Text von Anna Trunk | Collagen von Anna Trunk und Naveed Walentynowicz

„Das Besondere an dieser Krise ist, dass es keine Zukunft gibt“, sagt Harald Welzer[1]. Eigentlich war ich schon auf dem Weg ins Bett und wollte nur eben meiner Mutter „Gute Nacht“ sagen. Jetzt finde ich mich vor der Glotze hängend wieder und verfolge überraschend gespannt die Ausführungen des Sozialwissenschaftlers im After Corona Club, einem neuen NDR Format mit Anja Reschke. Allein schon die Tatsache, dass ich Sendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms konsumiere – und zwar zur Sendezeit und nicht in der Mediathek – verweist auf die Außergewöhnlichkeit der Lage.

In mir breitet sich ein Gemisch aus Ertappt-Sein und wohliger Bestätigung aus, als ich Welzers Worten lausche. Seit Tagen treibt mich die Frage um, was mich eigentlich – abgesehen von den realweltlichen Beschränkungen, die mich zugegebenermaßen um einiges härter hätten treffen können – so latent unzufrieden stimmt. Mir dämmert, dass Welzers Überlegungen da Licht ins Dunkel bringen können.

Die Krise trifft nicht alle gleich.

Unweigerlich ziehen andere Gedanken ihre Aufmerksamkeit auf sich, lenken mich ab von dem, was da in der Glotze diskutiert wird. „Privilegierte Bildungsbürgerin! Muss man sich erstmal leisten können, derartigen Nichtigkeiten nachzugehen,“ prustet es laut in mir. Und das stimmt. Allein die Tatsache, dass mir Raum, Zeit, technische, wie kognitive Ressourcen zur Verfügung stehen, um meine Gedanken in Worte zu packen, illustriert das eindrücklich. Ich habe das Glück (bisher) weder um einen lieben Menschen auf der Intensivstation bangen zu müssen, noch finanziell komplett in den Ruin getrieben worden zu sein. Zwar erkenne ich meinen Alltag im Vergleich zu vor fünf Wochen kaum wieder, aber es geht mir gut, verdammt gut. Ich kann nicht anders, als das so deutlich zu sagen und dabei an all die Menschen zu denken, die die direkten und indirekten Folgen dieser Pandemie schon jetzt mit voller Wucht zu spüren bekommen. Und mich zu bedanken: Bei all den Menschen, die in sogenannten „systemrelevanten Berufen“ tätig sind, sich um die Versorgung erkrankter Menschen kümmern oder mit ihrer Arbeitskraft dafür sorgen, dass die Regale in der Lebensmittelfiliale meines Vertrauens weiterhin meist üppig bestückt sind. Und bei meiner Mutter, die mir – ewiger Studentin mit WG Zimmer im Dachgeschoss ohne Balkon – Zuflucht gewährt und ihren Fleischkonsum auf Grund meiner Essgewohnheiten an den Nagel hängt. Und bei unzähligen weiteren, wunderbaren Menschen, die ich nicht alle erwähnen kann, weil das hier kein Roman werden soll, sondern ein kurzer Einblick in Überlegungen dazu, was diese Zeit mit mir – vielleicht auch mit euch – macht. Wie sie unser Denken, Erleben und Fühlen beeinflusst. Privilegiert sind diese Gedanken gewiss, vielleicht dennoch nicht gänzlich irrelevant.

Was bleibt von mir © Anna Trunk

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Zurück also zu Welzer, der noch immer angeregt seine Gedanken ausführt. Wobei mir scheint, als ob es da zunächst grundsätzlichen Klärungsbedarf gäbe: Was heißt denn, es gibt keine Zukunft? „Sicher gibt es die!“, will ich trotzig entgegnen und in dem Zuge direkt mit mildem Lächeln auf das baldige Wiedersehen mit Freund*innen, all die im Spätsommer bestimmt wieder stattfindenden Veranstaltungen und den im Herbst anstehenden Umzug in eine – meine – neue Masterstadt verweisen. Gedankenrauschen, Stille. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich, dass all das vielmehr Wünsche und Hoffnungen sind, als in irgendeiner Weise fundierte Aussagen. Buuum. Ich fühle mich, als würde ein bis eben noch in Reichweite über meinem Kopf baumelnder Rettungsring ruckartig nach oben weggerissen. Da schwimme ich jetzt also auf offener See und plansche in der Ungewissheit. Kein Festland ist in Sicht, am Horizont zeigt sich statt einer rettenden Insel der Heiterkeit nur grenzenlose Weite. Jetzt hilft wohl nichts außer weiter zu paddeln, Zug um Zug gen nirgendwo – zwar ohne Ziel, aber immerhin noch mit dem Kopf über Wasser.

Ohne Zukunft keine Pläne.

Genug der Sinnbildlichkeiten. Was ich damit sagen will, ist, dass ich meine allmählich zu begreifen, warum uns, warum mich diese Krisenzeit so ratlos zurücklässt. Tatsächlich ist es weniger die gesundheitliche und (sozial-) systemische Bedrohungslage, mit der uns diese Pandemie konfrontiert, die mich ins Leere blicken lässt. Denn diese scheint, um ehrlich zu sein, kaum real (er-) fassbar – auch wenn dagegen Tag für Tag auf diversen Kanälen mit statistischen Hochrechnungen, Bezifferungen und Infektionskurven angegangen wird. Ein Hoch auf die Quantifizierbarkeit des Lebens! Wie dem auch sei. Vielmehr noch scheint uns aus dem Konzept zu bringen, dass diese Krise Gewohnheiten, vertraute Art(en) zu leben und uns selbst zu (zer-) denken grundsätzlich in Frage stellt. Die Zeit in Jahre, Tage und Stunden einzuteilen, ist für uns nichts Neues. Unsere Leben zu takten, Begegnungen zu terminieren, jede Stunde möglichst effektiv zu nutzen, sind viel praktizierte Handlungsmuster. Doch Termine zu vereinbaren, Pläne zu schmieden – all das setzt die Annahme eines Morgens, einer kommenden Woche, eines nächsten Jahres voraus. Ohne die zumindest scheinbare Gewissheit einer Zukunft entledigt sich jegliche Planung ihrer Sinnhaftigkeit. Wenn ich nicht weiß, was morgen ist, wie soll ich dann heute entscheiden können, was ich in einem halben Jahr (er-)lebe? Genau, gar nicht. Geht nämlich schlecht und ergibt noch weniger Sinn.

Genau so stellt sich diese Zeit aber dar, wird sie nicht zuletzt durch Dynamik und Unvorhersagbarkeit charakterisiert. Noch Anfang März krähte in Deutschland kaum ein Hahn nach Corona. Die Nachrichten drehten sich um die Lage in Wuhan, steigende Infektionsraten in europäischen Nachbarländern. Retrospektiv erscheint das ziemlich naiv, stellt sich die Lage inzwischen doch völlig anders dar: Geschlossene Grenzen und Geschäfte, Kontaktsperren, ein weitgehend lahmgelegtes öffentliches Leben. Um ehrlich zu sein, hätte ich mir bei bestem Willen kein derartiges Szenario ausmalen können (und noch weniger wollen). Das wiederum zeigt eindrücklich, dass all die Zukunftspläne letztlich auch nicht mehr als Träumereien sind, die Idee der Planbarkeit eine mächtige Illusion. Alles, was vor wenigen Monaten noch selbstverständlich, möglich, gesichert erschien, zerplatzte wie eine Seifenblase.

Liebe du Arsch © Anna Trunk

Da stehe ich nun also, schaue nach vorne und sehe nichts – außer den TV-Bildschirm und einer sich zum Abschied beim Sendungsgast bedankenden Moderatorin. Weil ich nämlich keine Ahnung habe, was morgen passieren wird, welche Entscheidungen in den kommenden Tagen getroffen und sich wiederum auf meine Lebenswirklichkeit auswirken werden. So geht es sicher einigen Menschen in diesen Tagen, ist unser gegenwärtiges Dasein, unsere Subjektivität, für gewöhnlich doch unmittelbar mit Zukunftsplänen verschränkt. Das macht mich unsicher, aber vor allem ratlos, weil ich (mich) bisher noch nie in einer zukunftslosen Zeit (er-) lebte.

Träume leben weiter.

Mein Handydisplay leuchtet auf, ein grünes Symbol erscheint und verweist auf eine eben eingetrudelte Nachricht einer alten Freundin. Ob ich am ersten Septemberwochenende schon etwas vorhätte, möchte sie wissen. Da würde sie nämlich gerne eine Party schmeißen, um gemeinsam mit lieben Menschen ihren Geburtstag und hoffentlich auch das Ende dieser unsäglichen Krisenzeit zu feiern. Ein Grinsen huscht über mein Gesicht, während sonores Schnarchen von der Couch zu mir herüberdringt – Mama ist eingeschlafen. Die Sondersendung mit Welzer ist längst zu Ende, auch mich hat erst das Displayleuchten zurück aus meiner Gedankenversunkenheit geholt.

Auf leisen Sohlen trabe ich den Flur zu meinem Zimmer entlang, um nach meinem Taschenkalender zu suchen – ein in letzter Zeit selten gebrauchtes Utensil. An besagtem Wochenende ist bisher noch keine Notiz vermerkt, also trage ich sorgfältig „Feierei mit lieben Menschen“ ein. „Lächerlich!“, hallt es unweigerlich in meinem Kopf. War ich eben noch der Auffassung, Welzer habe Recht mit der Annahme, es gäbe keine Zukunft, erfreue ich mich nun an der Aussicht auf ein Wiedersehen mit Freund*innen in nicht allzu ferner Zeit. Offensichtlich erfreue ich mich an Plänen, deren illusionärem Charakter ich mir bewusst bin – schließlich habe ich keinen Dunst, wie das Leben, diese Welt in einigen Monaten aussehen werden. Und trotzdem steigt beim Gedanken an diesen Tag im September ein wohliges Gefühlt in mir empor und erfüllt meinen Brustkorb mit Wärme. Stringenz ist wahrlich etwas anderes.

Lichtbilder © Anna Trunk

Weiterleben träumen.

Mag schon sein, dass die Zukunft aktuell ungewiss ist, dass Pläneschmieden rational keinen Sinn ergibt. Vielleicht ist das aber weniger eine Besonderheit dieser Phase, sondern eine an sich immer gegebene Charakteristik noch nicht gegenwärtiger Zeiten. Ob es ein Morgen, ein Übermorgen, ein nächstes Jahr geben wird, weiß letztlich kein Mensch mit absoluter Sicherheit – bis es soweit ist. Und trotzdem gehen wir kollektiv davon aus, nehmen an, dass das Leben – unser Leben – weiter gehen wird. So auch jetzt. Wir verabreden uns, stellen uns vor, wie es sein wird, wenn wir uns endlich wieder in die Arme schließen können und nächtelang gemeinsam tanzen, jubeln, lachen.

Sinn ergeben mag das angesichts der Unberechenbarkeit der Situation nicht, aber es hilft. Die Vorfreude auf zukünftige Erlebnisse, die Imagination einer gemeinsamen Zukunft, tröstet uns in Momenten des Unwohlseins und des Verzagens. Es geht weniger darum, alleine – jede*r für sich – zu träumen, sondern gemeinsam eine Zukunft zu erschaffen – sei sie auch aus Tortenguss, lauwarmer Abendsonne und Bierkästen erbaut. Vielleicht geht es dabei weniger darum, was sein wird, als darum, was sein könnte. All die Potentialitäten lassen uns Kraft schöpfen, um weiter nach vorne zu blicken und zu gehen. Ohne Träume(n) gibt es keine Zukunft, aber genauso wenig ein Heute. Denn in dem Moment, in dem wir aufhören gemeinsam an ein Morgen zu glauben, entledigt sich das Jetzt jeglicher Sinnhaftigkeit.

Zufrieden schmunzle ich beim wiederholten Blick auf das aufgeschlagene Kalenderblatt. Bald sehen wir uns wieder, bald feiern wir gemeinsam unsere Freundschaft! Bald ist nicht heute, ist nicht morgen. Aber ich habe sie wiedergefunden, die verloren geglaubte Zukunft. Sie ist nicht vom Himmel gefallen, wir haben sie gemeinsam erschaffen. Jetzt steht sie da geschrieben, kugelschreiberblau auf kalenderpapierbeige, und fiebert darauf hin Gegenwart zu werden – und wir mit ihr.


[1] In der After Corona Club Ausgabe vom 3. April. Sendung einsehbar unter https://www.ndr.de/fernsehen/After-Corona-Club-mit-Harald-Welzer,sendung1031792.html

3 thoughts on “Ist die Zukunft aus?”

  1. Oh Anna, was ein einbalsamierendes Vergnügen, das zu lesen —-B–{@3… danke für diese echten Worte. Für deine Feinsinnigkeit. Für die wunderschönen Collagen.

  2. Sehr schön geschriebener Text!

    Er hat mich an folgendes Zitat denken lassen:
    „Die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber besteht darin, alles der Gegenwart zu geben.“ (A. Camus)

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