfahrung kann anders ablaufen. Falls du Opfer oder Zeug*in von Diskriminierung und/oder Gewalt geworden bist, kannst du dich zunächst bei der Polizei und bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes melden, um das Erlebnis zu dokumentieren. Letztere bietet auch juristische Beratung an.

Die Geschäftsstelle des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland (LSVD), mit der ich im Rahmen der Recherche für diesen Beitrag telefonisch gesprochen habe, nennt zusätzlich die folgenden Anlaufstellen:

1Statista 2018: “Gefühle bei öffentlicher Sichtbarkeit von Homosexualität in Deutschland im Jahr 2017”. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/818907/umfrage/gefuehle-bei-oeffentlicher-sichtbarkeit-von-homosexualitaet-in-deutschland/

2Lesben- und Schwulenverband (LSVD) e.V.: „Homophobe Gewalt: Angriffe auf Lesben, Schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen (LSBTI)“. https://www.lsvd.de/de/ct/2445-Homophobe-Gewalt-Angriffe-auf-Lesben-Schwule-bisexuelle-trans-und-intergeschlechtliche-Menschen-LSBTI

3Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2017: „LSBTTIQ*: Vielfalt als Stärke  – Vielfalt als Herausforderung!“ https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publikationen/Dokumentationen/lsbttiq_vielfalt_als_staerke_vielfalt_als_herausforderung_20171211.html
und weiterführend: https://geekgefluester.de/queerbaiting-der-truegerische-schein-einer-repraesentation 

4Fraser, N. (2010): Scales of Justice. Reimagining political space in a globalizing world. New York: Columbia University Press.

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