von Lotta Becker

In so einer Welt ist mir gar nicht zum Feiern zumute. Ich lasse mich die Straße runter treiben, das Flackern der Lichter im Augenwinkel und die Musik im Rücken. Ein Takt, der viel zu viel Fröhlichkeit versprüht in einer so dunklen Nacht. Verwesene Gestalten torkeln mir entgegen und verfehlen den Bordstein. Auch ich verfehle den Bordstein. Nicht der Alkohol ist schuld, sondern meine Gedanken und meine Augen, die ständig meinen abzuschweifen und den Grund unter mir nicht mehr zu beachten. Mich einfach ins Leere laufen lassen. Meine Fülle ist leer. Der Magen so voll, man könnte meinen, mir müsse schlecht sein. Schlecht ist mir nur von all dem Ballast. Trage Tag für Tag einen Rucksack voll Ballast. Das Gewicht bleibt gleich und auch ich kehre nach jedem Urlaub gleich nach Hause. Mal wieder keine lebensverändernden Erkenntnisse. Nur ein bisschen mehr Bräune und ein gestiegenes Krebsrisiko. Ein paar mehr Mückenstiche, die noch ein bisschen Jucken wie Exfreunde, die noch ein paar Narben gelassen haben und einen manchmal noch ein bisschen Jucken.

Neben all den Mückenstichen befinden sich drei runde Narben an meinem rechten Oberschenkel. Windpocken. Klingt fast wie Windbeutel, wodurch der Begriff mir positiv im Gedächtnis hängt. Aus Kindheitszeiten, wo Worte so direkt und ehrlich sind, wie sie nie wieder aus meinem Mund herauskommen werden. Einfach gerade raus. Dabei können Kinder so herrlich gemein sein. Mit ihrer Direktheit direkt ins Gesicht. Im Alter fängt man an, Direktheiten mit Schminke zu vertuschen, am besten wasserfest. So kann einen nichts entstellen. Auch ich trage wasserfeste Wimperntusche. Gewappnet für den nächsten Regenschauer gehe ich raus, mein Fjällraven eingepackt in den im Preis eingeschlossenen Regensack, den ich mühsam über meinen Rucksack spanne. Würde mich am liebsten selbst in so einen Sack einwickeln.

Mein Kopf spielt Szenen durch, Szenen der Angst und des Kribbelns im Bauch, wenn der Flieger direkt Richtung Himmel abhebt. Mit der Nase voraus ins Himmelszelt sticht und in der Wolkenwatte versinkt.

Ich weine Tränen, aber bitte mit Salz und Pfeffer. Ein Pfefferkorn hängt quer und zwingt mich zu husten. Huste so heftig, dass mir ein Freund ganz brüderlich auf den Rücken klopft. Auch er schlägt im Takt. Warum scheint jedes Leben einen Takt zu haben, nach dem es schlägt.
Spüre keinen Takt, der mein Leben bestimmt. Vielleicht ja eine Herzrhythmusstörung. Ich fahre Achterbahn mit meinem Leben im Gepäck, genau der Rucksack voll Leben, voll Ballast. Es lässt sich problemlos leben mit Ballast. Ich denke sogar, dass fast jeder mit einer großen Portion Ballast lebt, die jeder einfach in seine eigene Ecke stopft, in der Hoffnung man würde ihn übersehen. Wenn Besuch kommt, handle ich die Unordnung ganz einfach.

Stopfe alle Klamotten einfach in eine Tasche. Schließe sie ganz unschuldig. Ähnlich mit Gefühlen, wenn Besuch kommt, Menschen da sind, stopfe ich neben meine Klamotten all die Gedanken, die keine positive Stimmung wecken. Die Unordnung kehrt in Einsamkeit zurück. Unter Klamottenhaufen kommen Gefühlsfetzen hervor. Verdrängte Emotionen, die darauf warten verarbeitet zu werden, bevor der nächste Besuch kommt. Doch als gesellige Person ​ist da gar kein Platz für den Prozess. Lieber stopfe ich erneut immer größere Taschen mit meinen Gefühlsfetzen und packe keine Lavendelsäckchen dazu, in der Hoffnung, die Motten würden alles zersetzen. Aber die Gefühle sind nicht so mollig wie ein weicher Kaschmirpullover oder Omas selbst gestrickte Wollsocken. Häufig kratzen jedoch auch diese wie Mückenstiche und Exfreunde.

Habe eine Liste mit schönen Wörtern. Wie frohlockend, himmelhochjauchzend und sternhagelvoll. Sammle sie auf wie Herbstblätter und presse sie in ein altes Buch. Dort kleben sie, die Wortfetzen. In einem alten Kinderbuch aus der hintersten Ecke meines Kleiderschranks. Fange an drin zu lesen. Man kann eher von blättern sprechen, da es sich um ein Wimmelbuch handelt. Fühle mich als ob ich im ganzen Gewusel versinke. Als ob jemand dir dein Leben hinhält und sagt „finde dich“. Scheitere schon an diesem Bild.

Merke wie ich wieder in meine kleine Welt versinke. Ich auf einer einsamen Insel aus Bett. Mit Federwolken bedeckt.

Der Spätsommer wird bedeckt von einer Blätterschicht. Die Bäume werfen ihren Ballast ab. So schwerelos gleitet ein Blatt nach dem anderen zu Boden und legt sich nieder. Lassen sich einfach fallen. Loslassen. Ich halte fest. Presse meine Fäuste zusammen und halte fest.

Fliege in Gedanken zurück nach Hause. Gehe morgens zu meinem Kleiderschrank, um einen schwarzen, seidig schimmernden Morgenmantel überzuwerfen. Danach balanciere ich in die Küche, mahle den Kaffee von Hand, damit das Aroma intensiver ist. Generell lebe ich sehr intensiv, liebe intensiv und hasse intensiv. Ich erfreue mich an den kleinen Dingen und an den Zwischenmomenten. Zwischenmomente sind für mich der Inbegriff von Leben. All das, was zwischen all dem Anderen passiert. Es passiert einfach und lässt sich nicht wie Termine in einen Kalender tragen.

Ich laufe die Straßen entlang, laufe auf dem harten Pflaster so sanft wie Federwolken. Verliere mich, verlaufe mich in den schönen Dingen. Bin melancholisch zur falschen Zeit und verspüre Glück in Einsamkeit. Wiege mich in Geborgenheit, wo andere verloren gehen, und schmiege mich in Zweisamkeit, wo andere sich verloren fühlen. Für mich gibt es kein Schwarz und Weiß, lese Schwarz auf Weiß die Zeitung jeden Morgen, doch denke bunt. Stolziere dabei auf und ab als würde ich versuchen alle Ecken meiner Altbauwohnung abzulaufen. Eigentlich suche ich, suche nach dem Sinn und nach neuen Fragen, mit denen ich meine Lücken, meine Zwischenmomente füllen kann. Es ist wieder so ein Moment und mir fehlen die Worte. Sprachlos stehe ich inmitten meiner Wohnung und versuche Worte zu finden, die die Situation besser beschreiben, also die leere Sprechblase in meinem Kopf. Mit suchendem Blick scanne ich skeptisch mein Zimmer. Von Wand zu Wand schaue ich und drehe mich ohne es zu merken dabei langsam im Kreis. Drehe Pirouetten und tanz. Meine Augen versuchen dabei stets einen festen Punkt zu greifen, doch sie sind haltlos. All das in meinem Kopf hört sich irgendwann zu drehen auf, nur nicht jetzt. Jetzt drehe ich mich um meine Achse und manchmal auch um deine. Denn ich kann nicht mit dir, aber auch nicht alleine.


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One thought on “Tränen, aber bitte mit Salz”

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