Eigentlich würde hier eine Trigger Warnung stehen. Gerichtet an Menschen, die sich mit den Themen Essstörung und/ oder negative Körperbilder im weiteren Sinne nicht konfrontieren möchten, können, sollten. Oftmals weckt aber genau dieser Hinweis die Neugierde – daher wird diese Warnung durch eine Einordnung ersetzt.

Der nachfolgende Text gewährt Einblicke in eine Welt des Körperkults und einer damit verbundenen, zwanghaften Verfolgung von Schlankheitsidealen. Dabei wendet sich die Autorin insbesondere an Menschen, die selbst keine Erfahrung mit Essstörungen haben.

Essstörungen sind komplexe, psychologische Störungsbilder, zu deren Ausbildung unterschiedliche Faktoren beitragen. Oftmals entstehen sie aus einer Kombination von unrealistischen, verinnerlichten Schlankheitsidealen, diversen individuellen Faktoren und kritischer Lebensereignisse. Sie sind also keine, wie oft behauptet, freie Wahl im Sinne einer Lifestyleentscheidung – sondern ernstzunehmende, psychische Erkrankungen.

Den eigenen Körper im Zaum zu halten, ihn nicht nur vor Zusatzkilos zu bewahren, sondern ihn auch der angeblich überschüssigen Pfunde zu entledigen, ist in unserer Gesellschaft vollkommen normalisiert. Denn vor allem schlanke Körper gelten als schön, begehrenswert, normal, existenzberechtigt. Je schlanker, desto schöner.

Wir sprechen oft über Körper, ständig sind wir den Blicken und Worten anderer ausgesetzt, ständig erblicken und bewerten wir andere Körper. Wann aber sprechen wir darüber, was das mit uns und anderen macht? Welche Auswirkungen Bewertungsdruck auf unser Selbstbild und den Bezug zu unseren Körpern hat? Und wann fangen wir damit an, wirklich über unsere Körper zu sprechen – und nicht nur entweder als Entsprechung oder Abweichung vom Ideal?

Genau jetzt.

Text: Eva S.  | Illustrationen: Emma, Meagan & Nora (alphabetisch)

Als ich klein war hatte ich keine Angst. Irgendwann veränderte sich das.

Wann genau das war, kann ich nicht mehr sagen, doch irgendwann war sie da, diese Angst – und ist seit jeher an mir haften geblieben. Als ich elf Jahre alt war, zog ich zum ersten Mal meine Tanzschuhe an. Ich betrat das Parkett, um vor den Wertungsrichtern zu tanzen, nur er und ich und die Musik. Und bis vor einem Jahr habe ich nicht damit aufgehört.

Wie Alice das Wunderland betrat ich eine mir fremde Welt, die des Leistungspaartanzes. Eine Welt voller Strasssteine, starkem Makeup, Schweiß, Muskelkater, blauen Flecken und schmerzenden Füßen. Eine Welt, die scheinbar rein gar nichts mit meinem eigentlichen Leben zu tun hatte. Hier ging es weder um Beliebtheit unter Gleichaltrigen noch um Schulnoten oder Bücher, sondern um eine allen gemeinsame Leidenschaft.

Diese Leidenschaft fand ihren Sinn nicht im Erreichen irgendeines Ziels, sondern im Tun selbst. Und genau darin habe ich mich verliebt. Vor allem aber habe ich auf diesem Weg wundervolle Menschen kennengelernt: FreundInnen, UnterstützerInnen und TrainerInnen, denen ich wohl mein Leben anvertraut hätte. Ich vertraute ihnen meine sportliche Entwicklung und die strategische Planung der nächsten Turniere ebenso an wie meine Enttäuschung über schlechte Ergebnisse bei diesen, oder die Auswahl des optimalen Stylings. Ein Sicherheitsnetz, in welches man sich gerne fallen lässt, waren sie für mich dennoch nicht.

Dabei wäre genau das – ein sicheres Netz – in einem Umfeld, in dem das Aussehen alles ist, was zählt und dessen Optimierung das höchste Ziel bedeutet, essentiell für mich gewesen. Die Unsicherheit war omnipräsent in diesem Umfeld, in dem jede*r ständig versuchte, so gut – so schlank, so gestylt – wie möglich auszusehen. Und ständig sagte, oder vielleicht auch nur dachte, dass sie oder er in Form kommen müsse.

Ich erinnere mich an Trainer, die ganz beiläufig positive Bemerkungen über einige verlorene Kilos machten. Ich erinnere mich an ein schüchternes Mädchen, das so viel Angst vor der Waage hatte, dass das Mittagessen nur aus einen Beilagensalat bestand. Ich erinnere mich an einen Jungen, der im Alter von 12 Jahren bei fünf wöchentlichen Trainingseinheiten auf Diät gesetzt wurde. Ich erinnere mich an uns in der Umkleidekabine im Landeskader beim Vergleichen unserer gerade eben gemessenen Körperfettanteile.

Ich erinnere mich, wie ich auch den noch so kleinsten Happen Essen genauestens dokumentierte.Ich erinnere mich, wie ich meinen Körper in eigentlich zu enge Kleider quetschte, während ich versuchte herauszufinden, welche die vorteilhafteste Art ist zu stehen, meinen Bauch einzuziehen und nebenbei noch atmen zu können. Ich erinnere mich, wie ich viel zu schnell betrunken wurde – denn Trinken ohne solide Grundlage ist ziemlich effektiv. Zumindest hat das für einige lustige Geschichten gesorgt.

Viele andere Seiten des Kaum-Essens hatten eher das Gegenteil zur Folge. Ständige Sorge, ständige Angst vor Essen isolierten mich immer mehr. Erst dann bemerkte ich, dass so gut wie jede soziale Interaktion über gemeinsame Mahlzeiten passiert: Das Mittagessen mit einem Freund, der Kneipenabend, gemeinsam Frühstücken oder Abendessen, der Kaffee in der Lernpause. Ohne Zucker, versteht sich.

Ich erinnere mich, wie ich auf meinem Fahrrad von der Schule nach Hause fuhr, während es sich in meinem Kopf ohne Unterlass drehte. Auf jeden Tritt in die Pedale musste ich mich aufs Neue konzentrieren, um nicht endgültig das Gleichgewicht zu verlieren. Die schwarzen Punkte, die wie ein Filter über meiner verschwommenen Sicht lagen, waren kleine Löcher, die mir wahrscheinlich etwas über das viel größere Loch in meinem Bauch sagen sollten.

Ich erinnere mich, wie ich mich selbst so sehr dafür hasste, mich nicht an meine selbstauferlegten Regeln zu halten, mehr als das zu essen, was ich mir selbst erlaubt hatte. Um dann mit meinen Fingern Wege zu finden, die Rückspultaste zu drücken.

Ich erinnere mich, wie ich mich selbst im Spiegel sah und fast anfing zu weinen. Mein eigenes Spiegelbild wurde für mich zur Qual, führte es mir doch immer wieder meine Makel und Unzulänglichkeiten vor Augen. Ich konnte nichts Positives mehr an mir finden. Dennoch stellte ich mich jeden Tag aufs Neue davor.

Vor den Spiegel, der die Wirklichkeit originalgetreu abbilden soll. Wie der Fuß in den Boden sinkt, wie schnell die Drehungen sind. Wie meine Hand die seine berührt. Wie komisch mein Pferdeschwanz aussieht. Wie fett die Oberschenkel erscheinen. Mit Realität hatte dieses Spiegelbild allerdings immer weniger zu tun. Stattdessen sah ich darin das Ideal, welches den Maßstab für die abgebildete Realität darstellte. Alles, was ich noch wahrnahm, waren die Abweichungen von diesem Maßstab.

Ich erinnere mich, wie ich mich Woche für Woche, Tag für Tag in den Saal zwingen mussten. Nichts erschien mir schrecklicher als diesem Spiegel gegenüberzutreten. Die Angst vor dem Spiegel, die Angst vor dem Essen, die Angst vor mir selbst, meinem Körper, der mehr Raum einnahm als er sollte. Vor allem aber ist es die stetige Angst nicht genug zu sein, die Angst, nicht zu gefallen, wenn das verinnerlichte Körperideal nicht erfüllt wird.

Ein Großteil der Mädchen und jungen Frauen ist der Auffassung, hauptsächlich anhand ihres Aussehens eingeschätzt und wertgeschätzt zu werden (Emilia Smechowski, ZEIT Magazin 11/2020). Ich erinnere mich, wie eines dieser Mädchen vor meinen Augen fast verschwand. Ihre Kleidung wurde locker, die Haut fahl, die Stimme leise, die Augen stumpf. Mit ihrem Körper verschwand ihre Präsenz, wich die Vitalität.

„Love your body the way your mother loved your baby feet“. Mary Lambert singt, wir sollten unseren Körper lieben, wie unsere Mütter es mit unseren Kinderfüßen taten. Ist es vielleicht genau das, worum es gehen sollte? Um diese Form von purer, bewundernder Liebe – zu unserem Körper, zu uns selbst – und nicht darum, sich stets schön zu finden. Bedingungslose Wertschätzung und Akzeptanz, ohne sich für Extrakilos oder schlechte Haut entschuldigen zu müssen – diese Form der Selbstliebe kenne ich nicht.

„I only know how to exist when I am wanted”. Wie Mary Lambert geht es auch mir. Im Endeffekt steckt hinter all den Mühen immer die Angst nicht gewollt zu werden. Und dieser Antrieb schien in meinem Fall auch gut zu funktionieren. Nach dem Tanzen bekam ich Komplimente, als ob ich riesen Leistungssprünge gemacht hätte. Die Jungs in der Schule und die Typen in den Bars fingen an mich zu bemerken, ohne dass ich an den meisten von ihnen interessiert gewesen wäre.

Doch im Endeffekt zeigten mir die äußere und äußerliche Bestätigung nie, dass ich so gut war, wie ich eben bin – sondern lediglich, dass ich mich auf dem richtigen Weg befand. Eine Teufelsspirale. Denn auch die Tatsache, von außen verstärkt wahrgenommen zu werden, konnte mir nicht das geben, was ich eigentlich von mir selbst gebraucht hätte – das eigene Zugeständnis, genug zu sein.

Gerne würde ich an dieser Stelle zum Happy End umschwenken. Einen Plottwist, durch den sich wie im Film all die Irrungen und Wirrungen durch einen plötzlichen Zufall zum Guten wenden, gab es für mich bisher nicht.

Als ich klein war, hatte ich keine Angst. Heute ist sie da, meine ständige Begleiterin.  Doch das beinahe verschwundene Mädchen ist wieder aufgetaucht. Wenn sich etwas einmal verändert hat, ist das auch wieder möglich.

Verweise

Billboard. 2013. „Mary Lambert – Body Love (LIVE Billboard Studio Session).“ YouTube Video (4:42). Veröffentlicht am 12. Dezember 2013. https://www.youtube.com/watch?v=3-gBH4sSLfA.

Smechowski, Emilia. 2020. „Gab es eine Zeit, in der ich meinen Bauch nicht eingezogen habe?“ Zeit Online, veröffentlicht am 4. März 2020. https://www.zeit.de/zeit-magazin/2020/11/diaet-schlankheitswahn-koerpergefuehl-ernaehrungsumstellung.

2 thoughts on “Loch im Bauch”

  1. Ich bin sehr berührt. Wie anschaulich du doch (d)eine Perspektive darstellst, die so oft missverstanden wird oder nicht ernst genommen wird. Danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.