von Friederike Teller | Foto: © Justin Adam

Die Geschichte der globalen Ohnmacht – diesmal mit Happy End?

Helfen ist gut. Helfen ist schön. Helfen hilft auch dir. So oder so ähnlich werden altruistische Handlungen in unserer Gesellschaft beworben. Eine radikalere Motivationsstrategie verfolgt die Strömung des Effektiven Altruismus und möchte damit nichts geringeres, als eine moderne Ethik begründen.

Jeden Tag, an der zweiten Kreuzung links, kommst du auf dem Weg zur Haltestelle an einem kleinen Teich vorbei. Normalerweise nimmst du ihn nur aus den Augenwinkeln war. Aber heute hörst du Schreie. Verwundert siehst du, dass es die Schreie eines Kindes sind, das im Teich strampelt und mit den Händen wedelt. Ein Kind, das zu Ertrinken droht. Du könntest es retten. Müsstest nur reinspringen – der Teich ist nicht tief. Du würdest aber deine Jeans und dein gestreiftes T-shirt beschmutzen. Du müsstest dann noch einmal nach Hause dich umziehen. Zur Arbeit oder Uni würdest du zu spät kommen. Ist es deine Verantwortung das Kind zu retten?

Schnell siehst du dich um und erkennst, dass du nicht allein bist. Da sind noch andere Menschen. Die könnten auch das Kind retten, denkst du. Aber bist du immer noch verantwortlich zu handeln?

Deine Gedanken wurden ausgetrickst, entschuldige. Der Teich ist nicht an der zweiten Kreuzung links, sondern in einiger Entfernung. Einige tausend Kilometer vielleicht. Aber das Kind ertrinkt trotzdem und du könntest es ohne zu große Kosten und ohne Gefahr retten. Fühlst du dich jetzt weniger verantwortlich? Warum?

Theoretisch sind viele Menschen wohl der Meinung, dass Nationalität und Entfernung keinen moralischen Unterschied machen – die Verantwortung bleibt. Peter Singer, von dem dieses bekannte Gedankenexperiment („the drowning child“) stammt, ist einer von ihnen. Er verweist immer wieder schockierend klar darauf, dass gerade jetzt irgendwo ein Kind unter die Wasseroberfläche gleitet. Für den Preis eines Kaffees oder Döners hätten wir es retten können. Letzteres ist keine Metapher, sondern eine einfache Berechnung.

Ob im Supermarkt oder auf dem Weg dahin. Unsere Handlungen können und dürfen wir nicht mehr isoliert betrachten. Wir konsumieren global, verschmutzen global, reisen global und sollten deshalb auch global mitfühlen. In unseren Entscheidungen müssen wir die gesamte Menschheit mitdenken.

Klar, dieser trockene Begriff der Verantwortung schmiegt sich selten hemmungslos in den rasenden Alltag. Aber viel mehr scheitert es doch an der Ohnmacht, die entsteht, weil wir nicht wissen, was wir denn tun können. Großen Hilfsorganisationen haben wir gelernt zu misstrauen. Immer wieder gab es Skandale – Korruption, Intransparenz, Veruntreuung von Geldern und der laute Vorwurf: Hilfe, die niemanden hilft. Ökonom*innen wie James Shikwati fordern sogar Entwicklungshilfe ganz zu stoppen. Denn sie verstärke nur eine Hierarchie zwischen Nord-Süd, kräftigt korrupte Strukturen und zerstört lokale Initiativen. Es ist eine Form des modernen Kolonialismus, denn viel zu häufig stehen Machtinteressen hinter Entwicklungsprogrammen.

Der effektive Altruismus verfolgt einen empirisch rationalen Ansatz um die besten Entscheidungen für alle empfindsamen Wesen (das schließt insbesondere Tiere mit ein) zu treffen. Dabei versucht er von Singers Ideen ausgehend evidenzbasiert Gutes zu tun. Er will damit auch verhindern, dass Menschen in ihrem Wohlstand sich einer neuzeitlichen Ohnmacht hingeben.

Foto: ©Lena Nguyen | Bearbeitung: Friederike Teller

Die 2007 gegründete Organisation „give well“ evaluiert auf empirische Weise Hilfsorganisationen. Sie gibt Hinweise für sinnvolle Spenden, basierend auf den Kriterien: Evidenz der Wirksamkeit, Kosteneffektivität, Transparenz und Möglichkeit zum Finanzierungswachstum („room for more funding“). Außerdem: Bekennende effektive Altruist*innen aus allen Schichten wollen sich verpflichten einen Prozentsatz ihres Einkommens zu spenden. Getreu der Divise: Mehr Reichtum macht nicht glücklicher, versuchen sie die Ressource Geld so effektiv wie möglich einzusetzten. Dabei ist das Konzept „earn to give“, also möglichst viel Geld, zum Beispiel in der Wirtschaft zu verdienen, um dann mehr Spenden zu können, besonders umstritten. Kapitalismuskritik sucht man eher vergeblich, stattdessen gehören Chef*innen großer Unternehmen zu den Unterstützenden.

Eine deutsche Organisation ist bei den Empfehlungen nicht dabei. Brot für die Welt, SOS Kinderdorf und den WWF sucht man in ihrer Datenbank vergeblich. Die Against Malaria Foundation oder die Deworm the World Initiative sind Organisationen, welche gute Bewertungen bekommen und zum Spenden empfohlen werden. Auch die Organisation Development Media International (DMI) wird gelobt, da sie mit medialen Massenkampagnen über wichtige Themen der Gesundheitsprävention aufklärt.

Aber das sind noch immer eher indirekte Handlungen. Effektiver Altruismus bedeutet für viele auch einen bestimmten Lebensstil zu wählen. Neben sparsameren Konsumverhalten, um dann mehr spenden zu können, ist der effektive Einsatz von Zeit und Kompetenz ein wichtiges Anliegen.

Damit beschäftigt sich das Projekt „80.000 hours“. 80.000 Stunden beträgt die durchschnittliche Gesamtarbeitszeit eines Menschenlebens. Wie sich diese Stunden auf möglichst sinnvolle Weise einsetzen lassen, versucht die Organisation in verschiedenen Bereichen zu evaluieren. Neben Online-Guides und Podcasts bietet sie auch Berufsberatungen an.

Irgendwann hast du, egal wie sehr du Eis liebst, auch als Eisverkäufer*in von Eis genug – so ein Beispiel der Organisation. Von Sinn erfüllte Tätigkeiten hingegen sorgen für eine langfristige Zufriedenheit.

Viele der Empfehlungen weisen in den Bereich der Forschung. Besonders um die Gefahren von Zukunftstechnologien zu begrenzen, ist es wichtig, in die ethische Begleitung von Forschungsprojekten zu investieren. Denn diese sind neben globaler Armut und Tierleid eine der größten Gefahren, die es kritisch einzuschätzen und zu lindern gilt – ergaben Priorisierungsstudien der Effektiven Altruist*innen.

Der effektive Altruismus will uns also aus unserer Ohnmacht erlösen. Ja, angesichts der 1 600 Kinder, welche jeden Tag an verschiedenen Folgen von Armut sterben, könnte man verzweifeln. Betrachtet man unseren Alltag in einem größeren Kontext fühlt man sich schnell hilflos im Angesicht von Möglichkeiten und globalen Zusammenhängen – als eine moderne Ethik will der Effektive Altruismus uns dabei zu den bestmöglichen Entscheidungen beraten. Das führt ziemlich sicher zu einer Prioritätenverschiebung und merkwürdigen Umrechnungen: Eine Flasche Rotwein oder die Entwurmung eines Kindes. Ein Kinobesuch oder eine mediale Kampagne über den Einsatz von Mückennetzen.

Am nächsten Tag also– ein anderer Teich. Wieder ertrinkt irgendwer – wieder hast du die Wahl – wieder hörst du die Schreie. Du entscheidest, wie es morgen weitergeht.

One thought on “Tränen im Kopf”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.