von Florentine Adam

Die Idee, aus eigener Kraft unterwegs zu sein, faszinierte mich schon immer. Die Vorstellung, 850 km zurückzulegen, um von meinem Heimatdorf bei Hannover bis in den Norden Großbritanniens zu radeln, geisterte schon eine Weile in meinem Kopf herum. Ich wollte zwei Orte verbinden, die auf der Karte ein ganzes Stück auseinander liegen, in mir drin aber eng zusammengehören. Und manchmal, wenn ein Gedanken sich eingenistet hat, ist es Zeit ihm zu folgen.

Drei Jahre ist es inzwischen her, dass ich nach meinem Abitur aufgebrochen bin, um für ein Jahr im Rahmen eines Europäischen Freiwilligendienstes in Großbritannien zu arbeiten. Mein Weg führte mich ins Peak District, wo ich in einer erlebnispädagogischen Einrichtung mit Menschen unterschiedlichster Hintergründe arbeitete. Mein Arbeitsalltag beim Lindley Educational Trust beinhaltete dabei Kanu- und Wandertouren, Kletteraktionen, sowie weitere unterschiedlichste Aktivitäten in der Natur, die als Medium dienen, Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen.

Ironischerweise wurde am Tag meines Aufbruchs, dem 24. Juni 2016 – jener Tag, an dem mein EU-geförderter Freiwilligendienst beginnen würde – das Ergebnis des BREXIT-Referendums veröffentlicht. Ein Blick auf die Bildschirme im Flughafen gab mir ein mulmiges Gefühl: 52% der britischen Bevölkerung möchten nicht mehr Teil des Bündnisses sein, welches mir ermöglicht, unkompliziert einzureisen und mich in ihrem Land, unterstützt durch die EU, zu engagieren.

Nichtsdestotrotz wurde der Aufenthalt zu einer fantastischen Erfahrung, ich fühlte mich zu jeder Zeit willkommen. Zwölf Monate später reiste ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück nach Deutschland, behielt das kleine beschauliche Tal „Hope Valley“ als Zuhause in meinem Herzen. Anschließend begann ich mein Studium im Fach Holzingenieurwesen, aber nutzte immer wieder die Semesterferien, um in mein geliebtes Tal zu den mir liebgewonnenen Menschen zurückzukehren.

Beginnend mit einem Gedanken…

Anfang dieses Jahres fasste ich den Beschluss, meine Fliegerei zu reduzieren und im Sommer aus eigener Kraft die Reise gen Insel anzutreten. Ein Blick auf die Karte und eine intensive Beratung mit Bruder und Vater sagten mir, dass das Ziel mit dem Rad in 10 Tagen wohl realistisch zu erreichen wäre.

So fasste ich den Beschluss die 850 km von meinem Heimatdorf Wennigsen bei Hannover in Richtung Peak District radelnd zurückzulegen. Da ich eine derartige Reise noch nie zuvor unternommen hatte, folgte eine Zeit der Recherche und Vorbereitung, die neben dem Studium immer mal wieder viel Zeit beanspruchte.

Da mir auch drei Jahre später die Arbeit des Trusts noch sehr am Herzen lag, beschloss ich eine Spendenaktion zu starten, um unterwegs für die Einsatzstelle meines Freiwilligendienstes Geld zu sammeln, welches in einen neu eröffneten Jugendclub fließen sollte. Ich bemühte mich über soziale Medien und Lokalzeitung, die Spendenseite publik zu machen, stellte dabei aber auch fest, dass der Druck, das Ziel radelnd zu erreichen, dadurch anstieg.

… angetrieben von einer Idee…

Ende Juli, kurz nach meiner letzten Klausur, ging es dann eines sonnigen Morgens los Richtung Westen. Die ersten Tage begleitete mich mein Bruder und ich stellte fest, dass 40°C, 100km und ein Umweg über den Baumarkt für Ersatzteile mich durchaus an meine Grenzen bringen können. Ich war also sehr froh darüber, Begleitung zu haben. Zu zweit lassen sich gerissene Ketten, eine wackelige Gepäckkonstruktion und Motivationstiefs doch um einiges besser aushalten. Und auch die schönen Momente sind geteilt viel wert.

Die ersten vier Tage führten uns entlang des Mittellandkanals nach Holland und dann weiter Richtung Den Haag. Die Nächte verbrachten wir auf Campingplätzen oder über warmshowers.org bei anderen Fahrradbegeisterten, die uns aufnahmen und bewirteten. Warmshowers, ein Netzwerk, das Radfahrer*innen international verbindet, half uns einige Male dabei, abends den Schweiß und die Kettenschmiere des Tages abzuwaschen und das Gefühl zu haben, anzukommen – von jemandem erwartet zu werden.

Vor der letzten Etappe trennten sich unsere Wege und während ich mich aufmachte Richtung Fährhafen, reiste mein Bruder wieder nach Hause und ließ mich meine Reise allein fortführen.

…nicht ganz ohne Zweifel…

In Hoek van Holland erwischte mich ein Tief und ich merkte, dass der Druck der Klausurenphase, die noch nicht einmal eine Woche zurücklag, die Hitzewelle der vergangenen Tage, die anfänglichen Probleme mit meinem Rad und der selbsterzeugte Druck durch die Spendenaktion, mir sowohl psychisch als auch physisch ordentlich zusetzten. Ich war am überlegen, alles hinzuschmeißen – fing an zu glauben, dass das alles doch eine Nummer zu groß für mich sei – und freute mich, dass auch mit meinen 21 Jahren die vertraute heimische Festnetznummer noch immer einen guten Rat bot.

So fand ich mich am nächsten Morgen doch auf der Fähre und versuchte mit ordentlich Lasagne und englischem Kuchen, die verlorenen 4 Kilo der ersten Tage wieder wettzumachen. Beim Anlegen in Harwich fand ich mich im unteren Deck der Fähre mit zahlreichen anderen Radreisenden meines Alters wieder und eine halbe Stunde später schlugen wir nebeneinander unsere Zelte auf dem einzigen nahegelegenen Campingplatz auf. In mir wuchs wieder der Mut und die Freude und am nächsten Tag fuhren sich die anstehenden 80km wie von selbst – auch auf der linken Seite.

Schon bald musste ich feststellen, dass ich mich vom Radwege-Luxus der Niederlande verabschieden sollte und mich an brombeerüberwucherte Seitenstreifen gewöhnen konnte. Kurzerhand plante ich meine Route um und entschied mich, ausschließlich über kleine Dörfer zu radeln, auch wenn die Navigation damit anstrengender werden würde. Das Umdenken, was Mobilität und Individualverkehr betrifft, läuft in England erst langsam an. Das merkte ich unter anderem auch daran, dass die Vorfahrt, die auf Hauptstraßen für Autofahrer gilt, für Radfahrende anders geregelt ist und nicht gilt. Daran musste ich mich erst gewöhnen, was einige böse Blicke mit sich brachte.

Die folgenden Nächte verbrachte ich wieder über warm showers und ich erfuhr eine unglaubliche Gastfreundschaft. Einmal wurde ich sogar mit einer blauen Flagge mit gelben Sternen begrüßt, was mich sehr freute. Unterwegs wurde ich eingeladen, Menschen spendeten spontan für den Jugendclub und vom Auseinanderdriften Europas ließ sich nur wenig spüren, solange ich Zeitungen und Nachrichten mied.

Nach 9 Tagen auf dem Sattel und einem Tag auf der Fähre erreichte ich das Hope Valley und wurde überschwänglich mit fliegenden Sektkorken, aufgemalter Ziellinie und La Ola empfangen. Und ich merkte, dass das Gefühl von Zuhause für mich nicht an Orte oder Dinge gebunden ist, sondern an Menschen, denen ich mich anvertrauen kann, mit denen ich gemeinsame Werte teile und die mich verschwitzt, ölig und ungewaschen gerne in den Arm nehmen.

…glücklich angekommen!

Die folgende Woche war geprägt von Treffen mit Freunden, Wanderungen, Unternehmungen und einem Besuch des neuen Jugendclubs . Dieser wird vorwiegend von Jugendlichen besucht, die der größten ethnischen Minderheit Europas, den Roma, angehören.

Die Gegend ist von Kriminalität geprägt, es gibt wenig Freizeitangebote für die Jugendlichen, der Umgang wirkt rau und ich gewinne den Eindruck, dass vieles gleichgültig ist. Manchmal kommen die Jugendlichen, manchmal nicht, manchmal müssen Aktionen vorzeitig abgebrochen werden, da der Umgang nicht passt, manchmal wird Müll einfach hingeschmissen und Pete, der leitende Jugendarbeiter räumt am Ende der Session alles auf, in der Hoffnung, dass es nächstes Mal besser läuft. Aber dann gibt es auch diese anderen Momente, in denen jemand sagt „das war toll, sowas habe ich noch nie gemacht“ oder „ich wusste gar nicht, dass ich das kann!“ Ich hoffe, dass mit den 800 Pfund, die ich letztendlich sammeln konnte, vielleicht ein Ausflug geplant wird, zum Beispiel eine Wanderung oder eine kleine Klettertour. Viele der Kinder verlassen das Viertel nur selten, der Horizont sind die Grenzen des Viertels – vielleicht die der Stadt.

Politisch besteht der Wunsch, die betreffende Gruppe stärker zu integrieren, gleichzeitig besteht die Befürchtung, dass EU-Mittel für Förderprogramme mit dem Brexit wegfallen.

Viele der Menschen, die hier leben sind keine britischen Staatsbürger, sondern als EU-Bürger zum Beispiel mit slowakischer Staatsbürgerschaft ins Vereinigte Königreich eingereist. Ich frage mich, was mit ihnen passieren wird, wenn Großbritannien die EU verlässt.

Erneut aufbrechen und heimkommen

Eine Woche später machte ich mich langsam wieder auf den Rückweg – diesmal mit der Bahn. Die Mitnahme des Fahrrads in englischen Zügen funktionierte überraschend gut und abends in Harwich erwartete mich nochmal die britische Gastfreundschaft. Im Restaurant gabelten mich einige Locals auf, die mich in ihren Segelclub einladen, wo wir den Abend gemeinsam ausklingen ließen.

Am nächsten Morgen checke ich auf der Fähre ein, wo ich Maty kennenlernte, einen Argentinier, der mit seinem 130kg schweren Fahrrad die Welt bereist. Da kam mir meine Reise auf einmal sehr klein vor. Da wir beide allein reisten, beschlossen wir, die Fährfahrt gemeinsam zu verbringen und uns auszutauschen. Wir stellten fest, dass sich unsere Routen teils sehr ähnelten – genau wie unsere Erfahrungen mit der Gastfreundschaft.

Maty ist auf dem Fahrrad unterwegs, dass er als Jugendlicher von seinen Eltern bekommen hat. Auf einmal erschienen mir die Sorgen, die ich mir wegen meines Rades gemacht hatte, als banal. Maty erzählte mir von herausfliegenden Speichen und anderen Abenteuern, die ihm sein schweres Rad bereits beschert hatte. Ich bewundere seinen Mut und das Durchhaltevermögen.

In Hoek van Holland verabschiedeten wir uns und wie das Schicksal es so will, ist Maty zwei Wochen später bei meiner Familie zu Gast. Nach dem Abschied verbrachte ich eine letzte Nacht in Den Haag über warmshowers.org und nahm am kommenden Mittag den Zug nach Hannover und dann die S-Bahn in mein kleines Dörfchen am Deister.

Der Blick zurück.

Ich kann nicht alles aufzählen, was ich auf dieser Reise gelernt habe, aber kennst du das, wenn man eine Straße, entgegen der einem bekannten Richtung fährt und sie nicht wiedererkennt? So ging es mir ein wenig. Mir ist noch klarer geworden, wie wichtig es ist, dass wir uns das Weltgeschehen nicht nur von den Medien erzählen lassen, sondern manchmal auch selbst nachschauen gehen und eigene Erfahrungen sammeln. Das ist herrlich erfrischend, und ja ich weiß, auch ein Privileg.

4 thoughts on “Zuhause aufbrechen, um heimzukommen!”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.